Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Enterprise 2.0: Genossenschaften made by digital natives

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Wer sich mal etwas eingehender auf den Gedankenkosmos von Peter Kruse einlässt, der wird jede Menge Anregungen finden, etwa zur DNA von digital natives, dem Unternehmen 2.0, dem raschen Wandel von Produkten und Marken durch Webcommunities und dem Resonanzprinzip im Internet. Eine seiner Kernthesen lautet: Die digitalen Erdenbürger verhelfen dem Genossenschaftsmodell auf spielerische und unideologische Weise zu einem neuen Auftrieb.

Optisch gesehen wirkt der Mann wie das angestaubte Überbleibsel einer etwas anderen Zeit, in der die Menschen noch in ein unmittelbar an die Realwirtschaft angedocktes ökonomisches Haus eingebettet schienen. Trotzdem gehört der Experte mit dem Moses-Bart zu den Vor- und Querdenkern in der deutschen Managementszene. Die Rede ist von Professor Peter Kruse. Er hat zahlreiche Auszeichnungen und Würdigungen erhalten, nicht immer haben alle allen seinen Thesen zugestimmt.  Hier eine kurze Einführung in seine Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Kruse

Spannend ist etwa seine geistige Verknüpfung in Richtung Genossenschaftsprinzip, und wie die ins Netz hin ein geborenen digitalen Nativen die etwas verstaubten Prinzipien wieder beleben und auf eigene Weise adaptieren. Da erübrigt sich jeder weitere Kommentar, wer sich das 4-Minuten-Video auf Youtube zum Thema „Neue Unternehmensformen“ mal in Ruhe anhört:

Welche Rolle Genossenschaften made by digital natives künftig spielen werden, wird mittlerweile auch in jedem ordentlichen Buchladen deutlich. Soziale Nachhaltigkeit gehört ja schon zum offiziellen Regierungsprogramm aller Parteien. Man muss also das folgende Werk eines Professors von der Technischen Universiät Berlin nicht unbedingt gelesen haben: Norbert Bolz: Profit für alle. Soziale Gerechtigkeit neu denken, Murmann Verlag, 192 Seiten, 18 Euro.

Aber es empfiehlt sich, mal kurz in die Rezension beim Deutschlandradio reinzulesen:
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/lesart/1056461/  

Auszug: Die vier Kapitel stehen für vier verschiedene Blickwinkel. Der erste ist der einzelne Bürger mit seinen Wünschen und Bedürfnissen, der zweite die alles veränderte Technologie des Internets, der dritte die Rolle der Unternehmen und der vierte die Rolle des Staates. Zum zweiten Punkt setzt Bolz die Duftmarke wie folgt : Das Internet liefert dabei die Plattform, auf der sich diese Veränderungen noch beschleunigen. Waren Gesellschaften früher stabiler, so werden die sozialen Bindungen durch das Internet lockerer, so die These. Statt durch Inhalte entsteht schon durch die Art der Vernetzung ein neues, eigenes Profil. Es entsteht völlige Transparenz, die „Weisheit der Vielen“ löst das vereinzelte Expertenwissen ab, stärkt also den Teamgeist. 

Und hier kommt bereits Kritik ins Spiel, bilanziert Deutschlandradio: Allerdings bleiben Fragen. So erliegt Bolz sichtlich der derzeitigen Internet-Euphorie und der angeblich heilenden Kräfte virtueller sozialer Netzwerke. Es stimmt zwar, dass das Netz neue Bezüge schafft. Aber nötige neue Kontrollen bei Wikipedia zeigen, dass sich ganz offensichtlich eben nicht automatisch eine „Schwarmintelligenz“ einstellt, wenn sich 200.000 statt 200 Mitarbeiter an einer Enzyklopädie beteiligen. Im übrigen lösen die lockeren Beziehungsverhältnisse im Netz die alten starken, familiären Bande nicht etwa ab, sondern ergänzen sie nur. Wo diese Ergänzung nicht gelingt, entwickeln sich eher soziale Zombies, die gar nicht mehr in der Lage zu Beziehungen mit gegenseitigen Verpflichtungen sind, so der Deutschlandfunk. 

Fazit: Wieder ein Buch mehr, das auf den allgemeinen Trend aufspringt und alle Begriffe ins Spiel bringt, die gerade Mode sind. Siehe dazu auch das folgende Interview mit dem Autor Norbert Bolz:

http://planet-interview.de/interview-norbert-bolz-14052009.html

Eine weitergehende Auseinandersetzung mit Blick auf das Internet und Social Communities müsste beispielsweise hier ansetzen: Das Ausnutzen von kollektiver Schwarmintelligenz ist alles andere als ein Selbstläufer, und schon gar nicht auf den Finanz- und Kreditmärkten dieser Welt, wie ich in einem früheren Beitrag zum „Financial Croudsourcing“ beleuchtet habe:

https://lochmaier.wordpress.com/2009/09/30/financial-croudsourcing-2-0-wie-gut-ist-die-schwarmintelligenz-wirklich/

Weiterer Punkt: Auch faire Austauschbedingunen zwischen den Nutzern, die Produkte über ihre Netzbeteiligung mitgestalten, sind alles andere als ein Selbstläufer. Neben der Frage, wie die Betreiber eines solchen Netzwerks die Beteiligung produktiv steuern, gibt es eine weitere Preisfrage: Wer sich mit eigenen Beiträgen an der Gestaltung der Bank 2.0  beteiligt, der sollte auch von niedrigeren Transaktionskosten proftieren.

Wie also lässt sich das Resonanzprinzip in Netz, bei dem digital natives dem Genossenschaftsprinzip zu einer neuen Blüte verhelfen, auf die Finanzmärkte übertragen? Ganz einfach: Im Zeitalter von Social Banking 2.0 wird man die Betreiber daran messen müssen, ob und in welcher Form sie die auf ihrem Konto verbuchten Effizienzgewinne auch an die „finanzielle Netzwerkgemeinschaft“ ausschütten, ohne im Hintergrund einen Wasserkopf in der Verwaltung mitlaufen zu lassen, bei dem wieder undurchsichtige Geschäftsverbandelungen bestehen.

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Written by lochmaier

Oktober 27, 2009 um 7:26 am

Veröffentlicht in Uncategorized

4 Antworten

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  1. Hallo,

    Vorweg: Der Artikel gefällt mir sehr gut. Ich verfolge die aufkommende Diskussion mit großem Interesse. Von Norbert Bolz gibt es einen sehr interessanten Artikel in der aktuellen gdi Impuls. Eine Art Zusammenfassung des Buches – lohnt sich der Kauf? – ich überlege die Anschaffung.
    Was mir bei allen richtigen Analysen und sicherlich auch guten Ideen und Vorschlägen für die Zukunft fehlt, ist eine Betrachtung der Bedeutung und historische Betrachtung des Organisationsbegriffes. Hier gilt es den Herrschaftcharakter bzw. die Bedeutung von Organisationen als zentralen Regierungsdispositiv der modernen Gesellschaft zu betrachten. Mit dem Thema möchte ich mich in meinem Blog http://www.finance20.de demnächst mal beschäftigen besonders vor dem Hintergrund des gegenteiligen Begriffes der Selbstorganisation, die ja durch das Internet, als neues Modell der Koordination menschliches Handelns das „Organisationsprinzip“ in Frage stellt. Organisation ist aus Sicht mancher Organisationstheoretiker für die Entwicklung unserer kapitalistischen Gesellschaft wichtiger als der „freie“ Markt. Nur ein Beispiel: Interessen lassen sich klassich nur durch Organisierung entsprechend vertreten, durch das Internet wird dies grundlegend verändert.
    Insofern bereitet das Internet den Weg für die genossenschaftliche Idee, deren Basiswerte ideal kompatibel zu den Grundprinzipien des Internets sind.

    mfg
    Boris Janek

    Boris

    Oktober 29, 2009 at 11:00 am

    • Hallo Herr Janek,

      danke für die Rückmeldung, bin gespannt auf Ihre Beiträge dazu – ich sehe das erstmal so: Vor jeder (gesellschaftlichen und wirtschaftlichen) Organisation muss es eine Idee geben, die als Leitbild fungiert – da sind wir gerade erst in der Phase der Sondierung. Aber das Genossenschaftsprinzip 2.0 wird sich auch auf den Finanzmärkten seinen Weg bahnen – und wird auch der Bank 1.0 neues Leben einhauchen. Wir werden also auch weiterhin über spannende neue Ansätze berichten können – mehr denn je zuvor.

      In diesem Sinne, viele Grüsse
      Lothar Lochmaier

      lochmaier

      Oktober 29, 2009 at 11:15 am

  2. […] gegenüber einem besseren Modell der Kundenberatung abgeschafft worden sind. „Back to the roots“ via Web 2.0, das ist sicherlich ein Part der Lösung, wenngleich damit längst nicht alle Probleme […]


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