Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Venture Capital 2.0: Virtuelle Börse trifft auf Crowdfunding

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Über Ostern habe ich mir mal wieder einen Buchklassiker zum Lesen vorgenommen, den von Emile Zola: Das Geld, in dem er den ganzen Reigen der menschlichen Gefühlswelt in einen packenden Börsenroman verpackt hat, der heute noch genauso aktuell ist wie vor 100 oder 150 Jahren.

Warum ich an dieser Stelle darauf verweise: Weil das Crowdfunding und -investing prinzipiell ähnlich funktioniert wie eine Börse, die Angebot und Nachfrage austariert. Oder wie das Cloud Computing, das Ressourcen flexibel zwischen Angebot und Nachfrage austariert. Wie das praktisch aussieht, skizziert „Lenny Hinker“:

Aber: Wie an der Börse, ist oben der Flaschenhals eng, unten ist es dagegen stickig wie auf der Titanic. Wie das komplizierte Spiel am Beispiel Crowdfunding aussieht, beschreibt ein aktueller Handelsblatt-Artikel am Vorbild Stromberg. „Mashup Your Finance“, möchte man da ausrufen, wie einer der neuen Senkrechtstarter für die Startup-Szene in München sich auf seiner Homepage Mashup Finance etikettiert.

Der Bayerische Rundfunk lässt indirekt passend zum neuen Investment von Mashup Finance, den Munich Distillers, fragen:  Nur ein Hype oder eine echte Chance? Und auch hier wird die spannende Frage lauten: Dient die kollektive Schwarmintelligenz eher dem Zünden von Nebelkerzen oder steigen neue Sterne empor, die von längerem Bestand sind? 

Wohlgemerkt, ich persönlich bin grundsätzlich von dem hohen Marktpotential von Crowdfunding überzeugt, sonst hätte ich es nicht als eine von zehn Killerapplikationen in mein Buch aufgenommen. Wer mehr dazu lesen will, findet in meinem aktuellen Interview via GFT-Blog einige Spuren, zum Wandel der Kundenbedürfnisse jenseits von technischem Blendwerk. Ein Auszug:

Jene Bank, die in zwei bis vier Jahren keine externen Funktionalitäten in Richtung Crowfunding an die eigenen IT-Systeme angedockt hat, wird als überkommen angesehen. Das erfordert natürlich eine neue Führungskultur in den Banken, die noch etwas Zeit erfordert. Stellen Sie sich vor, dass ein Bankenvorstand in fünf Jahren gar nicht mehr im Amt bleiben kann, wenn er die Klaviatur von sozialen Medien und der aktiven Kundenintegration in die Wertschöpfungskette nicht produktiv bewältigen kann.

Quelle: gft-blog.de

Den Paradigmenwandel verstanden? Nein, immer noch nicht ganz. Dann sagt bekanntlich ein Bild mehr als tausend Worte. Zusammen mit einen kreativen Graphiker habe ich den Unterschied zwischen Bank 1.0 und 2.0  mal wie folgt veranschaulicht:

Design und Copyright: Andreas Hubert/Lothar Lochmaier

Bei einer menschlich-sozialen Killerapp wie dem Crowdfunding kommt übrigens niemand zu Tode, außer die Ewig-Gestrigen, die den Trend verschlafen. Aber es ist in einem aufgeheizten, ja fast schon euphorisierten Markt, in absehbarer Zeit mit dem einen oder anderen Trittbrettfahrer aus der konventionellen Finanzindustrie zu rechnen., wie schon in dem zweiten Beitrag meiner vierteiligen Serie erläutert.

Dies mag der Eine begrüßen, während andere Beobachter dahinter das opportunistische Ausnutzen einer “blinden” Euphorie rund ums Crowdfunding sehen, die in das Ausstellen von Blankoschecks mündet, deren Rechnungen am Ende mit ungedeckten Wechseln beglichen werden müssen.

Die Schallmauer von 100.000 Euro überwinden

In den Markt hinzu treten – ähnlich wie auf dem Weg zum reinrassigen Elektroauto – zahlreiche hybride Crowdmodelle, die irgendwo zwischen der alten und neuen Welt beheimatet sind. So oder so, professionelle Berechenbarkeit gehört für alle Neulinge zum Pflichtprogramm. Vor allem wenn wir uns über die in Deutschland noch bindende rechtliche Schmerzgrenze von 100.000 Euro hinaus bewegen. 

Gelingt die erfolgreiche rechtliche wie ökonomische Gratwanderung nicht, droht so etwas wie eine weitere Case Study ”Noa Bank”, über deren dynamischen Aufstieg und ebenso rasanten Niedergang Social Banking 2.0 vor zwei bis drei Jahren ausführlich berichtet hat. Wer Emile Zolas “Geld” gelesen hat, der versteht zumindest prophylaktisch die Zusammenhänge, die Finanzwelt und Kunden im Innersten binden, aber leider auch hin und wieder trennen. 

Wir erinnern uns: Bei der Noa Bank lagen die Spielkarten angesichts einer hintergründigen „Quersubventionierung“ von bestimmten Geschäftsbereichen wie dem Factoring neben groben handwerklichen Fehlern und einer Unterkapitalisierung nicht vollständig auf dem Tisch. Die Social Media Aktivitäten wirkten so nachträglich aufgesetzt, um eben gerade keinen wirklich transparenten Blick hinter die geschäftliche Kulisse zu gestatten.

Hoffen wir, dass diese von hinten-durch-die-Brust-Implantate beim Crowdfunding weitgehend ausbleiben. Andererseits feiern die “Ewig-Gestrigen” seit längerem den Abgesang des “Next Level Bankings” und klatschen sich in die Hände. Es würde nie eine andere Form des Banking geben als jenes der klassischen Finanzindustrie. Dieses Verdikt scheint mehr denn je reichlich verfrüht.

Wann kommt das „Next level of Banking“?

Die junge Szene ist quicklebendig – und in der Lage, rasch aus Fehlern und Erfahrungen zu lernen. Wie lebendig, und wer konkret mitmischt, zeigt das Portal fuer-gruender.de am Beispiel der Daten vom ersten Quartal 2012. Die Unternehmen werden die „Peer to Peer Equity“ unter Ausschaltung des Mittelsmannes übrigens auch selbst direkt erproben und einsetzen. Auch hier wird man sehen, wie sich der rechtliche Rahmen gestalten lässt.

Aber auch einige „Arrivierte“ aus der Finanzbranche denken viel mehr nach als früher, wo sich unser Wirtschaftsmodell hinbewegen müsste, um etwa mehr Dezentralität und ”Basisnähe” zur Realwirtschaft zu gewinnen. Hier spielt Crowdfunding zweifellos eine gewichtige Rolle als Scharnier zwischen der alten und neuen Finanzwelt.  

Fazit: Der Abgesang von nutzerzentrierten Bank- und Finanzmodellen infolge eines überzogenen Hypes wird also definitiv nicht eintreten, weil das jetzige Finanzsystem so ineffizient und so wenig kundenfreundlich arbeitet, dass neue Alternativen allein schon aus der geschäftlichen Logik und der Bedarfsnähe heraus zwangsläufig weiter prosperieren und wachsen. 

Aber auch die große Crowdfunding-Revolution wie sie von Robert Shiller und anderen Vordenkern angeregt wird, ohne gleichzeitig Spuren für eine klar erkennbare Roadmap dahin zu legen, geschieht nicht über Nacht. Und zwar allein deshalb, weil Geld sozial gesehen immer asymmetrisch von unten nach oben verteilt ist.

Das Internet wird deshalb erst noch unter Beweis stellen müssen, hier mehr als ein technisches Hilfsmittel für die dezentral strukturierte Verteilung von “Hilfs- und Spendengeldern” zu sein, sondern auch die Spielregeln auf den globalen Finanzmärkten mit beeinflussen zu können. Dies ist keineswegs abwertend gemeint, jedes einzelne Projekt, das hilft, hat seinen Platz in dem Puzzlespiel der Peanuts-Revolution. Aber für mehr als das ist ein gesunder Realismus für alle von Nöten.

Ich sehe das Glas lieber halb voll als leer. Besser von der Suppe probieren als immer nur das Haar darin zu suchen. Das Potential von Crowdfunding ist im Prinzip mit einem „unbegrenzten Grenznutzen“ ausgestattet. Es kommt darauf an, was wir draus machen.

Es wird und muss nicht bei „Peanuts“ bleiben, wie sich am Beispiel von Funding Circle ersehen lässt. Die britische Crowdinvesting-Plattform hat seit ihrem Bestehen in den vergangenen drei Jahren bereits mehr als 45 Mio. Dollar an Start ups verliehen. 

Die Menschheit kann viele Probleme und Herausforderungen gemeinsam lösen. Natürlich stehen die Projekte in Konkurrenz, sagen wir im kreativen Wettstreit miteinander. Allein in Deutschland steht mehr als ein halbes Dutzend neuer Spieler aus der „Peer to Peer Equity“ in den Startlöchern, und nicht alle werden die Zielflagge sehen. 

Manche mögen Pioniere wie den Biotech-Investor Wolfgang Klein für verrückt halten, der für ein Medikament gegen Erblindung (AMD) rund 60 Mio. Euro via Crowdfunding einwerben möchte, berichtet Finance TV. Andere wiederum sehen in dem einen oder anderen hippen Projekt den über soziale Netzwerke gestreuten Effekt  der „Trittbrettfahrer“, um die allgemeine Euphorie geschickt für sich auszunutzen.

Die Zukunft wird uns die Antwort geben, wer seriös arbeitet und wer nicht.  So oder so, es bilden sich  zahlreiche interessante neue Geschäftsmodelle – und jeder der  Betreiber hat die Chance, sich mit seinem Leistungs- und Gebührenportfolio auf seine Art und Weise am Markt zu differenzieren, wohin sich der Spielball zwischen Crowdfunding, -investing und -financing dreht.

Umfrage – Machen Sie mit und diskutieren Sie hier auf Social Banking 2.0:

Erstens: Crowdfunding trifft Private Banking (erste Ergebnisse hier)

a) make it?

b) buy it?

c) ignore it? 

Zweitens: Crowdinvesting trifft Corporate Banking

a) make it

b) buy it

c) ignore it? 

Um den unübersichtlichen Horizont beim finanziellen Wolkenflug durch einen „kostenlosen“ Lesekompass weiter aufzuhellen, folgt hier am kommenden Mittwoch der letzte Teil der vierteiligen Serie zum Crowdfunding -, ein längeres Interview mit den Plattformbetreibern von Innovestment – und zwar zu den Chancen, Risiken und Nebenwirkungen bei der informellen finanziellen Schwarmrevolution via Crowdfunding und -investing.

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Written by lochmaier

April 23, 2012 um 6:39 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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