Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Siemens (Interview): Schwört der Global Player der Atomkraft ab?

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In Japan scheint der Betreiber (nicht ganz unerwartet) weitere Details zur Atomkatastrophe in Fukushima verschwiegen zu haben. So sei es bereits vor Wochen in zwei weiteren Reaktorblöcken zur Kernschmelze gekommen, berichtet etwa Spiegel online heute. Das führt direkt zu der Frage, gibt es neben der Politik auch Unternehmen, die jetzt radikaler umdenken? 

So berichtet das Handelsblatt, der Siemens-Konzern sage: Atomkraft, nein danke! – nachzulesen bei silicon.de. Was ist dran, ist das ein neuerlich überzogener Medienhype, bei dem eine große Kluft zwischen Anspruch und Realität herrscht? Wohl nicht ganz. Werfen wir aber einen genaueren Blick hinter die mediale Eintagskulisse.

Wie also geht es weiter bei dem Global Player Siemens – zwischen der Atomkraft, einem wichtigen wirtschaftlichen Standbein im Konzern, und parallel dazu den Bemühungen, sich im Sinne der Energieeffizienz und Umwelttechnik ganz neu aufzustellen?

Zur Nachhaltigkeitsstrategie der Siemensianer habe ich im November vergangenen Jahres ein Interview mit Barbara Kux (56) durchgeführt. Sie ist im Konzernvorstand bei der Siemens AG verantwortlich für das Supply Chain Management, die Vermarktung des Umweltportfolios – und als Chief Sustainability Officer zuständig für alle Nachhaltigkeitsbelange im Unternehmen. 

Allein mit seinem Umweltportfolio will der Siemens-Konzern im Jahr 2014 einen Jahresumsatz von rund 40 Milliarden Euro erwirtschaften. Es kursieren mittlerweile auch deutlich höhere Zahlen. Die Zeichen sind folglich auf stürmisches Marktwachstum ausgerichtet. Barbara Kux beherrscht als erstes weibliches Vorstandsmitglied jedoch ein ähnlich hohes Budget bzw. Einkaufsvolumen wie die grüne Produktpalette in der industriellen Energieeffizienz.

Die gebürtige Schweizerin ist nach beruflichen Stationen unter anderem bei Nestlé und McKinsey bereits seit 1995 im Kreis der Global Leader of Tomorrow beim World Economic Forum in Davos vertreten. Im Interview erklärt die Managerin, wie sie den alltäglichen Spagat zwischen wirtschaftlichem Erfolg und der Nachhaltigkeit bewältigt – und wie sie Finanzchef Joe Käser mit klaren Argumenten vom eingeschlagenen Pfad überzeugt.

Social Banking 2.0: Frau Kux, wie erklärt man dem Finanzchef eines globalen Konzerns das kleine Ein-mal-Eins der CO2-freien Industrieproduktion made by Siemens?

Barbara Kux: Ganz einfach. Grün rechnet sich. Ich gebe Ihnen zwei Beispiele. Wenn wir einem Kunden aufzeigen, wie er seine Energiekosten um 40 Prozent senken kann und er das mit dem Siemens-Finanzierungsmodell über die garantierten Einsparungen quasi zum Nulltarif bekommt, dann überzeugt das. So haben wir das bereits bei 6.000 öffentlichen Gebäuden weltweit gemacht – und unsere Kunden haben insgesamt mehr als 2 Milliarden Euro Energiekosten gespart.

Oder nehmen sie unsere weltgrößte Gasturbine mit einem unerreichten Effizienzgrad von 60 Prozent in der Kopplung mit Dampf. Einer unserer Kunden in Florida hat sechs dieser effizienten Turbinen gekauft und spart über die gesamte Lebensdauer eine Milliarde US-Dollar an Energiekosten. Das macht es uns so einfach, unsere grünen Produkte zu verkaufen – und darum wächst unser grünes Portfolio.

Social Banking 2.0: Lassen sich betriebswirtschaftliche Finanzplanung, Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg überhaupt konkret verbinden. Kommt das nicht einer Quadratur des Kreises gleich?

Barbara Kux: Ganz im Gegenteil. Das lässt sich sogar ganz ausgezeichnet verbinden. Ein Beispiel: Siemens investiert bis Ende 2012 rund 100 Mio. Euro, um seine Werke grüner zu machen. Und das wird sich auszahlen: Die Energiekosten werden dadurch bereits bis 2012 um durchschnittlich 15 Prozent sinken und der CO2-Ausstoß um 20 Prozent.

Zwei Beispiele dazu. In unsere Werke für Medizintechnik in Kemnath und für Bahntechnik in Krefeld haben wir jeweils eine Million Euro investiert. Der Return on Invest ist hier bereits nach zwei bis drei Jahren aufgrund der sinkenden Energiekosten erreicht. Übrigens bieten wir das Programm auch unseren Lieferanten an und haben beim ersten Dutzend von Ihnen festgestellt, dass auch hier große Einsparpotentiale vorhanden sind.

Social Banking 2.0: Welche Rolle spielt der Finanzchef als Bindeglied bei der Umsetzung?

Barbara Kux: Die CFOs spielen natürlich eine wichtige Rolle und sind eng eingebunden bei der Planung und Budgetierung der geplanten Maßnahmen. Und sie sind sehr engagiert, denn zeigen Sie mir einen CFO, der nicht an einer dauerhaften Senkung seiner Kosten quasi zum Nulltarif interessiert wäre.

Social Banking 2.0: Wie sieht der Ansatz zur Kapitalrendite (ROI) ökologisch wie wirtschaftlich in der Industrie aus?

Barbara Kux: Ich kann da nur für Siemens sprechen – und hier ist der Ansatz klar: Es geht um Geschäftschancen und Umsätze. Kein Unternehmen der Welt setzt mehr mit grünen Produkten um als wir. Wir haben unser Ziel, bis 2011 ein Umweltportfolio von 25 Milliarden Euro zu erreichen, jetzt bereits ein Jahr früher erreicht und sogar deutlich übertroffen. Und immer mehr Investoren ziehen Nachhaltigkeit als wichtiges Kriterium für ihre Bewertung eines Unternehmens heran.

Darum bin ich besonders froh, dass Siemens nicht nur im jüngsten Carbon Disclosure Leadership Index als weltweit führendes Industrieunternehmen ausgezeichnet wurde, sondern auch seit mehr als einem Jahrzehnt im Dow Jones Sustainability Index (DJSI) vertreten ist – und für 2010 erneut als Bester unserer Industrie bestätigt wurde. Je nachhaltiger das Unternehmen, desto attraktiver ist es. Für Bewerber, Mitarbeiter, Kunden und Anleger.

Social Banking 2.0: Welche Rolle spielt dabei eine nachhaltig aufgestellte Logistikkette?

Barbara Kux: Eine große. Bei Siemens etwa stammen 50 Prozent der gesamten Wertschöpfung von unseren Lieferanten. Wenn wir Nachhaltigkeit umfassend leben wollen, dann müssen wir auch unsere Lieferanten ganz intensiv einbinden. Nur so können wir unser Vorhaben umsetzen, das weltweit erste Industrieunternehmen mit einer durchgehenden umweltfreundlichen Lieferkette zu werden. Wir legen sehr großen Wert auf einen verantwortungsvollen und fairen Umgang mit unseren Lieferanten. Im jüngsten Dow Jones Sustainability Index wurde unser Lieferantenmanagement sogar als hervorragend bestätigt.

Social Banking 2.0: Wie lässt sich die Logistikkette nachhaltiger gestalten?

Barbara Kux: Hier gibt es drei Ansatzpunkte. Erstens: Sie können Transporte vermeiden. Beim Versand von Teilen einer Zellstofffabrik nach China haben wir früher die Einzelkomponenten zum Verpacker gebracht, dann zu einer Zentralstelle gefahren und von dort wurden sie weitertransportiert. Heute bringen wir alles nur noch zu einem Verpacker, der direkt an der Zentralstelle sitzt. So sanken die Transportkosten um 16 Prozent und die CO2-Emissionen um 30 Prozent. Ohne Zeitnachteil.

Wir kaufen auch verstärkt dort ein, wo wir produzieren. Das spart zahlreiche Warentransporte. Zweitens: Sie können den Mix aus Flugzeug, Schiff, Bahn oder Straße optimieren. Bauteile von USA nach Australien brauchten bislang per Luftfracht sieben Tage. Das haben wir geändert. Heute geht die Ware per Flugzeug nach Hongkong und dann weiter per Schiff nach Australien. Das dauert zwar deutlich länger, ist aber dank optimierter Projektplanung kein Nachteil. Die Kosten sinken dafür um 43 Prozent und der CO2-Ausstoß gar um 65 Prozent.

Und drittens lassen sich auch Kapazitäten intelligenter nutzen. Lampen von Osram bringen wir per Lkw nach England. Fuhr der Lkw früher häufig leer zurück, nimmt er nun auf dem Rückweg Medizintechnik von Oxford mit nach Erlangen. Auch mein Kollege Joe Kaeser, unser Finanzvorstand, weiß eine gut aufgestellte Lieferkette und ein professionelles Management der Lieferanten zu schätzen, denn das liefert einen substanziellen Beitrag zum Gesamtergebnis des Konzerns.

Social Banking 2.0: Wie kann man Partner, Lieferanten und Kunden in die nachhaltige Unternehmensführung einbinden?

Barbara Kux: Das wichtigste ist, die Lieferanten frühzeitig mit ins Boot zu holen. So haben wir ein Lieferantenforum ins Leben gerufen, bei dem wir uns in regelmäßigen Abständen persönlich austauschen. Denn wir sehen die Lieferanten als Partner, ohne die Siemens nicht so erfolgreich arbeiten könnte.

Zusammen mit unserem Finanzvorstand konnten wir unseren Lieferanten ein eigens aufgelegtes Finanzierungsprogramm anbieten, das sie speziell während der Krise finanziell entlastet hat. Und was die Kunden angeht: Ich denke, die Größe unseres grünen Portfolios zeigt, wie sehr die Kunden von unseren Produkten überzeugt sind. Weltweit spielt Energieeffizienz eine immer wichtigere Rolle in unseren Gesprächen mit Staaten, Kommunen und Unternehmen.

Social Banking 2.0: Welche Rolle spielt die finanztechnische Handhabung neuer nationaler wie internationaler Umweltrichtlinien?

Barbara Kux: Umweltgesetzgebungen analysieren wir stets auf Chancen und Risiken und integrieren sie zum Beispiel in unser Enterprise Risk Management. Unternehmen, für die zum Beispiel das Thema Energie besonders relevant ist, müssen regulatorische Änderungen im Hinblick auf veränderte Energiekosten oder CO2-Preise unbedingt im Blick haben.

Social Banking 2.0: Wie lässt sich die Produktplanung und -entwicklung aus Sicht der Nachhaltigkeit unter Einbindung der Finanzperspektive planen?

Barbara Kux: Produktplanung und –entwicklung haben den Kundennutzen im Fokus. Denn hoher Kundennutzen bedeutet langfristige Erlöse und hohe Profitabilität – und das ist wichtig aus CFO-Sicht. Aus Sicht der Nachhaltigkeit geht es letztlich um eine „total cost of ownership“ für ein Produkt. Es wird zunehmend erkannt, dass sie die tatsächliche Wirtschaftlichkeit eines Produkts widerspiegelt.

Das ist besonders wichtig bei langlebigen Investitionsgütern, bei denen nur ein Bruchteil der Kosten in der Anschaffung liegt – Beispiel Gebäude: 80 Prozent der Kosten fallen für die Unterhaltung an, nicht beim Bau. Knapper werdende Rohstoffe erfordern es zudem aus rein ökonomischer Sicht, Produkte so zu entwickeln, dass sie möglichst vollständig wiederverwertet werden können.

Interview: Lothar Lochmaier

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Written by lochmaier

Mai 24, 2011 um 7:19 am

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