Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Interview: Theaterregisseur Tobias Rausch über „Magic Fonds“ – und die Schwarmintelligenz

leave a comment »

Vor kurzem habe ich hier das Theaterstück Magic Fonds vorgestellt. Alles weitere dazu: Wie mit Magic Fonds das Geld der Anleger verschwindet.  

Abschließend nach den Aufführungen in Deutschland und der Schweiz bilanziert nun der Regisseur Tobias Rausch – aus Sicht der freien Theatercommunity -, welche Einsichten der schwarmbasierte Gestaltungsansatz für die Teilnehmer erbracht hat. 

Social Banking 2.0: Was war Ihre Motivation, das Projekt Magic Fonds in dieser Form zu starten?

Tobias Rausch: In der Vorbereitung zu „Magic Fonds“ haben wir festgestellt, daß die meisten von uns Geld und Banken vollkommen selbstverständlich benutzen, dass wir aber eigentlich gar nicht so genau verstehen, wie es funktioniert und was mit unserem Geld passiert, sobald es am Bankschalter eingezahlt wurde. Das Ziel war es deswegen, zusammen mit Jugendlichen genauer nachzuforschen, wie Banken und Finanzmarkt genau funktionieren.

Warum mit Jugendlichen? Wir haben uns versprochen, dass die Jugendlichen die ganz naheliegenden und einfachen Fragen stellen, ohne sich dabei dumm vorzukommen. Außerdem interessierte uns die Sicht von Menschen, die aufgrund ihres Alters nie etwas anderes kennengelernt haben als eine globalisierte und liberalisierte Marktwirtschaft. Wie selbstverständlich ist für sie der Kapitalismus – oder können sie sich eine Alternative vorstellen?

Während der Recherche verlagerte sich der Schwerpunkt ein bisschen – von der Frage des Funktionierens hin zur Frage, wie der Umgang mit Geld Menschen beeinflusst, verändert und welches Selbstverständnis diejenigen haben, die im Finanzmarkt arbeiten.

Was uns wichtig war – mit diesem Projekt vor allem verstehen zu wollen und nicht zu urteilen. Insofern sollten einander widersprechende Stimmen in das Stück einfließen – also sowohl die Meinung eines Spitzenmanagers, der die Banken verteidigt, als auch beispielsweise die Aussage eines radikalen Aussteigers, der am ganzen System zweifelt. Das Urteil sollen sich die Zuschauer selbst bilden.

Social Banking 2.0: Hat sich bei den Teilnehmern aus Basel und Berlin etwas geändert durch das Projekt, gibt es einen anderen Umgang mit dem Geld (werden z.B. Bankberater völlig gemieden, oder läuft alles wie normal weiter)?

Es gab mehrere Interviews, die die Meinung der Jugendlichen zur Finanzbranche und zum Thema Geld stark beeinflusst und verändert haben. Beispielsweise das Interview mit einem Privatanleger, der von seinem Bankberater nach allen Regeln der Kunst (Einladungen zum Abendessen, Kennenlernen der Ehefrauen, wolkige Versprechungen, moralischer Druck) dazu verführt wurde, in hochspekulative Schiffsanleihen zu investieren („Sie reisen doch gerne. Es ist sicher auch möglich, dass sie einmal auf einem der Containerschiffe mitfahren.“). Hier sind die Jugendlichen skeptischer geworden – wenn ihnen 9% Zinsen versprochen werden, kann das nicht risikolos sein.

In einem anderen Interview erzählt ein Immobilienbanker sehr eindrücklich, wie viel Spaß sein Job macht, wenn man eine ganze Stadt mitgestalten kann. Und dass es entwürdigend ist, von allen als der „böse Banker“ beschimpft zu werden, obwohl man nur versucht, seinen Job so gut zu machen, wie es geht. Das Klischee vom bösen, gierigen Banker stimmt in der Mehrzahl der Fälle eben auch nicht. Es sind häufiger die Systemzwänge, die dazu führen, daß die Menschen so handeln, wie sie es tun.

Was sich bei den Jugendlichen außerdem verändert hat, ist der Blick auf das Geld. Wie dieses scheinbar selbstverständliche Zahlungsmittel jederzeit wertlos werden kann, wenn unser Glaube daran verloren geht – und wie fragil eigentlich unser ganzes Finanzsystem ist. 

Social Banking 2.0: Wie war die Resonanz auf das Stück, außer ein oder zwei Presseberichten, gab es qualitativ gutes Feed back, das auch die Teilnehmer bzw. Macher weiter gebracht hat?

Wir werden als letzte Stufe des Projekts einen Interviewband herausbringen, in denen Auszüge aus den Originalinterviews abgedruckt sind. Verlag und Veröffentlichungstermin stehen noch nicht fest.

 Social Banking 2.0: Gibt es das Projekt in weiterer Fortsetzung, oder war es das jetzt schon?

Abgesehen vom Presse-Feedback gab es natürlich vor allem Reaktionen der Zuschauer und der interviewten Zeitzeugen. Die häufigste Publikumsreaktion waren eine große Nachdenklichkeit und die Erkenntnis, daß die meisten von uns bislang sehr gedankenlos mit ihrem Geld umgehen. Hauptsache kostenloses Girokonto und dann etwas für die Riester-Rente. Mehr wollen die meisten nicht wissen. Warum dieses Tabu, dieses Nicht-Wissen-Wollen? Das haben wir bis heute nicht begriffen.

Social Banking 2.0: Wie schätzen Sie selbst persönlich Community- bzw. netzbasierte Ansätze ein, wie das Crowdfunding oder Social Lending ein – kann sich dadurch in der kleinen, später vielleicht auch großen Finanzwelt perspektivisch etwas ändern?

Zu Community- und netzwerk-basierten Ansätzen in der Ökonomie kann ich leider wenig sagen. Ich wage es auch nicht, für das gesamte Team zu sprechen. Allerdings gibt es möglicherweise ein paar Analogien zwischen den von ihnen erwähnten Konzepten und dem ästhetisch-methodischen Konzept, nach dem lunatiks produktion seine Stücke entwickelt. Dazu können Sie mehr erfahren in dem Aufsatz: Schwärme im Schneesturm.  

Interview: Lothar Lochmaier

Advertisements

Written by lochmaier

Juni 23, 2011 um 6:50 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: