Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Schattenbanken: Buchauszug (4) – So klingen Berliner Unterwelten

with one comment

Gestern bereits hatten  drei Leser der Fachzeitschrift T3N jeweils ein Freiexemplar meines eBooks Schattenbanken gewonnen: Bruno Jennrich,  Henri Apell und Sven Schannack hatten am schnellsten auf den Eintrag via T3N – Google+ reagiert. Herzlichen Dank fürs Mitmachen! Aber auch für diejenigen, die nicht gewonnen haben, gibt es einen Treuerabatt.

Im vorletzten Teil  – die letzte Gedankenbrücke folgt am Montag – meiner insgesamt sechs Teile umfassenden Buchpräsentation Schattenbanken hören Sie nun zunächst einige Originaltöne aus den Berliner Unterwelten, die Doktor Spar (alias Lothar Lochmaier) genauer unter die Lupe genommen hat … weshalb man gut gespülte Ohren benötigt. Der Grund: Die U-Bahn spielt in dem Roman Schattenbanken eine zentrale Rolle als (un)wirklicher Ort, wo sich unterschiedliche Menschen mit all ihren Träumen und Hoffnungen begegnen.

An einem Ort der Namen-, Gesichts- und Gesprächslosigkeit verbinden sich Vergangenheit und Gegenwart. Sie erfahren in der rund dreiminütigen, fiktional verfremdeten Rundfunkreportage via Audiobotschaft, wer in Berlin auf der historisch legendären Linie U 1 „schwarz“ fährt, ob es sich dabei nur um „niedere“ soziale Schichten handelt – und wie sich die Ertappten bei einer Kontrolle herausreden. Der vorletzte, kreative Nachschlag zum Buch Schattenbanken.      

Zur Erklärung: Eine große Bereicherung für die Berliner Unterwelt stellen U-Bahn-Musiker und Musikerinnen dar, denen ich deshalb in meinem Buch einen gebührenden Platz eingeräumt habe, im Kontrast zu dem lärmenden Treiben an der Oberfläche. Aber lesen Sie doch selbst, wie sich die Geschicke von Sebastian Heilfrisch, dem IT-Sicherheitschef der Frankfurter Handelsbank, und jene von Svetlana Beressow(a), einer klassischen Violinistin, die sich in Berlin durchs Leben schlägt, verbinden könnten.

Als Svetlana Beressow sich an diesem frühen Mittwochmorgen von Lichtenberg zur Musikerlotterie an der U-Bahnstation Rathaus Steglitz in Gang setzte, dachte sie nicht im geringsten daran, dass dieser Tag ihr bisheriges Leben beeinflussen könnte. Einmal pro Woche mussten sich die vagabundierenden Musiker, die zumeist aus früheren Ostblockstaaten stammten, in Reih und Glied stellen. Offizielle von den Berliner Verkehrsbetrieben vergaben die besten Spielplätze, gegen ein stolzes Entgelt von sechs Euro und achtzig Cents, pro Tag wohlgemerkt.

Alles war erlaubt, was nicht unmittelbar verboten war. Im Verwaltungsjargon klangen die Anweisungen wie eine offizielle Lautsprecheransage: Generell dürfe nur in den Vorräumen der U-Bahn musiziert werden, in U-Bahnzügen sei Musizieren gar nicht erlaubt. Auf einigen Bahnhöfen sei der Standort vorgeschrieben. In der Nähe von geöffneten Verkaufsstellen, Imbissbuden, Zeitungsläden oder ähnlichen Plätzen könne das Musizieren generell nicht gestattet sein. Der kleine Vorteil, den die U-Bahn-Musiker im Gegenzug erhielten, bestand darin, dass die An- und Abfahrt zum Spielort für den Tag der jeweiligen Spielgenehmigung im Preis von 6,80 Euro enthalten war.

Jeden Mittwoch früh um sieben Uhr hatte die schlaftrunkene Musikergemeinde in eine kleine Zauberkiste von rund drei Dutzend Losen hinein zu greifen, um demütig eine Nummer in Empfang zu nehmen, die über den Wochenverdienst mit entschied. Die Berliner Verkehrsbetriebe ließen sich vor dem Schalter etwas besonders Raffiniertes einfallen, indem sie jede Losnummer in der Form von Überraschungseiern ausgab. Das verlieh dem Ganzen den harmlosen Anstrich einer kindlichen Suche nach dem Osterhasen. Wer sich unter die ersten Zwölf einreihte, der konnte mit höheren Einnahmen kalkulieren als jener Musikant, den es beim Griff in die Kiste deutlich schlechter traf.

Weibliche Musiker waren Mangelware. Wer wollte schon in diesem unwirtlichen Ambiente, bei dem der Wind im Winter kräftig durch die Gänge blies, die eilig vorwärts strebenden Menschen mit einer kulturellen Darbietung beglücken. Die 32-Jährige Russin aus Ufa war eine von ihnen. Als gelernte Künstlerin boxte sie sich mehr schlecht als recht durchs Leben, seitdem sie am Konservatorium ihren Abschluss in der klassischen Violine mit Bravour bestand. Doch was bedeutete das schon in einem Land, in dem man als Kulturschaffender keine privilegierte Behandlung zu erwarten hatte.

Einen der lukrativen Posten in einem der großen Symphonieorchester abzugreifen, dazu bedurfte es nicht nur großen Könnens und einer Portion Glück, sondern auch guter Verbindungen. Manchmal half ein bisschen finanzielles Schmieröl. Von Letzterem hatte sie reichlich wenig. An den richtigen heißen Drähten mangelte es ihr. So beschloss sie dem tristen Leben in der namenlosen russischen Provinz zu entfliehen und nahm Kurs in Richtung deutscher Metropole. Dort fand sie billigen Unterschlupf bei einem entfernten Verwandten. Die Sofacouch, auf der sie notdürftig Nacht lagerte, sah sie als eine Art Trampolin, sich in der neuen Unterwelt zu behaupten. Ihre Existenz schien ihr immer noch besser zu gefallen als in der Heimat mit irgendeinem mies bezahlten Job ohne jegliche Zukunftsperspektive vor sich hin zu dümpeln.

Heute hatte die aparte Erscheinung mit den zart gliedrigen Händen, die stets sorgfältig gepflegt waren, mehr Glück als in der Woche zuvor. Sie zog die Nummer Sieben. Das reichte vermutlich aus, um mit vier bis fünf Arbeitstagen zumindest die Untermiete abzugleichen, um die sie auch bei ihrem Onkel nicht herum kam, der sich selbst mit allerlei Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt. Wie gerne hätte sie sich in der Shoppingmeile in Berlins eleganter Mitte mal was Schönes gekauft, aber derlei Gedanken wischte sie rasch zur Seite. Denn Svetlana hatte über ihr Instrument noch weitere Ausgabenposten abzuarbeiten. So wartete die an ihrer Einsamkeit dahin kränkelnde Mutter, die als staatliche Lehrerin nur in den Genuss einer bescheidenen kleinen Rente kam, schon auf die nächste Überweisung. Ihr Vater war bereits vor Jahren gestorben, an einer Krankheit, die die Ärzte nie genau diagnostizieren konnten.

Heute hatte sie sich an den Geheimtipp eines befreundeten Musikers gehalten, der ihr empfahl, ihr künstlerisches Schaffen an der nicht offiziell als Spielort deklarierten S-Bahn Station Grunewald zu versuchen. Dort gab es einen fast 200 Meter langen Korridor, der hinauf zu den Zügen führte. Er besaß eine exzellente Akustik, der jedem Schritt der Passanten auf den Pflastersteinen ein dynamisches Echo verlieh. Die Musikerin postierte sich genau in der Mitte, um die Zuhörer von beiden Seiten in ihren akustischen Bann zu ziehen.

Svetlana interpretierte eines der bekannten Klavierwerke von Igor Strawinsky, die Piano-Rag-Musik, die mit einer von ihr ausgearbeiteten Violinbegleitung die rastlosen Reisenden in bessere Stimmung versetzen sollte. Kaum einer der Zuhörer erkannte die Idee dahinter, denn das Stück ließ einem Violinisten in seiner originalen Version gar keinen Spielraum, sich produktiv einzuklinken. Begleitet wurde die Geigerin jedoch nicht von einem realen Pianisten, sondern von einem Hologramm, genauer, einem monotonen Band, das etwas stupide den Rhythmus ihres künstlerischen Schaffens vorgab.

————————————

Zur offiziellen Buchpräsentation Schattenbanken auf dem Weblog des Autors geht es hier

Link zum direkten Download auf der Plattform Xinxii.com 

Advertisements

Written by lochmaier

Dezember 9, 2011 um 8:03 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. […] Schattenbanken (4):      So klingen Berliner Unterwelten […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: