Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Geld verdampft: Wie sieht der „Bankier“ der Zukunft aus?

with 2 comments

Chris Skinner spekuliert auf seinem Weblog Financial Service darüber, ob sich ein neues Berufsbild des „Berufsbankertum“ ergeben könnte. Zunächst analysiert er das Alte:

Money and its controllers – the bankers – are the core behind control and power, politics and religion, sex and society.

And this is why bankers need strong regulation as, without it, they can be prone to be like kids in the candy store. With no store owner in sight, they would be likely to trash the store.

http://thefinanser.co.uk/fsclub/2009/11/are-bankers-good-or-bad-for-society-part-one.html

Wie ist es um die Rolle der Banker bestellt?  Alles Geld verdampft – Finanzkrise in der Weltrisikogesellschaft – das ist der Buchtitel von Jakob Arnoldi. In seinem Essay erklärt der Soziologe präzise, welche wissenschaftlichen Modelle, politischen Entscheidungen und wirtschaftlichen Instrumente seit 1973 dazu geführt haben, die Grenze zwischen Investitionen und Glücksspiel zu verwischen – oder wie es ein Banker im Buch ausdrückt: »Mit Derivaten handeln ist, wie auf Pferde zu wetten.«

Siehe dazu auch das folgende Video-Interview mit dem Autor Jakob Arnoldi:

http://www.suhrkamp.de/mediathek/jakob_arnoldi_im_gespraech_mit_alexander_kluge_173.html 

Das Buch ist allerdings nur für soziologisch stark interessierte bzw. vorgebildete Leser wirklich empfehlenswert, denn die zahlreichen Anspielungen, etwa auf Ulrich Becks Risikogesellschaft oder Luhmans Gedankenwelt, zwischen Risiko und Gefahr, sind nichts für Außenseiter jenseits des gepflegten sozialwissenschaftlichen Diskurses. Diese Sprachwelt muss man nicht immer mögen. Klare Empfehlungen lassen sich auch aus dieser Publikation kaum ableiten, außer dass die einzige Chance darin besteht, uns als „vernetzte Weltrisikogesellschaft“ zu begreifen. Passend zum Berliner Mauerfall konstatiert der Spiegel eine große Unzufriedenheit mit dem kapitalistischen Wertesystem:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,660085,00.html

Auszug: Laut einer am Montag veröffentlichten Studie im Auftrag der britischen BBC waren nur 11 Prozent der Befragten in 27 Ländern der Ansicht, dass der Kapitalismus in seiner derzeitigen Form gut funktioniert. 

> Das stimmt nachdenklich. Auch beim gestrigen Visionsummit in Berlin – die gesamte Führungsspitze der Grameen Bank war vertreten – war durchaus eine gewisse Aufbruchsstimmung erkennbar. Es zeichnet sich auch in der Welt der Microfinance eine Wachablösung ab. Die alten Mahner und Wegweiser aus der „68er-Generation“ sind zwar noch präsent. Aber die Mehrzahl der Zuhörer und aktiven „Social Entrepreneurs“ ist um die Mitte Dreißig, und unideologisch bzw. pragmatisch geprägt. Wir alle wissen: Social Business und Social Banking können die Welt verbessern, sie müssen es aber nicht.  Aber: Microfinance in seiner kommerziellen oder sozialen Variante ist aber deutlich mehr als eine „Peanuts-Ökonomie“ – mehr dazu in den nächsten Tagen.

Fazit: Die Strukturen werden sich ändern (müssen) – ob sie besser werden? Dass sogar ein Chef der großen Investment-Bank Goldman Sachs mit der eigenen Szene hart ins Gericht geht, verblüfft ein bisschen. O-Ton in einem Spiegel-Interview „Banken vernichten Gottes Werk“:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,660075,00.html

Starker Tobak auf den ersten Blick. Wer den Text genauer liest, wird feststellen, dass Blancpain das Vernichten vom Werk Gottes produktiv meint, also dass die Banken da sind, was Neues zu finanzieren, die Kraft der schöpferischen Zerstörung sozusagen (Schumpeter).  Risiken und Nebenwirkungen inbegriffen, was auch die kritischen Leserkommentare belegen, die der Beitrag ausgelöst hat.  Hoffentlich löst das alles mehr als „window dressing“ aus.

Kehren wir aber lieber zu den irdischen Niederungen zurück, die am Beispiel von Smava zeigen, dass mehr selbstbestimmtes Handeln durch mündige Bürger auch auf den Finanzmärkten dieser Welt durchaus möglich sein kann. Ein Tropfen auf den heißen Stein?

Vielleicht hilft ja die große Weltliteratur bei dieser Frage: Gibt es eine Chance, das Berufsbild auf „nachhaltiger Bankier“ umzustöpseln – oder bleibt dies ein Wunschtraum? Da wir im alten Teil von Europa bzw. in Deutschland leben – zunächst einmal ein literarischer Vergleich, der anhand des Dialogs zwischen Mephisto und Faust bei Goethes Werk verdeutlicht, dass das Problem „Alles verdampft“, so eben auch das Geld, alles andere als eine Erfindung der letzten zwei bis drei Jahrzehnte darstellt:

Faust:
Das Übermaß der Schätze, das, erstarrt,
In deinen Landen tief im Boden harrt,
Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke
Ist solchen Reichtums kümmerlichste Schranke;
Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug,
Sie strengt sich an und tut sich nie genug.
Doch fassen Geister, würdig, tief zu schauen,
Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen.

Mephisto:
Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt,
Ist so bequem, man weiß doch, was man hat;
Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen,
Kann sich nach Lust in Lieb’ und Wein berauschen.
Will man Metall, ein Wechsler ist bereit,
Und fehlt es da, so gräbt man eine Zeit.
Pokal und Kette wird verauktioniert,
Und das Papier, sogleich amortisiert,
Beschämt den Zweifler, der uns frech verhöhnt.
Man will nichts anders, ist daran gewöhnt.
So bleibt von nun an allen Kaiserlanden
An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden.

Quelle: http://blog.umverteilung.de/2009/09/07/alles-geld-verdampft/

Nun aber zur eher praktischen Beantwortung der Eingangsfrage: Wo bleibt der Bankier der Zukunft? Chris Skinner stellt zunächst lapidar fest: Banker sind essentiell für unsere Gesellschaft. Geld sei Macht, und Banken übten diese aus. Offenbar sind sie in ihrer „systemrelevanten“ Funktion auch nicht so leicht zu ersetzen – Chris Skinner will noch heute die spannende Frage, wie der Banker der Zukunft aussehen könnte, als Abschluß einer mehrteiligen Serie beantworten, bei der er heute den letzten Teil startet:

http://thefinanser.co.uk/fsclub/2009/11/bankers-in-historical-booms-and-busts.html

Part One: Why Bankers are essential for society

  • Part Two: A Bankers pivotal role between good and bad
  • Part Three: A Bankers‘ role in religion
  • Part Four: Bankers in historical booms and busts
  • Part Five: Bankers today
  • Part Six: Bankers tomorrow
  • > Man darf gespannt sein, ob der Blick von Branchen-Insidern tatsächlich am Ende einige neue Spuren legen kann, denen die Menschheit folgt. So wie es aussieht, schleichen wir letztlich aber alle wie die Katze um den heißen Brei – Und, um am Ende dieses Beitrags nicht ein latentes Gefühl von Ohnmächtigkeit gegenüber der übermächtigen Finanzindustrie aufkommen zu lassen, hier ein aufmunterndes Beispiel, dass es den nachhaltigen „Bankier“ statt dem renditeorientierten „Banker“ tatsächlich gibt. Hier der Beitrag (Linktipp mit Gruß via Weblog Finance 2.0 übermittelt) :

    http://www.zeit.de/wirtschaft/geldanlage/2009-09/raiffeisenbank-ichenhausen?page=1

    Der Artikel in die ZEIT illustriert am Beispiel der bayerischen Raiffeisenbank Ichenhausen, wie  dort Provisionen gegenüber einem besseren Modell der Kundenberatung abgeschafft worden sind. „Back to the roots“ via Web 2.0, das ist sicherlich ein Part der Lösung, wenngleich damit längst nicht alle Probleme vom Tisch sind.

    Von der Rennaissance des „konservativen“ Modells der Genossenschaftsbanken profitieren auch die Mitarbeiter, die sich endlich (wieder) als seriöse Sachwalter der Kundeneinlagen fühlen dürfen, und nicht als Vertriebsmaschinen, bei der ein Mitarbeiter gegen den anderen ausgespielt wird. So einfach könnte die Filialbank der Zukunft in unserer Nachbarschaft funktionieren…

    Advertisements

    Written by lochmaier

    November 9, 2009 um 8:27 am

    Veröffentlicht in Uncategorized

    2 Antworten

    Subscribe to comments with RSS.

    1. „Banken vernichten Gottes Werk“ muss heißen -> „Banken verRichten Gottes Werk“ (im doing gods work)

      http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/us_and_americas/article6907681.ece?token=null&offset=0&page=1

      Michael

      November 9, 2009 at 9:38 pm


    Kommentar verfassen

    Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

    WordPress.com-Logo

    Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

    Twitter-Bild

    Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

    Facebook-Foto

    Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

    Google+ Foto

    Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

    Verbinde mit %s

    %d Bloggern gefällt das: