Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Newsraport via Youtube: Der zweite Blick hinter die Nachricht

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Wieder mal vor dem Fernseher zur besten Tagesschauzeit eingeschlafen?

Wer hätte es gedacht, es gibt auch eine andere, kreativere Sichtweise auf die große Nachrichtenwelt: Das Berliner Projekt Newsraport rappt nämlich die News der großen und kleinen Welt via Youtube. Mehr Infos darüber bietet der Fernsehsender ARTE. Ein Auszug:

Revolution in Nordafrika, Dioxin im Schweinefleisch, die Benachteiligung von Migranten in Deutschland, das Elend in der Dritten Welt. Eine Gruppe Jugendlicher produziert in Berlins Problemviertel Wedding mit dem „News Raport“ ein Nachrichten-Format zu Hip Hop Beats. Statt Mainstream und langweiliger politischer Kommentare präsentieren die Jugendlichen im Internet ihre eigene gerappte Nachrichtensendung. Unterstützt wird das Format inzwischen auch von dem EU-Programm „Jugend in Aktion“.

Was bedeutet das Rappen von Nachrichten nun für die einschlägigen Platzhirsche? Nun ja, für alle Ungläubigen zum Mitschreiben: CNN, n-tv und all die anderen Platzhirsche, sie werden sich warm anziehen müssen. Denn die dezentrale Netzcommunity schläft nicht.

Drei Milliarden Videoabrufe verzeichnet Youtube täglich. Tonnenweise werden bildlich gesprochen virtuelle Botschaften jeden Tag neu drauf geschaufelt.

Und: Die klassischen hierarchischen Medienhäuser werden sich nicht kurz-, aber mittel- bis langfristig (etwas) ändern (müssen). Denn Hollywood-Blockbuster erscheinen nicht mehr zuerst im Kino, sondern gleich auf Youtube.

Oder neue Automodelle werden zuerst auf Facebook vorgestellt. Der ganze Nachrichtenspiess dreht sich um. Die Nutzer übernehmen die Regie und produzieren die Inhalte selbst.

Neue Helden aus dem Alltag werden geboren, die fleißig und kreativ sind.

Und unverblümt sind die Macher, indem sie unverstellte Einblicke ins Leben jenseits der glatt polierten Nachrichtenshows ermöglichen.

Begrüßenswerte Entwicklung, oder?

Machen wir den zweiten und notwendigen Blick hinter die Nachricht mal an einem autobiographischen Beispiel fest: Mit einem Freund bin ich 1985 durch Südamerika gereist.  

Auf dieser mehrmonatigen Reise gelangten wir an die weltweit bekannten Wasserfälle von Iguazu im Grenzgebiet zwischen Argentinien und Brasilien. Ich hörte, dass dort ein Spielfilm gedreht wurde und wollte mir das von der Nähe aus anschauen. Man kam aber nur zum Drehort rein, wenn man zum Arbeitsteam dazu gehörte.

Mission reloaded: Die neue „Nachrichtenwelt 2.0“ sieht anders aus

Also ging ich, ohne groß nachzudenken, obwohl damals noch etwas schüchtern, ganz frech ins 5-Sterne-Hotel und fragte mich bis zum amerikanischen Executive Producer durch. Ich wollte Arbeit. Das Semester konnte glücklicherweise noch warten. Es handelte sich immerhin um einen prominenten Hollywood-Film, Mission mit Robert de Niro und Jeremy Irons, der später die Goldene Palme in Cannes erhielt.

Ich sagte damals dem Chef des internationalen Produktionsbüros, ich studierte Social and Economic history – und hätte eine Leidenschaft für historische Filmthemen, und es wäre ein Traum jetzt hier mitzuarbeiten. Und wie es in Amerika mal so schnell nicht nur meist abwärts sondern gelegentlich auch mal aufwärts gehen kann, so sagte er mir, ich solle kurz ein paar Minuten warten.

Dann bat er mich drei Minuten später wieder ins Büro herein. Und ich bzw. wir hatten den Job, vor allem weil ich bzw. wir spanisch, englisch und deutsch sprachen. Denn ich musste mit einem in London lebenden Österreicher, der für das historische Waffenarsenal die Verantwortung trug, die entsprechenden Listen führen, sprich jeden Morgen und Abend die Pistolen und Gewehre einsammeln. Der Chef der Waffenkammer musste also etwas bei Laune gehalten werden.

Das war eine spannende Zeit, direkt an den Wasserfällen im Grenzdreieck, entweder am Set oder am Zelt beim Lagerfeuer mit anderen Filmarbeitern zu diskutieren, oder sich direkt mit den Schauspielern unkompliziert an der Hotelbar zu unterhalten. Nun aber zum eigentlichen Punkt: Wenn man sieht, wie ein derartiger Film entsteht, erhält man eine ganz andere Perspektive auf „Nachrichten“ und scheinbar unverrückbare „Fakten“, die dem zweiten Blick selten stand halten.

So wurde beispielsweise einer der im Film „Mission“ gelegentlich als hochwertige Kulisse auftauchenden jungen Jesuitenpadres direkt aus dem Urwald rekrutiert. Es war ein Schweizer, der dem Wehrdienst in der Heimat nach Südamerika entflohen war, dann aber seinen inneren Kompass in der weiten Welt verloren hatte.

Er wurde von den Filmmachern um den Regisseur Roland Joffe gerade wegen seines vielsagenden mystischen Blicks in Szene gesetzt, der freilich auf seinem konstanten Marihuana-Konsum basierte. Als der Film später in die Kinos kam, musste ich an dieser Stelle immer wieder laut lachen, denn ich kannte ja durch meine Gespräche mit dem jungen Schweizer das ganze reale Bild, wie Woddy Allen jetzt zu sagen pflegen würde.

Was lernen wir aus diesem Beispiel? Nein, nicht, dass ich mit ein paar Hollywood-Stars zusammen gearbeitet habe, um jetzt damit anzugeben. Auch nicht, dass die Geschichte mit der wuchtigen Filmmusik von Ennio Morricone so stimmig inszeniert gewesen wäre. Ganz im Gegenteil, die Geschichte um die Jesuiten auf der Seite der armen entrechteten Indios war sogar reichlich klischeehaft. Siehe diese kurze Filmvorschau auf Youtube:

Am Drehort interessierten mich keine Autogramme von Schauspielern. Viel spannender war es, zu beobachten, mit wieviel Akribie und Leidenschaft eine einzelne Filmszene entstand.

Noch einmal also die Kernbotschaft: Der zweite Blick hinter die große und kleine Welt der Nachrichten, er lohnt sich auf jeden Fall, während durch Youtube und Co. der erste Blick in seiner Bedeutung deutlich herab gewürdigt wird. Zurecht.

Das wirkliche Leben, es wird künftig durchaus mehr als erwartet auf dem „zweiten informellen Medienkanal“ präsentiert, während die Zuschauer im Ersten tatsächlich viel zu oft in der letzten Reihe sitzen.

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Written by lochmaier

Juni 21, 2011 um 6:31 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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