Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Disruptives Bankenmodell? Rolle des „dritten Mannes“ neu bewerten

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Auf dem Weblog Netzwertig findet sich ein interessanter Artikel, wie die Wirtschaft künftig ohne Mittelsmänner auskommen könnte: Titel des Beitrags: Die Folgen der digitalen Disruption für die Volkswirtschaft. Darin wird auch auf Peer-to-Peer-Tauschbörsen wie Zopa oder Smava Bezug genommen. Hat dieses Transformationsmodell überhaupt Gültigkeit für die komplexe Welt von Finanzprodukten und Unternehmensfinanzierungen?

http://netzwertig.com/2009/11/08/strukturwandel-die-folgen-der-digitalen-disruption-fuer-die-volkswirtschaft/

In einer vernetzten Welt werden Mittler überflüssig. Außerdem sinken die Kosten für die Produktion und Distribution von Inhalten und Diensten aller Art. Die Folgen der digitalen Disruption für die Volkswirtschaft sind tiefgehend. ….. Dienste für P2P-Kredite wie Smava oder Zopa dringen in die Domäne von Banken ein und ermöglichen Kredite zwischen Privatperson und Privatperson. 

Sicherlich ist der Befund in der groben Richtung zutreffend, aber mit Blick auf die Banken wird das Spiel gerade künftig nicht ohne Mittler auskommen. Denn irgend jemand muss die Geld- und Kreditvergabe (z.B. bei Smava wegen Einlagensicherung und Bonitätsprüfung) als Moderator ausbalancieren, nur eben zu wesentlich moderateren Gebühren als die Banken. Geringere Transaktionskosten lautet die Zauberformel. Und: Die Banken verschwinden jedenfalls bislang nicht komplett, sondern rücken einen Schritt nach hinten. Sowohl bei Zopa als auch bei Smava sind sie aber gerade für die ordentliche Abwicklung von rechtskonformen Geschäften nach wie vor notwendig.

Überließe man hier das Spiel gänzlich den Nutzern nach dem Peer-to-Peer-Prinzip – ohne Moderatoren oder Mittler, die die Interessen ausbalancieren, dann läuft das Modell so: Ein Betreiber stellt eine Kredit-Plattform ins Netz, kassiert vorab Gebühren, und die Nutzer dürfen dann privat die Bedingungen der Darlehensvergabe alleine aushandeln. Das kann nicht im Sinne des Erfinders sein. Ein komplett „disruptives“ Geschäftsmodell für die Bankenbranche steht also noch aus.

Zur brüchigen Begriffsdefinition des „Man-in-the-Middle“ hilft auch ein Rekurs auf die IT-Sicherheit:

http://de.wikipedia.org/wiki/Man-in-the-middle-Angriff

Ohne Mittler in der Mitte kann freilich die Kommunikation auf einer privat organisierten Online-Kreditbörse nicht ablaufen. Im Gründe könnte man sogar als Gegenargument anführen, dass bei einer Kreditbörse wie Smava sich Kreditgeber und -nehmer noch nicht einmal persönlich kennen. Und das zurecht: Denn der Betreiber muss und steht für den hohen Datenschutz gerade. Die Motivation ist das eigentlich „disruptive“ Bankenelement mit den Kernstück „Selbstbestimmung“ und „Transparenz“. Das funktioniert aber nur mit dem „Man in the Middle“.

Wer den Kinofilm „Der dritte Mann“ mit Orson Welles in der Hauptrolle gesehen hat, von einer welt berühmten Filmkulisse in Wien und einer Zither umrahmt, der versteht: Die Schwarzarbeit würde blühen, wenn es im disruptiven Bankenmodell keinen Mittler mehr gäbe. Filmbeschreibung: Wer sich in der Besatzungszone Wiens nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die Organisationen stellte, die den Schwarzhandel organisierten, fand sich in der Donau wider. Ein kleiner Ausschnitt der Romanverfilmung von Graham Greene:

Übrigens: Eine disruptive Technologie ist eine technologische Innovation, ein Produkt oder eine Dienstleistung, die möglicherweise eine aktuell dominierende Technologie verdrängt. Disruptive Innovationen sind meist am unteren Ende des Marktes und in neuen Märkten zu finden. Bei den Internetbasierten Kreditbörsen haben wir es mit einem Mix aus ökonomischer und sozialer Innovation zu tun, deren weitere Entwicklung noch nicht wirklich abzusehen ist. 

Die Technik spielt eigentlich nur eine Rolle als Brückenfunktion, um die Kosten zu drücken. Entscheidend ist, was die Kunden gemeinsam mit dem Moderator zu welchen Konditionen aushandeln. Wie in der herkömmlichen Wirtschaft, oder doch nicht ganz? Denn der Einfluss von „Social Media“ – gibt’s dafür eigentlich kein vernünftiges deutsches Wort? –  wird natürlich auch die Bankenbranche erfassen und verändern. Jedoch wird sich das hierarchische Geschäftsmodell nicht so ohne weiteres gerade dort komplett auf den Kopf stellen lassen. 

Anders ausgedrückt: Geld und Liebe sind zwei „höchst erklärungsbedürftige Produkte“. Was bei Ikea, Procter&Gamble und anderen nicht-erklärungsbedürftigen Produkten zweifellos funktioniert – die Beteiligung der Massen an der Gestaltung und der gesamten Wertschöpfungskette – eine Art Outsourcing-Modell, das ist in der Bankenwirtschaft und Finanzindustrie ungleich schwerer zu realisieren.

Das von  Smava bislang so erfolgreich praktizierte Modell im Bereich der privaten Kreditvergabe für Konsumzwecke oder sonstige kleinere Vorhaben, bis maximal 25.000 Euro, lässt sich nicht ohne weiteres auf die gesamte Wirtschaft übertragen. Oder plakativer ausgedrückt: Wer mehr Geld hat, diktiert auch weiterhin die Spielregeln. Mehr Selbstbestimmung und Transparenz im Netz bei der Kreditvergabe mit Hilfe von „Community Banking“ bedeutet also nicht automatisch eine bessere Welt, sondern „nur“ demokratischere Entscheidungsprozesse.   

Den nüchternen Befund, dass die Geldallokation über finanzielle soziale Netzwerke nicht gleich die ganz große Revolution in der Wirtschaft auslöst, bestätigt indirekt auch Smava-Gründer Alexander Artopé: Jede größere Kreditvergabe – wenn es sich etwa um den Bereich von Unternehmensfinanzierungen bis zu 250.000 Euro drehe – müsse mit einem ausgereiften Scoring-System geprüft sein.

Im Klartext: Um die Kreditwürdigkeit von Kleinunternehmen verlässlich zu prüfen, reichen standardbasierte  Risiskokalkulatoren quasi von der virtuellen Stange nicht aus. Insofern braucht es den „Man-in-the-Middle“ doch: Es muss sich dabei zwar gleichwohl nicht unbedingt um eine Bank handeln. Jedoch kommt dann viel manuelle Bewertungsarbeit auf die Verantwortlichen zu. Und die möglichst neutrale Bewertung der „natürlichen Bonität“, statt der rein formalrechtlichen, muss sich am Ende auch finanziell für alle Beteiligten irgendwie rechnen.

Es dauert also noch etwas, bis die „Folgen der digitalen Disruption für die Volkswirtschaft“, wie  Netzwertig den Trend eingangs überschrieben hat, gerade in der Bankenbranche greifen. Sollte sich indes eine weitere Spekulationsblase an den Finanzmärkten bilden, dann könnte dies tatsächlich einen disruptiven Paradigmenwandel im Selbstverständnis der Banken auslösen, die sich ohnehin wieder stärker an den Bedürfnissen der realen Wirtschaft orientieren müssen.

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Written by lochmaier

November 12, 2009 um 7:36 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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