Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Cofunding: Wer das Geld hat, besitzt die Gestaltungsmacht

with one comment

Am letzten Freitag ging nicht nur die re:publica zu Ende, sondern auch die spannende Subkonferenz co:funding . Die Bilanz fällt gemischt aus: In Deutschland ist erst einmal das „Kästchendenken“ groß geschrieben, in jeder Hinsicht. Es mangelt vor allem an einer klaren Vorstellung, welches jeweilige Modell dazu dient, Gewinn zu erzielen, und welches dazu, vor allem Spenden für Projekte einzusammeln, zumal einige hybride Plattformen auch zwischen Rendite und Gemeinnützigkeit schwanken.

Ich war gestern mit Führungskräften der französischen Bank Credit Agricole in Berlin unterwegs, es gibt viele Ideenansätze  in Banken,wie man künftig mit dem Kunden über seine Produkte kommunizieren kann, statt sie ihm nur zum billigen Abnicken vorzusetzen. Aber die Führungskulturen der Jungen und Arrivierten werden wohl nicht nur in Europa noch richtig aufeinander prallen, wohl dem, der hier frühzeitig auf einen umsichtigen Generationenmix in der Managementkultur zusteuert.

Nach einer längeren Diskussion, wie sich die (Social) Bank der Zukunft in Richtung Social Media aufstellen sollte, gingen wir anschließend essen im Zagreus, inmitten einer Kunstausstellung mit Fotos von diversen Zeppelinen, quasi mit der Speisekarte der letzten Hindenburg, die dann 1938 explodiert ist. Übrigens: Das Projekt wurde  – ebenso wie die Freiheitsstatue in New York – „crowdgefunded“.

Damit sind wir schon beim eigentlichen Thema, auf das mittlerweile sogar Thomas Gottschalk in seiner täglichen Vorabendshow setzt, statt nur Stars einzuladen, denen selbst das eigene Essen längst zum Halse raushängt. Alle Macht gehört dem Volk, was hier kein Ausruf zur blinden sozialistischen Subversion sein soll, sondern die Chance, die Geldvergabe von unten nach oben zu denken. Siehe dazu mein Brief an Thomas Gottschalk vom 03. Februar 2012: Wie die Generation “nicht abwärts kompatibel” tickt.

Da war bei Thomas Gottschalk zum Beispiel eine 11-jährige Schülerin eingeladen, die um finanzielle Unterstützung warb, damit Schülerinnen die hohe Kunst der Selbstverteidung erlernen, um sich gegen männliche Überfälle besser zur Wehr zu setzen. Damit steht fest: Crowdfunding ist ein massentaugliches Phänomen geworden, mit allen Licht- und Schattenseiten.    

In diesem Jahr zählte die co:funding 7oo Teilnehmer, was das Doppelte im Vergleich zum Vorjahr entspricht und auch das Medieninteresse an der Konferenz sowie an den Themen Crowdfunding und Crowdinvesting wächst zunehmend.

Ich sehe die Entwicklung der einzelnen Segmente beim Crowdfunding bzw. Crowdinvesting  jedenfalls sehr differenziert, weder ist alles Neue automatisch Gut, aber auch nicht alles langjährig Vorhandene. Wie polarisiert die Diskussion sich zeigt, wurde auch auf dem Podium der re:publica deutlich, auf der neben mir etwa auch der Finanzblogger Boris Janek saß, der seine Eindrucke via Finance 2.0 hier zusammen gefasst hat: Was mich nervt.  Vor allem die Kommentare unterhalb des Beitrags kann ich jedem Leser nur empfehlen. 

Vor allem bedarf es – statt einer TV-tauglichen Polarisierung – einer konstruktiven Auseinandersetzung mit neuen Phänomenen, jenseits vorgefertigter Schablonen. Umso mehr  braucht es dazu die Aufklärung in der Öffentlichkeit, um beim Crowdfunding jenseits des Hypes um Topbands und Spitzenfilmprojekte eine klare Vorstellungswelt zu erzeugen.  

Ich denke, dass es hier viele Lektionen zu lernen gibt, die neue Netzkultur genauso wie die „Genossenschaftsbanken“, Sparkassen und andere Finanzdienstleister. Banken scheuen Crowdfunding jenseits von Marketing und Social Sponsoring, und das Crowdinvesting erst recht wie der Teufel das Weihwasser.

Natürlich gibt es auch einleuchtende haftungsrechtliche Motive, die jedoch kein hinreichender Grund sind, das Thema Crowdinvesting ganz von der Agenda zu kippen. Wer von der anderen Seite in das offene Spielfeld blicken will, kann sich via Euromoney einen ausführlichen Eindruck verschaffen, warum Crowdfunding bzw. genauer -investing das traditionelle Kreditgeschäft von Banken bedroht.

Andererseits schadet der Hype um die medialen Superstars wie Stromberg dem bodenständigen Teil der Bewegung eher. Das gilt analog durchaus auch für das Crowdinvesting.  Was die neuen auf dem Hype mitsurfenden „Trittbrettfahrer“ angeht, die natürlich auch legitim sind, aber auch die mediale Überhitzung aufzeigen, so empfehle ich jedem Leser meinen Basisbeitrag zur neuen „C-Klasse“ der Crowdinvestoren, dort habe ich eine Reihe kritischer Anmerkungen gelistet, worauf der Anleger achten sollte.

Übrigens: So oder so, eine Regel gilt bei jeder Unternehmensbeteiligung, man rennt nicht dem großen Haufen und Hype hinterher, sondern muss antizyklisch und ganz bodenständig investieren, um erfolgreich zu sein. Das heißt, kühlen Kopf bewahren, die Rosinen liegen meist nicht dort, wo am lautesten geschrien wird.

Sprich, das Prinzip der kollektiv blinden Schwarmintelligenz greift keineswegs automatisch. Wer mein Buch „Die Bank sind wir“ gelesen hat, ist auch in dieser Hinsicht gewappnet und lässt sich nicht nur von seinen hippen Emotionen leiten.

Empfehlen möchte ich den Lesern außerdem noch zwei Hinweise, die zu mehr Aufklärung und Transparenz über dieses soziale Phänomen beitragen. Erstens haben die Organisatoren der co:funding ein brandaktuelles Handbuch herausgegeben, das auf rund 80 Seiten den Status Quo der unterschiedlichen Geschäftsmodelle zeigt. Alles weitere dazu hier.

Und zweitens trägt sicherlich auch ein Dokumentarfilm dazu bei, Licht in den Nebel der öffentlichen Wahrnehmung zu bringen.  Das Projekt  trägt den Namen „CAPITAL C – how the crowd liberates itself“, mehr findet sich auf Kickstarter.

 capital c

Zum Thema Crowdfunding und -investing sollen ausgewählte Macher einiger beispielhafter Crowdfunding-Kampagnen zu Wort kommen, ebenso wie ausgewiesene Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft. Dabei soll es auch Hintergrundinfos zur aktuelle Debatte von Crowdinvestment in den USA geben (Stichwort JOBS Act). Auch die Auswahl der Interview-Partner zeigt, das Thema hat die Mitte der Gesellschaft erreicht, trotzdem oder gerade deshalb gibt es noch reichlich Orientierungsbedarf.

Einige Signalleuchten versuchen folgende Protagonisten zu geben:  Jimmy Wales (Wikipedia),  Brian Fargo (Wasteland 2), Scott Thomas (Design Director von Barack Obama), Tim Renner (Ex-CEO Universal Music), Prof. David Alan Grier (President Elect IEEE Computer Society), Prof. Eric von Hippel (MIT), sowie eine Vielzahl weiterer Experten und Projektstarter aus Nordamerika und Europa. Nun ja, da ziehen natürlich einige klangvolle Namen den Trend medial mit nach oben. Klappern gehört auch beim Crowdfunding zum Geschäft. Wie dem auch sei – hier noch ein Lesetipp zu dieser Aktion via The Next Web.

Und hier für die Leser von Social Banking 2.0 abschließend einige Antworten, die ich für den Veranstalter in einem Twitter-Interview gegeben habe, das parallel zum Konferenzgeschehen auf der co:funding lief:

Labkultur: Herr Lochmaier, Sie sind Journalist, beschäftigen sich mit Wirtschaftsthemen. Könnten Sie als Journalist sich vorstellen vom Crowdfunding zu leben oder vielleicht ihr nächstes Buch damit zu finanzieren?

Lothar Lochmaier: Crowdfunding sehe ich als sinnvolle Ergänzung, nicht als vollständigen Ersatz für unternehmerisches Handeln, um als Journalist damit Geld zu verdienen. Mein nächstes Buch würde ich wahrscheinlich wieder in Eigenregie schreiben und finanzieren. Aber bei einem kollaborativen Projekt mit anderen Autoren kann es sehr sinnvoll sein.

In „Bank 2.0“ führen Sie 10 Killerapps auf, die die Banken in Zukunft benötigen werden – welche drei sind davon besonders wichtig?

Erstens: Social Media stellt das bisherige Machtgefüge in Frage, gibt dem Kunden mehr Möglichkeiten, schlechte Produkte und Berater zu demaskieren. Zweitens: Es braucht neue Alternativen, das professionelle Crowdfunding ist definitiv eine herausragende Option unter den 10 kreativen killerapps. Und generell stellt die dritte „informelle Finanzapp“ von Seiten des mündigen Kleingedruckten jedes neues Geschäftsmodell dar, das in der Lage ist, das überkommene Provisonsmodell durch neue Alternativen zu beleben oder gar zu ersetzen.

Von Ihnen stammt der Satz, dass das mündige Kleingedruckte die AGBs der Bank verändert. Werden Banken in Zukunft mehr auf den Dialog im Netz achten müssen statt starre Regeln vorzugeben an die man sich zu halten hat?

Sofern die Banken den offenen Dialog mit dem Kunden nicht nur vordergründig in Gang setzen, sondern ernsthaft pflegen. Insofern gilt die starre Regel in umgekehrter Reihenfolge: Schweigen ist nur mehr Silber, über die Vor- und Nachteile bei der Geldanlage stattdessen offen reden, wäre dann Gold wert.

Wenn eine Bank einen Twitter- und Facebook-Account hat, genügt das schon um sie als Social Bank zu deklarieren?

Definitiv nein, das wäre nur eine billige Marketingkulisse, die früher oder später als Trojanisches Pferd enttarnt wird. Lippenbekenntnisse reichen nicht aus. Aufgeklärte Kunden wünschen sich einen ernsthaften Dialog, zu dem die Bankenbranche bislang nur bedingt bereit erscheint. Das begünstigt aber auch neue Alternativen.

Nur wenige Banken nutzen die Möglichkeiten und Chancen Sozialer Netzwerke, woran liegt das?

Die meisten Banken fürchten Social Media wie der Teufel das Weihwasser, das diesen freilich von seinem bisherigen Sündenfall heilen kann. Dazu muss die Branche wie Adam aber in den sauren Apfel reinbeißen. Anders ausgedrückt: Wer die Produkte nicht ändern will, der lässt auch die Chancen sozialer Netzwerke achtlos am Wegesrand liegen.

Datensicherheit spielt eine große Rolle in Ihrem Buch „Schattenbanken“ – welche Gefahren sehen Sie für die Social Banks der Zukunft? 

Mir kommt es nicht so sehr auf Datensicherheit an. Sie nimmt vielmehr eine Art Symbolcharakter ein. Was ich in dem Roman „Schattenbanken“ vielmehr zeige, ist dass die alte Festungsmentalität in der Finanzbranche in Form einer „geistigen Firewall“ ausgedient hat.

Kurzum, es sind nicht nur „böse Hacker“, die von außen in das Netzwerk eindringen, auch das Neue und Bessere, das sich möglicherweise dahinter verbirgt, wird von den Etablierten in den selben kriminellen Topf geworfen, um hernach mit Scheinargumenten den Wandel zu blockieren: Wir können uns doch gar nicht für den Dialog öffnen, weil dann durch die aktive Beteiligung der Nutzer dem Chaos Tür und Tor geöffnet wird. Für diese Zusammenhänge jenseits von Schwarz und Weiß-Kontrasten möchte ich die Leser sensibilisieren.

 Das Interview mit mir führte Christoph Müller-Girod.

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Written by lochmaier

Mai 9, 2012 um 7:33 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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