Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Financial Croudsourcing 2.0: Wie gut ist die Schwarmintelligenz wirklich?

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Beim G-20-Gipfel in Pittsburgh sprach US-Präsident Barack Obama einen von der Weltöffentlichkeit eher unbemerkten Satz, der in der allgemeinen Regulierungsinszenierung unterging: Obama: Auf den Finanzmärkten dürfe es nicht wieder vorkommen, dass wenige Akteure viele Menschen gefährdeten.

Das klang bestechend einfach ung gut, bloss wie soll das geschehen, um zu verhindern, dass die nächste wilde marodierende Horde um den Globus zieht? Gibt es einen Weg, wie sich die kollektive Vernunft als regulierende Instanz auf den Finanzmärkten entfalten kann, um die fehl geleiteten Exzesse einzelner zu unterbinden?

Immerhin, auf dem großen politischen Schachbrett ist der Wandel von dem exklusiven G-8-Gremium zur G-20-Staatengemeinschaft ein erstes Indiz, mehr Länder einzubinden, und nicht nur die hoch industrialierten, sondern auch Schwellenländer und perspektivisch auch Entwicklungsländer.

Auch das kling gut, es erhöht die Sicherheit, Vielfalt und Transparenz, sofern die Entscheidungen keine blossen Papiertiger sind. Dass mit Blick auf den Aktionsradius der G-20 ein differenzierter Blick gefragt ist, deutet ZEIT online an:

http://www.zeit.de/newsticker/2009/9/26/iptc-bdt-20090925-711-22504582xml

Es wird gerade beim Siegeszug des Mitmachwebs viel von kollektiver Schwarmintelligenz gesprochen, von Croudsourcing und dem Internet, durch das sich diese virtuelle Ansammlung von Vernunft erst lenken lässt. Wie sieht es mit dem „Financial Croudsourcing“ aus – was taugt es wirklich? Zur Einführung:

http://www.brandeins.de/archiv/artikel/schlaue-menge.html

Zitat: In einer Computersimulation, die das Szenario “ Futtersuche an Nahrungsplätzen mit Ungewissem Ertrag“ (übertragbar auf: „Geldanlage an Märkten mit unsicherer Rendite“) nachstellt, hat der Chicagoer Psychologe Reid Hastie kürzlich mit einem Kollegen verschiedene Methoden kollektiver Entscheidungsfindung um die bessere Vorhersage wetteifern lassen. Das frappierende Resultat: Die Gruppe erzielte genauso gute Ergebnisse, wenn sie schlicht den Nahrungs- beziehungsweise Anlageplatz wählte, für den sich die meisten in der Gruppe entschieden hatten, als wenn sie sich an dem Urteil ihres besten Mitglieds orientierte.

Soweit, so gut? Zunächst einmal lohnt es sich, mit Chancen und Grenzen der natürlichen Schwarmintelligenz zu befassen. Sie ist kein Allheilmittel für jede Form der Meinungs- und Interessenbildung oder einen unternehmerischen Prozess, der besser funktioniert, wenn viele entscheiden statt einem einsamen Rufer in der Chefetage.

Der Begriff Schwarmintelligenz stammt aus dem Tierreich, woraus der Mensch diese Methode abkupfern will. Ameisen, Fische und Vögel, sie organisieren sich im Schwarm, zum einen um sich besser zu schützen, und zum anderen um die Futtersuche besser zu bewältigen. Ein empfehlenswertes Video auf Arte (45-minütige Dokumentation) gibt einen Einblick in die Chancen und Grenzen:

http://plus7.arte.tv/de/1697660,CmC=2847552,scheduleId=2822790.html

Ein zentrales Problem ist, dass die Schwarmintelligenz eher auf das „Mittelmaß“ ausgerichtet ist, die kollektive Vernunft besteht darin, dass sich der einzelne in den Schwarm einfügt, um dort eine bessere Überlebensstrategie vorzufinden und den Alltag effizienter (nicht unbedingt besser) zu organisieren.  Siehe auch:

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Weisheit_der_Vielen

Fazit: Keineswegs ist das Prinzip der Selbststeuerung immer ein probates Mittel, das sich beliebig auf die Finanzmärkte übertragen lässt. Denn die kollektive Dynamik ist dem einzelnen nicht immer bewusst, man denke nur an den Herdentrieb an den Börsen, wenn viele Anleger einem Leithammel folgen (und meist zu spät aufs richtige oder falsche Pferd setzen).

Gerade an den Finanzmärkten ist „Herdenverhalten“ oftmals der Auslöser von Finanzkrisen. Die negativen Folgen wären – analog zum Tierleben – Staus, Blockaden und Massenpanik. Doch die Schwarmintelligenz kann auch funktionieren.  Forscher fanden heraus, dass der Erfolgsfaktor darin besteht, dass der Mittelwert besser ist als die Schätzung einzelner.

Ein Beispiel: Ameisen suchen den kürzesten Weg zur Nahrung, und sie finden diese, indem die ersten, die den Weg zurücklegen,  eine Art Biomarker (Pheromone) ablegen, so dass die Masse diesen nur nachzufolgen braucht. 

Fischschwärme schützen sich, indem sie sich gegen die großen Raubfische im Schwarm permanent bewegen und unkalkulierbare Ausweichbewegungen vollziehen. Dabei bilden sich kleine Gruppen von mehreren Fischen, die miteinander sinnvoll interagieren, denn unmöglich kann jeder Fisch die Richtung des ganzen Schwarms allein bestimmen oder voraussehen.

Und Zugvögel wiederum bilden eine ähnliche Formation, um Energie zu sparen beim langen Flug vom Norden in den Süden, von den Sommer- zu den Winterrastplätzen. Klare Rückschlüsse, wie sich die Schwarmintelligenz an den Finanzmärkten nutzen ließe, gibt es indes keine.

Die Gruppe kann mit ihren Entscheidungen ebenso daneben liegen wie ein Einzelner.  Wie komplex „Financial Croudsourcing 2.0“ ist, das lässt sich mit Blick auf inteaktive Prognosemärkte am Beispiel der Plattform www.markttrend.com erkennen. Mehr Infos dazu:

http://idw-online.de/pages/de/news335717

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Wieweit sich also durch gemeinsames Agieren über Social Banking 2.0 mehr Geld verdienen lässt, und gleichzeitig die Gesamtsicherheit des Systems gesteigert werden kann, auch dazu gibt es kein schlüssiges, theoretisch fundiertes Patentrezept.

Wenn eine Kaufempfehlung an der Börse von vielen Nutzern ausgesprochen wird, etwa zu einem bestimmten Unternehmen oder einer Aktie, so erhöht dies sicherlich die Transparenz und Meinungsvielfalt.  Aber auch das ist im übertragenen Sinne beim „Financial Croudsourcing“ nicht immer der beste Weg. Denn andererseits besteht das Risiko, dass sich ein neuerlicher Herdentrieb ausbildet, der dafür sorgt, dass das richtige Timing für eine Geldanlage ausbleibt.

http://navigarenecesseest.wordpress.com/2008/10/28/von-wegen-schwarmintelligenz/

http://www.czyslansky.net/?p=199

Anderseits könnte das Ausnutzen von Schwarmintelligenz auch Massenpaniken vermeiden helfen, schreibt jedenfalls Spiegel online:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,647065,00.html

Wie also ließe sich „Financial Croudsourcing“ durch Communities nutzen, das ist ein spannendes Experiment, dem sich derzeit viele Betreiber wie Fidor stellen.

Die Zeit wird zeigen, ob sich die unterschiedlichen Modelle von „Community-Banking„, das „Banking unter gleichgesinnten Freunden“, als marktreif erweisen.  Eigentlich hört doch beim Geld meist die Freundschaft auf, selbst in der eigenen Familie (spätestens wenn es ans Verteilen der Erbschaft geht), oder?

http://wirtschaft.t-online.de/umfrage-beim-geld-hoert-fuer-deutsche-die-freundschaft-auf/id_19732452/index

Fragt sich also, ob Geld ein Kitt sein kann, der Menschen näher zusammen bringt. Wohl nur, wenn es eine „Win-Win-Situation“ ist, von der alle Partner gleichermaßen profitieren. Wenn nicht, läuft die Community – ganz nach dem Umkehrprinzip von Schwarmintelligenz – so rasch auseinander wie eine versprengte Herde Hühner.  

Wie wäre es, wenn der Schwarm von den „Besten an den Finanzmärkten“ lernte? Auf dem Community-Portal Ayondo können Privatanleger Handelssignale von professionellen Tradern in Echtzeit abrufen und im eigenen Broker-Konto nachhandeln – gemäß dem Motto „Traden wie die Profis“. Hier gibt Gründer Manuel Heyden in einem Interview Auskunft, wie das Geschäftsmodell konkret funktioniert:

http://www.forium.de/redaktion/im-interview-manuel-heyden-ueber-das-neue-trading-portal-ayondo/

Ob und wie derartige Beispiele wie Ayondo für den ganzen Schwarm Sinn und Schule machen, ist noch offen. Sicherlich kommen wir bei Handelssignalen ganz leicht in das „Hochrisikosegment“, wo bei “ gehedgten“ Produkten die Messlatte zum Kopieren von Herdenverhalten durch die Masse kein unproblematisches Unterfangen darstellt. Es darf also weiter experimentiert werden.

Bilanzieren wir also: Lohnend ist es jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei allemal, sich schon heute mit diesem Trend auseinanderzusetzen, wie sich die Schwarmintelligenz zur besseren Steuerung von Finanzmärkten nutzen lässt.

Bei der Kreditvergabe scheint das nach dem Smava-Prinzip etwas einfacher zu funktionieren, denn der Darlehensgeber entscheidet, wem er den Kredit gibt, und die Poolbildung vieler Geber reduziert das Risiko für den einzelnen. Der Kreditnehmer kann sich das Geld zu niedrigeren Zinsen leihen. Die „Community“ sorgt durch permanente Verbesserungsvorschläge dafür, dass die Verfahren zur Messung von Bonität und Kreditwürdigkeit sich stets auf Höhe der Zeit befinden.

Und durch niedrigere Transaktionskosten kann sich das Geschäftsmodell für den Betreiber rechnen, wenn einmal eine kritische Größenordnung erreicht ist. So gesehen für alle Beteiligten ein simples, aber effektives Modell fürs Financial Croudsourcing. Siehe dazu das erklärende Video auf Youtube (das soll keine Schleichwerbung sein):

Und: Das Mitmachweb bietet sicherlich auch die Möglichkeit, gemeinsam bessere Entscheidungen für die Geldanlage zu treffen. Auch das ist eine Binsenweisheit. Ob es jedoch eine Art „Google-Bank“ geben wird, wie sie der amerikanische Journalist und Vordenker Jeff Jarvis beschreibt, dahin ist der Weg sicherlich noch lang und steinig:

http://www.manager-magazin.de/it/artikel/0,2828,622982,00.html

Merke: Klar zu denken und ein eigenes Urteil zu fällen, diese Maßgabe gilt für  jeden Menschen auch weiterhin. Denn jede wichtige Entscheidung im Leben ist letztlich eine einsame Angelegenheit, auch wenn viele gute, aber manchmal aber auch selbsternannte Ratgeber, um einen herum stehen…

Zum Abschluß deshalb noch ein Link, der die Gratwanderung zwischen „Vertrauen“ und „Misstrauen“ beleuchtet, die jeder einzelne – unabhängig davon, ob er solo oder im Kollektiv agiert, durchlaufen muss. Hier schließt sich der Kreis zum Financial Croudsourcing der Marke 2.0, wo sich menschliche Verhaltensweisen und tierische Instinkte treffen. Das Buch „Animal Spirits“ von George Akerlof und Robert Shiller befasst sich nämlich mit aufgeblähten Blasen und anderen vertrauenserweckenden Geschichten – eine Buchkritik in der NZZ.

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Written by lochmaier

September 30, 2009 um 6:40 am

Veröffentlicht in Uncategorized

8 Antworten

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  1. Die Idee vom financial crowdsourcing klingt für mich reichlich naiv. Schwarmintelligent mag für Ameisen und Fische funktionieren, aber für eine komplexere Sachfrage ist das Ganze natürlich schwachsinnig. Bei den Tieren geht es ums Überleben (Nahrungssuche, Verteidigung, etc.), während es hier um Zusammenhänge geht die wohl die hälfte des Schwarms nichtmal versteht. Warum also noch zusätzliche Personen miteinbeziehen? Entweder ergibt das einen schwachen, verzögerten Konsens oder eine EU-artige Handlungsunfähigkeit. Oder den Herdentrieb aus dem Börsenbeispiel.
    Im übrigen sollte man die Aussage Obamas wohl nicht so ernst nehmen und vorallem nicht als konkreten Leitfaden interpretieren.

    Daniel

    September 30, 2009 at 8:21 am

  2. […] den Finanzmärkten agieren kann, schon einmal in einem früheren Beitrag beleuchtet, zu dem Sie hier abbiegen […]


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