Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Energiewende von unten: Wie erfolgreich ist die Weisheit der Vielen?

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Gestern war ich auf der Jahreskonferenz des Rats für Nachhaltigkeit in Berlin. Dort wurden nicht nur die Wunden der vielen verpassten Chancen nach dem Rio+20 Gipfel geleckt, sondern auch über neue Themen diskutiert. Neben den Placebo-Diskussionen war für mich die Energiewende von unten spannend, bei der allerdings unklar ist, ob es sich um einen medialen Hype handelt, oder um einen nachhaltigen Aufbruch.

Zunächst kurz und trocken meine Bilanz: Da die Energiewende von oben nicht mehr funktioniert, darf oder muss jetzt der Bürger ran, um die Kohlen aus dem Atomfeuer zu holen – und sie von unten einzuleiten. Denn sonst akzeptiert das Stimmvolk höhere Strompreise nie, so das politische Kalkül (von oben) dahinter.

Bleiben wir aber etwas auf der sachlicheren Linie jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei. Es tut sich tatsächlich einiges, Bürgerbeteiligung ist plötzlich en vogue. Bürger- und Solarwindparks, genossenschaftliche Beteiligungsmodelle und vieles mehr liegen im Trend. 

Der Bundesverband Windenergie e.V. (BWE) sieht darin gar eine „demokratische Alternative zur konventionellen Energieerzeugung. Das Konzept ermöglicht es den Menschen in den Kommunen, sich gemeinsam aktiv an der lokalen Energiepolitik zu beteiligen.“ Wie die einzelnen Modelle konkret gestrickt sind, kann man einer ausführlichen Broschüre Windenergie in Bürgerhand entnehmen.

Allerdings ist es mit dem Slogan „Energie aus der Region für die Region“ so eine Sache, denn es gibt auch scharfe Auseinandersetzungen um den richtigen Weg vor Ort. Biogasanlagen auf industrieller Basis, Konflikte um den Naturschutz, Streit um die Raumplanung, Gefechte um den Königsweg zwischen einzelnen erneuerbaren Ressourcen – dies sind nur einige schwelende Konfliktfelder. 

Trotzdem herrscht derzeit geradezu eine euphorische Aufbruchstimmung wie vor der Wende in der DDR. Sogar die Banken sind jetzt voll bei der Sache. So gab Hauptgeschäftsführer Michael Kemmer vom Bankenverband in der Börsenzeitung zu Protokoll: „Für dezentrale Energieprojekte bieten sich darüber hinaus finanzielle Bürgerbeteiligungen an. Energiesparbriefe oder Genussrechte haben doppelten Nutzen: Nicht nur die Finanzierung wird gewährleistet, sondern auch die Akzeptanz von Bauprojekten erhöht.“

Schaun’mer mal, ob diese Rechnung auch jenseits von Genussscheinen made by Prokon aufgeht. Denn der Bürger hält hoffentlich nach soliden Investments Ausschau, und nicht nach dem Rattenfänger von Hameln, der plötzlich im hippen Ökogewand den Bürgern die neue Zielrichtung vorflötet.

Klar ist, die beiden Minister Altmaier und Rösler sollen die Öffentlichkeit am Monitoring-Prozess zur Energiewende von unten beteiligen. Da wird es viele Kommissionen und noch mehr hübsche Protokolle geben. Wie es tatsächlich um die Chancen einer von unten eingeleiteten Energiewende, die von oben orchestriert oder fallweise abgesegnet wird, und welche Felder sich zur Bürgerbeteiligung eignen, bedarf natürlich einer genaueren Betrachtung. Das werden aber nicht nur die Eliten entscheiden.

Damit sind wir beim Thema: Denn der auch in Netzaffinen Kreisen nicht ganz unbekannte „Störenfried der geistigen Sattheit und innerbetrieblichen Arroganz“, man verzeihe mir diese verbale Zuspitzung, gemeint ist Prof. Peter Kruse -, er präsentierte gestern einige interessante Forschungsergebnisse, die man mitsamt Hintergrundmaterial in einer Pressemitteilung der von ihm gegründeten Unternehmensberatung nextpractice genauer unter die Lupe nehmen kann. Hier geht es zum Download: Bürger wollen mehr Mitsprache bei der Energiewende

Ich fasse mal – statt langer Erklärungen – das Allerwichtigste aus seinem gestrigen Vortrag beim Rat für Nachhaltigkeit im Spotlight zusammen. Laut nextpractice ergeben sich anhand einer intensiven qualitativen Befragung von 200 Bundesbürgern (huch, das ist ja gar nicht repräsentativ) drei relevante Zielkorridore, die ineinander greifen sollten.

Erstens: Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit. Zweitens: Umweltschutz und Ressourcenschonung. Drittens: Beteiligung und Bürgerengagement. Die drei folgenden Elemente aus dem verdichteten Stimmungsbild stellen laut Kruse das unverzichtbare Koordinatenkreuz und die quasi systemische Voraussetzung für das künftige Gelingen der Energiewende dar. Das stellt zwar kein komplettes Bild des bundesdeutschen Gemütszustands dar, bietet aber wichtige Orientierungspunkte zur „emotionalen“ Befindlichkeit gegenüber der Energiepolitik.

Die Bundesbürger stellen laut Prof. Peter Kruse den Regierungen der letzten 20 Jahre ein schlechtes Arbeitszeugnis aus. Foto: Lothar Lochmaier

Erste Achse der Energiewende: Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit

Was die Bürger wirklich wollen

– Engpässe und Netzschwankung voll im Griff haben

– Durch Renditeorientierung die Produktivität steigern

– Mit Großanlagen Bezahlbarkeit von Energie erhalten

– Energietransport und -versorgung zusichern können

– Klares Energiekonzept entwickeln und durchhalten

Was die Endverbraucher ablehnen

– Risiko von Ausfall und Mangelversorgung eingehen

– Ökonomisch ineffiziente Stromerzeugung befürchten

– Strom mit Subventionen sozial ungerecht verteuern

– Ohne strategisches Konzept nervös drauflosagieren

Zweitens: Umweltschutz und Ressourcenschonung

Was die Bürger wirklich wollen

– Unbegrenzt verfügbare regenerative Quellen nutzen

– Ökologische Schonung von Ressourcen priorisieren

– Mit geringem Energieverbrauch einen Beitrag leisten

– Umweltschonende Energieerzeugungen präferieren

– Weitsichtig an die zukünftigen Generationen denken

– Klima belastende Schadstoffemissionen reduzieren

– Als Kunde auf Energiemix Einfluss nehmen können

– Aktiv an Suche nach Zukunftslösungen teilnehmen

– Vorreiterrolle bei neuer Energietechnik übernehmen

– Energiequellen ohne Risikorückstände bevorzugen

– Nur moderne und risikoarme Technologie einsetzen

– Nachhaltig gute Kosten-Nutzen-Relation anstreben

– Bewusst auf Verbrauch und Energieeffizienz achten

Was die Endverbraucher nicht befürworten

 – Langzeitrisiko und Gefahr billigend in Kauf nehmen

– Ohne Rücksicht auf Verluste Umwelt verschmutzen

– Die Begrenztheit von Ressourcen einfach ignorieren

– Umgebung und Klima mit CO2-Emissionen belasten

– Erde ausbeuten und hässliche Narben hinterlassen

– Verschwenderisch unachtsam Energie verbrauchen

– In erster Linie Kunden abzocken und Profit erhöhen

– Als Verbraucher unreflektiert billige Anbieter wählen

– Einfach bequem bestehende Lösungen beibehalten

– Zu alte ineffiziente Energietechnologien beibehalten

– Begrenzte Ressourcen plan- und sinnlos ausbeuten

– Ohne echten Gegenwert hohe Preise durchdrücken

– Mit günstigem Strom als Massenware Profit machen

Ohne Worte. Foto: Lothar Lochmaier

Drittens: Beteiligung und Bürgerengagement

Was die Bürger wirklich wollen

– Unabhängigkeit von den Stromkonzernen erhöhen

– Selbst die Verantwortung für Ökostrom übernehmen

– Souverän und unabhängig Einfluss nehmen können

– Konsumenten die volle Kostenkontrolle ermöglichen

– Mit mehr Wettbewerb und Effizienz Kosten dämpfen

– An den Interessen der Bürger ausgerichtet handeln

– Vor Ort die Energie zum Eigengebrauch produzieren

– Mensch und Umwelt klar vor den Eigennutz stellen

– Dauerhaft sozial vertretbare Strompreise garantieren

– Verantwortungsvoll und sparsam mit Strom umgehen

– Unbeeinflusst von den Lobby-Interessen informieren

Was die Endverbraucher ablehnen

– Unmündig bei den Anbietern nichts zu melden haben

– Intransparente Selbstbedienungskartelle akzeptieren

– Keinen Einfluss auf Preisgestaltung nehmen können

– Mit Fachchinesisch die Zusammenhänge vernebeln

– Mit purer Geldmacherei den Kapitalmarkt befriedigen

– Als Verbraucher völlig von Konzernen abhängig sein

– Für Versorgungssicherheit Monopolstruktur zulassen

– Generell Wirtschafts- und Machtinteressen verfolgen

– Information zurückhalten und Situation schönreden

– Mit willkürlicher Preispolitik Betrugsgefühle erzeugen

– Mit gezielter Irritation eigene Interessen durchsetzen

Quelle und Copyright: nextpractice GmbH

Fazit: Ein bisschen Liquid Feedback reicht nicht aus

Die eine Seite der Medaille lautet: Es gibt leider kein einfaches Softwaretool, das den schwierigen Interessenausgleich der Energiewende von unten dramatisch beschleunigen könnte. Ein bisschen Liquid Feedback reicht jedenfalls definitiv nicht aus, um den Prozess vor Ort verlässlich zu moderieren. Das bestätigt auch Peter Kruse.

Es gibt aber auch eine gute Nachricht jenseits von einem nun deutlich verstärkten Medienhype: Die Energiewende gelingt nur dezentral – oder aber sie wird vom Bürger gleich ganz blockiert.

Folglich sind sich alle Experten in einer Frage einig: Man kann die Energiewende nur ausprobieren. Technologische Werkzeuge tragen allenfalls dazu bei, den Moderationsprozess zu optimieren, sie können aber nicht prinzipiell den Weg für den dafür erforderlichen Interessenausgleich bereiten.

Dies erfordert vom durch das Mitmachweb getragenen Diskurs mehr Kompetenzaneignung der lokalen Gestalter. Sie müssen über den Tellerrand hinaus schauen und ihre Projekte nicht nur im Kontext einer kuscheligen Kleingärtnermentalität mit Ökotouch betrachten. Rechenschaftspflichtig sind alle Interessengruppen.

Anders herum betrachtet hat der Bürger als ständig dazu lernender Energieexperte eine klare Botschaft nach oben signalisiert: Wir wollen die Energiewende mitgestalten, sofern diese auf dezentralen Prinzipien basiert und wir nicht nur als billige Bühnenkulisse da sind, um die Beschlüsse der Regierenden oder von Stromkonzernen formal abzunicken.

Literatur: Der Schockwellenreiter hat ein kleines Wiki zur Energiewende von unten eingerichtet. Das mehr als latent vorhandene Konfliktpotential in den 16 deutschen Bundesländern beschreibe ich in einem aktuellen Artikel in den VDI nachrichten zur Energiewende: Länder bremsen Netzintegration und Ausbau auf nationaler Ebene.

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Written by lochmaier

Juni 26, 2012 um 8:14 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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