Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Atomforum: Jahrestagung Kerntechnik erfindet sich neu

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Am 13. April hatte ich hier auf meinem Weblog folgendes berichtet:

Jahrestagung Kerntechnik 2011: Journalisten von der Teilnahme ausgeschlossen

Nachdem das Thema rund um das Atomforum nun doch einige Wellen geschlagen hat, bringe ich dazu pünktlich zum Beginn der Veranstaltung ein kurzes Update. So hat die Berliner TAZ sich hier damit beschäftigt:

Ein Auszug:

„Verwirrung gab es auch um die Frage, ob Journalisten eigentlich von der Tagung berichten dürfen oder nicht. In einer Pressemitteilung aus dem Anti-AKW-Protestspektrum, die auf www.atomforum-blockieren.de erschien, heißt es, Presse sei bei der Tagung gar nicht erwünscht. 

Diese Behauptung, die die Tageszeitung Neues Deutschland ungeprüft druckte, basiert auf einer E-Mail, die der Journalist und Blogger Lothar Lochmeier am 13. April veröffentlichte. Die Antwort auf sein Akkreditierungsgesuch für den Kongress lautete nämlich lapidar: „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass sich der Veranstalter aufgrund der aktuellen Situation gegen die Akkreditierung von Journalisten zur Tagung ausgesprochen hat.“

Dazu meinerseits ein kurzer Kommentar, der belegt, dass es hier nicht um das simple Spiel geht, wer gewinnt oder verliert. Zunächst einmal lässt sich die obige Behauptung ja belegen. Da gibt es also nichts zu deuteln. Es geht hier außerdem weder um gewinnen noch verlieren, sondern um informieren und aufklären.

Jedenfalls ist das bei mir so. Ich folge nicht primär meinem weltanschaulichen Credo und sehe die Welt nur durch meine rosarote Brille, sondern möchte möglichst fundiert und ohne Scheuklappen darüber berichten, was passiert – in diesem Fall im Zuge der Neuorientierung bei der Energieversorgung.

Das bedeutet im Umkehrschluß aber auch: In den Jahren zuvor waren auf der Jahrestagung Kerntechnik Journalisten meist recht gerne willkommen, und die Entscheider aus der Energiebranche, respektive Atomindustrie, sind nicht müde geworden, den Berichterstattern viele zur allgemeinen Entwarnung gedachten Hinweise und Wegweiser aufzustellen.

Seit kurzem wissen wir alle, was ein „Restrisiko“ ist. Die vermeintlichen 20 Prozent an Restrisiko können zu 80 Prozent der plötzlich von allen Menschen zu tragenden Hauptrisiken werden. Dreht die öffentliche Stimmungslage aufgrund einer Katastrophe wie jener von Fukushima, dann gilt  plötzlich das Motto: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!

Diese Einigelungspolitik ist einerseits nur allzu menschlich, aber sie ist definitiv kein probater Lösungsweg, unabhängig davon, wie jeder Leser hier persönlich zur Atomenergie stehen mag. Offenbar ist jetzt zumindest laut TAZ der Trend hin zu selektiven Akkreditierungen direkt vom Veranstalter auch erkannt worden, nämlich dass eine vollkommene Abschottungspolitik zur Öffentlichkeit hin – und damit zum mündigen Bürger – nicht der letzte Weisheit Schluss sein kann.

Was folgt daraus? Erstens: Derart komplexe Entscheidungsprozesse kann man nicht an externe Dienstleister outsourcen, die dann als eine Art geistige Firewall für die eigentlich Verantwortlichen die Absage an die Journalisten überbringen dürfen.

Zweitens: Dass jetzt offenbar bei der Jahrestagung Kerntechnik ein partielles Umdenken stattfindet, auch dies ist kaum verwunderlich, denn diese Verteidungslinie war und ist gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit kaum zu halten. Dann finden Proteste umso mehr vor den Türen der Veranstaltung von diesem Dienstag bis Donnerstag statt, wie der heutige Artikel im Neuen Deutschland es eindrücklich belegt. Bildlich gesprochen: Eine Festung kann nur dann gehalten werden, wenn eine Armee sie schützt.

Es ist also eine gute Nachricht, denn Unternehmen oder Verbände müssen sich gerade auch in kritischen Situation dialogfähig und konfliktbereit zeigen. Denn gegen eine breite Öffentlichkeit kann heute zumindest in unseren Breitengraden gerade aufgrund der netzbasierten Bürgerbeteiligungsmodelle niemand mehr regieren.

Was kommt? Die Lernkurve ist rasant, aber sie ist für die Beteiligten durchaus produktiv, sofern sie sich wirklich dem Dialog von Angesicht zu Angesicht im Auge des Orkans öffnen können. Aber natürlich gibt es auch kreative Rochaden, bei denen versucht wird, dem großen Ganzen einen neuen Anstrich zu verpassen.

So berichtet die Süddeutsche Zeitung, dass man sich jetzt auf der Jahrtestagung Kerntechnik ganz auf das wissenschaftliche Programm konzentrieren werde  – und da ist dann schon mal rasch eine größere Programmänderung drin.

Fazit: Es gibt, so jedenfalls meine Theorie, drei quasi suprahegemoniale Gebilde oberhalb der Gesellschaft, die dieser gegenüber seit geraumer Zeit gar nicht direkt „rechenschaftspflichtig“ sind. Das sind neben den Banken die Energiewirtschaft und die Pharmaindustrie.

Dieses so diskret hinter den Kulissen agierende Triumvirat braucht sich nämlich nicht durch „Kundenorientierung“ oder gar eine nachhaltig ausgerichtete Unternehmensphilosophie zu legitimieren und permanent zu beweisen, es existiert quasi per staatlich sanktioniertem Dekret ganz von oben herab.

Gelänge es, diese drei Festungen bzw. wirtschaftlichen Schlüsselsektoren „vernünftig“ zu demokratisieren und auch mit Hilfe neuer Partizipationsmöglichkeiten via Social Media produktiv zu restrukturieren, dann würde auch die Bewältigung von wichtigen Zukunftsaufgaben mit größerer Dynamik angegangen.

Dieser Veränderungsprozess ist jedoch nichts für reine Sozialromantiker – auch die Wutbürger müssen und dürfen dazulernen. Der Wandlungsprozess wird allerdings nicht schmerzfrei erfolgen, das zeigen die aktuellen Geschehnisse etwa in den arabischen Staaten.

Und nicht nur die Energiewirtschaft und andere Wirtschaftsakteure haben viel dazu zu lernen. Auch die Kunden müssen sich ihrer Verantwortung intensiver stellen und mehr Zeit mit dem Thema Geld, Energie verbringen als mit dem nächsten Urlaubsschnäppchen oder einem neuen Flachbildfernseher.

Positiv bleibt festzuhalten: Die künftigen Entscheidungsträger in Wirtschaft und Gesellschaft sind aber deutlich mehr vernetzt und dezentral aufgestellt, insofern braucht man kein großer Energie- oder Wirtschaftstheoretiker zu sein, um diese Entwicklung als Schlüsselkriterium für neue und deutlich kooperative Wirtschaftsmodelle zu identifizieren, in denen das Ganze mehr darstellt als die Summe seiner Teile. Das Atom – es hat also durchaus eine große Zukunft vor sich, wenn dieser Grundbaustein der Materie sich an der richtigen Stelle mit anderen zusammentut.

Die Industrie steckt indes bereits jetzt im Ausland neue Claims ab – und gibt Deutschland preis. So pusht oder versucht RWE-Chef Großmann in den Niederlanden oder Großbritannien neue Projekte zu retten, wie die Nachrichtenagentur Reuters heute nachmittag berichtet. Über die Zukunft des Atoms ist also das letzte Wort noch längst nicht gesprochen. Und es macht vor keiner Grenze Halt, weshalb grenzüberschreitende Dialogverfahren gefragt sind – und kein simples Ausweichen zum nächsten schwächsten Glied in der Energieversorgungskette, das den Begriff Restrisiko (für kommende Generationen) noch nicht zur Kenntnis genommen hat.

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Written by lochmaier

Mai 17, 2011 um 4:11 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

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