Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Schattenbanken: Buchauszug (2) – Virology, Feind im eigenen Bett

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Auch der unmündige Bürger, der keinen bewussten Umgang mit dem Geld pflegt, kann ein Teil des weit verzweigten Systems der Schattenbanken sein. Das Buch von Lothar Lochmaier gibt deshalb vor allem Denkanstöße, auch zu sinnvollen demokratischen Beteiligungsformen, um die Finanzindustrie künftig enger am Puls der Realwirtschaft und menschlichen Arbeitskraft zu verorten.

Eine Rolle als kreativer Zerstörer in dem Buch Schattenbanken nimmt Virology ein, eine Hackergruppe in Berlin. Aber lesen Sie selbst einen Auszug:

Berthold Brecht hat einmal sinngemäß gesagt, warum eine Bank überfallen, wenn man eine gründen kann. Erst recht nach der Finanzkrise, im grellen Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit, schien dieses Ansinnen eine Karikatur seiner selbst. Das Leitmotiv hing bei Virology in der Größe eines Posters direkt zwischen den beiden Fensterflügeln im Altbau. Noch reizvoller als eine Bank zu überfallen, war es Mitglied in einer besonderen Aktivistengruppe zu sein, die sich erdreistete, den Großen in Wirtschaft und Politik auf Augenhöhe gegenüber zu treten.

Es handelte sich um ein Dutzend junger Männer und zwei Frauen, die sich regelmäßig in diesem verruchten, wenig einladenden Berliner Hinterhof trafen. Der miefige Standort in dem von Massenmedien zur Problemzone deklarierten Bezirk Neukölln wurde von Touristen oder Geschäftsleuten gerne gemieden, außer wenn diese ihr Nachtquartier gerade in einem nahe gelegenen großen Tagungshotel aufgeschlagen hatten, das sich inmitten dieses unwirtlichen Kiezes befand. Offiziell war das nicht ganz legale Treiben von Virology als Verein zur Förderung der barrierefreien Internetkommunikation e.V. deklariert.

Mit einer Hacker-Aktivistengruppe früherer Generationen hatte dies freilich nur wenig zu tun. Zwar gehörte es zum guten Ton, zwischen Hacker und Cracker zu unterscheiden. Letzt genannte, die aus der reinen Profitgier handelten, wurden von den Virologen geächtet. Man hielt sich stattdessen an den üblichen Ehrenkodex, bei dem es jedem Mitglied zur Ehre gereichen sollte, eine ausgenutzte Schwachstelle oder Lücke in einer mangelhaften Software den betroffenen Unternehmen oder Behörden sofort zu melden.

Es war politisch korrekt, daran zu glauben, dass sie zuerst die Chance erhalten sollten, ihre Schlupflöcher zu stopfen, noch bevor richtige Kriminelle dort ihr Unwesen treiben konnten. Doch seit der Finanzkrise war gerade den Neuankömmlingen in der Gruppe klar geworden, man könnte doch auch globalen Konzernen mit kreativen Mitteln einheizen, die sich keinen Deut um Umwelt oder Arbeitsplätze scherten.

Im Fachjargon bezeichneten Experten diese Kulturtechnik als Social Engineering. Im übertragenen Sinne bedeutete dies für Virology so etwas, als mit bloßer Hand gegen das subjektiv als ungerecht empfundene Establishment vorzugehen, das mit großen Kanonen auf die Spatzen zielte. Das Feindbild, das sich die Virologen zu Recht gelegt hatten, war so gestrickt, dass man sich klar machte, dass die berechtigten Anliegen der kommenden Generation bei den derzeitigen Eliten keine Rolle spielte. Dazu waren sie zu selbstverliebt, sie bemerkten noch nicht einmal, dass da draußen im weit verzweigten Netz jemand seine Stimme gegen sie erhob. Und das schloss natürlich ein, nicht jede entdeckte Sicherheitslücke gleich brav an die willfährigen Staatsorgane der Eliten oder direkt an die Konzerne zu melden, in deren Netzwerke man nachts eingedrungen war, wenn der Apparat auf Hochtouren lief. Manche Virologen waren trotzdem in der Zwickmühle, denn sie schielten neben dem Hackerruhm auf lukrative Berateraufträge. Schließlich hatte auch ein kreativer Hacker seine Brötchen irgendwie zu schmieren.

Einige Aktivisten unterfütterten ihr idealistisches Weltbild, in Abgrenzung zum gefräßigen Treiben auf der Erde, freilich mit der Aura von Weltraumpionieren. Vielleicht war es auch nur eine schöne Idee, in die man sich verliebte. Man träumte von eigenen Nachrichtensatelliten, die sich zu einem intergalaktischen Hackernetzwerk verbanden. Man malte, gestärkt durch die Texte russischer Science Fiction Helden, die Vision einer eigenen Mondlandung an die Wand. Virology goes luna, was für ein Poster an der Wand. Ein kleiner Schritt für uns, ein großer für die Menschheit.

Dann würde ein Satellitennetzwerk um die Erde kreisen, das die Vision eines freien demokratisch organisierten Internets verbreitete. Und die Hackergemeinde aus aller Welt, sie waren die Macher dieser utopistischen Vision. Nichts schien in der Phantasie unmöglich zu sein, wenn die Menschheit damit begänne, ihr Geld und Wissen in vernünftige Dinge zu investieren, statt Massenvernichtungswaffen und umweltfeindliche Technologien zum Schaden Vieler zu konstruieren.

Im Zeitalter der dezentralen Kommunikationseinheiten durfte man davon träumen, eine eigene Insel der Glückseligkeit auf diesem dekadenten Planeten zu erschaffen. Manche Erdenbewohner hatten demgegenüber ziemlich handfeste Probleme, jenseits von Zensur oder staatlicher Überwachung der Datenkommunikation. Denn der tägliche Überlebenskampf für die Mehrzahl der Menschen drehte sich seit Jahrhunderten nur um sauberes Wasser, ausreichend Nahrung und ein bewohnbares Dach über dem Kopf, einen Zusammenhang, den die verschrobenen Phantasien der intergalaktischen Sternendemokraten geflissentlich ausblendeten.

Dabei gab es auch hier unten genug Herausforderungen. Die hinter verschlossenen Vereinstüren geäußerten operativen Ziele von Virology waren bereits konkret fixiert. Ins Visier rückte dabei das Establishment der Banken, das man ebenso in Frage stellte wie den militärisch-industriellen Machtkomplex, die Pharmaindustrie oder die großen Energiemonopole, die ausschließlich um ihren eigenen Profit besorgt waren. Die Festungen der übermäßig vom Schicksal Privilegierten, so die allgemeine Stimmungslage, sie seien mit kreativen Mitteln anzugreifen.

Die Virologen empfanden, dass sie in der großen Vertrauenskrise gegenüber einem als ungerecht empfundenen Kapitalismus nicht untätig bleiben durften. Es waren junge Männer und Frauen mit einer klaren Mission. Es war Zeit, etwas gegen das graue Establishment zu unternehmen. Wenn sich die Schwarmintelligenz der Vielen nur ernsthaft zusammen täte, dann könnte die Peanuts-Ökonomie trotz ungleicher Waffen die Oberhand gewinnen, sofern sie die Großen mit ihren eigenen Mitteln aushebelte.

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Zur offiziellen Buchpräsentation auf dem Weblog des Autors geht es hier

Link zum direkten Download auf der Plattform Xinxii.com 

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Written by lochmaier

Dezember 7, 2011 um 8:44 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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