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Japan (4): Was Ranga Yogeshwar mit Naturkatastrophen verbindet

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Kurz nach Beginn der Atomkatastrophe in Japan wagte sich der deutsche telegene Wissenschafts-Erkläronkel Ranga Yogeshwar – immerhin studierter Physiker, auf allen Medienkanälen präsent, aus der Deckung, und prognostizierte mutig, dass die Bürger vermutlich in drei Wochen wieder in ihre Häuser neben dem AKW in Fukushima einziehen dürften.

Das war gewagt, entspricht aber dem Leitbild des Mainstreamjournalismus, wie die Spekulanten der leichtfertigsten Sorte entweder auf fallende oder steigende Aktien zu spekulieren, statt nachzudenken, nicht zu reden – und erst danach fundiert zu informieren, hier also statt Profilneurose auch mal eine gewisse Zurückhaltung zu üben. 

Kurzum: Eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Begriff Risiko würde so manchem mit Worten allzu leichtfertigen „selbst ernannten“ Experten gut tun. Wer jedoch seine eigenen Risiken geschickt an die Allgemeinheit outsourct, wird zu solch einer noblen Haltung nie kommen.   

Die Finanzstrukturen werden sich nicht nur in der Energiepolitik ändern, wenn etwa die japanische Regierung die Atomenerige künftig „verstaatlichen“ möchte. Nach dem Eisberg-Prinzip, nach der nur die oberste Spitze der Gefahren im Risikomanagement wirklich sichtbar sind, errechneten Spezialisten, analog zu den Rechenmodellen der Rückversicherer, alle Folgeschäden im „Beseitigungsdienst“ (Demand Service) – welch ein schöner Fachterminus – nach dem Finanz-Tsunami „hoch“.

Die endgültige Bilanz steht zwei bis drei Jahre später freilich immer noch aus. Wie sieht wohl die um ökologische Kriterien erweiterte Schadensbilanz am Ende in Japan aus? Strahlung kennt keine Landesgrenzen. Vieles, was jetzt in einer dramatisch kurzen Zeitspanne zerstört worden ist, müsste erst wieder mühselig neu aufgebaut werden. Dabei ist jedoch eine klare Zukunftsvision erforderlich. 

„Demand Service“ für den Klimaschutz?

Was aber passiert, wenn die Finanzkrise und einige weitere Katastrophen, die die Weltrisikogesellschaft neu definieren – ein durchaus zutreffender Ausdruck vom Soziologien Ulrich Beck, der andeutet, dass lokale Risiken rasch zu Herausforderungen für die ganze Menschheit werden können- tatsächlich dazu führen, bei den Bemühungen um Klima- und Umweltschutz so richtig auf die Bremse zu treten, lässt sich nur vage erahnen.

Denn einen „Aufräumdienst“ für etwas auf die Beine zu stellen, was schließlich nur einmal in Form des Planeten Erde existiert, daran wagt sich noch kein Experte in der Wahrscheinlichkeitsrechnung heran. Insofern schließt sich hier der Kreis zwischen dem finanziellen Tsunami der Finanzkrise, der Naturkatastrophe in Japan – und der mittelfristig möglicher weise real drohenden „Naturkatastrophe“ nach dem Eisberg-Prinzip, obwohl wir hier keinen abstrusen Weltuntergangstheorien herauf beschören wollen. 

Es stellt sich dennoch „nur“ die brennende Frage, ob die Akteure bzw. Eliten dazu bereit sind, die richtigen Lehren aus den „Wirbelstürmen“ und tektonischen Plattenverschiebungen der jüngsten Zeit in Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft zu ziehen. Allzu rasch dürfte das Umdenken nicht einsetzen.

Dazu wird es wohl erst kommen, wenn ein neues funktionales und logisches „Geschäftsmodell“ vorliegt, nach dem sich alle ausrichteten. Darin wären alle Aktivitäten gegen die neuen Spielregeln eines nachhaltigen Risiko-Managements auch geschäftlich kontraproduktiv.

Eine schöne neue Welt, der vor allem die Vertreter einer nachhaltigen Spieltheorie etwas abgewinnen könnte. Mathematisch ist sie jedoch kaum plan- und beherrschbar. Eine „gesunde“ Rendite und ein vitales Wirtschaftswachstum wären nur noch dann zu erzielen, wenn die Spieler dem kritischen Umweltpfad folgten – und nicht nur die Schäden im „Demand Service“ für den ausgefallenen oder minimalistischen Klimaschutz nach der nächsten „kleinen Katastrophe“ einfach eine Generation weiter reichten.

Allerdings ist es derzeit mehr als fraglich, ob aufstrebende Nationen wie Brasilien, Indien oder China sich zu einem einseitigen, umweltpolitisch und ökonomisch motivierten Bremsvorgang auf ihr jeweiliges nationales Wirtschaftswachstum durchringen. Die Vorbilder aus der westlichen Welt machen dazu schließlich kaum Mut.

Schließlich überließen die Eliten in den fort geschrittenen Ökonomien den renditeorientierten Spielern nur zu bereitwillig das Feld. Die Staats- und Wirtschaftslenker sind jedenfalls (noch) nicht dazu bereit, sich an nachhaltige Spielregeln zu halten oder gar neue aufzustellen. Vielleicht braucht es dazu noch einen weiteren „Tsunami“.

Dann jedoch könnte es zu spät sein, wenn der „wahrscheinliche“ Fall eintritt, dass sich dann niemand mehr einen „Demand Service“ für die Schadensbeseitigung eines einzigartigen und nicht reproduzierbaren Gutes leisten kann, unseres Planeten Erde.

Im letzten Teil der fünfteiligen Japan-Serie folgt eine Analyse der Risikowahrnehmung im kulturellen Kontext.

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Written by lochmaier

März 30, 2011 um 7:14 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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