Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Das Geld und die Sprache, die es spricht – Buchvorstellung der Berliner Finanzsoziologin Anke Wahl (Teil I)

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Auf diesem Weblog stelle ich wenige Bücher vor. Heute aber präsentiere ich eine aus Sicht des Geldanlegers wichtige wissenschaftliche Publikation. Das liegt zum einen daran, dass ich mit der Autorin liiert bin. Zum anderen, weil ich davon überzeugt bin, dass Liebe nicht immer blind macht, es sich also bei der „Sprache des Geldes“ um ein lesenswertes Buch handelt, auch oder gerade für die kleine aber feine Fangemeinde von Social Banking 2.0.  

Das Geld ist sicherlich eines der letzten Tabus, die es in unserer modernen Gesellschaft noch gibt. Schlagartig hat die Finanzkrise das Geld in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Und es wurde klar, dass wir eigentlich gar nichts über es wissen. Denn bis jetzt hat es ja schließlich reibungslos funktioniert.

Dabei spricht das Geld eine deutliche Sprache. Zugegeben, man versteht sie zwar nicht auf Anhieb, mit etwas Übung lässt sie sich aber lernen und liefert uns dann unglaublich spannende Einblicke in das Treiben der Welt. „Geld ist ein Phänomen, das uns tiefe Einblicke in die Absichten, Einstellungen und Orientierungen der Menschen gewährt“. Mit diesem Satz beginnt die Berliner Finanzsoziologin ihre gerade im VS Verlag für Sozialwissenschaften unter dem Titel Die Sprache des Geldes. Finanzmarktengagement zwischen Klassenlage und Lebensstil“ erschienene Untersuchung zum Thema Geld.

Behavioral Finance 2.0: Geld = Lebensstil, Lebensstil = Geld

Klar und eindeutig in Sprache und Argumentation, setzt die Autorin ein buntes Kolorit zum Thema Geld zusammen und erklärt uns, warum sich die gesellschaftlichen Verhältnisse im Geld widerspiegeln, warum das Geld so viel über uns verrät, welche Bedeutung es für uns hat und wie es unsere Beziehungen regelt. Die äußerst aufschlussreichen Details präsentiert die Autorin stets mit einem ironischen Unterton, der uns die zuweilen komplexe Materie leichter verstehen lässt.

So mancher Leser wird sich fragen, wo denn all die Milliarden Euro oder Dollar seit der Krise geblieben sind. Ende Mai stellte die Autorin ihr Buch in Berlin vor und machte deutlich, dass sich in unserer doch weitgehend Erfolgs verwöhnten Gesellschaft allmählich die Erkenntnis durchsetzt, dass es sich beim gegenwärtigen Kapitalismus um ein Arrangement handelt, das nicht immer verlässlich funktioniert. Während sich die soziale Kluft weiter verschärft, nimmt beim wohlhabenden Teil der Bevölkerung das Bedürfnis zu, die Besitzstände nicht nur zu sichern, sondern auch zu vermehren.

Wie aber hängt das Geld mit unserem Lebensstil zusammen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen unserem Konsumverhalten und der Art und Weise, wie wir es anlegen? Theoretisch fundiert argumentiert die Autorin und kommt zu dem Schluss, dass das, was wir kaufen auch Hinweise auf unsere Geldanlagen liefert, und umgekehrt. Aber wie kann das sein? Warum hängen unser Konsum- und unser Geldanlageverhalten miteinander zusammen?

Die Antworten erschließen sich auf den ersten Blick natürlich nicht. Die Autorin betont, dass sie im Geld liegen, und zwar in der Bedeutung, die wir ihm zuschreiben. Sobald die Menge an Geld, über die wir verfügen können, über das zum Leben notwendige Maß hinausgeht, können wir es auf unterschiedlichste Art und Weise verwenden. Dabei setzen wir es aber nur für solche Dinge ein, die für uns tatsächlich wichtig sind.

Fünf prägende Geldtypologien

Äußerst interessant ist nun, dass die Autorin mit Blick auf die Position, die wir in der Gesellschaft einnehmen, fünf unterschiedliche Geldtypen voneinander unterscheidet. Sie fragt, was die Menschen mit ihrem Geld erreichen möchten. Setzen sie es etwa dazu ein, um sich von anderen Menschen abzugrenzen? In diesem Fall spricht sie von Distinktionsgeld. Wollen sie mit ihm vor allem Zugehörigkeit herstellen (Konformitätsgeld), wollen sie es für Bildungszwecke und die Entwicklung ihrer Persönlichkeit einsetzen (Kreativgeld), es hauptsächlich zur Unterhaltung verwenden (Unterhaltungsgeld) oder müssen sie es zur Sicherung ihres Lebensunterhalts ausgeben (Existenzgeld). Die Autorin argumentiert, dass so bestimmtes Geld nicht nur den Kauf von Konsumgütern beeinflusst, sondern auch die Wahl von Geldanlagen.

Fotos: Lothar Lochmaier

Die Sprache des Geldes hat das Potential, die verhaltensorientierte Kapitalmarktforschung (Behavioral Finance) auf eine neue theoretische Grundlage zu stellen – und diese aus den etwas angestaubten Markterkundungsritualen zu befreien.  

Neben dem theoretischen Rüstzeug beeindruckt die Autorin mit ihrer empirischen Analyse. Anhand eines Datensatzes von rund 80.000 repräsentativ ausgewählten Privathaushalten unterzieht sie ihre theoretischen Aussagen einer empirischen Überprüfung und zeigt, dass entsprechend aufgeladenes Geld tatsächlich nicht nur im Konsum-, sondern auch im Anlagebereich unterschiedlich ambitioniert auftritt. Zudem wird deutlich, dass die Risikofreude beim Geldanlegen aber auch davon beeinflusst wird, wie zuverlässig oder unzuverlässig einem das Geld letztlich zufließt.

Das Buch ist zum einen für Soziologen und Ökonomen gedacht, also mit der Materie bereits vertraute Wissenschaftler. Darüber hinaus ist es aber auch Leserinnen und Lesern zu empfehlen, die sich mit dem Thema Geld in unvoreingenommener Weise beschäftigen möchten. Wer mit dem Erlernen der Geldsprache erst einmal begonnen hat, wird feststellen, wie viel sie einem über sich, andere und die ganze Gesellschaft verrät. Und er wird verstehen, warum das Geld immer noch ein Tabu in unserer Gesellschaft ist.

Im zweiten Teil dieser Buchpräsentation folgt eine Auswahl provokanter Zitate aus der Sprache des Geldes, sowie abschließend im dritten Teil ein Interview mit der Autorin Anke Wahl, im Auge des Orkans zwischen Klassenlage, Geldanlage, Lebensstil – und den neuen Einflußmöglichkeiten von Netzcommunities.

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Written by lochmaier

Juni 6, 2011 um 7:23 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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