Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Archive for Mai 2011

Financewatch: Wie gut lassen sich Finanzmärkte überwachen?

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Einige EU-Abgeordnete haben (mal wieder) eine Art informelle Lobby „gegen Banken“ gegründet, berichtet die FTD. Mehr dazu auch in einem Update vom April auf nachhaltigkeit.org. Laut Sven Giegold, Europavertreter der Grünen, soll es sich dabei um eine Partei übergreifende Alternative zu der gerade in Brüssel äußerst rührigen Finanzindustrie handeln. Das klingt ebenso griffig wie belanglos.

Denn schaut man sich die Vielzahl derartiger Iniativen an, dann wird deutlich, der Bürger ist müde, sich immer wieder gegen irgendwelche klischeehaften Feindbilder zu erheben im Netz. Derartigen Initiativen mangelt es deshalb allesamt an Durchschlagskraft, weil die Ziele schwammig sind und die verlässlichen Alternativen nicht bereit stehen.

Denn wer A wie Anti sagt, sollte auch den Weg nach B wie neue Betaversion beschreiben. So waren bei Financewatch am 8. Mai auf dem Twitter-Account gerade mal 190 Follower versammelt. Auch selbst folgt die Initiative niemandem. Ein Start sieht anders aus – Klickt man auf den Facebook-Button, so landet man gelegentlich auf Umwegen, auch dies ein wenig rühmlicher Auftakt im geistigen Gefolge von Wikileaks und Co.

Dies führt zu der höchst banalen Erkenntnis. Das allzu lärmende Geschrei der Transparenzgesellschaft bringt uns nicht weiter. Es reicht nicht aus. Worauf es vielmehr ankommt, ist echte Partizipation, also kreative Konzepte und Alternativen, die sich nicht nur in der Protestkultur „die da oben“ und „wir Ohnmächtigen“ hier unten erschöpft. Das Prinzip Wikileaks droht sich sonst totzulaufen, noch bevor es sein kreatives Potenzial überhaupt entfalten kann.

Mehr zum Hintergrund von Financewatch offeriert das Weblog von Marco Althaus. Sein Fazit: Lobby bleibt Lobby. Daran müssen wir aber nicht verzweifeln. Denn es gibt wirksame Elemente der Selbst- und Fremdkontrolle, und das Netz ist das Werkzeug, ja gelegentlich sogar eine scharfe Waffe, um grobe Missstände ans Tageslicht zu befördern.

Für die Protagonisten gelten allerdings einige banale Grundregeln: Wenn sie moralisch nicht integrer agieren, als die von ihnen so scharf Kritisierten, dann läuft jede Initiative, wie Wikileaks und all die kreativen Abkömmlinge wie Stopbanque, Greenleaks und Openleaks, in die geistige Leere.

Hier ist künftig erheblich mehr Professionalisierung gefragt, statt eingängiger moralischer Vorzeigehaltungen, aber auch hier dürfte der Lernprozess etwa durch die jüngsten Geschehnisse im Guttenplag bereits eingeleitet sein. Das Netz ist im Idealfall ein großes weltumspannendes Dokument, das viele Menschen kreativ bearbeiten können, und in das sich sogar leistungsfähige Mechanismen zur Qualitätssicherung einbinden lassen.

Fakt ist aber auch: Wichtiger als allein Mißstände in der Finanzindustrie aufzudecken, wo oftmals unklar ist, wer das trojanische Pferd ist, ist es, weiter an den kreativen und verlässlichen Alternativen zu feilen, damit diese sich professionalisieren können.

Written by lochmaier

Mai 11, 2011 at 6:41 am

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Neuseeland: ASB Bank pusht die Facebook-Filiale

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Während die meisten Banken es bislang bei einer bloßen Kontaktpräsenz auf dem weltweit größten sozialen Netzwerk mit rund 550 Millionen Mitgliedern belassen, geht die neuseeländische ASB Bank einen Schritt weiter. Das besondere Element an dieser weltweit ersten Facebook-Bankfiliale ist, dass die Kunden sich mit acht „echten“ Bankberatern sieben Tage in der Woche über ihr konkretes Anliegen austauschen können.

Die ASB Bank setzt dabei auf eine Chat-Anwendung als Facebook-App. Die Mitarbeiter, die für ein virtuelles Gespräch jeweils zur Verfügung stehen, sind entsprechend gekennzeichnet. Ein Klick auf einen freien Mitarbeiter öffnet den Dialog. Eine komplizierte Anmeldung ist dafür nicht erforderlich. Das Gespräch selbst wird offenbar nicht aufgezeichnet.

Dadurch soll die Netzgemeinde sich auf Augenhöhe mit der Hausbank fühlen. Die bisherigen Erfahrungen hätten, so jedenfalls die Verantwortlichen, bereits widerlegt, dass die Kundschaft mit einem gewissen Fremdeln auf das virtuelle Bankbüro reagiert. Mehr noch: Laut Einschätzung der Verantwortlichen von der ASB Bank hat sich die Kundenbeziehung durch das neue Angebot sogar deutlich intensiviert.

Im Interview gibt nun Simone McCallum, bei der ASB Bank verantwortlich für die Bereiche Internet Community Operations und Support Internet Banking, einen Einblick in die aktuellen Aktivitäten und sie zieht eine erste vorsichtige Bilanz der Initiative. Wir fragen: Die „Facebook-Bank“ – Hype oder realistisches Geschäftsmodell in der neuen Netzbeziehung zwischen Bank und Kunde? 

Social Banking 2.0: Wie kam die Idee zustande, die weltweit erste Facebook-Filiale zu eröffnen?

Simone McCallum: Bei der ASB Bank arbeiten wir permanent daran, nach neuen und innovativen Wegen zu suchen, um die Qualität beim Kundenservice und den Erfahrungen im Umgang mit uns zu optimieren. Wir haben erkannt, dass die Neuseeländer sich immer stärker auf Social Media Plattformen engagieren. Und so wollten wir ihnen die Möglichkeit bieten, mit uns direkt zu interagieren, in Ergänzung zu unseren bestehenden Online-Angeboten. Rund 1,8 Millionen Menschen nutzen hierzulande bereits Facebook, weshalb es Sinn macht, dort präsent zu sein, wo sich die Leute überwiegend bereits im Netz tummeln.

Social Banking 2.0: Welches sind die wichtigsten Ziele mit dieser Initiative?

Simone McCallum: Unser Fokus liegt ganz klar auf dem Gespräch, dem Feed-back und dem Zuhören. All dies sind grundlegende Bestandteile für ein wachsendes Engagement der Kunden. Unsere virtuelle Facebook-Filiale wurde also ins Leben gerufen als der Versuch, eine aktive Rückkoppelungsinstanz mit unserer Community zu schaffen.

Social Banking 2.0: Wie sieht der aktuelle Status seit dem Projektstart aus?

Simone McCallum: Das Echo auf unsere Aktivitäten seitens der Kunden ist bislang überwältigend. Das beherrschende Thema aus deren Sicht ist der große Vorteil, jetzt in der Lage zu sein, direkt und bequem mit der ASB Bank zu chatten, während man gerade auf Facebook eingeloggt ist. Übrigens: 99 Prozent der Kunden, die unsere Filiale zuvor besuchten, würden uns an ihre Familie oder Freunde weiter empfehlen.

Social Banking 2.0: Welche Schritte folgen als nächstes, gibt es weitere Funktionalitäten?

Simone McCallum: Unsere virtuelle Facebook-Filiale befindet sich noch in einer ausgedehnten Testphase. Wir werden das weitere Feedback aus der Nutzergemeinde einbeziehen und abschätzen, wie wir die Plattform in Zukunft weiter verbessern können.

Social Banking 2.0: Stellt die Datensicherheit in einer sozialen Netzwerkumgebung nicht ein kritisches Element dar?

Simone McCallum: Die Daten, die wir in der virtuellen Filialanwendung generieren, werden weder von Facebook noch von einer anderen Drittpartei gespeichert. Lediglich wir selbst und unsere Mitarbeiter verfügen über die Zugangsberechtigung dazu. Das Schutzniveau ist deshalb vergleichbar mit dem ebenfalls hohen Niveau beim Security Monitoring und der Software, wie wir sie für unsere FastNet Online Banking Services verwenden. Dies schließt eine Verschlüsselungstechnologie auf Basis von 128-Bit SSL ein, so dass die Nutzer sich darauf verlassen können, dass die Informationen sicher sind. Wir empfehlen unseren Kunden natürlich auch weitere Sicherheitsmaßnahmen, um ihre persönlichen Kontodaten zu schützen, indem sie etwa ihre Internet Security Software und sonstigen Systeme regelmäßig auf dem neuesten Stand halten.

Social Banking 2.0: Wie lassen sich derartige Aktivitäten innerhalb eines schlüssigen Social Media Managements und Marketings sinnvoll bündeln und kanalisieren?

Simone McCallum: Wir nutzen den Kurznachrichtendienst Twitter bereits seit 2009 und finden, dass er für uns eine großartige Möglichkeit darstellt, mit den Online Communities in Verbindung zu treten. Unsere Seite auf Facebook ist erst wenige Monate im Netz und bis dato haben schon 13.000 User sich für den Like-Button entschieden. Wir sehen unser Engagement in der Welt von Social Media als eine Erweiterung unseres starken Bemühens im Community Engagement an, sprich, wir wollen die Nutzer in all unsere Aktivitäten einbinden.

Social Banking 2.0: Wie können denn die Kunden konkret von der virtuellen Bankfiliale profitieren?

Simone McCallum: Zum einen hat unsere Facebook-Präsenz sieben Tage die Woche von 08.00 Uhr in der Früh bis um 21.00 Uhr abends geöffnet. Das macht es für die Kunden leicht, sich mit einem Bankspezialisten in Verbindung zu setzen. Schließlich bietet diese Option auch handfeste Vorteile, etwa wenn es um konkrete Ratschläge bei einem privaten Kredit geht, wie man eine Überweisung automatisch vornehmen kann, wie man bei der Urlaubsplanung bares Geld sparen kann, oder auch nur, um die eigene Finanzverwaltung mit konkreten Spar- und Anlagetipps wieder auf Vordermann zu bringen.

Interview: Lothar Lochmaier

Written by lochmaier

Mai 8, 2011 at 7:44 am

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Meeresenergie: Aus der Welle Ökostrom produzieren?

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Das ist tatsächlich eine ganz realistische Frage. Im Prinzip ist die Energie der Ozeane ja nahezu unerschöpflich. Kein Wunder also, dass Forscher, Wissenschaftler und Unternehmen dieses bislang ungebändigte Kraftreservoir für die Stromgewinnung nutzbar machen wollen. 

Ich beobachte nun schon seit Jahren in unzähligen Fachartikeln vor allem die schottischen Ingenieure bei ihrer Arbeit. Ein spannender aber ziemlich nervenaufreibender Job, bei dem das schnelle Erfolgserlebnis weit entfernt liegt. Hier nur ein Verweis auf (m)einen Artikel in der Wochenzeitung die ZEIT mit dem Titel: Strom aus der Welle, in dem ich das raue Element auf den schottischen Orkney Inseln eingehend skizziert habe.

Ich gebe es zu, ich bin fasziniert nicht nur vom Meer, sondern auch von dieser besonderen Möglichkeit, aus der Kraft der Wellen- und Gezeitenströmungen Strom zu erzeugen. Es ist echte Pionierarbeit, wo die Forscher eine hohe Frustrationstolerenz benötigen. 

   

Natürlich gibt es auch kritische Stimmen, zu teuer, technisch nicht realisierbar – und schädlich für die Umwelt, kurzum: Nicht konkurrenzfähig etwa mit der Windenergie. Natürlich muss man jeden Standort und jede Technologie auf Herz und Nieren prüfen. Aber auch die Technologie in der Windenergie war vor zwanzig Jahren noch am Beginn, der Dreiflügler schälte sich erst allmählich als idealer technischer Lösungsweg heraus. 

Wellen-, Gezeiten- und Strömungskraftwerke wandeln Meeresenergie in einem aufwändigen technischen Prozess um – und transportieren den dadurch gewonnenen Strom zu den Haushalten an Land. Noch aber befindet sich diese alternative Form der Energiegewinnung im Erprobungsstadium.

Von der rauhen Natur auf offener See können wir vieles lernen. Nur wer sich neuen Herausforderungen entschlossen stellt, entdeckt besondere Wege und Möglichkeiten. Nicht immer erkennen wir das große Potenzial neuer Ideen sofort. Und: Wie im richtigen Leben, funktioniert nicht immer alles gleich beim ersten Mal.

In der Fachzeitschrift Energiespektrum gebe ich nun ein vor allem technisch und wirtschaftlich orientiertes Update zu den jüngsten Fortschritten bei der Gewinnung von Strom aus dem Meer. Aber lesen Sie doch am besten selbst: Schwappt die Technik über?

Written by lochmaier

Mai 4, 2011 at 6:38 am

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Interview: Wie real lässt sich Geld redesignen?

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Gelegentlich fremdelt die sonst doch so coole Netzcommunity ein bisschen mit dem Thema Geld. Man lehnt es eigentlich nach außen nur allzu gerne als gefräßiges Stilmittel des Turbokapitalismus ab. Aber irgendwie braucht es doch jeder.

Und genau da liegt schon das Problem im Weg: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing? Wie also löst man diesen zugegebenermaßen schwierigen intellektuellen Link(s)spagat auf.

Fragen wir doch mal bei Nina Schoenian nach. Sie ist erfolgreiche Werbedesignerin und hielt in diesem Jahr am 13. April einen Vortrag auf der re:publica in Berlin zum „Redesign des Geldes“. Ein Grund mehr für dieses Blog Social Banking 2.0, quasi im virtuellen Zwiegespräch eine Nachschau der wichtigsten Thesen zu starten – und diese den undogmatisch nach vorne geneigten Lesern zur Diskussion zu stellen. 

Die Preisfrage: Ist „redesigntes“ Geld mehr eine aufgesetzte Modeerscheinung im Zeitalter der hippen sozialen Netzwerke, oder bietet es einen produktiven Gestaltungsansatz?   

Social Banking 2.0: Lösen virtuelle Währungen soziale Konflikte oder sind sie nur ein besonderes zeitgemäßes Stilmittel, das den Umgang mit Geld (etwas) transparenter, emotionaler und kommunikativer gestaltet?

Nina Schoenian: Nein, virtuelle Währungen haben zum jetzigen Zeitpunkt nicht das Potential soziale Konflikte besser zu lösen als andere Währungen. Das liegt daran, dass virtuelle Währungen innerhalb des bisherigen Systems funktionieren und  sich von ihrer Virtualität abgesehen, nicht unterscheiden. Erst ein Geld das neu aufgeladen bzw. besetzt wird, hätte dieses Potential. Allerdings bieten virtuelle Währungen die Chance Prototyping (einer der Schritte der von mir untersuchten Innovationsmethode Design Thinking) durchzuführen, also in einem beschränkten „Markt“ Veränderbarkeit des Systems auszuloten.

Zum zweiten Teil ihrer Frage: Ich halte den Umgang mit Geld für überaus transparent, auch für höchst emotional und sogar ausschließlich kommunikativ. Systemtheoretisch betrachtet ist Geld ein sogenanntes Steuerungsmedium oder auch symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium. Das bedeutet, dass sich das (Wirtschafts- oder Finanz-)System von seiner Umwelt durch die Kommunikation mit diesem Medium abgrenzt. Die Geschichte des Geldes ist in erster Linie eine fast beispiellose Erfolgsgeschichte, was die Transparenz, Emotionen und Kommunikation angeht. Umgang mit Geld transparenter, emotionaler oder kommunikativer zu gestalten ist aus meiner Sicht kein Fortschritt bzw. Ziel.

Vielmehr geht es darum die Abkopplung des Finanzsystems von der Realwirtschaft kritisch zu betrachten bzw. das Verhältnis von Geld und Wert, z.B. Wert für eine Gesellschaft. 

Social Banking 2.0: Wie lässt sich Geld kreativ neu besetzen, wie kann man es (re)designen?

Die Stärke des Designs an sich besteht in einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem Status quo und den herrschenden Beschränkungen. Design funktioniert immer im Kontext, ist zweckgebunden. Egal ob Kaffeetassendesign oder Prozessdesign im Gesundheitswesen. 

Daher sind Designer sehr gute Beobachter. Eine Idee, die nicht den Zweck erfüllt, ist keine gute. Hinzu kommen weitere reizvolle Eigenschaften des Designs wie iteratives Vorgehen, Interdisziplinarität, Teamwork, Heuristik, Prototpying Umgang mit Nicht-Wissen um nur einige zu nennen.

Indem dieses entwerfende Denken – eben Design Thinking – auf das  Finanzsystem angewendet wird, werden Ideen generiert, die entweder Geld oder auch den Geldgebrauch oder die Akteure des Finanzsystems, verändern können. Das müssen aber keine Designer machen, Banker, Politiker und Menschenrechtler sind genauso geeignet für Design Thinking.
Social Banking 2.0: Welches ist Ihre Kernthese, was verändert sich dadurch?

Meine Forschung setzt sich in erster Linie mit der Innovierbarkeit von komplexen Systemen auseinander. Hier bietet sich das Finanzsystem an, weil die Rufe nach seiner Veränderung so laut sind, aber auch eine Organisation wäre ein guter Untersuchungsgegenstand gewesen. Systemisch gesehen ändert sich das System schon dadurch dass es beobachtet wird, denn dieses System ist ein sich selbstbeobachtendes Kommunikationssystem. Das kann man am besten bei Kursschwankungen aufgrund von Fehlinformationen erleben. Faktisch hat sich nichts verändert, nur die Firma wird schlechter an der Börse gehandelt und muss daher vielleicht Arbeitsplätze abbauen etc… Die Selbstbeobachtung des Systems zieht sich also durch die ganze Arbeit und beeinflusst die Forschung.

Mit meiner Arbeit über die Innovationsmethode Design Thinking und ihrer Weiterentwicklung mithilfe der Systemtheorie wird diese Methode (mit Einschränkungen, weitere Forschung erwünscht und in Arbeit) auf das Finanzsystem anwendbar. Ich nenne den neuen Prozess dann Re-Design Thinking. Der Redesign-Prozess des Geldes ist eine Demokratisierung des Finanzsystems, da es Menschen die Möglichkeit gibt, sich gemeinsam, fundiert, zielgerichtet mit dem System auseinanderzusetzen und ihre eigenen Innovationen zu schaffen. Das gab es schon immer – denken Sie nur an die Regionalwährungen oder die Zeitbanken – allerdings waren die meisten Ideen entweder räumlich oder zeitlich oder rechtlich oder inhaltlich beschränkt. Die Wahrscheinlichkeit einer „erfolgreichen“, also umsetzbaren Innovation kann also durch Redesign-Thinking steigen. Ebenso soll es mit Re-Design Thinking einem anderen System, der Politik, möglich werden, nicht mehr nur regulierend, sondern kreierend auf das System einzuwirken.

Um die Frage nach einer Kernthese konkret zu beantworten: Mir geht es nicht darum im Alleingang das Finanzsystem bzw. Geld zu redesignen. Ich habe untersucht, was es braucht um Menschen hinsichtlich dieser Aufgabe zum Handeln zu befähigen, warum sie das überhaupt möchten, was die zahlreichen Hürden sind und wie man sie ausräumen könnte. Geld bzw. das Finanzsystem ist sehr nützlich. Kritik oder Verbesserungsvorschläge müssen sich immer mit der Multioptionalität des Systems auseinandersetzen.  Ich finde es bemerkenswert, wenn sich Menschen beschweren, dass ihre Geldanlage in „Volksaktien“ nicht richtig „performt“ aber gleichzeitig freudig einen Kredit mit 2,68% für eine Eigentumswohnung aufnehmen. Und dann noch über die Gier von „Bankern“ schimpfen. Diese Gier ist katastrophal schädlich und hat viel Schaden angerichtet,  aber niemand kann sich bezüglich des Finanzsystems vollkommen aus der Verantwortung nehmen. Geld reduziert Komplexität, doch um es zu verändern, muss man mit dieser Komplexität umgehen können.

Social Banking 2.0: Wie wäre künftig eine friedliche Koexistenz oder gar ein Verschmelzen von virtuellen und realen Währungseinheiten vorstellbar?

Geld ist, was gilt. Wenn genügend Menschen beiden Währungsarten vertrauen, können diese beide funktionieren. Insofern ist natürlich eine friedliche Koexistenz möglich, doch ob dieses soziale Probleme behebt, ist zu bezweifeln. Und natürlich sind staatliche Garantien in viele Fällen eine Voraussetzung für den Erfolg einer Währung. Es geht schließlich immer nur um Vertrauen.

Social Banking 2.0:  Und ein orakelhafter Blick in die Zukunft: Welechr Relevanz spielt der virtualisierte Geldaustausch in zehn Jahren, wird das Mobiltelefon zur Kreditkarte, werden wir die Bankfiliale in Facebook aufsuchen statt um die Ecke, werden Facebook Credits, Google und Paypal die neuen Internetbanken der Zukunft sein?

Mit Sicherheit. Doch ob das wünschenswert ist, ist eine andere Frage, da es sich bei Paypal und Google um Akteure des Finanzsystems handelt und diese daher kein Interesse an einer Veränderung des Systems haben, es sei denn es ist profitabel für das Unternehmen.

Social Banking 2.0: Verändern sich die Banken in Richtung mehr Kundenorientierung durch die Macht der Netzbürger, die sich auch einen eigenen finanziellen Mikrokosmos erschaffen könnten, durch Crowdfunding, Social Lending, Virtuelle Währungseinheiten etc.?

Die Netzbürger nutzen ihre Macht noch nicht sonderlich zielgerichtet aus. Social Lending funktioniert in den meisten Ländern mit Unterstützung von Banken, Crowdfunding ist ein interessanter Ansatz, jedoch nur komplementär zum bisherigen Systems denkbar. Doch die Kreativität der vielen Ansätze und die erweiterten Möglichkeiten des Tauschens durch das Netz beobachte ich voller Spannung. 

Social Banking 2.0:  Wird sich im Bankwesen überhaupt etwas zum Besseren wenden, oder bleibt alles beim business as usual nach der Finanzkrise?

Man darf nicht übersehen, dass viele Errungenschaften durch das bestehende System überhaupt erst ermöglicht wurden. Das anzuerkennen, macht zukünftige Entwicklungen wahrscheinlicher, da hier Systemverständnis Voraussetzung ist. Das Bankwesen ist also nicht schlecht, es ist nur nicht am Menschen ausgerichtet, sondern am Selbsterhalt. Das ist einer der großen Konflikte. Dem System kann es hervorragend gehen, obwohl viele Menschen ihr Erspartes verloren haben. Es ist ein Paradoxon. Vom Finanzsystem wird erwartet, es solle multifunktional sein, also zahlreiche Nutzen für alle unterschiedlichen Bedürfnisse erfüllen. Der einzige Nutzen des Systems ist aber sein Selbsterhalt. Deswegen ist Design mit seiner Nutzen- bzw. Nutzerorientierung an dieser Stelle so spannend einzusetzen. Wie bringen wir dem System bei für uns da zu sein?

Social Banking 2.0: Und last but not least: Bringt redesigntes Geld mehr „Finanzdemokratie 2.0“ oder bleibt das eine soziale Fiktion?

Geld wird nicht einfach vom Staat oder den Banken nach unseren Vorstellungen redesignt werden. Der Clue ist, dass durch den Redesign-Prozess „alle“ Menschen befähigt werden, ihr Wissen und ihre Ideen über und zu Geld einzubringen. Das kann man gut und gerne Finanzdemokratie 2.0 nennen. Ob die Idee sich systemisch durchsetzen kann, wird von der Art der Ideen abhängen und u.a. politisch bedingt sein. Geld und Geldgebrauch hat sich evolutionär entwickelt, die klassisches Geldtheorie nennt 3 Funktionen: Tausch, Wertspeicher, Wertmesser. Das numerische Weltbild, das Geld uns vermittelt, birgt Chancen und Risiken. Die radikale Vereinfachung der Geldsicht erklärt aber auch den „Erfolg“ im Sinne von Verbreitung des Geldes bzw. Geldgebrauchs. Welche weiteren Funktionen wir hinzufügen können und wollen ohne dass das Geld seine Anschlussfähigkeit (also die hohe Wahrscheinlichkeit der Verbreitung) verliert, wird sich zeigen. 

Interview: Lothar Lochmaier

Zur Person: Nina Céline Schoenian ist Texterin und Kreativdirektorin aus Berlin. Sie war für zahlreiche Verlage aktiv (u.a. taz, Axel-Springer-Verlag, Condénast) und wurde für ihre Arbeiten mehrfach ausgezeichnet. Neben der praktischen Tätigkeit beschäftigt sie sich auch theoretisch mit Innovationen in Unternehmen, digitalen Erlösmodellen und Design Thinking. Ihre Masterarbeit schrieb sie über die Neugestaltung des Finanzsystems: Redesign Geld.

Hinweis: Ein weiterer Artikel zum Redesign von Geld mit einigen interessanten Leserkommentaren ist auf dem Blog der Volksbank Bühl erschienen. Und heute erschien ebenfalls dort eine Buchreview und ein Interview mit mir zu den Chancen und Perspektiven von Social Banking und Social Media im Finanzwesen. Fazit: Man muss also schon sehr tief ins Geschäftsmodell hinein bohren, um Geld wirklich redesignen zu können.

Written by lochmaier

Mai 2, 2011 at 6:57 am

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