Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Griechenland: Die billige Staatsanleihe via „Call-Put-Prinzip“

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„Handelsblatt-Leser schlecht beraten“, mit dieser Überschrift eröffnet ein Beitrag auf Heise Telepolis, der schlussfolgert: Die Zeitung warb 2010 mit Redakteuren, Politikern und Wirtschaftsführern für den Kauf griechischer Staatsanleihen, die heute nur noch die Hälfte wert seien. Fazit: Hier genügt wohl nicht nur der Satz, hinterher ist man immer schlauer. Deshalb eine grundsätzliche Betrachtung zur medialen „Call-und-Put-Option“, nach der die Informationsbrokerage in den Leitmedien abläuft.  

Zäumen wir die Thematik mal von der anderen Seite her auf. Es gab ja auch prominente Kunden, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. So schrieb ich am 09.03. 2012 den Ökonom Prof. Stefan Homburg an, der am 27.06. 2011 in einem Interview auf Spiegel online folgendes zu Protokoll gab:

„In den letzten Tagen habe ich selbst einen namhaften Beitrag in griechische Anleihen gesteckt. Sie laufen noch ein Jahr und bringen im Erfolgsfall 25 Prozent Rendite. Damit schlafe ich wunderbar, weil ich an die grenzenlose Dummheit der Bundesregierung glaube. Sie wird zahlen.“

Quelle: spiegel.de 

Meine Frage an Prof. Homburg lautete nun: Was ist aus dieser Anlage geworden? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten:

die GR-Anleihe findet sich weiterhin in meinem Depot, ich habe dem Umtausch nicht zugestimmt, und mein damaliges Statement im SPIEGEL gilt weiterhin.

Quelle: Prof. Stefan Homburg

Was lernen wir daraus? Zum einen können sich auch vom reinen Lehrhandbuch genährte Ökonomen irren, wovon wir in den letzten Jahren zahlreiche Beispiele erlebt haben. Der blanke Zynismus in der oben zitierte Interviewpassage lässt tiefe Einblicke in die geistige Verfasstheit so mancher Experten vermuten.

Merke: Auch Professoren lagern ihre Risiken an die Allgemeinheit aus, erstens generell, da ihr Gehalt, pardon staatliche Bezüge, ja nicht vom unternehmerischem Handeln abhängig sind. Und das gilt wie im Falle von Prof. Stefan Homburg noch mehr, wenn sie dann auf Schadenersatz bei einem möglichen Umtausch einer Griechenland-Anleihe beharren. Das ist eben freie Marktwirtschaft, da kann man auch mal mit einem Anlagetipp scheitern und müsste dann auch großzügig dazu stehen. 

Wahrscheinlich sind aber wieder einmal diejenigen, die am wenigsten darauf pochen, sie wären nur dem Gemeinwohl und Staatswesen verpflichtet, am ehesten in die kollektive Sippenhaftung genommen. Deswegen gilt ja auch die Losung: Werde Beamter, denn da kannst du alle Risiken an die Allgemeinheit outsourcen, ohne dass es einer direkt bemerkt.

Zweifellos mit im verdächtig nach alle Seiten schaukelnden Boot sitzen aber auch die Leitmedien, die jede Resonanzwelle verstärken, wenn etwas nach oben geschrieben wird (Call) – oder wenn der Zug plötzlich in die andere Richtung fahren soll (Put). Die wirkliche Mitte dazwischen scheint eben nur was für Schöngeister zu sein. Genau, denn ein bisschen schöner Geist statt geschönter Bilanzen kann nicht schaden.

Zur Abwechslung dürfen deshalb jetzt auch mal die Soziologen reden. Nehmen wir den bekannten Risikoforscher Ulrich Beck, der auf finanzen.net folgendes unter dieser Überschrift zu Protokoll gab: Die Brutalität des Scheiterns bedrohe auch Deutschland. Das sind weitgehend bekannte Allgemeinplätze. Interessant sind jedoch wenigstens jene Passagen, in denen Beck auf die Rolle der Ökonomen zu sprechen kommt.

Ein kurzer Auszug aus dem Interview:

Beck: Unter Soziologen gibt es weit mehr Denkrichtungen als unter Ökonomen, also weniger Konsens. Soziologen liefern auch keine fertigen Antworten, sondern ermöglichen Reflexionen, die den Grad der Verunsicherung und ihre Folgen in der Gesellschaft wiedergeben. Und wenn Soziologen etwas empfehlen, versuchen sie, sich nicht zu überschätzen und keine falschen Gewissheiten vorzugaukeln. Mir scheint, dass die Politik und die Öffentlichkeit aber einfach klingende und unreflektierte Lösungen bevorzugen.  

Quelle: finanzen.net 

Ich habe mich schon immer gefragt: Wie kann man überhaupt auf die Idee kommen, die große Welt in kleine Formeln zu packen? Wir ahnen es, zu allem wild entschlossenes Expertentum in gesundem Halbwissen mit Engelsflügeln hat uns schon immer den Rest gegeben. Die Hauptsache, man bringt seine große Unkenntnis an die Bevölkerung medial gekonnt rüber.

Deswegen folgen wir doch alle weiterhin dem Herdentrieb, die Medien suchen sich die immer gleichen Experten heraus, die dann ähnlich wie der liebe Pfarrer von der Kanzel ihre Botschaft ans Volk verkünden.

Am besten dazu noch die Memoiren vom AWD-Gründer Maschmeyer lesen und fertig ist der süße Giftcocktail. Sie erscheinen übrigens heute, mehr dazu auf dem Handelsvertreter-Blog, wo sich einige nicht so erfreut drüber zeigen. Deshalb ist es nur allzu verständlich, wenn dort die Kommentarfunktionen gleich automatisch deaktiviert sind.

Manchmal schließt sich trotzdem der mediale Stromkreis zwischen Plus und Minus auf wundersame Art und Weise „kurz“, denn der oben zitierte Prof. Homburg ist ja seit 2010 Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der MaschmeyerRürup AG. Wir wollen hier natürlich keine billige Sensationsmache betreiben, sondern nur ein paar kleine und allenfalls indirekte Zusammenhänge jenseits der großen Nachrichtenmaschinerie aufzeigen.

Wer von einer gelegentlich quer denkenden Zunft eine tatsächlich aufschlussreiche Expertise lesen möchte, dem empfehle ich das Werk Die Sprache des Geldes aus der Feder der Finanzsoziologin Anke Wahl. Sie gelangt auf der Basis einer repräsentativen Datenanalyse nämlich zum eindeutigen Ergebnis, dass Beamtenhaushalte (siehe Prof. Homburg & Co.) ihr Geldanlageverhalten weit risikoreicher gestalten als der Durchschnittshaushalt.

Im Klartext: Sicher sprudelnde Geldquellen befügeln offenbar bei diesem Berufsstand der Beamten die Risikofreude beim Geldanlegen. Denn Verluste sind aufgrund der lebenslang gesicherten Bezüge so ja relativ leicht zu verschmerzen, jedenfalls ungleich leichter als bei einem Selbstständigen oder Angestellten. An den deutschen Hochschulen wird man solch klare Botschaften, die so manches hierarchische Missverhältnis entlarven,  indes nicht allzu gerne hören.

Ich sage deshalb voller Respekt: Wohl dem, der aus der Herde der willfährigen Schafe auszuscheren in der Lage ist –  und sich seine eigene grüne Wiese zum saftigen Weidegrund auserwählt. Für mich bleibt jedenfalls die europäische – oder noch mehr die transkontinentale Idee – gerade über den kleinen Gartenzaun und Vorgarten hinweg auch weiterhin das Leitmotiv, dazu bedarf es keiner grauen Theorie, die einen völlig überflüssigen intellektuellen Überbau darstellt.

Nehmen wir also eine Portion gesunden Menschenverstand und bleiben wir lieber am Wegesrand stehen, jenseits von „Call-Put-Optionen“  – und von extremen Aufgeregtheiten statt sachlicher Aufklärung, was den Blick fürs Wesentliche ohnehin nur trübt. Lesen Sie dazu auch diesen Beitrag auf dem Blog Social Banking 2.0 vom 23. Januar 2012: VWL-Krise: Die seltsame Allianz Ökonomie und Massenmedien.

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Written by lochmaier

März 19, 2012 um 7:01 am

Veröffentlicht in Uncategorized

3 Antworten

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  1. […] Social Banking 2.0: Griechenland: Die billige Staatsanleihe via “Call-Put-Prinzip” […]

  2. Statt sich darüber zu ärgern, dass Sie kein Beamter geworden sind (nur die machen ja Ihrer Meinung nach Gewinne mit den Anleihen, nur alle anderen verlieren), hätten Sie Herrn Homburg mal fragen sollen, warum er auch nach dem Zwangsumtausch noch so fest an die Rückzahlung glaubt. Ich vermute, er hat gar keine Anleihe nach griechischem Recht, sondern nach ausländischem, wo ihm die Griechen nicht reinCACen können. Es gibt da nämlich eine Anleihe (fällig am 15. Mai 2012, Nr. XS0147393861), die man zwar an Deutschen Börsen nicht findet – aber wozu ist man schliesslich Wirtschaftsprofessor. Also, wahrscheinlich lacht sich Herr Homburg jetzt ins Fäustchen, dass all die Lemminge auf seinen Rat hin Anleihen nach griechischem Recht gekauft haben…

    Wenn Herr Homburg dagegen wirklich eine Anleihe nach griechischem Recht im Depot hat(te) und trotzdem feste glaubt, dass er nur durch Warten wieder an sein Geld kommt (klagen will er ja anscheinend nicht), dann leidet er entweder an totalem Realitätsverlust (soll bei Professoren vorkommen), oder er hat irgendeine Insiderinformation, die er naturgemäss nicht rauslassen kann…

    Bend

    März 24, 2012 at 2:34 am

  3. […] Griechenland: Die billige Staatsanleihe via “Call-Put-Prinzip” Teilen Sie dies mit:TwitterFacebookLinkedInGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem dieser post gefällt. […]


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