Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Archive for Februar 2013

Social Trading (Teil I): Wikifolio nimmt Massenmarkt ins Visier

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Mit diesem Beitrag starte ich eine längere Serie über voraussichtlich neun Teile – und zwar zum Thema Social Trading. Im ersten Teil zeige ich anhand von Wikifolio auf, wie einzelnen Plattformen allmählich den Durchbruch zum Massenmarkt zu gelingen scheint.

Im zweiten Teil (siehe unten) folgt dazu gleich ergänzend ein Interview mit den Plattformbetreibern von Wikifolio, das als „Pro-Statement“ die Chancen und das Potenzial dieser Geschäftsidee aufzeigt.

Und im dritten Teil (siehe ebenfalls weiter unten) findet sich dann abschließend zur ersten Textstrecke eine kritische Kontraposition zum Marktgeschehen (Mr. Market). Diese soll den Dialog zwischen den Lesern zu diesem sicherlich recht kontrovers diskutierten Thema in Gang bringen.

Also – Bühne frei für die ersten drei Teile der spannenden längeren Marktanalyse zum Social Trading – Randerscheinung oder bahnbrechende Entwicklung, die das klassische Fondsmangement auf den Kopf stellt?    

Wieso nicht nebenher Geld an der Börse verdienen, indem man zwischendurch mit Freunden im sozialen Netzwerk die neuesten Aktientipps austauscht. Eine verrückte Idee? Mitnichten. Bis zum 22. Januar 2013 haben Nutzer auf der Plattform Wikifolio rund 4.000 private Aktiendepots, sogenannte wikifolios erstellt. Das monatliche Handelsvolumen liegt dort mittlerweile bei mehr als 50 Millionen Euro.

Insgesamt sind damit Trades in Höhe von mehr als 250 Millionen Euro umgesetzt worden. Täglich werden durchschnittlich 1.200 Geschäfte vom System verarbeitet, sprich: Aktienkäufe. Und all dies geschieht nicht über eine Bank, sondern über eine erst vor wenigen Monaten neu gegründete Online-Plattform. Blicken wir also hinein, was an dieser Form des Aktiengeschäftes dran ist, direkt über soziale Netzwerke angebahnt und von Privat- zu Privatperson quasi „vermakelt“.

Die bisherige Erfolgsbilanz von Wikifolio klingt vielversprechend, seit der Gründung im August 2012. Ein Grund: Wikifolio forciert das Wachstum durch schlagkräftige Kooperationen mit der Börse Stuttgart, Sparkassen Broker und der OnVista Group, um so die Reichweite zu erhöhen.

Im Fachjargon nennt sich dieser Trend Social Trading, ein Kunstwort zwischen Social Media und Online Trading. Der Begriff selbst besitzt jedoch inhaltlich kein eindeutiges Abgrenzungsmerkmal. Mal versteht man darunter den informellen Austausch in Finanzforen (Beispiel: sharewise) über die Aktienanlage. Eine andere Variante besteht darin, dass Händler über spezifische Plattformen stellvertretend für den jeweiligen Anleger handeln.

Generell ist der Trend kaum zu übersehen: Social Trading ist durch die rasante Verbreitung von Facebook & Co. salonfähig und damit massentauglich geworden. Wieso sogar die professionelle Riege der Fondsmanager im Zuge dieser Entwicklung überflüssig werden könnte, darüber berichtet das Handelsblatt am Beispiel jener eingangs bereits erwähnten Social Trading Plattform Wikifolio.

Um die Dinge gerade zu rücken: Das Handelsblatt ist via VHB Ventures finanziell an der Plattform beteiligt, weshalb die Berichterstattung über Wikifolio vielleicht etwas intensiver ausfallen mag, als wenn es sich nur um ein „normales“ Startup handelte. Warum ausgerechnet ein Medienkonzern mit einem seiner wirtschaftsjournalistischen Flaggschiffe in das dehierarchisch organisierte Anlegermodell investiert, lässt sich nur mit dem Bestreben erklären, sich hier neue Erlösquellen zu erschließen.

Bleiben wir aber beim Beispiel Wikifolio: Die Betreiber übertragen das Interaktionsmodell von Facebook oder Twitter direkt auf die Geldanlage. Wie funktioniert das? Jeder registrierte Nutzer kann sein eigenes Investment-Portfolio betreuen, als Wikifolio bezeichnet. Er kauft und verkauft Wertpapiere, zwar nicht wie ein großer Fondsmanager, aber immerhin, mindestens wie ein ambitionierter Semiprofessioneller.

Dabei sind alle Aktionen für andere Nutzer transparent. Ein erfolgreiches Händchen beim Social Trading macht natürlich in der virtuellen Geldvermehrungsgemeinschaft sofort die Runde. So hängen sich andere Nutzer via Trendfolge an die bereits erfolgreichen Privathändler. Vorausgesetzt man traut sich, den ausgewählten Trader auf eigenes Risiko mit echtem Geld auszustatten, damit dieser stellvertretend handeln darf.

Das Handelsblatt schrieb im oben genannten Beitrag:

„Jeder (kann) das Zertifikat auf jedes beliebige Wikifolio kaufen. Wer auf einen erfolgreichen Trader setzt, kann damit gut verdienen. Der Anleger erhält schließlich ein aktiv gemanagtes, breit gestreutes Depot, ohne dafür einen Fondsmanager oder Vermögensverwalter bezahlen zu müssen.“

Jedoch bleibt bei diesem ersten Erfahrungsbericht im Handelsblatt unerwähnt, dass eine positive Gesamtrendite von rund 9 Prozent im Spätherbst 2012 keine außergewöhnliche Leistung per se darstellt, gemessen am DAX-Durchschnittswert, der bis zum Jahresende noch einmal deutlich zulegen konnte. Sagen wir es deutlicher: Nur wer den vermeintlich Besten, die stellvertretend für ihn handeln, permanent auf die Finger schaut, die dafür notwendige eigene Kompetenz mitbringt, um die Trader stetig zu überprüfen und bei „Versagen“ rasch auszutauschen, kann beim Social Trading auf längere Sicht bestehen.

Wer selbst schon einmal probiert hat, mit Einzelaktien zu handeln, der dürfte die folgende Erfahrung gemacht haben: Es ist und bleibt eine große Herausforderung, an der Börse konstant Geld zu verdienen. Kurz: Wem es durchschnittlich über eine längere Wegstrecke gelingt, sechs von zehn Trades mit positiver Performance abzuschließen, der beherrscht das sensible Metier.

Fazit: Man darf somit gespannt sein, wie sich das vom Handelsblatt präsentierte „Testkonto“ WF00618382 gerade unter härteren Rahmenbedingungen weiterentwickeln wird, wie etwa einer länger anhaltenden Seitwärtsbewegung, einer höheren Volatilität, oder gar einer rasch einsetzenden Kurskorrektur.

Zweiter Teil: Interview mit Wikifolio – „Wir wachsen rasant“

Dritter Teil: Interview mit Mr. Market – „Wikifolio & Co. wecken nur neue Illusionen“

Written by lochmaier

Februar 6, 2013 at 2:16 pm

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Crowdinvesting (letzter Teil IV): Wie die regulatorische Schallmauer steht oder fällt

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Im letzten Teil dieser Serie blicke ich noch einmal in die „Wundertüte“ hinein. Denn der Erfolgsradius von Crowdinvesting hängt nicht zuletzt am Tropf von Regulierungsbehörden und der staatlichen Finanzmarktaufsicht.

Dass Profi-Investoren wie Michael Thaler-Wolski von Wellington Partners in den VDI nachrichten jüngst das Crowdinvesting von Gründern kritisch sehen, verwundert nicht wirklich. Das ist schließlich ihr Geschäft. Hinter den Kulissen habe ich auch schon andere Stimmen gehört, wenngleich natürlich Startups via Crowdfunding bzw. -investing finanziert, alles andere als ein Selbstläufer sind.

Kurzum: Die Risiken sind bei der Anschubfinanzierung „unkalkulierbarer Marktideen“ immer höher als die Chancen. Bei den Profis kursiert hier immer wieder die Losung: Wenn wenigstens ein Startup groß rauskommt, dann stimmt der finanzielle Schnitt, auch wenn acht weitere Finanzierungen gleichzeitig scheitern. Und damit sind wir endgültig bei den rechtlichen Fallstricken der neuen Modelle angekommen.  

Kein Geringerer als Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook, könnte das Bankwesen mithilfe von Finanz-Apps neu bereichern, beispielsweise durch Partnerschaften wie dem „Like-Programm“ von Loyal3. Dabei handelt es sich um eine Art „Mitmach-Aktie“, die sich über Facebook am Markt platzieren lässt. Die im Netzwerk versammelten Fans einer Marke ordern ihre Unternehmensanteile dabei direkt per Mausklick und via Facebook-Zugang.

Die Einstiegshürden sind bewusst niedrig gehalten, um die Anleger zum Mitmachen zu verführen: Jedermann soll mit Anteilen ab 10 Dollar einsteigen. Spezielle Vorkenntnisse sind laut Anbieter nicht erforderlich. Auf Gebühren möchte der Anbieter sogar ganz verzichten. Wenngleich der rechtliche Rahmen von direkt über soziale Netzwerke vermakelten Unternehmensanteilen noch wenig konsistent erscheint, so stellt der unmittelbar über Facebook & Co. gesteuerte Geldkreislauf doch keine reine Zukunftsmusik mehr dar.

In den USA hat Präsident Barack Obama mit dem umstrittenen Jobs Act eine erste rechtliche Grundlage geschaffen, um die Plattformbetreiber von Crowdfunding einerseits zu regulieren, aber den Betreibern auch neue Chancen zu eröffnen, die Kreditvergabe auf größere Teilbeträge auszuweiten. Dadurch sollen sich unterschiedliche, also auch private Investoren, am Geld- bzw. Kreditkreislauf beteiligen können, in den USA üblicherweise als Equity Crowdfunding bezeichnet. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die weltweit prominenteste Crowdfunding-Plattform Kickstarter noch stärker auf den Zug der Wagniskapitalfinanzierung von Unternehmen aufspringt, orakelt jedenfalls IT-Nachrichtendienst Techcrunch.

In der Regel erfolgen derartige Crowdinvestments an einem Unternehmen allerdings gemeinsam mit weiteren Partnern – teilweise aus der Private Equity, teilweise aus dem klassischen Bankenmilieu. Dabei fungiert eine Online-Plattform beziehungsweise ein Dienstleister als Mittelsmann gegen Vermittlungsprovision, die in der Regel bis zu 10 Prozent vom vermittelten Kreditvolumen beträgt. Die Einstiegshürden für die privaten Investoren sind bei den einzelnen Plattformen analog zu der Facebook-Vision von Loyal3 meist niedrig angesetzt, mit Beträgen im drei- bis niedrigen vierstelligen Bereich.

Es kristallisieren sich zudem bereits unterschiedliche Klassen, Zielgruppen und Marktsegmente zwischen Crowdfunding und Crowdinvesting heraus. So hat die deutsche Plattform Innovestment kürzlich stille Beteiligungen gestartet. Seedmatch hat die spezifische Gruppe der Existenzgründerinnen entdeckt. Weitere Kooperationen und Spieler auch aus dem klassischen Finanzmilieu dürften folgen, um die Wertschöpfungskette vertikal wie horizontal zu erweitern. All diese Spezialisierungen gilt es, mit rechtlich fundierten Geschäftsmodellen auszustatten.

Offen bleibt die Frage, ob Banken den Trend zum professionellen Crowdinvesting ignorieren oder sich rechtzeitig anpassen, indem sie Teile davon ihre Wertschöpfungskette integrieren. Wenngleich derartige Instrumente die klassische Kreditvergabe alles andere als ersetzen, so eröffnet Crowdinvesting zumindest eine Reihe komplementärer Gestaltungselemente.

Aber: Was beim Social Sponsoring via soziale Medien noch als durchaus realistische Option erscheinen mag, scheint doch insgesamt von begrenzter Wirkung. So dürften neben kulturellen Hemmnissen vor allem haftungsrechtliche Herausforderungen die allzu rasche Integration von neuen Beteiligungsvarianten in das Kreditwesen von Banken via Crowdinvesting zumindest hinauszögern.

Parallel dazu arbeiten die Betreiber auch in Deutschland daran, die bisher als unüberwindbar geltende Hürde von 100.000 Euro je Projekt zu überwinden. Zwingend notwendig ist das amtliche Placebo der Bundesanstalt für Finanzaufsicht (BaFin). Denn ab dieser Schallmauer fällt das finanzierte Unternehmen unter die Prospektpflicht, die erheblichen Mehraufwand und Kosten verursacht. Ein kurzer Überblick über einzelne Anbieter, wie sie diese konzeptionelle Hürde handhaben:

Die Plattform Seedmatch eruierte mithilfe eines neuen Vertragsmodells einen Weg, die Verdoppelung der Obergrenze auf 200.000 Euro zu ermöglichen. Ob dieser Weg vor den Regulierungsbehörden, beispielsweise in einem später auftretenden Krisenfall, noch rechtliche Bestandskraft besitzt, bleibt vorerst offen – auch mit Blick auf trennscharfe Abgrenzungen, zum Beispiel zwischen partiarischen Nachrangdarlehen und einer stillen Beteiligung.

Die Plattform Bergfürst entschied sich für eine vollständige Banklizenz als Finanzdienstleister bei der BaFin. Diese wurde im Herbst 2012 erteilt. Die erste Emission in einer Größenordnung von voraussichtlich 2 bis 3 Millionen Euro steht nun im ersten Quartal 2013 an. Bei dieser Variante gilt es zu berücksichtigen, dass es sich hier primär um bereits etablierte Wachstumsunternehmen handelt. Umso mehr sollten Anleger das Geschäftsmodell genauer unter die Lupe nehmen, ob es sich um eine Refinanzierung, Kapitalerhöhung oder gar einen kritischen Engpass handelt – und welche Partner hier im hybriden Gestaltungsansatz im Boot sonst noch vertreten sind.

Die auf mittelständische Wachstumsunternehmen ausgerichtete Plattform Bankless24 strebt – gemeinsam mit den Partnern Fidor Bank und Creditreform Rating AG – mithilfe eines Bilanzrating-Verfahrens ein auf Genussrechten basierendes Modell an, um so auch größere Vorhaben zu finanzieren. Allerdings bleibt die Prospektpflicht trotz einer weitergehenden Standardisierung davon unberührt. Nachteil: Im Insolvenzfall sieht der Anleger bei Genussrechten nur selten sein Geld wider, da seine Forderungen ganz hinten auf der Gläubigerliste anstehen.

Die Crowdinvesting-Plattform Fundsters wirbt damit, über eine BaFin-Volllizenz plus Partnerbank – und somit über ein vollständig rechtskonformes Prozedere zu verfügen. Allerdings macht die auf der Plattform vertretene Projektmixtur zwischen Social Sponsoring, Crowdfunding und Crowdinvesting die Bewertung einzelner Vorhaben nicht einfacher.

Ein weiterer Benchmark führt ins Nachbarland: In der Schweiz hat die Plattform investiere.ch ebenfalls einen regulatorischen Weg mit Genehmigung der Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) gefunden, um Projekte mit einem Finanzvolumen im Millionenbereich zu finanzieren. Dort sind auch professionelle Investoren wie Banken, Family Offices, Corporate Venture Capitalists und Business Angels vertreten. Bis Ende 2012 sind 15 Projekte erfolgreich finanziert worden.

Aus Sicht der Anleger sollte man die Chancen und Risiken genau unter die Lupe nehmen, bevor man selbst mit einem noch so minimalen Betrag in das professionelle Crowdinvesting einsteigt. Letztlich handelt es sich – auch rechtlich gesehen – um riskantes Spielkapital, wenngleich mit einer hohen Strahlkraft. Die damit einher gehende Attraktivität, aktiv am „sozialen Paradigmenwandel“ in der Finanzbranche teilzuhaben, könnte jedoch eine Ernüchterung finden, wenn erste Firmen ins Straucheln geraten.

Aufgrund des damit einhergehenden hohen Risikoprofils mit einem möglicherweise drohenden Totalverlust sollten private Investoren umso höhere Anforderungen an die Anbieter stellen. Und: Die jeweilige Checkliste gilt es um individuell maßgeschneiderte Prüfkriterien bei der privaten Due Diligence zu ergänzen.

Crowdinvesting gleich einem Wolkenflug mit Kompass: Leistungsversprechen der Anbieter sorgfältig prüfen

> Arbeitet der Anbieter nachweisbar verlässlich und transparent?

> Sprich: Legt der Anbieter seine Ziele, Prozesse und Wertschöpfungsketten einschließlich der Risiken und Nebenwirkungen komplett offen?

> Setzt der Anbieter auf sich entwickelnde Standards oder geht er völlig neue Wege, die in einer Sackgasse enden könnten?

> Wie tief und wie genau bindet er den Kunden in die angebotenen Prozesse ein und wie passt er diese im weiteren Innovationskreislauf an?

> Wie sieht das Kosten-/Nutzenmodell des Anbieters aus?

> Wie genau sind die Aspekte Datenschutz und Datensicherheit geregelt?

> Kann der Partner die rechtlichen Vorgaben nicht nur kurzfristig einhalten?

> Greift er seinerseits in der Gestaltung von Prozessen auf Subunternehmen zu, die haftungsrechtlich nicht mehr greifbar sind?

> Wo liegen die Daten und Verantwortlichkeiten in der kompletten Wertschöpfungskette (z.B. im In- oder Ausland)?

Written by lochmaier

Februar 3, 2013 at 11:15 am

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