Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Finanzwelt Inside (Teil V): Banker mutieren zu Investmentpunks

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Im vorerst letzten Teil dieser kleinen Serie zur Finanzwelt Inside wird eine weitere Möglichkeit des Umstiegs beleuchtet. Werden Sie doch einfach zum Investmentpunk? Diese provokative Lösungsoption vertritt jedenfalls Gerald Hörhan, selbst ein bekennender Vertreter dieser bis dato unbekannten Spezies.

Bisher sind in dieser Serie „Finanzwelt Inside“ erschienen:

Teil I – Zahl der kreativen Umsteiger nimmt zu 

Teil II – Banker(innen) steigen auf Nachhaltigkeit um

Teil III – Banker suchen Zuflucht in der Kunst

Teil IV – Banker suchen Zuflucht in der Natur

Er polarisiert bewusst. Der 35-jährige Österreicher Gerald Hörhan ist sowohl erfolgreicher Investmentbanker als auch bekennender Punk. Wie geht das zusammen? In seinem Buch Investmentpunk  zieht er nüchtern Bilanz: Statt gegen das Geld, die Reichen oder auf die Banken mit dem Finger zu zeigen, sollte die Mittelschicht aus dem Hamsterrad aussteigen.

Nicht ganz einfach allerdings für jemanden, der Familie zu ernähren hat und möglicherweise gerade einen Baukredit laufen hat. Aber das ist nicht unbedingt die Zielgruppe dieses Buches, sondern eher Menschen, die Alternativen zur von vielen Arbeitenden als „Hamsterrad“ empfundenen  Unternehmenskultur suchen.

Einen ersten Einblick über seine Thesen vermittelt ein aktuelles Interview mit dem Autoren auf Börse online. Die Kernthese lautet: Investmentpunks rebellieren, indem sie sich auf die planvolle Vermehrung des eigenen Vermögens konzentrieren. Das indes klingt reichlich kompliziert, denn es gibt ja keine Gelddruckmaschine.

Aber das behauptet Hörhan auch gar nicht, er sieht Disziplin (etwas Punkuntypisch vielleicht) als die Grundvoraussetzung für die Vermehrung des Vermögens an. Gerald Hörhan ist ein Aufsteigerkind aus einfachen Verhältnissen. Bereits als Jugendlicher gewann er eine Silbermedaille bei der Mathematik-Olympiade, schwor aber auch früh der kleinen idyllischen Welt seiner kleinbürgerlichen Kindheit ab und entwickelte sich zum umtriebigen Querkopf.

Und er war sich früh bewusst, worauf es in dieser Welt jenseits einer rebellischen Geisteshaltung ankommt, nämlich vor allem aufs Geld, das für ihn heute den zentralen Schlüssel zur persönlichen Unabhängigkeit darstellt.

Später schloss Hörhan ein Studium der Mathematik und Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University mit magna cum laude ab, arbeitete danach als Investmentbanker unter anderem für JPMorgan Chase & Co. in New York, und als Unternehmensberater für McKinsey in Frankfurt.

Bis hierher liest sich diese Biographie wie ein gängiger Aufsteigertraum, in leicht abgewandelter Form letztlich den Traum vom Tellerwäscher zum Millionär propagierend. Die konventionelle Seite dieser Biographie ist tatsächlich die, dass Hörhan heute tatsächlich ein Erfolgsmensch ist, der mittlerweile seine eigene Investmentfirma Pallas Capital Holding AG aufgebaut hat.

Aber er verfolgt im Privaten auch konsequent seine eigenen „Gestaltungsprinzipien“. Wie also gelingt der Spagat zwischen Schlips während des Tages als Investmentbanker bei Verhandlungen, und einer möglicherweise dazu im Kontrast stehenden Zweitidentität als „Investmentpunk“.

Fragen wir ihn mal selbst, was sich hinter dem griffigen Schlagwort Investmentpunk verbirgt. Denn seine Thesen sind insbesondere für reine Konformisten die pure Provokation.

Social Banking 2.0: Herr Hörhan, warum sollte die Mittelschicht aus ihrer passiven Rolle als Melkkuh ausbrechen?

Gerald Hörhan: Meine Kernbotschaft lautet: Die klassischen Sicherheiten und Konventionen greifen nicht mehr. Hinzu kommt die Verschuldungsspirale, aus der viele Menschen nicht mehr heraus kommen. Der Schuldendienst für Konsumausgaben bringt große Unfreiheit hervor. Die breite Masse trottet dem Weg der anderen einfach nur nach. Mein Buch ist ein Versuch, das Potenzial in den Menschen zu wecken, ihnen zu sagen, sie sollen sich anstrengen und kreativ sein. Es geht auch anders als mit den Bordmitteln, die einem durch andere von der Wiege bis zur Bahre eingetrichtert worden sind.

Social Banking 2.0: Der Vertrauensverlust in der Bankenbranche ist zwar enorm, letztlich bleibt es aber aufgrund der gängigen kognitiven Dissonanz beim allgemeinen Wehklagen der Masse und einem wenig ziel gerichteten Bankenbashing. Kaum einer ändert sein Finanzverhalten und führt es stärker in Eigenregie. Wird dies so bleiben?

Gerald Hörhan: Es gibt einzelne Menschen, die den Trend durchaus schon spüren. Vor allem meine Generation spürt die Problematik instinktiv sehr deutlich, etwa wenn es um die beste medizinische Behandlung geht, oder um die Schulausbildung für die Kinder, was künftig von Seiten des Staates nicht mehr zu machen sein wird. Die meisten Menschen wissen aber nicht, was sie tun sollen. Den richtigen Umgang mit Geld zu erlernen, gehört in jeder Schule zum Pflichtprogramm, ebenso wie die Funktionsweise unseres medizinischen Systems oder wie man gesund leben kann. Unser Ausbildungssystem versagt in dieser Hinsicht vollkommen.

Social Banking 2.0: Im Internet kann man heute vieles vergleichen. Der Blick in das virtuelle Hotelzimmer am Urlaubsort ist ebenso gut möglich wie der Vergleich von Finanzprodukten. Ändert sich dadurch etwas?

Gerald Hörhan: Jein. Man kann im Internet zwar vieles vergleichen, aber trotzdem sind Finanzprodukte immer noch undurchschaubar. Nach wie vor gilt die alte Regel, dass Sie sich entweder selbst gut auskennen müssen, oder dass Sie sich jemand suchen müssen, der Sie gut und erfolgreich berät. Und der durch Fakten belegt hat, dass er über ein Know-how in seinem Bereich verfügt. Ein Beispiel: Eine lokale Volksbank finanziert für mich beispielsweise meine Immobilienkäufe, und die machen ihre Arbeit sehr gut. Es gibt also Ausnahmeerscheinungen. Insgesamt bleibt aber festzuhalten, dass wir in einer Welt leben, wo jeder für sich eigenverantwortlich handeln sollte. Das bedeutet auch, sich intensiv mit der Geldanlage zu beschäftigen.

Social Banking 2.0: Ist das Internet letztlich eine Art von „Nullsummenspiel“, durch das man nicht unbedingt produktiver und erfolgreicher in Finanzfragen agiert?

Gerald Hörhan: Das Internet hat sicherlich dazu beigetragen, auch die Finanzwelt stärker zu demokratisieren und schneller an Nachrichten zu gelangen. Noch vor zwölf Jahren während meines Aufenthalts in New York waren bestimmte Informationen nur für selektive Gruppen zugänglich. Das hat sich geändert. Über Online-Broker kann man die langfristige Performance bis hin zu Geschäftsberichten und Marktentwicklungen studieren und vergleichen.

Nur braucht man immer noch ein gutes System, um erfolgreich zu sein. Die menschlichen Instinkte zwischen Gier und Angst zu beherrschen, ist eine weitere Grundvoraussetzung, um erfolgreich zu sein. An Insider-News glaube ich übrigens nicht, ich bin kein Zocker, sondern wähle Aktien langfristig nach gewissen Kriterien und einem klar definierten System aus.

Social Banking 2.0: Was macht denn einen Investmentpunk 2.0 im Internet-Zeitalter aus, bildet sich möglicherweise sogar eine eigene Subkultur im Netz jenseits von alt hergebrachten Klassenkampfvarianten?

Gerald Hörhan: Eindeutig ja. Die Subkultur besteht einerseits darin, die ganzen Konventionen über Bord zu werfen, die Euch eingetrichtert worden sind, aber auch gleichzeitig unternehmerisch zu denken und IT-affin ausgerichtet zu sein. Über niedrige Kosten und kleinteilige Arbeitseinheiten lässt sich das Leben heute ganz anders organisieren. Wer erfolgreich sein will, wie ein Investment Punk, muss aber trotzdem rebellieren gegen die etablierten Dummheiten.

Social Banking 2.0: Ist die Punkbewegung ähnlich wie die Alt-68-er nicht letztlich doch eine Modewelle, bei denen viele Protagonisten nach Jugendjahren, wo sie sich intensiv ausgetobt haben, später in gut bezahlten bürgerlichen Jobs im Establishment untergetaucht sind?

Gerald Hörhan: Natürlich gibt es auch unter den Punks viele, die später graue Mäuse geworden sind. Aber das normale Bewerberspiel etwa im Internet mitzumachen ist doch ebenso wenig erstrebenswert, etwa indem man vor dem Abschicken der Unterlagen sorgfältig jedes Foto von einer früheren Studentenparty hat löschen lassen. Die Personalchefs sind nur Bürokraten. Ich würde niemanden in meiner Firma einstellen, der nicht mal irgendwo besoffen war. Das wäre mir zu viel graue Maus und entspricht nicht unserer offenen Firmenkultur. Wer die Nummer 358 A sein will, soll sich an die Regeln halten, aber die meisten Menschen sind doch mit derartigen Jobs nicht wirklich glücklich.

Social Banking 2.0: Wie also nutzt ein kreativer Investmentpunk das Netzwerk und die Spielmöglichkeiten des Internets auf intelligente Art und Weise?

Gerald Hörhan: Ganz einfach, indem Sie ein individuelles Markenzeichen entwickeln, in irgendetwas besonders gut zu sein und sich einen eigenen Charakter und ein eigenes Image zu erarbeiten. Mein Ziel ist es, irgendwann eine alternative Ausbildungsstätte zu gründen, wo den jungen Leuten das geboten werden soll, was sie konkret fürs Leben brauchen, und nicht das, was von außen in sie hinein gepflanzt werden soll. Viele junge Menschen werden definitiv in die falsche Richtung gedrängt. Der Bedarf an wirklichen Bildungsinhalten ist gewaltig, den Rest kann man sich heute aber leicht übers Internet selbst aneignen. Eines aber bleibt unumstößlich: Sich in der bloßen Rebellion zu erschöpfen, ohne eine entsprechende Leistung dahinter, brächte den Investmentpunk nicht weiter an sein Ziel heran, nämlich mit Hilfe von Geld permanent an seiner inneren Unabhängigkeit und Freiheit zu arbeiten.

Interview: Lothar Lochmaier

Hinweis: Im Oktober 2011 hat Gerhard Hörhan übrigens ein weiteres Buch publiziert, mit dem Titel Gegengift, das sich wie oben angedeutet, ausführlich mit der Bildungskrise in unseren Breitengraden befasst. Untertitel: Wie euch die Zukunft gestohlen wird. Was ihr dagegen tun könnt. Erste Lesereinschätzungen gibt es via Amazon.  

Fazit: Man kann trotz der unterschiedlichen Geschmäcker, die sich an dem Label „Investmentpunk“ sicherlich reiben, durchaus dem Fazit eines Lesers zustimmen, der feststellt, dass die Gedankenwelt von Gerald Hörhan deutlich mehr Tiefgang enthält, als etwa diejenige der ständig in den Medien präsenten Finanzflüsterer Max Otte oder Dirk Müller.   

Weiterer Tipp: In einem Interview mit dem Deutschen Anlegerfernsehen (DAF) vom Mai 2010 kann man Gerald Hörhan’s Gedankenwelt auch bildlich folgen: 

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Written by lochmaier

November 23, 2011 um 8:12 am

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