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Wirtschaftsblogs: Europäer können bloggen, aber nicht englisch

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Dumm gelaufen, dass wir Europäer eine kulturelle Sprachenvielfalt haben. Denn das hindert uns daran, als Nabel der Welt wahr genommen zu werden. Und nun auch das noch: Der Blog des europäischen “Thinktanks” Bruegel provozierte in einem Eintrag die hiesige Blogosphäre mit der Behauptung “Europeans can’t blog”. Es mangele uns quasi an Professionalität und Weisheit. Das wiederum hat zu einer teils bizarren, teils interessanten Debatte geführt, die ich versuche in einen größeren Kontext einzuordnen.

Mehr zu einer an sich völlig überflüssigen Wortdebatte auf dem Blicklog: Selbstverständlich können Europäer bloggen, nur anders.  Mein Fazit dazu: Die ökonomische Leitlinie wird längst nicht mehr allein in den Wirtschafts- und Finanzmetropolen der USA und Großbritannien gemacht, sondern neuerdings auch in deren (Ex-)Kolonien. Und auch Europa steht crossmedial noch längst nicht auf verlorenem Posten.

Es gibt sowas wie einen intellektuellen Neoimperialismus, wie ich dieses soziale Phänomen mal nennen würde. Denn alle Schriften auf Englisch erreichen fast automatisch die ganze Welt, während deutsche Publikationen auf dem „Binnenmarkt“ verbleiben. Natürlich haben wir in der europäischen Blogosphäre vielleicht keinen zweiten Paul Krugmann, also keinen schillernden Nobelpreisträger, der sich die Mühe macht, seine Thesen auch noch in aufwändigen Tagebüchern im Netz zu präsentieren.

Natürlich kann es nur wenige Auserwählte geben, denen die breite Masse dann an den Lippen klebt. Doch braucht es das überhaupt? Dürfen nur die von der göttlichen Gnade ihrer Institutionen Auserkorenen und nach oben gehievten Globalökonomen öffentlich im Netz Ruhm und Ehre einstreichen? 

Einerseits finde ich solch eine Debatte ebenso nutzlos wie irrsinnig. Denn es gibt vieles, was man gerade jenseits des großen Teichs hätte von Europa lernen können (nehmen wir die Südländer in finanzieller Hinsicht mal vorsichtig aus, obwohl man die kulturellen Vorzüge nicht unterschätzen sollte). Zum Beispiel, wie man in Europa nicht alles mitmacht, was einem der Börsengott an der Wall Street einflüstert.

Oder wie man keine geistigen Wolkentürme konstruiert, die später wieder einstürzen. Denn auch die führenden Ökonomen haben ja an der Finanz- und Staatsschuldenkrise intellektuell eifrig am Zerfall mitgearbeitet. Sicherlich, einige haben sich vorzeitig gegen den Trend gestellt, die meisten sind aber auch dort dem medial-wissenschaftlichen Herdentrieb verfallen und haben das hohe Lied des exzessiven Marktliberalismus mitgesungen. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Einige andere haben jetzt nach dem Ausbruch der Finanzkrise rasch die Seiten gewechselt und sind zur intellektuellen Speerspitze eines nachhaltig aufgestellten Ökonomie 2.0 geworden, genauer: sie haben sich so rasch neu gewandet wie das Bäumchen die Farbe der Blätter verändert.

Auch hier zeigt sich eine verkappte Form des intellektuellen Imperialismus, denn weder die USA noch Großbritannien haben das Sparen erfunden, und schon gar nicht die ökologische Nachhaltigkeit.

Hier kann es Europa jederzeit oberhalb der Augenhöhe mit den vermeintlichen Platzhirschen aufnehmen. Wir können alles, aber kein Englisch!  Warum auch, man könnte sich auf der anderen Seite ja mal intensiver mit der kulturellen Vielfältigkeit beschäftigen, um jenseits des großen Teichs die eigene Ignoranz und Arroganz zu bändigen.

Das aber ist sicherlich nicht gefragt bei dieser Debatte höherer Ordnung. Will heißen, man sollte als Ökonom, gleich ob Europäer oder sonstwo in der Welt platziert, keinen exklusiven Theorieanspruch für sich reklamieren, die Welt im Alleingang erklären zu wollen. Denn es gibt bekanntlich keine Theorie, die Eins-zu-Eins in der Praxis funktioniert.

Ich selbst halte mich von solchen neoimperialistischen Stellvertreter-Debatten entfernt. Ich habe nicht vor, der päpstliche Schlichter zu sein, insbesondere dann, wenn es so viele spannende Themen gibt, die man jenseits plumper Schwarz-Weiß-Malerei – hier: die einflusslosen Blogger in Europa, dort: die höchst genialen Meinungsführer in den USA – auf individuelle und kreative Art und Weise beleuchten kann.

Science 2.0 = Ökonomie 2.0

Wie sehe ich stattdessen die Zukunft? Vor allem findet die Evolution zu mehr Offenheit, Transparenz und Beteiligung in unterschiedlichen Branchen statt. Neue Beteiligungsformen durch das Netz sind mehr als eine Modeerscheinung.

So auch in der Wissenschaft, und hier sind gerade die Ökonomen gefragt, sich vom hohen Ross herunter zu begeben, in die Mitte des Volkes. Mir war es schon immer suspekt, wenn ein Professor so getan hat, als verstünde nur er die Welt, während alle anderen um ihn herum geistig auf Körnergröße weiter schrumpfen und in andächtiger Ehrfucht vor dem obersten Lehrkatheder erstarren.

Anders ausgedrückt: In der Wissenschaft gehört es zum guten Ton, möglichst komplex und unverständlich zu reden, um damit zu demonstrieren, man habe allein den Schlüssel zum trostreichen Baum der inneren Erkenntnis gefunden, für die man dann auch ganz im Alleingang den Nobelpreis zu erhalten habe.

In der vergangenen Woche hatte ich wegen einer Artikelrecherche Kontakt mit Ijad Madisch aufgenommen, dem Gründer des „Facebooks für Wissenschaftler“ Researchgate. Im Dialog zeigt er sich erfreut darüber, dass es mit der Plattform vorwärts geht, die versucht, die bislang so hermetisch abgeschlossene Welt der wissenschaftlichen Publikationspraxis zu demokratisieren. 

Die jüngst publizierten beiden längeren Artikel in der New York Times und im Economist Professor Facebook seien ein „Ritterschlag“  für Researchgate gewesen, so Madisch gegenüber Social Banking 2.0. Ich kann dem Leser diese beiden Beiträge in New York Times und Businessweek nur wärmstens ans Herz legen, um die obige Debatte in einen größeren Kontext einzuordnen.

Researchgate hat sich übrigens bewusst für Berlin als Standort entschieden, gegen das Silicon Valley. Nicht alles Neue kommt also automatisch von dort. Weder in der Theorie, noch in der Praxis. Europa hat zahlreiche Alleinstellungsmerkmale, wenn es gelingt, ein paar verkrustete Denkmuster zu überwinden.

Neue Facebook-Welt für Ökonomen 

Vor allem ist Social Media diesseits wie jenseits des großen Teichs kein Selbstzweck, sondern richtig eingesetzt, ein äußerst produktives Instrument, um überkommene weil ineffizient Wertschöpfungsketten aufzubrechen, die sich nur selbst beweihräuchern.

Dies gilt umso mehr , wenn diese auf vermeintlich exklusiver Wissensanhäufung basieren, also nicht auf wirklicher Innovation, sondern lediglich auf von Insidern zelebrierten Machtritualen basieren. Die Welt der Wissenschaft, auch die der ökonomischen Theoriebildung zu öffnen, wird freilich ein längerer Prozess sein. Wer gibt schon gern freiwillig Macht ab?

Dazu braucht es aber keine neuen Helden, wie etwa einen alt gedienten deutschen Ökonomieprofessor Hans-Werner Sinn, der sich weder für die neue Welt von Social Media interessiert, noch dass derartige Vertreter die Klaviatur der sozialen Meiden überhaupt beherrschen. Wir brauchen nicht nur ein Facebook für Wissenschaftler, sondern viele kleine offene Netzwerke für die Ökonomie nach dem blinden Wachstumszeitalter.

Mein Schlussplädoyer lautet deshalb: Setzen wir doch auf die vielen  kleinen „Peanuts-Ökonomen“, die nach-, mit- und voraus denken. Nur in einer dezentral organisierten Vielfalt entsteht so etwas wie die intelligent vernetzte Ökonomie 2.0. Was ich damit meine? Das ist keine fixe Formel, sondern ein spannender Wandlungsprozess, den wir alle mitgestalten, ob offizieller Top-Ökonom oder nur einfacher Internetnutzer, der seine Stimme erhebt.

Lesen Sie auch diese Beiträge:

VWL-Krise: Die seltsame Allianz Ökonomie und Massenmedien

Finanzkrise und VWL: Wie Postautistische Ökonomen ticken …

Griechenland: Die billige Staatsanleihe via “Call-Put-Prinzip”

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Written by lochmaier

März 27, 2012 um 7:33 am

Veröffentlicht in Uncategorized

5 Antworten

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  1. […] Heute hat Lothar Lochmaier in seinem Blog Social Baning 2.0 ebenfalls nachgelegt: Wirtschaftsblogs: Europäer können bloggen, aber nicht englisch […]

  2. […] Social Banking 2.0: Wirtschaftsblogs: Europäer können bloggen, aber nicht englisch […]

  3. […] schön ist übrigens die Replik von Lothar Lochmaier auf die Bruegel-Provokation: “Europäer können bloggen, aber nicht englisch“. Vollkommen recht hat Lothars, wenn er bei den Bruegel-Bloggern angelsächsischen […]

  4. […] view of a european blogosphäre prospective. Before just read my first abstract – Wirtschaftsblogs: Europäer können bloggen, aber nicht englisch    and a second one, also in nice good old german language, was given yesterdy by wirtschaftswurm: […]

  5. […] bloggen? (ACEMAXX-ANALYTICS) Selbstverständlich können Europäer bloggen, nur anders (Blick Log) Wirtschaftsblogs: Europäer können bloggen, aber nicht englisch (Social Banking […]


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