Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Banken im Umbruch: Wo läuft der Kunde denn hin?

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Es gab wieder eine Reihe von Tagungen, auf denen Bankexperten, In- und Outsider, über die Zukunft ihrer Branche orakelten. So beispielsweise Banken im Umbruch. Dort lehnte sich Ex-AWD-Chef Karsten Maschmeyer mal wieder mit einer gewagten gesellschaftlichen Analyse aus dem Fenster: Social Media ersetze den Bankberater nicht.

An Social Media komme zwar niemand mehr vorbei, sagte der Vorstand der Maschmeyer-Rürup AG, Carsten Maschmeyer wörtlich. Doch seien kompetente Menschen in der Beratung eben nicht zu ersetzen. Man könnte das Statement zwischen den Zeilen auch so lesen: Social Media ist nur dann gut, wenn sich das Empfehlungsmarketing von AWD auch direkt auf die sozialen Netzwerke übertragen lässt.
 
Da war er wieder, der alte Corpsgeist der Finanzvertriebler. Das von dem Ex-AWD-Chef Gesagte gibt es auch als kurzen Videomitschnitt hier auf den Handelsblatt-Seiten. Nun ja, wenn man  also etwas nur weiter empfehlen soll, was einem andere (die Finanzberater) schon vorgekaut haben, dann mag das ja wunderbar ins Konzept der Macher hinein passen. 
 
Aber vielleicht führt der freie Austausch via Social Media doch zu besseren Ergebnissen als eine rein provisionsorientierte Finanzberatung. Oh je, welche Schreckensvision. Aber auch darauf hätte Maschmeyer bekanntlich die Antwort schon parat: Man müsse als Berater das Geld „emotionalisieren“ – und so die Kunden über den „gefühlten finanziellen Mehrwert“ hinterm Ofen hervorlocken. Ob das mit dem gefühlten aber nicht realisierten Erfolgserlebnis beim Experience Banking der besonderen Art klappt?
 
So präsentierte auch Unternehmensberater Brett King, bekannt durch sein Standardwerk zur Bank 2.0, auf der Sibos sein neues Bankkonzept Movenbank, das ohne Papier, Karten, Schecks und versteckte Gebühren auskommen soll. Ob sich die Bankenwelt dadurch „rebooten“ lässt, wie es der clevere Selbstvermarkter annonciert, wird man noch sehen.
 
Problematisch ist es freilich schon, wenn in die individuelle Bonitätsbewertung via „CRED“ – einer Art Social Media Scoring – auch persönliche Daten aus sozialen Netzwerken einfließen würden.
Da fährt die deutsche Fidor Bank jedenfalls einen etwas anderen Kurs als die beim Datenschutz doch etwas großzügigeren englischsprachigen Nationen.
 
Interessant war auch die Finovate in New York, wo etwa Personal Capital eine Wealth Management Lösung für das Internetzeitalter vorstellte. Bleibt das Netz eine Randerscheinung, oder bildet sich da gar eine neue „Peanuts-Ökonomie“ mit unabsehbaren Folgeerscheinungen, mag sich da mancher nachts schweißgebadet fragen. 
 
Auch auf der von Sinner und Schrader als Ableger der Nextconf zum ersten Mal veranstalteten nexfinance in Frankfurt zerbrachen sich die Experten den Kopf über die Zukunft des Bankwesens. Dabei wurden allerdings die Begrifflichkeiten ziemlich wild durcheinander geworfen, es kursierten virtuelle Währungseinheiten als Alternative zum Cash- und Papiergeld ebenso unreflektiert wie vorschnell das Ende des klassischen E-Commerce ausgerufen wurde. 
 
Wie wäre es, wenn man sich erst einmal mit den Grundlagen der Geldwirtschaft beschäftigen zu würde, bevor man die eine oder andere revolutionäre These lanciert?  Grundsätzlich geht es nämlich ganz unabhängig vom Medium immer darum, wer mit wem zu welchen Bedingungen etwas „eintauscht“.
 
Indes völlig neben der realen Kundenwahrnehmung liegt die Deutsche Bank mit ihrem Design Thinking Ansatz, über dessen Grundcharakteristika ich schon einmal hier berichtet habe: Wie real lässt sich Geld redesignen? Das ist gar nicht mal nur meine Auffassung, aber gleich auf mehreren Konferenzen habe ich im Auditorium niemanden gefunden, der den Mehrwert aus Kundensicht hinter dem Design Thinking erkennt. Entweder dies wird nicht klar herausgestellt, oder aber der Mehrwert existiert überhaupt nicht.  
 
Immerhin: Die Deutsche Bank verkündet es schon als Erfolgserlebnis, wenn sie sich überhaupt mit dem Kunden beschäftigt. Da halten wir es aber lieber mit dem Motto von Chris Skinner: Banken reden jahrelang über Innovation, um am Ende gar nichts mehr verändern zu müssen. Wer sich trotzdem die Mühe machen möchte -, die Videostreams der Vorträge von der nextfinance gibt es hier
 
Mir fehlt es insgesamt an einer substanzhaltigen Diskussion über alte und neue Geschäftsmodelle. Auf dem Business Engineering Forum in Bregenz hatte ich nun meinerseits die Gelegenheit, einen Vortrag zum Status Quo der Social Media Aktivitäten von Banken zu halten – und natürlich auch die Chance genutzt, mich mit anderen Teilnehmern in angenehmer Atmosphäre intensiv auszutauschen.
 
Meine Bilanz: Der Kunde ist die Killerapplikation in der Bank 2.0, und zwar in jeder Hinsicht. Dass die Denkfabrik der Universität St. Gallen, die das Business Engineering Forum veranstaltete -, trotz einer gewissen konservativen Grundeinstellung – die neuen Spieler aus dem Web 2.0 aufs Erkenntnisradar genommen hat, verdeutlichte der Banking  IT Innovation Award.
 
Beworben dafür hatten sich 19 Unternehmen. Leer ausgingen so prominente Unternehmen wie die Deutsche Bank oder Deutsche Telekom. Prämiert wurden stattdessen überwiegend kleinere Spieler, mal abgesehen von der DAB und Fidor Bank waren dies Meniga, ein Anbieter von Personal Finance Management Tools und Yavalu (Exchange Traded Funds), über die ich auf diesem Blog bereits im April berichtet habe.
 
So lässt sich bilanzieren: An der Schnittstelle zwischen Bank und Kunde ist das Klima mindestens so stürmisch wie auf der rauen See. Meine Abschlußthese aus der Podiumsdiskussion vom zweiten Veranstaltungstag lautete deshalb: Das Internet einschließlich der mündigen Anleger, die sich auch via Social Media vernetzen, bestimmt in Zukunft die Richtung der Bank – und nicht die Filiale. Sie rückt deutlich nach hinten, wenn sie dem Kunden nicht einen klar erkennbaren Mehrwert jenseits der Provisionslastigen Beratung vermitteln kann. 
 
Nicht alle Branchenvertreter mochten indes derartige Signale aus dem tiefen Netz bereits vernommen haben. Aber es gab in dieser Welt ja vor ein paar Jahrzehnten auch nur Platz für einen Personal Computer (IBM, 1943). Und das Auto hatte ja auch nie die Chance, die Pferdekutschen abzulösen (Daimler um 1900) …  
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Written by lochmaier

September 27, 2011 um 7:17 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

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  1. […] der normalen Kunden wieder einmal nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Hier überlässt die Finanzbranche den neuen Mitspielern komplett das […]


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