Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Wirtschaftsblogs: Der Eiserne Vorhang ist gefallen

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Manchmal sagen Symbole wie der Eiserne Vorhang (des Schweigens und gleichzeitig heimlich stillen Ideenklonings) mehr als Tausend Worte. Keine Lust mehr Euer Fußvolk zu sein, schrieb Basicthinking zur nicht ganz ungewöhnlichen Praxis von Leitmedien, sich doch geistige Nahrung bei dem einen oder anderen „verrückten“ Blogger zu holen. Gerne auch ohne Nennung der Quelle.

Die Süddeutsche Zeitung hat nun – wen wundert es, als erstes deutsches Leitmedium die neue Sphäre von mehreren Hundert deutschen Wirtschaftsblogs unter die Lupe genommen. Die etwas zweideutige Überschrift: Viel los im Affenkäfig.

Sie werden mehr, sie werden besser: Eine Reihe von Blogs kommentiert die aktuelle Wirtschaftslage. Es geht tiefsinnig um Geldpolitik, um Banken mit Filialen auf Facebook (Anmerkung der virtuellen Redconf: Damit war wohl dieses Weblog Social Banking 2.0 hier gemeint) und freche Kommentare. Eine Blogschau.

Quelle: sueddeutsche.de

Bislang galten Wirtschaftsblogger eher als eine verkannte Größenordnung, wie ich am 16.11.2010 schrieb. Warum publiziert gerade die SZ jetzt diesen Beitrag? Sicherlich, weil ein jüngerer Redakteur wie Sebastian Brinkmann dankenswerterweise offen und neugierig ist. Die Zukunft ist nicht die Gegenwart.

Aber auch weil FTD, HB und FAZ als die Top-Platzhirsche in der deutschen Wirtschaftsberichterstattung viel lieber ihren eigenen Formaten huldigen, als die Fenster aufzumachen und frischen Wind von draußen herein zu lassen. Bevor jetzt manche gleich wieder losschreien: Ich weiß, es gibt Ausnahmen, es gibt eine Welt zwischen Schwarz-und-Weiß-Malerei.

Aber: Ich habe jüngst erst auf der Jahreskonferenz vor dem PR Report Award in einem kleinen Nebenzimmer einen Vortrag zum Thema gehalten: Wirtschaftsjournalismus in der Krise!? Danach gab es einige sehr gute Gespräche. Mein Tenor war kurz zusammen gefasst der hier: 

•In fünf Jahren sind dezentral gesteuerte Informationskanäle selbstverständlich in der neuen Medienökonomie

•Wirtschaftsmedien 2.0 sind die nächste Innovationswelle, so wie früher die Druckerschwärze für die Tageszeitung von digitalem Producing abgelöst worden ist  
 
•Aber: (Deutsche) Gründlichkeit, Fortschrittspessimismus sowie geistig-emotionales Schubladendenken bremsen
 
•Motto: Jedem Spieler sein eigenes Ressortsüppchen, Wirtschaftsjournalismus 2.0 funktioniert nur ohne geistige Grenzpfosten – durch Blickkontakt unterschiedlicher Akteure auf Augenhöhe  
 
 

Gibt es also eine Existenzkrise: Ja und nein, nein, ja doch. Ich finde schon. Ja, was denn jetzt? Es läuft doch alles wie das business as usual in der geschmierten Konjunkturlandschaft, sagen jetzt sicherlich auch die Verlagsoberen… Die Krise sehe ich trotzdem, und zwar liegen die Defizite in der Wirtschaftsberichterstattung genau hier:

 •Analog zur „Call-und-Put“ Funktion an den Kapitalmärkten

•Es herrscht die Tendenz, nach oben oder nach unten zu spekulieren, wie es gerade opportun erscheint, wie es dem allgemeinen Kenntnistand und der situativ angebrachten Gerüchteküche entspricht
 
•Wirtschaftliche und fachliche Komplexität bringt kaum Auflage
 
•Dilemma: Die Mainstream-Meinung liegt letztlich immer falsch
 
•Rund Drei Viertel aller Menschen verlieren an der Börse Geld. Nur ein Viertel gewinnt
 

Was folgt? Man muss gar nicht von der Fraktion der vom (moralisch geprägten) investigativen Journalismus beseelten nationalen Chefaufklärer sein. Aber bei Tagungen wie dem Kölner Tag des Wirtschaftsjournalismus würde ich regelmäßig einschlafen, deshalb gehe ich erst gar nicht hin. Denn dort wird gerade da aufgehört zu denken, wo man eigentlich erst beginnen müsste.

Denkverbote gibt es genug. Und genau deshalb brauchen wir mehr denn je Wirtschaftsblogs, die nicht nur als Anhängsel der großen Verlage fungieren, die diesen Trend sicherlich in den nächsten Jahren versuchen zu vereinnahmen.

Ich gebe es gerne zu: Mein Herz schlägt für die mutigen und frei agierenden Kreativen, die sich trauen, dem Mainstream witzige, eigenwillige, verschrobene, ja sonst-irgendwie-geartete Blickwinkel entgegen zu halten. Es geht nicht darum, klassische Medien zu ersetzen, aber sie hinter dem Eisernen Vorhang hervorzuholen – und von einigen Erstarrungsritualen und Schablonen zu befreien.

Denn wie wir spätestens seit der Finanzkrise wissen:  

Everybody wants to be like the Jones, but the Jones are going bancrupt!

Eine erste kleine Resonanzwelle zum eisbrechenden Artikel in der Süddeutschen Zeitung findet sich im Blicklog, bei Olaf Storbeck vom Handelsblatt, der dankenswerterweise noch weitere neue Formate vorstellt. Empfehlenswert u.a. auch dieser Beitrag vom Blicklog: Business Insider und Zero Hedge als Vorbilder für deutsche Wirtschaftsblogs: Rotzfrech mit fachlicher Tiefe.    

Fazit: Der Eiserne Vorhang hinter den stillen Zitierkartellen ist gefallen. Der Dialog auf Augenhöhe, zwischen den Machern und den „Nutzern“, er ist eröffnet.

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Written by lochmaier

Juni 3, 2011 um 11:02 am

Veröffentlicht in Uncategorized

10 Antworten

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  1. […] Social Banking 2.0: Wirtschaftsblogs: Der Eiserne Vorhang hinter den stillen Zitierkartellen ist gefallen […]

  2. Sehr interessante Bestandsaufnahme.
    Neben der Süddeutschen, die insgesamt deutlich mutiger geworden ist mit der Verlinkung auf Webseiten außerhalb des eigenen Dunstkreises, sollte man hier aber auf jeden Fall das Handelsblatt erwähnen. Während der Printausgabe nur sehr langsam die Frischzellenkur gelingt, versuchen es einige der Redakteure im Blog deutlich erfrischender. Allen voran natürlich Olaf Storbeck, der sich mitlerweile gut mit der Blogszene vernetzt hat und seit einigen Wochen immer wieder auch Wirtschaftsblogs in seinem Ökonomie Newsletter zitiert. Storbeck zeigt übrigens auch, dass Social Media und Web 2.0 nicht mit mangelnder Tiefe einhergeht, wie das fälchlicherweise oft gedacht wird. Ohne die Ökonomieseiten hätte ich das Abo längst abbestellt.

    Daneben tasten sich viele andere Wirtschaftsjournalisten ohne Berührungsängst über Twitter an die „freche“ Blogwelt heran. Und sie werden herzlich aufgenommen.

    dels

    Juni 3, 2011 at 11:57 am

    • natürlich gibt es eine Durchlässigkeit, wenn schon nicht systemimmanent und strukturell, so doch über Personen, die über den Gartenzaun hinaus marschieren. Ich sehe es wie Sie: Die Wirtschaftsblogger-Szene ist relativ offen und konstruktiv (mit platten Sprüchen kann man eben meist wenig bewirken), auch für die klassichen Medienvertreter. Dogmatische Grabenkämpfe wie Bloggergates und andere sind sogar eher verpönt. Alle wissen, in dieser Welt geht es ums Geld, und darüber kann und darf man immer wieder trefflich philosophieren.

      lochmaier

      Juni 3, 2011 at 12:14 pm

  3. Generell sehe ich das Verlinken inzwischen auch deutlich mehr auf dem Vormarsch – erfreulicherweise. Allerdings gelingt es vielen „alten“ Medien noch immer nicht gegenseitig aufeinander zu verlinken. Gerade große Player würden dadurch sicher keine Leser verlieren – im Gegenteil. Ein Link zum Hintergrund ist ein Mehrwert, der von immer mehr Lesern gewürdigt wird.
    Gerade was aber die beiden großen Wirtschaftsblätter Handelsblatt und FTD angeht, bin ich sehr verwundert, dass man hier so zögerlich reagiert. Zumal man beim Handelsblatt mit dem Twingly-Kasten neben den Beiträgen schon mal etwas weiter war. Aber offenbar hält man es dort nicht für nötig auf Diskussionen im Web hinzuweisen. Immerhin hat man auf Blog-Ebene (Handelsblatt, WiWo, Zeit) gewohnte Kommentier- und Trackback-Möglichkeiten. Und die neue Diskussionskultur rund um Olaf Storbecks Handelsblog finde ich bemerkenswert und einen Riesenfortschritt.

    Marc Schmidt

    Juni 3, 2011 at 3:24 pm

    • @boersenblogger danke für die Ergänzung, der man nur zustimmen kann. Zumindest dürfte es künftig bestimmte „vernetzte Zonen“ bei den Wirtschaftsblättern geben, wo es offener und kommunikativer zugeht. Der erste Schritt aus dem „La Cage aux Folles“, in dem vermutlich in diesem Fall nicht die Blogger sitzen. Aus meiner Sicht sehe ich die Diskussion sehr gelassen, Fortschritt bricht sich seinen Lauf, man sollte halt überlegen, ob man hinten im Zugwagen sitzt, wo man möglicherweise abgehängt wird, zumindest bei den mündigen „Finanzverbrauchern“, die deutlich mehr Informationstiefe, Vielfalt und Vernetzung erwarten.

      lochmaier

      Juni 4, 2011 at 6:09 pm

      • Dass sich der „Fortschritt“ u.U. deutlich schneller seine Bahn bricht dürfte auch daran liegen, dass etablierte (Finanz-)Medien und Banken/Versicherungen mehr und mehr an Vertrauen (und Leser/Kunden) verlieren. Bin jeden Monat erneut über weiter rückläufige Verkaufszahlen überrascht. Daneben beobachte ich auch in meinem Bekanntenkreis vermehrt, wie stark das Mißtrauen ggü. Banken und Versicherungen angewachsen ist. Diverse Beratungsskandale haben offenbar eine ganze Generation „aufgerüttelt“…

        Marc Schmidt

        Juni 5, 2011 at 10:52 am

  4. Das sehe ich ähnlich. Die Entwicklung kann sich auch durch zusätzliche externe „Schocks“ noch weiter dynamisieren. Mein Buch „die Bank sind wir“ nimmt diesen Paradigmenwandel vielleicht um ein paar Jahre vorweg, aber zu übersehen ist er kaum. Wenn Banken sich aber nur vordergründig auf diese Entwicklung, z.B. via Social Media Fakes, einlassen, dann könnten sie irgendwann tatsächlich zu den Verlierern im Spiel um die Kundengelder gehören. Anders herum haben neue Spieler große Chancen, wenn sie wirklich an der Vision einer „kundenzentrierten“ (Social) Bank 2.0 arbeiten, deren Glaubwürdigkeit freilich viel harte Detailarbeit bedeutet…. wir gehen spannenden Zeiten entgegen…

    lochmaier

    Juni 5, 2011 at 12:55 pm

  5. Zum allgemeinen Desinteresse bei den Banken sag ich nur: Da sind sie selbst dran schuld. Es werden so viel Produkte verkloppt, die dem Anleger rein gar nichts bringen und stattdessen nur die Banktöpfe füllen.

    Tim

    Juni 8, 2011 at 8:02 pm

  6. […] Hier oder hier oder hier oder hier. […]

  7. […] Fassen wir dehalb nur zusammen: Ambitioniert wäre es, ein bisschen frischen Stallgeruch anzunehmen. Den reklamieren wir Journalisten ja allzu gerne für uns. Wenn es aber darum geht, nicht vom lieben Gott (sprich einer Institution) ernannte Experten zu zitieren, wozu die Blogger wohl gehören, dann zögert man noch. Aber die Berliner Mauer oder der Eiserne Vorhang fällt allmählich, wie ich schon geschrieben habe. […]


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