Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Bankeninnovation (4): Ade, du schnöde Bankfiliale

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Was ist Bankeninnovation? Kriterien und Best Practices beleuchte ich im letzten Teil dieses Vierteilers. Etwas mehr als die bereits rund 20.000 Bankfilialen, die laut Format.at in Europa in den letzten Jahren geschlossen worden sind, darf es schon sein. Deshalb ziehe ich einen größeren Kontext um das Thema.

Banken in der Finanzkrise: Schon mehr als 20.000 Filialen geschlossen

Quelle: Reuters

Die Geldvermehrung jenseits der Mühlen der täglichen Arbeitswelt anzugehen, dieser Trend bewirkt bei der digitalen Gründergeneration, die jetzt in die gesellschaftliche Verantwortungsübernahme hineinwächst, dass sie kaum mehr dazu bereit ist, leichtfertig das Finanzmanagement der älteren Generation zu überlassen.

Denn man kann sich nicht mehr auf vermeintlich „sichere“ Geldanlageformen verlassen, die sich nicht selten als leere Glücksversprechen erwiesen haben. Gut ausgebildete Altersgruppen zwischen 30 und 45 Jahren bilden dabei bereits eine signifikante Nutzergruppe, etwa bei sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter.

Man kann es provokant auch so ausdrücken: Der Gang in die nächste Bankfiliale lohnt sich nur, wenn dort ein Geldautomat steht. Welche Rolle spielt nun eine „demokratisierte Investmentkultur“, in der Insiderwissen für größere Kreise transparent wird? Das Stichwort vom „nachhaltigen Shareholder Value“ macht die Runde. Die modernen Gesellschaften befinden sich am Scheideweg. Ob und in welcher Form eine Zukunftsvision aus der nachhaltigen und in Eigenregie verantwortlich geführten Geld- und Kreditanlage erwachsen kann, hängt von unterschiedlichen Entwicklungen ab.

Eine der spannenden Fragen liegt darin, ob es sozialen Geld- und Kreditgemeinschaften übers Internet gelingt, die hohen Ansprüche der Kunden nach einer seriösen Alternative zum herkömmlichen Bankenwesen einzulösen. Parallel dazu werden konventionelle Institute allein schon aus Imagegründen einige nachhaltige oder zumindest interaktive Elemente in ihr Geschäftskonzept integrieren. Auch dies wäre eine begrüßenswerte Entwicklung.

Die Bankfiliale wird zwar nicht komplett verschwinden. Jedoch wird die Entwicklung in Richtung neuer Bezahl- und Geldtransfersysteme neben der Mittelschicht auch von den „Banklosen“ vorwärts getrieben, jenen Menschen also ohne eine reguläre Kontoverbindung bei einem klassischen Kreditinstitut. Denn in Entwicklungs- und Schwellenländern existiert kaum ein ausgeprägtes Filialnetz, weshalb das Mobiltelefon umso mehr als Miniaturbank die Oberhand genießt. Jüngere Nutzer quer durch alle Bildungsschichten sind die Protagonisten dieser Entwicklung, nicht allein aus technischen Motiven heraus.

Jenseits der Transaktion dreht sich alles um die alte wie neue Währungseinheit Vertrauen, unabhängig vom globalen Standort. Die schlechte Nachricht: Bleibt mehr demokratische Mitbestimmung über die hierarchisch strukturierte Welt der Finanzprodukte und Wertschöpfungsmechanismen an Kapital- und Kreditmärkten nur ein bloßes Lippenbekenntnis, dann verkehrt sich die gute Absicht, das Internet als Instrument zur Demokratisierung von Geldströmen einzusetzen, in ihr Gegenteil. Dies lässt sich daran erkennen, dass nicht wenige Banken nach der Finanzkrise ihr Geschäftsmodell nur vordergründig „resozialisiert“ haben, es dominiert weitgehend das Prinzip „business as usual“.

Die gute Nachricht lautet: Spätestens seit der Enttarnung von zahlreichen Steueroasen und Schattenbanken, scheint auch diese nur oberflächlich adaptive Strategie in Frage gestellt. Begünstigt wird der Trend in Richtung selbst bestimmte Anlegernetzwerke zweifellos durch die weiterhin zahlreich vorhandenen Anlageprodukte mit undurchschaubaren und versteckten Bankgebühren. Die gut Ausgebildeten können und wollen sich den Luxus nicht mehr leisten, ihr erarbeitetes Vermögen in riskanten oder undurchsichtigen Produkten zu verbrennen.

Da im selbstbezogenen Wertesystem von Banken kaum Spielraum für Innovationen verbleibt, können Neugründungen sich in der Nische entfalten, ähnlich wie sich die ersten Direktbanken in den Neunzigerjahren erfolgreich etablieren konnten. Denn vor fünfzehn Jahren nahm kaum ein führender Manager in der Finanzindustrie Notiz von der still und heimlich wachsenden Konkurrenz. Unbemerkt von der politischen Oberfläche dreht sich das gesellschaftliche Rad der Entwicklung aber längst weiter. Der Paradigmenwandel in Richtung Nachhaltigkeit befördert den Wandel, gemeinsam mit der Lust, etwas Neues im Netz auszuprobieren, wenngleich die Ziele der Protagonisten zwischen Rendite und Gemeinwohlorientierung nicht immer deckungsgleich sind.

Am Ende dieser vierteiligen Serie einige Schlaglichter zur heterogenen Entwicklung der Bankenlandschaft:

Lokal versus Global: Entweder die Bank beherrscht das Prinzip der Lokalisierung perfekt, um am Markt mit einem regional verankerten Filialprinzip zu überleben, sich aber parallel dazu weiter zu redifferenzieren. Oder aber das Finanzinstitut hält sich an den Schauplätzen der wirtschaftlichen Globalisierung auf, um dort profitabel zu agieren, wo sich neue Chancen im internationalen Wettbewerb eröffnen.

Open Innovation: Die gesetzten Marktreviere reichen als margenträchtige Melkkuh nicht mehr aus. Neue Kooperationen und flexible Netzwerke sind deshalb gefragt. Die Bank muss sich nach außen wie nach innen für den Dialog und Partnerschaften öffnen, um wandlungsfähig zu sein.

Tradition versus Moderne: Was Jahrhunderte lang galt, das gilt nun nicht mehr (siehe den ersten Teil zum Niedergang der ältesten Bank Europas). Oder um es sinngemäß mit dem Dichter Goethe zu sagen: Was Ihr ererbt von Euren Vätern, erwerbt es, um es wieder zu besitzen.

Technik versus Mensch: In neuen Technologien liegt nicht das Heil für die Zukunft der Banken. Mobile und Online-Banking sind (bereits fast) so selbstverständlich wie der Strom aus der Steckdose. Auch eine App ersetzt kein sinnvolles Nutzerkonzept. Der Wettbewerb entscheidet sich am menschlichen Faktor, an der systematischen Emotionalisierung und Rationalisierung des Kundenkontakts in der vernetzten Finanzwelt, wohl gemerkt, ohne dabei neue Täuschungsmanöver (Potemkin’sche Dörfer und Trojanische Pferde) zu etablieren.

Vision versus Handwerk: Schuster bleib bei Deinen Leisten, möchte man am Ende ausrufen. Zum einen damit die Bankenbranche sich wieder an den wirtschaftlichen Grundfunktionen als Dienstleister der Gesellschaft orientiert. Aber auch die zeitgemäße „Bank 2.0“ kann nicht mehr sein als ein effizienter Serviceoperator für die Realwirtschaft. Schließlich ist der Mensch der letzte systemische Rettungsfallschirm im globalen Finanzsystem. Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass das sensible und fragile Beziehungsgeflecht zwischen Mensch, Technik, Wirtschaft und Umwelt auch in den Mittelpunkt jeder zukunftsweisenden Bankstrategie gehört.

Written by lochmaier

August 12, 2013 um 1:01 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

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