Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Bürgerkredit 2.0 (Teil II): Interview mit leihdeinerstadtgeld

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Was leistet Crowdfunding für die Kommune? Darüber habe ich mit  Jamal El Mallouki gesprochen, Geschäftsführender Gesellschafter der LeihDeinerStadt Geld GmbH, einem Online-Portal, das sich die „verbraucherorientierte Information“ zu diesem neuen Geschäftszweig auf die Fahnen geschrieben hat.

Social Banking 2.0: Was können derartige Plattformen im lokalen bzw. genauer kommunalen Sektor angesichts oftmals klammer Finanzkassen denn leisten, was nicht?

Jamal El Mallouki: Crowdfunding-Plattformen für Kommunen können die Vorteile des Internets nutzen, um der breiten Öffentlichkeit einen neuen Zugang zu bürgerschaftlichem Engagement zu ermöglichen. Durch eine plakative und gleichzeitig umfängliche Darstellung einzelner Projekte im Internet, wird den Menschen nicht nur die Unterstützung vereinfacht. Durch die unmittelbar entstehende Transparenz entwickeln die Bürger auch ein Kostenbewusstsein für die Aufgaben einer Kommune und fördert einen konstruktiven Dialog zwischen Stadtführung und Bürgern.

Fraglich ist, ob Crowdfunding-Plattformen allein den notwendigen gesellschaftlichen Diskurs über die eine stärkere Einbringung des einzelnen Bürgers und der Übertragung kommunaler (freiwilliger) Aufgaben an die Bürger einleiten können. Dieser ist jedoch angesichts der demografischen Strukturen unerlässlich.

Welches Konzept verfolgt „LeihDeinerStadtGeld“ gerade mit Blick auf kommunale Bezüge und die Gemeinden, sind Projekte dazu bereits am Laufen und/oder geplant?

Ziel von LeihDeinerStadtGeld ist es die Bürger als Gläubiger der Gemeinden stärker für kommunale Themen zu interessieren. So haben wir es rechtlich und technisch ermöglicht, dass Bürger Kommunen Geld zu vorher vereinbarten Konditionen leihen können.

Uns ist wichtig, dass die Menschen sehen können, wie viel der Bau des Kindergartens um die Ecke kostet, wie hoch der monetäre Aufwand für die Renovierung der Schule vor Ort ist oder wie viel in eine moderne Ausrüstung der freiwilligen Feuerwehr investiert werden muss. Nur wenn wir als Bürger ein ausgeprägtes Kostenbewusstsein entwickeln, können wir Finanzentscheidungen in der Kommune treffen bzw. nachvollziehen. Der Bürgerkredit dient so auch als plakatives Informationswerkzeug einer Gemeinde.

Eine Bürgerbeteiligung in Form von Bürgerkrediten darf für die durchführende Kommune wirtschaftlich jedoch keinen Nachteil zu vergleichbaren Bankkrediten und administrativ keine zusätzlichen Personalressourcen bedeutet. Nur wenn dies beachtet wird, kann man die Verwaltung in die Pflicht nehmen, den Weg des Bürgerkredits auch zu beschreiten.

Unser Pilotprojekt in Oestrich-Winkel, bei dem die Anschaffung von Funkgeräten der Feuerwehr finanziert werden soll, zeigt, dass die Bürger bereit sind in ihre und andere Kommunen zu investieren, wenn ihnen das passende Werkzeug zur Verfügung steht. Das hat nun auch andere Bürgermeister und Kämmerer auf den Plan gerufen, die den Bürgerkredit nutzen wollen.

Welche Kooperationsformen mit kommunalen Partner versprechen Erfolg?

Eine Frage, deren Antwort noch erst gefunden werden muss. Unserer Erfahrung nach, ist eine wichtige Voraussetzung, dass der Kapital- und Ressourceneinsatz der Kommune, zumindest anfänglich, so gering wie möglich sein muss, um ein neuartiges Finanzierungskonzept etablieren zu können.

Wie muss eine seriöse Plattform agieren, beziehungweise, gibt es denn auch „schwarze Schafe unter den neuen Internetplattformen zum Bürgergeld?

Die Anforderungen an eine seriöse Plattform ist im Grunde ganz einfach: Sie muss transparent, verständlich, nachhaltig und mit der notwendigen Ernsthaftigkeit betrieben werden. LeihDeinerStadtGeld leistet hierbei Pionierarbeit und setzt Maßstäbe, an denen sich zukünftige Wettbewerber messen lassen müssen. Noch gibt es keine schwarzen Schafe, da LeihDeinerStadtGeld weltweit die einzige Bürgerkreditplattform ihrer Art ist.

Bleibt das Phänomen Crowdfunding im kommunalen Sektor eher eine Randerscheinung, oder kann es ein ergänzendes Instrument der Kapitalbeschaffung darstellen? Wenn ja, wie sähe das ideale Modell dazu ggfs. aus?

Crowdfunding in Kommunen steht noch am Anfang. Das liegt nicht zuletzt auch an höheren Eintrittsbarrieren als bei Crowdfunding in anderen Bereichen. So sind Entscheidungswege in der Kommune länger – der notwendige Atem für Plattformbetreiber größer.

Wir haben mit LeihDeinerStadtGeld aber gezeigt, dass Crowdfunding (-lending) im kommunalen Sektor funktionieren kann und tatsächlich eine praktikable Alternative zu konventionellen Bankenfinanzierungen darstellt. Ob Crowdfunding sich im kommunalen Sektor etabliert, ist in erster Linie abhängig davon, ob Bürger und Kommunen diese Alternative für sich entdecken und zu nutzen wissen. Hierbei können und müssen wir durch aktive Aufklärungsarbeit unterstützen.

Natürlich muss man in diesem Zusammenhang auch die unterschiedlichen Definitionen von Crowdfunding (= überwiegend Spenden im Netz) unterscheiden, versus Crowdinvesting und Crowdfinance (= unternehmerische Beteiligungen mit Chancen und Risiken). Was könnte hier der Königsweg oder -die -wege sein?

Ob es einen Königsweg gibt, vermag ich heute noch nicht zu beurteilen. Wir von LeihDeinerStadtGeld fokussieren uns auf ein wirtschaftlich nachhaltiges, bürgernahes Finanzierungsmodell für Kommunen. Das kann eine reine Spendenplattform in Deutschland noch nicht leisten.

Interview: Lothar Lochmaier

Written by lochmaier

Dezember 13, 2012 um 10:22 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

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  1. Fraglich ist, ob das Portal von den Entscheidungsträgern der Gemeinden angenommen wird. Denn schließlich müssen sie sich diesen Zugang zum Geld mit einer gewissen Transparenz erkaufen. Und die Erfahrung zeigt, dass Transparenz nicht unbedingt deren Stärke ist…

    Thomas

    Dezember 19, 2012 at 12:55 pm


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