Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Schattenbanken: Buchauszug (3) – Limes zeigt sein Gesicht

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Die kleine und große Welt der Schattenbanken: Sebastian Heilfrisch (48) leitet die Stabsstelle IT-Sicherheit bei der fiktiven Frankfurter Handelsbank. Das global verzweigte Institut sieht sich verstärkt Hackerattacken durch Limes und Virology ausgesetzt, die das alt hergebrachte hermetisch abgeschlossene Firewall-Konzept zu einem Relikt der Geschichte erniedrigen. Doch es treten neue Spieler zu dieser seltsamen Dreiecksbeziehung hinzu, die „Lichtbank“ – und eine russische U-Bahn-Musikerin, die einen kleinen Silberstreif am Horizont darstellen.

Im letzten Teil der Buchauszüge zu den Schattenbanken, die morgen noch durch einige Originaltöne aus Berliner Unterwelten abgerundet wird, stellt sich Limes vor, die mafiöse Organisation aus St. Petersburg. Und so sieht das Gesicht von Limes aus:  

Igor war der Prototyp eines mit allen Wassern gewaschenen Verbrechers. Er bewegte sich auf der Prachtmeile am Newski Prospekt in St. Petersburg mit der grazilen Anmut eines Landmetzgers, um sich selbst zu versichern, dass er zur informellen russischen Schickeria dazu gehörte. In den neunziger Jahren hatte er mit Schutzgelderpressung sein Geld gemacht, im Revier der aufstrebenden Neureichen.

Viel Raffinesse brauchte man dazu nicht, nur die richtigen Kontakte und eine furcht einflößende Grimasse, die er als Ex-Geheimdienstler beim sowjetischen KGB ohnehin standardgemäß mitbrachte. Aber was dem Boss mit dem knorrigen Gesicht und der Glatze via Mittelsmann überbracht wurde, gefiel im gar nicht. Ein paar seiner Männer in Berlin waren unerwartet in der Obhut der Polizei gelandet.

Es galt die heißen Drähte wieder neu zu ziehen, nachdem konspirative Wohnungen in Berlin-Neukölln, Friedrichshain und Wedding aufgeflogen waren. Seine Lakaien hatten von dort aus per elektronische Post diverse Phishing-Attacken auf Bankkunden gestartet. Die Haftbefehle waren auf das Ausspähen von Internet- und Kontodaten ausgestellt.

Die Aktion ließ gerade kurz vor Beginn der Frauen Fußball Weltmeisterschaft in Deutschland aufhorchen. Der Staat demonstrierte seine Handlungsfähigkeit. Immerhin waren 160 Polizisten im Einsatz. Sechzehn Wohnungen waren durchsucht worden. Gegen drei seiner weisungstreuen Mittelsmänner wurde Haftbefehl erlassen. Der finanzielle Schaden hielt sich mit ein paar Zehntausend Euro zwar in gewissen Grenzen, weil sich die Bande neben dem Kontendiebstahl durch Phishing auch mit Wohnungseinbrüchen refinanzierte, deren Erträge bereits in St. Petersburg gelandet waren.

Was den Bandenchef vielmehr beunruhigte, war die gewachsene Schlagkraft der Ermittlungsbehörden, die personell wie technisch aufrüsteten, um im Wettlauf mit den Cyberkriminellen nicht von vorne herein wie der sichere Verlierer auszusehen.

Doch Igor grinste nur: »Die werden mich nie kriegen.« Gegen Kritik von außen war der bullige Mittfünfziger mit dem einen oder anderen Tattoo in der Nähe seines sensiblen Weichteils allergisch. Der muskelbepackte Körper sollte Distanz ausstrahlen, so dass keiner es auch nur wagte, ihm ohne vorherige Zustimmung nahe zu treten. Er erwartete von den Seinen nichts weniger als bedingungslosen Gehorsam. Vielleicht brauchte man eine derartige Siegermentalität in dem weit verzweigten kriminellen Schattenreich von Limes, zu dessen Führungsstab sich Igor mittlerweile zählte.

So gab er sich nach außen betont gelassen, als ihm die bittere kleine Pille aus der deutschen Hauptstadt von seinen Gewährsleuten verabreicht wurde. Einen Igor Strawinsky würde niemanden aufhalten, schon gar nicht die schwerfällige deutsche Justiz. Mit dem gleichnamigen russischen Komponisten, der seine Heimat nach der russischen Revolution im vergangenen Jahrhundert nie wieder zu sehen bekam, verband ihn übrigens außer dem Namen rein gar nichts.

Aber wenn er etwas getrunken hatte, ließ er sich zu der Äußerung hinreißen, auch er kreiere klassische Meisterwerke, in diesem Fall der vollendeten kriminellen Anarchie. Wodkatrunken verglich er sich dann mit dem großen Kompositeur und sah sich als globaler Herrscher zwischen den Orchestergräben, als Dirigent einer Truppe, die im Schattenreich über alle Fertigkeiten eines großen Lehrmeisters verfügte.

Der Name der Organisation ‚Limes’ war dabei eher zufällig entstanden. Von der Machtfülle und Größe markierte der Grenzwall einen indirekten geschichtlichen Verweis auf das Römische Reich längst vergangener Dekaden. Wobei Igor fand, dass seine geniale Aufgabe genau darin bestand, diesen Grenzwall nach innen zu verteidigen und nach außen mit einem gelegentlich brachialen Instrumentarium zu durchbrechen.

Und zwar mit Hilfe von Computerspezialisten, nach denen er gar nicht lange zu fahnden brauchte. Ein Heer von willigen und zu allen Schandtaten bereiten Hackern stand ihm rund um die Uhr zur Verfügung. Dafür brauchte man nur kleine Zeitungsinserate aufzugeben, getreu dem Motto: „Versierter Computerspezialist in allen gängigen Programmiersprachen gesucht. Geboten werden gute Bezahlung und viel versprechende Zukunftsperspektiven sowie Aufstiegschancen.“ Aber derartige Offerten sprachen sich auch ohne Zeitungen herum. An Dutzenden Technischen Universitäten und auf der Straße lungerten gut ausgebildete Fachkräfte herum.

Das Heer der Nachwuchsakrobaten in der Hackerwelt fand beim Staat oder in der freien Wirtschaft nicht genügend Unterschlupf. Von der lausigen Bezahlung ganz zu schweigen. Und da brauchte das Schattenreich von Limes nicht mehr zu tun, als am Straßenrand kurz mit dem Finger zu schnippen. Ein kleines Bonbon reichte bereits, um die Nachwuchsrekruten in die Honigfalle zu locken. Schon konnte man sicher sein, das virtuelle Schattenreich mit Frischlingen wieder um geballtes Know-how zu verstärken.

In dem einen oder anderen melancholischen Moment träumte der kleine Igor Strawinsky vom großen Coup. Seine Kumpane titulierten ihn aufgrund seiner ausladenden, aber leider zu klein geratenen Nase Big little Igor, aber nur dann, wenn er gerade nicht zugegen war. In stilisierten Glücksmomenten stellte der russische Pate sich als Protagonist in einem alten Hollywoodschinken vor. Er befand sich in einem vergoldeten Marmorpalast, mit dicker Zigarre, umgeben von lauter aufreizenden Mädchen, die nur eines im Sinn hatten, ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

Bis zu dieser edlen Form des Zeitvertreibs war er aber noch nicht vorgedrungen. Das kriminelle Alltagsgeschäft war von einer gewissen Mühseligkeit gekennzeichnet. Obwohl er in der Hierarchie nach oben gerückt war, hatte er die Weisungen aus der Moskauer Zentrale letztlich nur abzunicken. Limes ähnelte einer riesigen Datenkrake mit vielen Armen, deren glitzerndes Auge in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kreml beheimatet war.

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Zur offiziellen Buchpräsentation auf dem Weblog des Autors geht es hier

Link zum direkten Download auf der Plattform Xinxii.com 

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Written by lochmaier

Dezember 8, 2011 um 8:22 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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