Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

FTD vor dem Aus: Wo liegt die Zukunft des Wirtschaftsjournalismus?

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Auch in der Blogosphäre wird das mutmaßliche Aus der Financial Times Deutschland zum Anlass genommen, intensiv über die Zukunft des Wirtschaftsjournalismus zu debattieren. Hier nun meine Sichtweise, was ich unter einem innovativen Geschäftsmodell verstehe. Eines ist klar: Die neue Geldkuh bei digitalen Formaten steht nicht auf der grünen Wiese herum. Trotzdem sehe ich viele Chancen, freilich erst nach einer (selbst)-kritischen Bestandsaufnahme der existenten Defizite.    

Wer nun anhand einer offensichtlichen Sinnkrise eilfertig das Ende des Wirtschafts- und Finanzjournalismus in der bisherigen Funktionsweise proklamiert, übersieht eines: Nämlich, dass erprobte Alternativen kaum auf der Hand liegen. Denn die Existenzkrise relativiert sich dadurch, wenn man Leitmedien nicht in erster Linie als „höhere moralische Bildungsanstalt“ begreift, sondern in erster Linie als einen Wirtschaftsbetrieb ansieht, der den jeweils herrschenden Spielregeln verpflichtet ist. Dies bedeutet ein Stärken-Schwächen-Profil, das folgende Aspekte umfasst:

  • Die Wirtschaftsberichterstattung lebt vom Massengeschmack, nicht von den Randmeinungen
  • Es dominiert der Fokus auf die Global Player in der Wirtschaft
  • Das Gros der Finanzmeiden huldigt dem Herdentrieb an der Börse
  • Home Stories sind glatt und langweilig
  • Eine differenzierte Sicht auf die Wirtschaft interessiert nur wenige Leser
  • Eine „Sowohl-als-auch“-Tendenz in der Berichterstattung erscheint langweilig
  • Der zweite Blick hinter die Nachricht findet kaum statt
  • Schwindet der Einfluss klassischer Wirtschaftsjournalisten auf die Unternehmen und umgekehrt?

Wo aber liegt die Zukunft? Das Handelsblatt richtet sich stärker in Richtung Boulevardplatz aus, mit durchwachsenem Erfolg, denn valide Zahlen zum Erfolg sind schwer zu bekommen. Fest steht: Mit technischen Lösungen allein im Zuge einer Modernisierung der redaktionellen Prozesse und Abläufe lässt sich kaum ein neues tragfähiges Geschäftsmodell generieren.

Manche sehen mobile Endgeräte wie das iPad, mit deren Hilfe die Leser bequem und zeitnah Informationen abrufen können, als neue Heilsbringer an. Jedoch entbindet dies die Verantwortlichen nicht von der brennenden Frage, mit überzeugenden Inhalten beim Leser zu punkten, gerade wenn es um neue Bezahlmodelle im Netz geht.

Eine Blaupause für ein funktional logisches Geschäftsmodell scheint hier bislang nirgendwo erkennbar. Somit bleibt es fraglich, für welche Qualität der Kunde bereit ist zu zahlen, wenn andernorts – etwa in der Blogosphäre oder auf weiteren einschlägigen Seiten – sich die Inhalte genauso gut aufspüren und nachvollziehen lassen.

Aber auch das von Medienmachern gelegentlich ins Spiel gebrachte Credo, alternativ mit kostenlosen Inhalten plus flankierender Werbung zu punkten, erweist sich kaum als ziel führende betriebswirtschaftliche Lösungsformel.

Fest steht vielmehr, dass sich die Grenzen zwischen Innen- und Außenwahrnehmung beim kollaborativen Journalismus weiter auflösen werden. Der inhaltliche Megatrend zur Differenzierung am Markt besteht darin, neue Wege im konstruktiven Kapitalismus aufzuzeigen. Lesercommunities und eine dadurch erhöhte Dialogbereitschaft gehören nicht nur zur schicken Fassade, wenn Macher und Rezipienten sich auf Augenhöhe begegnen.

Eine deutlich bürgernahere und weniger hierarchisch gruppierte Wirtschafts- und Finanzberichterstattung dürfte die Folge sein, bei der sich Fach- und Gastbeiträge um aktive Feed back-Elemente über unterschiedliche Frequenzen und Kanäle ergänzen. Wohl gemerkt, es geht hier nicht darum, den „Bürgerjournalismus“ als neue seligmachende Alternative zu glorifizieren.

Social Media: Versierte Blogformate hauchen frisches Leben ein

Unzählige Blogs und Beiträge in sozialen Netzwerken zeigen das große Spektrum an Ideen und Meinungen auf, anhand derer sich die Leser neben den Massenmedien, die das große Bild weiterhin prägen, ein intensives Bild über die aktuellen Geschehnisse und deren Hintergründe machen können.

Natürlich führt die steigende Zahl von Blogformaten auch dazu, dass die Ware Information zum rasch veröffentlichten und oftmals wenig aussagekräftigen Allgemeingut wird – und indirekt den medialen Überfluss sogar weiter befördert. Jedoch geht es in diesem Szenario nicht darum, klassische Medien durch individuelle Blogs gänzlich zu ersetzen, sondern diese hinter dem „Eisernen Vorhang“ hervorzuholen und durch vielseitige Blickwinkel von gewissen Erstarrungsritualen und Schablonen zu befreien.

Zweifellos spielen profilierte Wirtschafts- und Finanzblogs künftig zumindest in der qualitativ hochwertigen Nische eine prägende Rolle, dessen Charme sich auch der mediale Durchschnitt nicht entziehen wird. Eine visionäre Entwicklung in Richtung „Wirtschafts- und Finanzjournalismus 2.0“ scheint greifbar, die ihren Markt von den medialen Rändern her ausweitet. Einige Online-Portale mit Blogcharakter kombinieren bereits heute auf geschickte Art und Weise die Welt der Nachrichten mit hintergründiger Berichterstattung. Sie gehören auch zu den von gängigen Leitmedien immer öfters zitierten Quellen, wenn es sich um exklusive Geschichten oder persönlich eingefärbte Hintergrundberichte handelt.

Fazit: Einbahnstraßenkanäle und selektives Nachrichtenmanagement mit vermeintlich exklusiven Geschichten verlieren angesichts einer neuen Medienvielfalt an Gewicht. Zweifellos verstärkt sich dadurch der Trend zum personalisierten Wirtschafts- und Finanzmedium im Netz, mit einer weiteren Vertiefung in Richtung Themen- und Spartenkanäle, die der geneigte Leser in einer Art Baukastenprinzip individuell konfigurieren kann.

Dies führt dazu, dass gerade die Leitmedien nicht umhin kommen, neue Spieler wie Blogs, soziale Medienkanäle oder andere vermeintlich rudimentäre Nachrichtenseiten ernst zu nehmen und sukzessive kreative Spielelemente in ihr eigenes Geschäftsmodell einfließen zu lassen.

Dadurch wächst die Nische für „echte“ Geschichten, mit unterschiedlichen Akteuren und Unternehmern zum Anfassen. Die Berichterstattung bewegt sich damit partiell, verstärkt durch den sozio-ökonomischen Paradigmenwandel in der Finanzwelt, weg von Stereotypen und Hochglanzbildern, zumindest wenn diese einer genaueren Überprüfung durch die Gesellschaft nicht mehr stand halten.

Dieser Trend birgt für die künftige Generation von Wirtschafts- und Finanzjournalisten eine große Chance in sich, indem sie neuen Charakter einer ungleich stärker vernetzten Ökonomie 2.0 in seiner ganzen medialen Vielfalt wider spiegelt und aktiv begleitet. Eine Studie von Deutsche Bank Research zum Umbruch im Verlagswesen[1] bündelt diese Einschätzung in der Überzeugung, dass sich die Trennlinie zwischen Medienkonsument und Medienmacher über dezentral gruppierte Kommunikationskanäle, die sich mit Begrifflichkeiten wie Social Media und anderen dezentralen Medienformaten verbinden, weiter auflösen wird. Für so manchen war dies bisher ein Satz aus der grauen Forschungstheorie, ohne Relevanz für die tägliche Arbeit. Mit dem Aus der FTD, das vielschichtige Ursachen hat, erhält diese These neue Nahrung.

Nicht nur eröffnet dieser Umstand seitens der Wirtschafts- und Finanzmedien die Chance, jenseits von modischen Accessoires eine bi-direktionale Beteiligungswelle mit effizientem Zuschnitt einzuleiten. Das neue Rollenspiel bietet darüber hinaus die Option, die eigene Wertschöpfungskette gründlich an die neuen Erfordernisse anzupassen sowie belebende Konzepte daraus zu entwickeln.

Daraus könnten schließlich neue Formate und Opportunitäten erwachsen, um das eigene Profil, die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Verweildauer zu schärfen oder gar zu erhöhen. Eine deutlich größere Medienvielfalt von unten bietet somit gerade für Fachverlage, aber auch für versierte und offene Wirtschafts- und Finanzjournalisten die Chance, sich über Mehrwertdienste am Markt zu (re)differenzieren.


[1] Siehe dazu DB Research: Verlage im Umbruch – Digitalisierung mischt Karten neu v. 30.10.2010. 

Written by lochmaier

November 21, 2012 um 3:02 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

2 Antworten

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  1. […] Social Banking 2.0: FTD vor dem Aus: Wo liegt die Zukunft des Wirtschaftsjournalismus? […]

  2. […] Lochmaier glaubt an die Zukunft der Blogs. Die Bloggerszene, auch die Wirtschaftsbloggerszene, zeigt meiner Meinung nach, dass Qualität […]


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