Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Gastbeitrag: Crowdfunding – Königsweg der Frühphasenfinanzierung?

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Dass Crowdfunding „boomt“, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass auf der Plattform kickstarter.com jetzt bereits zwei, nein sogar dreimal die Millionenmarke überschritten wurde. Mein letzter Beitrag über Seedmatch bestätigt diesen Trend auch auf eindrucksvolle Art und Weise für Deutschland.

Dennoch stellen sich Fragen zur Skalierbarkeit und der wirtschaftlichen Gesamtrechnung des Modells. Schließlich bleibt das Gros neuer Ideen weiterhin unfinanziert, was angesichts des Hypes ums Crowdfunding gelegentlich übersehen wird. Anders gefragt: Wie schaffen es die Betreiber, einen „ROI“ (Return-on-Invest)  bzw. einen tragbaren „Business Case“ zu generieren. Das sind zugegebenermaßen schwierige Fragen.

Jeden Tag klopfen bei Plattformen wie Seedmatch oder Innovestment ein paar Startups an, die Betreiber selektieren die attraktiven Unternehmen aus der Frühphase, was aber die Masse verkleinert, wenn die Betreiber sich überwiegend auf die „Rosinen“ fokussieren. Das ist gar nicht einmal negativ gemeint, sondern die Voraussetzung für eine verlässliche Wachstumsstrategie, von der alle Stakeholder, pardon,  Interesseneigner, gleichermaßen profitieren. 

Immer alle in das gleiche Boot zu kriegen, das wiederum kann die Gesamtbilanz schmälern bzw. die Zielgruppe stark begrenzen. Hinzu kommen unter Umständen hohe Initial- und Fixkosten, manuelle Prozesse lassen sich nur schwer automatisieren, auch die Volumina sind je nach Land durch regulatorische Bedingungen in der Regel begrenzt.

Jedoch hat die Schweiz gezeigt, dass man auch dort beginnen kann, wo andere aufhören, nämlich im Millionenbereich – also mit Einstiegsinvests der privaten Investoren ab dem vierstelligen Bereich. In der Regel erfolgen diese Crowd Investments allerdings gemeinsam mit weiteren Partnern. 

Es bilden sich also unterschiedliche Klassen, Zielgruppen und Marktsegmente beim Crowdfunding und -investing. So hat Innovestment kürzlich stille Beteiligungen gestartet und Seedmatch hat die spezifische Gruppe der Existenzgründerinnen entdeckt.  [Dazu ein Nachtrag um 17.00 Uhr: Das heutige Live-Crowdfunding der weiblichen Gründeridee von @TeamSugarShape wurde bereits vollständig finanziert in 46 Minuten – der schnellste Schwarm der Internetwelt.]

Bevor jetzt dem einen oder anderen schwindlig wird, weitere Kooperationen werden folgen (müssen), um die Wertschöpfungskette vertikal wie horizontal zu erweitern. Denn eine größere Spekulationsblase könnte der junge Markt noch nicht wirklich verkraften.

All dies sind spannende Fragestellungen, die nun in einem Gastartikel auf Social Banking 2.0 von einem Branchenkenner genauer unter die Lupe genommen werden sollen. Bühne frei: 

Miteinander unterschiedlicher Investoren-Typen: Der Königsweg der Frühphasenfinanzierung?

von Steffen Wagner*

Wer sich im Zuge vieler Meldungen über erfolgreiche Crowdfunding-Projekte zum ersten Mal mit der Finanzierung von Jungunternehmen auseinandersetzt, wird schnell merken, dass sich dem interessierten Investor ein grosses Problem auftut: Die Due Diligence, also Prüfung des Investitionsangebots, ist nicht nur schwierig sondern erfordert selbst von Profis einen hohen Zeitaufwand. Zusätzlich braucht es aufgrund der technischen Abwicklung und finanziellen Komplexität einer Venture-Capital-Transaktion unterschiedlichstes Know-How, vielfältige Perspektiven und vor allem auch praktische Erfahrung. All dies ist für die wenigsten Privatinvestoren zu stemmen.

So kommt es zur aktuell gängigen Einschätzung: Das sogenannte „Crowdfunding“ ist nur für die Gründungsfinanzierung („seed stage“) sinnvoll, da hier mangels Daten nur eine geringe Prüfung nötig und auch möglich ist. Dieses hohe Risiko wird durch den niedrigen Kapitalbedarf und niedrige Investitionssummen aufgewogen. Selbstverständlich sind solche Start-Finanzierungen für Jungunternehmen sehr wertvoll, ehrlich betrachtet handelt es sich aber aus Investoren-Sicht bei Summen von wenigen hundert Euro schlichtweg um Spielgeld.

Ganz am anderen Ende des Venture-Capital-Spektrums stehen die grossen Fonds und Banken. Sie engagieren sich in späteren Stadien der Unternehmensfinanzierung („later stage“), in denen es in der Regel um Summen von mehreren Millionen geht, zeitlich oft schon mehrere Jahre nach der Unternehmensgründung.

Hier wirken nicht nur die grossen Investitionssummen abschreckend auf Privatinvestoren: die Masse an zu untersuchenden Unternehmensdaten macht zudem eine Beurteilung durch Finanzprofis und Industrieexperten beinahe zwingend notwendig. Auch für den Unternehmer steht ab einer gewissen Unternehmensbewertung die Aufnahme von „Kleinvieh“ nicht mehr in Relation zum Aufwand der Investorenbetreuung.

Zwischen diesen beiden Extremen bleibt die sogenannte Frühphasenfinanzierung („early stage“) auf der Strecke. Schon zu komplex für Privatinvestoren aber aufgrund des Finanzierungsbedarfs typischerweise von 300’000 € bis 2 Millionen € für grosse Fonds und Banken nicht interessant, stehen Unternehmer in Deutschland und der Schweiz hier vor grossen Herausforderungen.

Dazu kommt die paradoxe Situation, dass gerade im Privatbereich bedeutende Vermögen existieren und das Interesse an „anfassbaren“ und verständlichen Investments groß ist – gerade dann, wenn die kapitalsuchenden Unternehmen ihre Feuertaufe bereits bestanden haben, also zumindest einen ersten „Proof of concept“ vorweisen können.

Die Lösung ist geradezu offensichtlich: Die Kombination der beiden Welten, also ein Miteinander von privaten und institutionellen Investoren, hat das Potenzial die bestehende Finanzierungslücke in der Frühphase zu schließen. Kleinanleger können so von der professionellen Due Diligence und Erfahrung der Profis profitieren und diese wiederum können ihre Investitionsentscheide marktgerecht abstützen. Sie beteiligen sich in der Regel in dieser Phase nur, wenn andere mitmachen (insbesondere wenn wie bei manchen Banken oder Förderfonds ein politischer Auftrag die Aktivitäten begründet) und sie erhalten dafür Multiperspektivität (Crowdfunding zieht relevante Experten aus einem grossen Pool an) sowie den in dieser Phase entscheidenden „Social Proof“, eine Einschätzung über die Fähigkeiten des Gründerteams und die Belastbarkeit des Geschäftsmodells.

Konsequent praktiziert wird dies von der Finanzierungsplattform investiere (www.investiere.ch), vom Fraunhofer-Institut vor dem Hintergrund der oben gemachten Ausführungen als „Hybrid“ eingestuft[1]. Ziel jeder Finanzierungsrunde über investiere ist die Kombination von Neulingen im Markt mit erfahrenen Profis – die Auswahlprozesse und vertragliche Koordination basieren jedoch stets auf der langjährigen Erfahrung klassischer Venture-Capital-Investoren. Und bis jetzt sehen die Ergebnisse vielversprechend aus: In bereits acht Finanzierungsrunden unterschiedlicher Grössen und Branchen investierten Privatleute mal zusammen mit traditionellen Business-Angel-Klubs (Beispiel: das Nanotech-Start-up Attolight wurde gemeinsam mit dem StartAngels-Netzwerk finanziert), mal mit Banken (Beispiel: Smartphone-App-Entwickler Uepaa, der die Zürcher Kantonalbank als Lead Investor gewinnen konnte) oder aber mit Venture-Capital-Fonds (Beispiel: das Start-up Fontself, an dem auch Index Ventures beteiligt ist).

Aus dieser Erfahrung bestätigt sich, dass private Investoren Profi-Investoren insbesondere als Garant für Stabilität und Liquidität auch nach einer abgeschlossenen Finanzierungsrunde schätzen. Für die Profis bestätigt sich in der Praxis, dass eine breite Abstützung des Investitionsentscheides der typischen Unsicherheit bedeutend entgegenwirkt und die „kleinen“ Investoren mit ihrem privaten Netzwerk dem Unternehmen entscheidende Markteintrittsvorteile verschaffen können.

Mit einer Kombination der Kräfte auf dem Venture-Capital-Markt wird erstmals ein nicht-staatlicher Weg aus der Finanzierungs-Klemme wachsender Jungunternehmen deutlich: Nicht nur bekommen private Investoren die Gelegenheit, sich mit relevanten Anteilen an vielversprechenden Unternehmen zu beteiligen – auch klassische Investoren und sogar Banken könnten sich verstärkt in die frühe Finanzierungsphase einbringen.

Beides sind gute Nachrichten für das Innovationspotential der Gesamtwirtschaft. Während dieser Königsweg in der Schweiz bereits möglich ist, müssten in Deutschland und der EU zunächst regulatorische Hürden aus dem Weg geräumt werden. Dort ist die Einbindung einer breiteren Privatinvestorenschaft aufgrund des gesetzlichen Maximalbetrags von 100’000 Euro pro Finanzierungsrunde auf die Gründungsfinanzierung eingeschränkt.

* Hinweis: Der Autor ist Managing Partner und Mitgründer der Finanzierungsplattform investiere.


[1] Hemer, Joachim et al. (2011): “Crowdfunding und andere Formen informeller Mikrofinanzierung in der Projekt- und Innovationsfinanzierung”, ISI Schriftenreihe “Innovationspotenziale” des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, Fraunhofer Verlag,Stuttgart, S. 61f.

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Written by lochmaier

Februar 23, 2012 um 8:09 am

Veröffentlicht in Uncategorized

15 Antworten

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  1. Crowdfunding ist ein sehr faszinierender Trend, von dem ich hoffe, dass er sich als ernste Alternative am Markt durchsetzt. Interessant finde ich die Erläuterungen von Wagner, warum sich die Plattformen derzeit vor allem auf Gründungsfinanzierungen konzentrieren. Verkürzt und überspitzt verstehe ich die Erläuterung so, weil für Starter weniger Informationen vorhanden sind, ist auch weniger zu prüfen. Man muss sich nicht lange Due Diligence-Checklisten abarbeiten und sich durch einen Berg an Unterlagen quälen. Das ist in der Tat ein Thema.

    Ich denke, hier ist es wichtig, dass Unternehmen im Rahmen ihres Bonitätsmanagements klare Reporting- und Informationsstandards aufbauen, um Prüfungen zu erleichtern und so vielleicht auch für Crowdfundings interessant werden. Denn aus Investorensicht ist es schade, dass ich nicht in fest etablierte Unternehmen investieren kann, die durch (testierte?) Jahresschlüsse gezeigt haben, dass sie Geld verdienen und wachsen.

    Nach meinem Eindruck setzen die derzeit aktiven Crowdfunding-Plattformen zu sehr auf die Sexyness der von ihnen präsentierten Projekte. Als Anleger, der durch den geplatzten Hype Anfang der 2000er Jahre vorsichtig geworden ist, will ich aber auch eine gewisse Boringness meiner Anlagen, wenn diese sich stabil entwickeln.

    dels

    Februar 23, 2012 at 11:09 am

  2. Das Grundproblem besteht sicherlich genau in der „Sexiness“, der schöne äußere Schein ist ja Fluch und Notwendigkeit zugleich. Sprich, die Betreiber und Startups die besonders glänzen haben auch das größte Mobilisierungspotential für die Crowd. Es wird hier noch etwas dauern, bis auch bodenständige, sprich langweilige, aber mittelfristig vielleicht sogar profitablere Kandidaten zum Zug kommen. Im Moment wollen alle die Ideen mit dem größten Sex Appeal sehen, um die Bekanntheit der Stakeholder zu steigern. Wir werden sehen, wohin dieser Weg also in der breiteren Masse und Unternehmensaufstellung führen wird…

    lochmaier

    Februar 23, 2012 at 12:44 pm

    • Der Schuss mit dem größen Sex Appeal kann natürlich auch nach hinten losgehen, wenn die ersten Geschäftsmodelle nicht das halten, was die ambitionierten Businesspläne versprechen. Dann könnte schnell Ernüchterung eintreten und das gesamte Segment schädigen.

      dels

      Februar 23, 2012 at 1:03 pm

  3. Nicht die schönste Braut ist die, mit der man meist das Alltagsleben verbringen will!
    Oder noch allgemein verständlicher: Die besten Produkte in den Supermarktregalen sind diejenigen, die kaum sichtbar unten angeordnet sind, nicht in Augenhöhe.

    lochmaier

    Februar 23, 2012 at 1:48 pm

  4. Übrigens: Hübsch zurecht gemachte Bräute mit leicht verfaultem innerem Kern gibt es auch in der Welt der großen Konzerne und Investoren. Also kein Grund sich als kleiner Piranha unter Haien hinter dem Riff zu verstecken.

    lochmaier

    Februar 23, 2012 at 1:56 pm

  5. Die Seite der Finanzierungsplattform investiere (www.investiere.ch) hat aber nicht viel mit einer Crowdfunding Plattform zu tun, oder?

    Gibt auf der Page http://www.investieren.ch nur 4 Links (Medizin, Banken, Versicherungen & Diverses) bzw. eine Telefon-, Faxnummer und eMail Adresse (von online-management.ch)..?

    Bitte um Klärung
    Gruss
    mb

    Martin Burch

    Februar 23, 2012 at 5:39 pm

  6. Zu investiere.ch – nicht investieren.ch, es gibt viele Formen von Crowdfunding und -investing, da gab es nicht nur über mein Blog zahlreiche Artikel. Hier ist eine stärkere Einarbeitung in das Thema sinnvoll. Es ist natürlich auch damit zu rechnen, dass sich die Spreu vom Weizen stärker trennt, auch die eine oder andere Spekulationsblase könnte noch platzen. Dennoch: Der Trend ist kaum zu übersehen, dass wir hier in der Frühphasenfinanzierung von Startups ein neues dynamisches Element erhalten.

    lochmaier

    Februar 23, 2012 at 6:24 pm

  7. Sorry, wer richtig lesen kann ist klar im Vorteil 😉
    Danke
    mb

    Martin Burch

    Februar 23, 2012 at 7:21 pm

  8. investiere hat nicht viel mit Crowdfunding zu tun. Wieso wurden dazu nicht echte Crowdfunding-Anbieter wie seedmatch oder c-crowd befragt?

    Andi B.

    Februar 24, 2012 at 8:10 am

  9. @ Andi B: Warum wurden nicht andere Crowdfunding-Spezialisten befragt? Das ist die Crux, wenn Leser nur mal kurz hier vorbei surfen. Ich habe eine längere Interviewserie im vergangenen Jahr mit wichtigen Spielern geführt, nachzulesen hier:

    https://lochmaier.wordpress.com/2011/03/17/teil-iv-business-crowdfunding-mit-seedmatch/
    https://lochmaier.wordpress.com/2011/03/14/teil-iii-business-crowdfunding-mit-cofundit/
    https://lochmaier.wordpress.com/2011/03/14/teil-iii-business-crowdfunding-mit-cofundit/
    https://lochmaier.wordpress.com/2011/03/08/teil-i-business-crowdfunding-mit-c-crowd/

    Daneben gab es zahlreiche weitere Artikel, in dem auch noch andere Beispiele und Spieler aufgezählt sind. Ich spare mir an der Stelle die Aufzählung.

    Dreimal dürfen Sie raten, wer bisher noch gefehlt hat? (unabhängig von der Frage, ob man investiere als lupenreine Variante ansieht). Ach, ist das Internet manchmal schnelllebig und oberflächlich….trotzdem liebe ich es mehr als jedes Fastfood.

    lochmaier

    Februar 24, 2012 at 8:24 am

  10. 1. Mal raten: http://www.cashare.ch ?

    Wünsche allen ein schönes Wochenende

    Martin Burch

    Februar 24, 2012 at 2:10 pm

  11. […] https://lochmaier.wordpress.com/2012/02/23/gastbeitrag-crowdfunding-konigsweg-der-fruhphasenfinanzier… Like this:LikeBe the first to like this post. This entry was posted in Uncategorized and tagged blog, crowd financing, crowd funding, switzerland. Bookmark the permalink. ← Crowd Funding at HUB […]

    directlending

    Februar 25, 2012 at 4:43 pm

  12. […] Angel-Clubs. Eine weitere Erläuterung zum Geschäftsmodell von Investiere finden Sie außerdem im Blog Social Banking 2.0. Dort gibt Steffen Wagner, Managing Partner und Mitgründer der Finanzierungsplattform, weitere […]

  13. Hallo
    Wir, Voice Ads Ltd betreiben Crowd Investing fuer unser Projekt ‚datingbyphone‘ in Eigenregie.
    So weit so gut, der Anfang ist getan, aber wir suchen immer noch nach Investoren. Ich bin fuer jeden Hinweis dankbar.
    MfG, Klaus Kramer

    Klaus Kramer

    März 31, 2012 at 5:46 pm

  14. […] kleinen Interviewserie vom vergangenen Jahr: Seedmatch  Cofundit  C-Crowd   – und in einem Gastbeitrag der Schweizer Plattform investiere.ch, der Crowdfunding als Königsweg der Frühphasenfinanzierung […]


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