Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Ökonomie am Scheideweg – Interview mit Tomáš Sedláček

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Im Interview mit Tomáš Sedláček, Ökonom und Bestseller-Autor des Werkes „Die Ökonomie von Gut und Böse“, vertiefe ich das Thema der Zukunftsperspektiven eines wertorientierten Bankensystems. Er ist auch „Chief Macroeconomic Analyst Investment Research“ bei der Tschechoslowakischen Handelsbank AG, dem größten Kreditinstitut im dortigen Raum.

Stark erkältet, treffe ich mich mit Tomáš Sedláček direkt gegenüber dem Brandenburger Tor in Berlin. Auch Politiker und Historiker haben vor gut 20 Jahren den Fall der Mauer nicht kommen sehen. Ebenso wie die Ökonomen und Wirtschaftswissenschaftler bis zur Finanzkrise von einer gewissen Betriebsblindheit geschlagen waren.  Genau darüber, über die Schwachstellen, aber auch über die Zukunftsperspektiven im Bankensystem habe ich mich mit dem Ökonomen jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei unterhalten. 

SB 2.0: Herr Sedláček, wie viel Geld dürfen Spitzenbanker denn verdienen?

Tomáš Sedláček: Das ist die typische „Principal Agent Diskussion“. Wir haben analog zu den Banken eine ähnliche Entwicklung auch in anderen Bereichen wie im Sport oder in der Kunst. Der öffentliche Ärger über hoch bezahlte Menschen ist einerseits verständlich. Andererseits besteht die Gefahr, durch entsprechende Grenzziehungen gegen überhöhte Vergütungen von Spitzenmanagern einem reinen Symbolismus anheim zu fallen.

Heißt das, die Hände in den Schoß zu legen?

Tomáš Sedláček: Lassen Sie es mich an einem Beispiel erklären: Ich war damals in New York, als sich gerade die Occupy Wallstreet Bewegung dort öffentliches Gehör verschaffte. Als dann der Apple-Gründer Steve Jobs starb, legten viele Menschen in der Stadt Blumen ab. Denn nur Wenige haben grundsätzlich etwas gegen reiche Leute. Wir müssen deshalb nach den Vergütungsanreizen und –systemen fragen, um bestimmte Fehlentwicklungen zu vermeiden. Insgesamt aber sind das Finanzsystem und die großen Banken schon zu zerrüttet und gleichzeitig zu sehr ineinander verwoben, um wirklich ‚too big to fail’ zu sein.

A propos Apple oder Google. Sind große Spieler aus der IT-Industrie und dem Internet ein neuer Einflussfaktor in der Finanzindustrie?

Tomáš Sedláček: Wir leben in einer Ära, in der die Vorherrschaft der Dinge endet. Der Erfolg von Google basiert auf einem coolen Algorithmus, der sich gegenüber anderen Wettbewerbern wie Altavista durchsetzen konnte. Warum hassen die Leute Bill Gates und lieben Steve Jobs? Es ist vor allem eine Frage des Sympathiefaktors. Der emotionale Faktor spielt künftig in der Wirtschaft eine große Rolle.

Wie legen Sie selbst ihr Geld an, vertrauen Sie es noch einer Bank an?

Tomáš Sedláček: Ich persönlich bin sehr konservativ und investiere nicht. Ich nutze die Bank als Wertaufbewahrungsanstalt. Ich bin natürlich in einer privilegierten Situation, mich nicht allzu sehr um die Finanzen kümmern zu müssen. Das tschechische Bankensystem blieb übrigens von der Finanzkrise nur deshalb relativ unberührt, weil es das Geld nicht überall blind in der Welt investiert hat, sondern ziemlich überschaubar blieb. Es gibt hier deshalb kaum eine größere Aversion der Menschen gegen die Banker.

Wohin sollte sich denn unser Bankensystem hinbewegen, um Auswüchse im größeren Stil zu vermeiden, eine Finanztransaktionssteuer einführen reicht dazu wohl kaum aus?

Tomáš Sedláček: Sicherlich ist eine Transaktionssteuer nützlich. Alles, was den ungebremsten Fluss des Geldes verlangsamt, kann hilfreich sein. Aber Risiken wird es immer geben, das Problem ist nur, dass diese sich zu sehr ins System hinein verlagert haben, was eine der Hauptursachen dafür ist, dass es jetzt auf den Bankrott zusteuert. Was ich hervorheben möchte, ist vor allem die zwiespältige Rolle der Ökonomen in diesem Prozess. Denn es gibt keine unsichtbare Hand, die alles steuert. Eine wertfreie Betrachtung der Wirtschaft ist nicht möglich, es gibt Profit, es gibt Effizienz, Egoismus, Gier und viele andere Werte. Auch die angebliche Wertefreiheit an sich ist selbst ein Wert.

Welche Tugenden sind denn gefragt?

Tomáš Sedláček: Vor allem brauchen wir Distanz und Abstand zu den eigenen Überzeugungen. Die Wirtschaft zu fetischisieren, bringt uns nicht weiter. Die Selbstregulierung der Märkte ist ebenso ein Mythos wie blind an eine in Teilen sicher notwendige Regulierung zu glauben. Es gibt keinen allwissenden Markt, ebenso wenig wie den nicht orchestrierenden Orchestrator. Schon der deutsche Philosoph Nietzsche fand, dass Märkte nur menschlich seien. Wir sollten deshalb aufhören, die Ökonomie wie eine Religion zu behandeln. Den Homo oeconomicus gibt es nicht. Ein derartiger rationaler Airbag funktioniert nur solange, bis es zu keinem Unfall kommt.

Wo sehen Sie konkrete Stellschrauben für ein wie auch immer geartetes werteorientiertes Bankwesen?

Tomáš Sedláček: Mich beschäftigt vor allem die Frage, wie der Zinssatz entsteht und wie er gesteuert wird. Zinsen werden heute als rein technische Disziplin verkauft. Wie aber kommt dieser wirklich zustande, was ist angemessen? Darüber haben sich schon griechische Philosophen wie Aristoteles den Kopf zerbrochen, ohne eine klare Antwort geben zu können, nach welchen Gesetzmäßigkeiten Zinsen sich vermehren.

Was schlagen Sie vor, denn Zinsen abschaffen, kann ja wohl kaum die Lösung sein?

Tomáš Sedláček: Zinsen sind nichts anderes als ein Äquivalent, ein Ausdruck, oder auch ein Ersatz für Vertrauen. Wir können keine Zinsen für etwas berechnen, was nicht produktiv ist, denn Geld allein vermehrt sich nicht. Ein Patentrezept, wie man Zinsen vorsichtig einsetzen und steuern kann, habe allerdings auch ich nicht parat. Denn Werte lassen sich letztlich nicht exakt beziffern. Niemand kann die Zukunft voraussehen, schon gar nicht mit mathematischen Modellen. Dafür gibt es keine verlässlichen Metriken.

Interview: Lothar Lochmaier

 

Written by lochmaier

März 22, 2013 um 8:22 am

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