Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Occupy Wallstreet: Mehr als eine Protestbewegung formiert sich

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Als ich vor ein paar Tagen in der Abenddämmerung spazieren ging, kam ich an einem von mir öfters benutzten Geldautomaten vorbei. Er war nicht nur verschwunden, sondern die ganze Filiale der Post(bank) am Schloss in Berlin-Charlottenburg geschlossen. Am Platz des abmontierten Geldautomaten hatte jemand folgende Inschrift hingekritzelt … 

Occupy Wallstreet: Der Druck von der Straße wächst Foto: Lothar Lochmaier

Gerade als ich dieses Foto geschosssen hatte, kam ich ins Gespräch mit einer Passantin, die es ebenfalls bemerkte und fotographierte. Ich hielt sie zunächst für eine Touristin, nach einigen Sätzen in englisch wechselten wir ins Deutsche. 

Es handelte sich interessanterweise um eine   frühere Journalistin vom Wirtschaftsmagazin Capital – und wir waren uns in einem Punkt einig: Die Power von der Straße sei zwar problematisch, aber wenn die Politiker und Verantwortlichen sich kaum bewegten, müsse die Straße eben sie bewegen.

Journalistische Spurensuche an einer früheren Postbank-Filiale in Berlin

Sie möchte also die Spielregeln an der Wall Street zweifellos verändern, beeinflußen, ja revolutionieren – die Bewegung Occupy Wall Street .   Anfänglich von den Medien noch eher belächelt, haben sich die Initiatoren mittlerweile mit anhaltenden Aktionen im ganzen Land Gehör verschafft. Auch Blogger sind ein wichtiger Resonanzverstärker in diesem Kontext, wie sich unschwer am Beispiel von We are the 99 Percent, über den etwa Spiegel hier berichtet. 

Manche Beobachter sehen die Initiative zwar als Phänomen von politisch linksstehenden Randgruppen, dabei ist die Verteilung von Reichtum und Armut eine Sache der ganzen Gesellschaft. Es stehen Richtungsentscheidungen nicht nur in den USA an, wohin die Gesellschaft driftet, noch radikal(er) auseinander oder nicht.  Lesenswert: Ökonom Robert Shiller fordert nichts weniger als die Demokratisierung der Finanzmärkte.

Konsequenzen aus den aktuellen Geschehnissen gibt es viele. So titelt dailyfinance: As Angry Customers flee Financial Giants Online Banks are Booming. Wenn es allerdings darum geht, die Banken gleich ganz abzuschaffen, könnte es in die falsche Richtung laufen. Es geht darum, sie zu verändern, genauer: produktiv im Sinne der „Realwirtschaft“ und der menschlichen Arbeitskraft zu gestalten. Denn: „Die Bank sind wir“.

Jedem sei deshalb, um die reale Dimension jenseits von ideologischen Färbungen  zu erfassen, noch einmal die Autobiographie von Barack Obama empfohlen. Er sagte kürzlich sinngemäß: Es gehe hier nicht um Klassenkampf, sondern um die Frage, warum Investmentbanker oder Hedge Fonds Manager nicht ebenso hohe Steuern zahlten wie ein einfacher Klempner. 

Genau darum geht es, nicht mehr, nicht weniger. Insofern haben wir es hier mit einer alt bekannten „sozialen Frage“ zu tun. Aber der Weg zu dessen Lösung kann nur pragmatisch sein, nicht den alten Ideologien von Kapitalismus versus Sozialismus folgend. Von beidem zuviel kann eine Gesellschaft zum Absterben und Einsturz bringen.

Unerwarteter Zuspruch für die Okkupisten an der Wall Street kommt sogar aus der Finanzwirtschaft. Nicht nur George Soros findet die Anliegen berechtigt und hält eine Finanztransaktionssteuer für überfällig. Das wird jedoch nicht ausreichen, es braucht tiefergehendere Veränderungen. Am 15. Oktober wird es weltweit zu konzertierten Aktionen kommen, einen Überblick über die kleine oder größere Wallstreet-Revolution gibt es auf Heise Telepolis.   

Fazit: Es formiert sich in den USA eine politisch motivierte Gegenbewegung zur rechtslastigen Tea Party, deren Idole und Ideale ziemlich fragwürdig sind. Ob und in welchem Zuschnitt die Bewegung via Anonymous und andere Aktivisten nach Deutschland kommt, ist noch unklar.  Chris Skinner hat dazu einen kleinen Text geschrieben, in Anlehnung an das Pink-Floyd-Song „Another brick in the Wall“:

We don’t need no occupation 
We don’t need no thought control
No dark sarcasm from the government
Police leave them kids alone
Hey! Police! Leave them kids alone!
All in all it’s just a brick in the Wall … Street.
All in all you’re just a brick in the Wall … Street.

In einem früheren Video hatte ich die Konfliktlinie zwischen der alten und neuen Bankenwelt, mit den kreativen Löchern dazwischen, anhand des Songs „The Banking Wall“ wie folgt illustriert:

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Written by lochmaier

Oktober 10, 2011 um 7:34 am

Veröffentlicht in Uncategorized

2 Antworten

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  1. Lieber Herr Lochmaier

    Erst einmal Kompliment für Ihr Blog; es ist immer anregend. Vielleicht ist Ihnen auch aufgefallen, dass die Mainstream-Medien sehr lange den Protest ignoriert haben. Hier, wie die Strasse dennoch Aufmerksamkeit bekam:

    Ein interessierter Leser

    Oktober 10, 2011 at 11:26 am

  2. […] Das Foto entstand an einer ehemaligen Bankfiliale, direkt am Platz des frisch abmontierten Geldautomatens. Dort haben Unbekannte am 5. Oktober 2011 einen kaum lesbaren Schriftzug angebracht: Occupy Wallstreet. Mehr zum Hintergrund dieser Geschichte hier. […]


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