Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Buchvorstellung: Deutschland braucht Blogger, Blogger brauchen Germany

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Bayern braucht Deutschland, Deutschland braucht Bayern, hat es der Politikfürst Franz-Josef Strauß einmal auf den Punkt gebracht. Oder war es umgekehrt? So ist es auch mit den Bloggern, ohne ihre Leser geht es nicht, aber es muss auch die Mutigen geben, die nach vorne preschen und sich ihre Lesergruppe selbst schaffen. Nun hat die Fachhochschule Mainz ein Buch mit lebendigen Portraits unter dem Titel „Deutschland Deine Blogger“ herausgegeben.

Buchtitel_Blogger 2013

Erinnern Sie sich noch an 1973: In der Hitparade der SWR-Radiosendung Pop Shop auf Platz 1: Franz Josef Strauß, mit seinem Song: Deutschland braucht Bayern, nachzuhören ist der Hit auf Augenhöhe mit den Beatles hier auf den offiziellen Seiten vom Südwestdeutschen Rundfunk SDR History  (bis zur Seitenmitte runterscrollen und im Media Player öffnen).

Mittlerweile braucht auch Bayern Deutschland. Und damit sind wir nach dieser symbolträchtigen Einleitung beim eigentlichen Thema: >Warum es in Deutschland so schwer ist, als spezialisierter Blogger jenseits vom Mainstream erfolgreich zu sein, beschreibt Finanzblogger-Kollege Felix Salmon, der als Wirtschaftsjournalist unsere spezifisch geographischen  Befindlichkeiten einmal so zum Ausdruck gebracht hat:

Die zehn Thesen von Felix Salmon:

1. Das Internet ist eine große Gleichheitsmaschine, was dazu führt, dass selbst junge und sogar anonyme Blogger berühmt und wichtig werden können. Respektierte Professoren und einflussreiche Experten dagegen werden in der Blogosphäre oft ignoriert, weil sie nicht sagen, was sie wirklich denken, oder weil das, was sie sagen, einfach zu langweilig und vorhersehbar ist. Deutschland funktioniert genau andersherum: Hier ist man immer noch fixiert auf Status und Hierarchie.

2. In Deutschland zählt Qualifikation mehr als alles andere. Die Leute verbringen Jahrzehnte damit, die verschiedensten Diplome und Zeugnisse und Zertifikate zu sammeln, und wenn sie dann alles beisammenhaben, sorgen sie dafür, dass die Welt das weiß. Wenn man kein Papier hat, auf dem steht, dass man sich zu diesem oder jenem Thema äußern darf, dann darf man seine Meinung auch keinem anderen zumuten. Die Leser sind übrigens nicht viel anders, auch sie wollen zuerst wissen, ob der Schreiber qualifiziert genug ist, bevor sie sich dafür interessieren, was der Schreiber denkt. In der Blogosphäre dagegen ist es völlig egal, ob jemand ein zertifizierter Meinungsträger ist – was zählt, ist allein, ob die Meinungen stichhaltig, originell und klug sind.

3. In Amerika ist es den meisten Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft wichtig, was die Blogosphäre sagt – sogar einem selbstherrlichen Ökonomen wie Larry Summers, dem Chefdenker der Obama-Administration. Er liest Blogs täglich, und zwar nicht nur solche von Technokraten mit einem großen Namen. Er liest auch die Blogs von Leuten, die normalerweise kein Gehör finden würden in der Politik. Er respektiert die Stimme des Volkes, was eine sehr amerikanische Haltung ist und keine besonders deutsche.

4. Um ein guter Blogger zu sein, muss man ganz andere Dinge können als ein großer Ökonom oder Banker. In Deutschland denken die Menschen dauernd an ihre Karriere und kümmern sich eher um die Fähigkeiten und Voraussetzungen, die wichtig sind für ihren Beruf, als um die viel weniger wichtigen Faktoren, die sie zu einem guten Blogger machen würden.

5. Ein Blogger muss sich irren, wenigstens manchmal. Wenn er sich nie irrt, dann ist er nie interessant. In den meisten Ländern ist das eine der großen Schwierigkeiten für die Blogo-sphäre: Die Menschen haben Angst davor, etwas zu schreiben, das sie dumm aussehen lässt. In Deutschland ist diese Angst besonders stark ausgeprägt, weil hier jedes öffentliche Wort genau gewogen wird. Wenn du über etwas schreibst, womit du dich nicht auskennst, wirst du Angst haben, einen wichtigen Aspekt zu übersehen. Wenn du über etwas schreibst, womit du dich gut auskennst, wirst du Angst haben, dass die Leute dich nicht mehr ernst nehmen, wenn du einen Fehler machst.

6. Die Deutschen sind methodisch und systematisch und umfassend in dem, was sie tun. Die Blogger lieben Schnellschüsse, sie machen Dinge ad hoc, es ist schwer, sie festzunageln.

7. Blogger sind die natürlichen Außenseiter, sie sind sogar stolz auf diesen Status und sehen sich gern als die Einzigen, die im Angesicht der Macht die Wahrheit sagen. In Deutschland kommt man nicht besonders weit, wenn man sich zum Außenseiter erklärt, man gewinnt kein Ansehen – und Ansehen ist etwas, wonach fast alle Deutschen streben.

8. In Amerika sind es, gerade im Wirtschaftsbereich, vor allem Professoren, die bloggen – und die lieben nichts mehr, als Ideen auszutauschen und miteinander online zu diskutieren. Deutschland hat eine andere Professorenschaft, andere Universitäten und vor allem kein Blogger-Nest wie die George Mason University in Virginia.

9. Die Deutschen werden nicht arbeiten, wenn sie kein Geld dafür bekommen, und Bloggen wirkt auf sie verdächtig wie Arbeit. In Amerika verdient man mit Bloggen nur indirekt Geld, durch Ruhm und Bekanntheit, die einem der Blog bringt. Da ein deutscher Blog kaum Ruhm oder Bekanntheit bringen wird, gibt es keinen wirklichen Grund zu bloggen.

10. Die Deutschen nehmen ihre Ferien extrem ernst. Der Blogger kennt keine Ferien 

Quelle: SZ-Magazin (19-2009)  –  B wie Blog – Zehn Gründe, warum Blogs in Deutschland nicht funktionieren

Dies führt zu der Frage: Funktionieren Blogs wirklich (nicht)? Zweifellos, in der abschätzig als „Nische“ titulierten kleinen Leserecke schaffen sie sich ihren Radius. Wie der konkret aussieht, beschreibt der persönliche Report Deutschland Deine Blogger, den die Fachhochschule Mainz herausgegeben hat. Das Werk hebt sich vom sonst so nebelverhangenen akademischen Duktus ab, der viel erklärt, aber selten weiß, über welche gesellschaftlichen Internetphänomene man hier genau paraphrasiert. 

Kurzum: Wer sich mit dem Innenleben der „Bloggergemeinde“ – auch dies eines der vielen Klischees, die kursieren, beschäftigen will, findet in dem Werk eine gute Grundlage. Denn die Studierenden haben ein buntes Bild in zahlreichen Gesprächen mit Bloggern unterschiedlicher Sparten angefertigt. Vielen Dank an Maximilian Hill, der einen Beitrag auf Seite 50 über „Social Banking 2.0 veröffentlicht hat.

Die Bilanz: Manche Blogs behaupten sich als Multiplikatoren und Resonanzverstärker in einem Spezialgebiet. Anderen wiederum gelingt es, ein Thema von breitem Interesse mit einem persönlichen Blickwinkel zu verbinden. Eines aber verbindet alle: Neben der harten Arbeit im Alltag ist es die kleine oder große Leidenschaft für ein bestimmtes Thema.

Kurzum: Deutschland braucht seine Blogger wie die Luft zum Atmen – und die Blogger brauchen good old and new Germany, denn sonst folgt ihnen keiner. Und genau diese nüchterne Bestandsaufnahme führt zu einer These, die die Buchinitiatoren gerne zur Diskussion stellen möchten:

„Blogs sind erkennbar ein Nischenprodukt, das sich dann erfolgreich entwickeln kann, wenn die Nische groß genug ist und vor allem, wenn es sich mit den traditionellen Medien vernetzen und die sozialen Medien wie Facebook und Twitter für die eigene Verbreitung zu nutzen vermag. Besonders spannend sind vor diesem Hintergrund die Zukunft der Zeitungen, die durch ihren Rückgang Nischen hinterlassen, und die Entwicklung von Youtube als Plattform für Selfmade-TV. Wenn die Blogger aber keinen „schlauen“ Weg finden sollten, bleiben sie zwischen den traditionellen Massenmedien und  Social Communities eingeklemmt.“

Gibt es dazu Meinungen aus der breit gefächerten Blogosphäre, auch mit Blick auf Finanz- und Wirtschaftsblogs? Oder anders gefragt: Wie groß kann, darf und muss eine „Nische“ ( ein allerdings reichlich akademisch abgegriffener Ausdruck, denn eine Nische bemisst sich nicht nach der Größe, sondern nach der „Qualität“ und dem synergetischen Netzwerkeffekt ) sein?

Wie dem auch sei, es gibt was zu schmökern – Germany – be aware of your blogger spirit:

Andrea Beyer/Lothar Rolke: Deutschland Deine Blogger. Ein persönlicher Report aus der Blogosphäre. Mainz 2013. Preis: 12 Euro zzgl. Versandkosten. Ansprechpartner für Bestellungen

 Nina Huber, E-Mail: nina.huber@fh-mainz.de Tel: 06131.628-3418


 

Written by lochmaier

Februar 12, 2013 um 9:28 am

Veröffentlicht in Uncategorized

7 Antworten

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  1. Die Argumentation der Autoren mit der erfolgreichen Vernetzung von Blogs mit etablierten Medien widerspricht doch diametral der Aussage (und Wirklichkeit), dass Zeitungen durch ihren selbstversachten Rückgang jede Menge Nischen hinterlassen. Tatsächlich gibt es Nischen (oder offen stehende Scheunentore) en Masse wo sich Blogger breit machen (können). Speziell im Wirtschafts- und Finanzbereich ist die Nische offenbar so groß, dass sich eine dreistellige Zahl von Blogs dort nicht in die Quere kommt. Und Platz ist noch jede Menge vorhanden, von daher ist heute ein guter Tag einen Finanzblog auf zu machen!

    Marc Schmidt

    Februar 12, 2013 at 10:01 am

    • Hallo Kollege,

      sehe ich ähnlich, wenngleich die Monetarisierung hohe Hürden aufwirft. Aber fragmentierte Öffentlichkeiten bergen viele Chancen. Der Begriff Nische ist hier fehl am Platz, denn er dient ja nur als verbales Spiegelbild der „Massenmärkte“, genau die können gerade Finanzblogs nicht bedienen. Insofern also eine absurde Argumentation. Fazit: Die Nische ist immer „klein“, wäre sie es nicht, kann der Autor gleich wieder einpacken – darin liegt ja der Reiz (im Gegensatz zu Fashionblogs, Gimmicks und Promiseiten). Ich plädiere nun im salomonischen Schulterschluss für eine neue, geniale akademische Wortschöpfung aus der Feder von Social Banking 2.0: Blogs können (über)leben im „Massennischenmarkt“.

      lochmaier

      Februar 12, 2013 at 10:31 am

  2. Schöner Beitrag Lothar. Ich glaube zur re:publica mache ich auch einmal eine neue Bestandsaufnahme.

    Ich weiß nicht genau, ob Deutschland Blogs möchte. Die Vorbehalte sind immer noch da. Ich glaube aber, dass Blogs gebraucht werden als Korrektiv, als Ergänzung.
    Heute kann kaum jemand sagen, über bestimmte Fachthemen gäbe es keine Informationen mehr im Netz. Dennoch läuft die Mainsrtreamversorgung stets über die Gatekeeper. Daran werden wir nicht viel ändern. Aber diese Gatekeeper lassen immer mehr durch aus der Blogszene. Natürlich kann das noch mehr werden. Aber es ist schon mehr als noch vor drei Jahren.

    Dirk Elsner

    Februar 12, 2013 at 11:39 am

    • @Dirk: Bei Finanzblogs gibt es im Unterschied zu anderen Genres und Branchen noch ganz spezifische Hürden, vor allem, weil das Thema Geld sehr unangenehme Wahrheiten beinhaltet, das die erreichbare Zielgruppe weiter eingrenzt. Im Klartext. Hier mit den Wölfen zu heulen und mit tollen Überschriften (Über Nacht reich oder alle Schulden los) gerade als Finanzblog um die Leserschaft zu buhlen, kann nicht viel bringen, außer alten Wein in neuen Schläuchen. Klar ist umso mehr, dass die Gatekeeper einerseits bleiben werden. Dennoch lässt die Nische Luft zum Atmen, sofern es hier zu konkreten Synergien kommt, was harte Arbeit und viel Ideenreichtum erfordert.

      lochmaier

      Februar 12, 2013 at 12:08 pm

  3. […] Social Banking 2.0: Buchvorstellung: Deutschland braucht Blogger, Blogger brauchen Germany […]

  4. […] finden die Börsenblogger in einem Leserkommentar auf meinen letzten Beitrag: Buchvorstellung: Deutschland braucht Blogger, Blogger brauchen Germany. Dem kann man nur zustimmen, denn Finanzblogs sind eine meiner zehn “Killerapps”, die […]

  5. […] Buchvorstellung: Deutschland braucht Blogger, Blogger brauchen Germany […]


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