Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Finanz Blog Award: So habe ich die Teilnehmer bewertet

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Wenn ein Reisender zwischen zwei Ozeanen auf dem Meer in stürmisches Gewässer gerät, dann nützt es nichts ans Ufer zurück zu blicken. Besser ist es, sich nicht nur an der Rehling feszuhalten, sondern die eigenen Kräfte darauf zu konzentrieren, ans andere, ans unbekannte Ufer zu gelangen.  

Hilfreich wäre es, wenn von der anderen Seite des Ozeans ein paar größere Leuchtfeuer den Neugierigen den Weg wiesen. Soweit meine etwas vieldeutige metaphorische Einleitung, die aber durchaus den Kern der Sache trifft. Ein von mir in Schottland auf den Orkney-Inseln aufgenommens Foto sagt vielleicht mehr als tausend Worte: 

Zur Sache. Rund 200 etablierte Wirtschafts- und Finanzblogs existieren nach Einschätzung von Insidern. Schätzungsweise 50 bis 80 beschäftigen sich spezifisch und einigermaßen regelmäßig mit dem Thema Geldanlage. Einige zweifellos interessante Finance Blogs haben sich an dem Wettbewerb Finance Blog Award, den die comdirect ausgelobt hat, leider nicht beteiligt. Am 13.04. findet die Preisverleihung in Frankfurt statt (jeder kann kommen). Mehr Infos gibt es hier.

Im folgenden erläutere ich nun einige Gedankengänge, wie ich prinzipiell bei meiner Entscheidungsfindung vorgegangen bin. Konzeptionell handelt es sich nämlich um Neuland. Denn es stellt sich schon die Frage: Was macht ein gutes Finanzblog denn überhaupt aus? Mein, wenn man so will, „mathematisches“ Zielraster war wie folgt:

Individuelle Reichweite 20%, Themenauswahl 15 %,  Qualität der Texte 20%, Sprache und Inhalt  15%,  Gestaltung 10%, Service 10%,  Subjektiver Gesamteindruck 10%.

Eine objektive Wissenschaft ist dieser neuplanetarische Erkundungstrip freilich kaum. Es gibt sicherlich einige allgemein anerkannte Kriterien: Regelmäßige Einträge (mind. 2-3 pro Woche) mit fundierten Analysen (die Länge ist nicht unbedingt entscheidend). Aber es gibt auch (un)klare Unterscheidungsmerkmale zu einem themenorientierten Online-Portal (Vergleichsportale) und zu klassischen Medienformaten.

Vor allem fließt die individuelle Sichtweise und teils auch emotionale Färbung des/der Autor(en) bewusst mit ein. In Finanzfragen eine schwierige Gratwanderung. Aber der richtige Mix macht den Reiz für die Leser aus. Für Außenstehende erschließt sich der selektive Publikationsmodus und Charme der Finanz- und Wirtschaftsblogs in der Nische gleichwohl nicht auf den ersten Blick.

Fakt ist, das Renommee in der „Szene“ bemisst sich an Kriterien wie Glaubwürdigkeit, Authentizität, Individualität, Qualität der Beiträge sowie Taktfrequenz. Und nicht zu vergessen, an den Zugriffszahlen, die viel darüber aussagen, ob das Blog jenseits der klassischen Verlagswelt überhaupt regelmäßig gelesen wird, oder ob es eher der Rubrik Image und Marketing zuzurechnen ist, worin der Autor nur allzu durchsichtig um die Leserschaft buhlt.

Ein großer Makel ist, dass Finanz- und Wirtschaftsthemen in Deutschland, noch dazu wenn sie komplexe Themen wie die Geldanlage und Börse behandeln, gegenüber wesentlich populäreren Blogthemen wie technischen Gadgets und anderen Trends von allgemeinem Interesse nur einen Nischenmarkt vorfinden.

Umso relevanter ist der Umstand zu bewerten, wenn es einem Weblog-Autoren durch viel Fleiß und Begeisterung gelingt, durch seinen persönlichen Einsatz hier eine konstante Leserbindung aufzubauen – und in die „Wahrnehmungsschwelle“ der Top-50.000 in Deutschland zu gelangen (und sich dort auch konstant zu halten). Einige aus der großen Verlagswelt mögen dies (noch) belächeln.

Wer es durchschnittlich schafft, eine untere bis mittlere dreistellige Leserzahl pro Tag an sich zu binden, gehört quasi zu den – vom Medienmainstream gleichwohl unbeachteten – „informellen Champions“. Zum Vergleich: Die Internetpräsenz http://www.finanzblog-award.de war bei Alexa am 16.03. auf Rang 93.829 postiert.

Deshalb habe ich den durch Marktmacht quasi automatisch an der Frontscheibe polierten Glanz der Medien- und Verlagshäuser „untergewichtet“, um die Neulinge nicht einem strukturellen Wettbewerbsnachteil auszusetzen. 

Das zeigt, wieviel Arbeit und Ideen für einzelne Newcomer von Nöten ist, um jenseits des Glanzes, der automatisch auf einen schon bekannten Autor aus der bekannten Medienwelt herunterfällt,  überhaupt eine gewisse Wahrnehmungsschwelle zu überspringen. Kurzum: Ohne Fleiß kein Preis.

Blick hinter die Fakten und klares Profil zählen mehr als hübsches Outfit

In der Innenwahrnehmung kommt es bei den Bloggern deshalb nicht unbedingt auf eine hübsch gestaltete Optik an, im Gegensatz zu den klassischen Medienformaten. Sicherlich hilft ein gutes äußeres Erscheinungsbild. Aber manche Blogger agieren sogar bewusst als ästhetische Puristen. Insofern sind bei der endgültigen Zusammenschau der möglichen Preisträger allzu statisch gehandhabte formale Kriterien mit einer gewissen Zurückhaltung zu genießen.

Für eine gewisse sportliche Note, der sich die meisten Blogger gerade im Finanzsektor durchaus stellen, sorgt das Kriterium individuelle Reichweite jenseits des Glanzes, der quasi von oben automatisch auf den Blogger durch seinen Arbeitgeber herunter fällt. Für mich ein relevanter qualitativer Punkt, neben Themenauswahl, Qualität, Sprache und Inhalt sowie Gestaltung.

Das Kernproblem der „Szene“ ist und bleibt jedoch die mangelnde Monetarisierung, die gleichwohl weiterhin das Ziel der meisten Autoren darstellt. Um aber nennenswerte Einnahmen zu generieren, müssten die Zugriffszahlen pro Tag mindestens in den unteren vierstelligen Bereich gelangen. Dann erst kommen oder besser kämen die unterschiedlichen internetbasierten Werbeformen zum Tragen. Parallel dazu müsste die Professionalisierung eigenständiger Medienformate 2.0 weiter heran reifen.

Der Aufwand dafür wäre recht hoch, für die meisten zu hoch, bei gleichzeitig begrenztem Leserkreis aufgrund der Komplexität von Finanzthemen. Kurzum, bei den deutschen Lesern sind Finanzthemen nicht beliebt. Dieser gordische Knoten dürfte sich gerade aufgrund der verteilten und dezentral gesteuerten Aufmerksamkeitsökonomie im Netz auch künftig kaum auflösen lassen.

Was resultiert daraus für die Preisverleihung? Aus meiner Sicht sollten Weblogs ausgezeichnet werden, die sich regelmäßig und fundiert mit Finanzthemen auseinandersetzen. Die unabhängige Jury sollte Weblog-Betreiber beziehungsweise Autoren auszeichnen, „die Privatanleger verständlich, kompetent und kritisch informieren und ihnen somit eine Orientierung in der komplexen Welt der Finanzen bieten.“

Es sollten somit Finance Blogs prämiert werden, die sich der schwierigen Herausforderung stellen, sich möglichst konkret und ohne Umschweife mit nicht-standardisierten Finanzprodukten zu beschäftigen, etwa Anlagestrategien, Aktien und nicht offiziellen „Beipackzetteln“.

Andererseits sollten die Autoren – jenseits von reinen Kauf- und Verkaufsempfehlungen – die hintergründige und kritische Auseinandersetzung mit dem Geschehen an den Kapitalmärkten nicht scheuen, jedoch nicht in einer von oben herablassenden Art, sondern kommunikativ, und mit anderen Quellen vernetzend.

Fazit: Abgrenzung zum Journalistenpreis

Der Finanz Blog Award enthält zwar einige konstitutive Elemente eines Journalistenpreises. Jedoch gibt es auch deutliche Abgrenzungsmuster. Im Klartext: Gute Finanzblogs unterscheiden sich im Stil deutlich von jenen der Leitmedien, bei denen angeschlossene Blogs oftmals den Charakter einer ergänzenden Visitenkarte aufweisen, als ein wirklich eigenständiges kreatives Kommunikationsformat darzustellen.

Kurzum, ein Blog ist deutlich mehr als eine Ansammlung von losen journalistischen Kommentaren als Beiprodukt der Arbeit, das gerade etablierte Verlage oder Medienhäuser nur allzu leicht generieren können. Man will halt dabei sein, verleiht dem Ganzen aber keinen Nachdruck. 

Die Verlage und Medienhäuser verfügen noch dazu „automatisch“ über die Reichweite, und schon ist das perfekte Blog in Nullkommanix-Sekunden fertig designt. Die Stil- und Formatvorlage kann man dann ja via Kreativabteilung XY im gut organisierten Medienapparat gleich mitentwerfen lassen. Wie praktisch, während Einzelperformer alles selbst organisieren müssen, und nicht nur dadurch einen drastischen Wettbewerbsnachteil genießen.  

Meist glaubt man sowieso nur jemanden, wenn er oder sie den Glanz einer bestimmten Institution repräsentiert. Natürlich gibt es jenseits von Schwarz-Malerei (hier die Angstjournalisten und dort die Wutblogger) gewisse Überlagerungen zwischen klassischem Wirtschafts- und Finanzjournalismus und den Finanzblogs.

Der Austausch oder die Abgrenzung ist sogar ausgesprochen produktiv.  Aufschneiderei, Abteilungsdenken und neblige Süppchenegoismen sind beiderseitig nicht angesagt. Journalisten sind genauso willkommen in der Finanzblogszene wie andere Akteure. Besserwisserei auf der einen wie anderen Seite ist nicht gefragt. Soweit ich die Szene überblicke, gibt es das auch kaum. 

Somit lässt sich feststellen: „Best Practices“ und verlässliche Standardkriterien sind zwar bei Finanzblogs noch nicht in Sicht. Wir bewegen uns zwischen dem alten Ufer, das nicht mehr existiert, sehen aber den neuen Kontinent mit großen Leuchtfeuern auf der anderen Seite noch nicht richtig vor uns. Deshalb sind Mut und Entschlossenheit beim Design einer neuen Medienökonomie 2.0 gefragt, statt sich nur mit dem Rücken zur Wand nach hinten abzusichern. 

Ein letzter Hinweis: Dieser Beitrag vermittelt keine Hinweise auf die Gewinner. Diese werden nach einer Podiumsdiskussion in Frankfurt am 13. April bekannt gegeben, die öffentlich ist, an der also jeder teilnehmen kann. Kurzum, jedes Jurymitglied hat seine eigene Brille auf.

Aber es gilt im Rahmen dieses Wettbewerbs, die Diskussionskultur um neue Medienformate zu befördern, statt darüber nur in langweiligen Expertenzirkeln zu debattieren, wo sich alt bekannte Platzhirsche nur gegenseitig auf die Schulter klopfen.

Hier nun abschließend aus meiner kleinen Leuchtturmwarte heraus die wichtigsten (sicherlich noch recht hoch gesteckten) Qualitätskriterien, was ein gutes Finanzblog von einem durchschnittlichen Mainstreamblog unterscheiden könnte, das den Finanz Blog Award und nicht den Finanzjournalisten-Award verdient hätte:

 1. Expertise (Kapitalmärkte und Investitionsklassen, jedoch schwer objektivierbar)

2. Unternehmerisches Denken und Handeln

3. Mut zur Subjektivität (kontrolliert und moderierend)

4. Journalistisches Handwerk (Recherche, Aufbereitung, Darstellung)

5. Individualität (Kreativ-, nicht Fundamental(op)position zum Mainstream in Medien und Finanzmärkten)

5. Interaktion (insbesondere mit Blogosphäre und Lesern)

6. Dauer und Persistenz der Marktpräsenz

7. Noch was vergessen? Anderer Meinung?

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Written by lochmaier

April 5, 2011 um 6:53 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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