Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Japan (3): „Cool Earth 50“ hinterlässt große Erinnerungslücke

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Die Atomenergie steht nach dem historischen Wahlsieg der Grünen in Baden-Württemberg mehr denn je auf dem Prüfstand. Energiethemen sind neben den Banken eines meiner zentralen Themen der letzten Dekade gewesen. Im Handelsblatt habe ich schon Beiträge geschrieben, als die Windenergie in der Redaktion noch belächelt wurde.

Diese Zeiten sind nun wohl endgültig vorbei, das große Rad wird sich anders drehen müssen. Aus aktuellem Anlass habe ich nun  – weil gerade dieses Thema eine Form von Social Banking 1.0 und 2.0 darstellt – ein aktuelles Energiedossier zu Japans Energieversorgung erstellt. Es soll einige kritische Einblicke vermitteln, warum das Land so sehr auf die singuläre Technik Atom gesetzt hat. 

Damit im „Land der aufgehenden Sonne“ auch in Zukunft die Energiebilanz stimmt, dafür warb ein umfassendes Umweltprogramm der Regierung. So präsentierte Wirtschaftsminister Akira Amari vor vier Jahren zum Start sich nicht nur als damaliges Partnerland auf der Hannover Messe, immerhin die weltweit führende Industriemesse. Er warb für die Grundzüge des neuen „Cool Earth 50 Programms“.

Auch Klaus Töpfer, Chairman des World Energy Dialogue auf der Hannover Messe, lobte damals in diplomatisch wohlklingenden Tönen den Wirtschaftspartner. Im Gegensatz zu vielen anderen Nationen habe das Inselreich überhaupt eine nationale Umweltstrategie definiert, kommentierte der ehemalige Direktor des UN-Umweltprogramms.

Und der damalige Wirtschaftsminister Amari sekundierte ganz flugs: Seit der Ölkrise definiere Japan mit seinen rund 130 Millionen Einwohnern Energieeffizienz „ganzheitlich“, weil strukturelle Elemente die Energiepreise weiter nach oben trieben.

Das klang damals vor dem who-is-who der Energiebranche zwar etwas allgemein formuliert, aber auch einleuchtend. Denn letztlich bedeutete Cool Earth nichts anderes als ein gut geplantes Energieeffizienzprogramm, das das Leitbild der Atomenergie auf ewig fest zementierte. In der Tat kann Japan jetzt nichts anderes tun, als sich auf seine systematische Denkweise beim Energiesparen zu berufen.

Ungeachtet der jetzigen Krise wird die Nachfrage nach Energie weltweit in den nächsten zwei Dekaden um rund 50 Prozent zunehmen, so das Szenario der Internationalen Energieagentur (IEA). Die strategische Lösung aus dem wirtschaftlichen Innovationsdilemma sollte in Japan ein „pragmatischer Energiemix“ bringen.

Der Spagat besagte, die Stromerzeugung durch den Ausbau der Atomkraft zu intensivieren. Die von der Regierung bereits zuvor verabschiedete „Neue nationale Energiestrategie“ sollte sich jedoch nicht im Ausbau der konventionellen Energieträger allein erschöpfen.

Laut Wirtschaftsministerium umfasste das Programm 21 zentrale Bereiche bzw. Technologiefelder. Dazu gehören neben der Elektronik etwa verbrauchsintensive Klimaanlagen – Zielmarke minus 68 Prozent – ebenso wie PKWs, deren CO2-Emissionen laut offiziellen Zahlen bereits von 1995 bis 2008 um über 23 Prozent abgesenkt worden seien.

Daneben sind es die vielen kleinen Schritte, die das Land künftig auszeichnen sollen, etwa im Bereich von Energiesparlampen. Ansonsten reichen die nationalen Bestrebungen, die Importabhängigkeit im neuralgischen Transportsektor weiter zu reduzieren, noch deutlich weiter. Bis 2030 soll bei den Antrieben die Diversifizierung gelingen, etwa durch Wechsel zu Methanol aus Biomasse und Gas-to-Liquid.

Gerade bei diesen Technologien steckt jedoch viel Zukunftsmusik drin, es sind vage Ansätze, oftmals sogar nicht minder in der öffentlichen Kritik stehend, wie die Produktion von Treibstoff aus erneuerbaren Energien. Um die teils heterogenen Aspekte rund um den Gegensatz zwischen Klimaschutz und Wirtschaftswachstum zu harmonisieren, setzte Japan auf einen sektoralen Ansatz in Industrie, Transport und Gewerbe ebenso wie branchenübergreifende Anstrengungen, betont der Wirtschaftsminister. Dazu gehörte bis dato auch die auf maximale Energieeffizienz getrimmte Nutzung der Kohle, die weiter ansteigen soll.

Auch das Zusammenspiel der erneuerbaren Energien wie zwischen Photovoltaik und Windenergie bewertet das Land zumindest in der Theorie als wichtiges Element. Woran es mangelt, waren konkrete Investitionen in neue Verfahren. Im den Fokus rücken die industriellen Kernbereiche. Eine denkbare Option bestand laut Wirtschaftsministerium etwa bei der Stahlerzeugung im teilweisen Ersatz von Koks durch Wasserstoff.

Aber auch dies lässt sich wenige Jahre später nur als Zukunftsmusik ohne großes symphonisches Orchester bezeichnen. Im Land der aufgehenden Sonne sattelt der Fortschritt vor allem auf dem Ausbau und dem Beharren auf den Ressourcen Atomenergie und Kohle. Auch beim G8-Gipfel in Toyako kurz nach Verabschiedung der neuen Initiative schien Japan weit von der selbst zelebrierten Vorzeigerolle entfernt.

Nationale Propaganda beschönigt negative Energiebilanz

Die kritischen Stimmen mehrten sich in den letzten Jahren, die der japanischen Regierung bei weitem keine so gute Noten in der Umwelt- und Energiepolitik ausstellen, wie dies die Verantwortlichen selbst nur allzu bereitwillig tun. Da sich die japanische Regierung mit dem Kyoto-Protokoll noch immer nicht so richtig identifiziere, sehe die Bilanz der Klimaschutzanstrengungen bislang sehr gemischt aus, bilanzierte etwa ein von der Deutschen Bundesagentur für Außenwirtschaft (BFAI) veröffentlichter Länderbericht.

Insgesamt falle die Bilanz im Bereich der Energieeinsparung sogar negativ aus, so das BFAI weiter. Denn gegenüber dem Basisjahr 1990 seien die Emissionen bis 2005 deutlich angestiegen. Um nämlich kosteneffizient einen ausufernden Klimaschutz betreiben zu können, setze Japans Regierung und die Unternehmen vor allem auf den Erwerb von Emissionskrediten durch Umweltschutzaktivitäten in asiatischen und südamerikanischen Ländern.

Gleichzeitig drängt die Europäische Union bereits auf noch deutlich strengere Verpflichtungen für die Zeit nach Ablauf des Kyoto-Abkommens. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das von der Regierung präsentierte Zahlenwerk als ziemlich lückenhaft. Nach Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls im Jahre 1997 glänze Japans Klimaschutz-Bilanz nicht mit den allerbesten Resultaten. Gegenüber 1990 seien die Emissionen im Jahr 2005 um 8,1 Prozent angestiegen, so jedenfalls errechnet es der BFAI. Dabei lege vor allem der Kohlendioxidausstoß seither um 13,9 Prozent zu.

Doch neben einigem Schatten gibt es auch einen Lichtstreifen. Andere Emissionen wie Schwefeldioxid und Hydrofluorcarbonat, hätte das Land hingegen im gleichen Zeitraum deutlich zurückschrauben können, so das BFAI weiter. Laut Selbstverpflichtung zielte Japan darauf ab, gemessen am Niveau von 1990 in Höhe von 1,26 Mrd. Tonnen, seine Emissionen im Zeitraum zwischen 2008 und 2012 um 6 Prozent beziehungsweise 76 Mio. Tonnen jährlich verringern. Durch die gestiegene Emissionsmenge an Kohlendioxid sei dieses Ziel jedoch kaum greifbar und realistisch, bilanziert der Länderbericht vom BFAI nüchtern.

Japan implementiert „Low Carbon Society“

Schaut man sich die Aktivitäten des Landes in der Industrie an, so zielten diese bis zum Jahr 2030 darauf ab, landeweit in den unterschiedlichen Sektoren die Energieeffizienz deutlich zu erhöhen. Laut Empfehlungen des Advisory Committee on Energy and Natural Resources soll es in den Jahren zwischen 2005 und 2030 eine Energieeinsparrate von 30 bis 40 Prozent geben.

Allerdings ist dieses Szenario nur mit allergrößtem Optimismus zu betrachten, sprich, wenn alle vorhandenen technischen Lösungen maximal umgesetzt werden. Gerade in Japans Industriesektor, der offenbar zu den energieeffizientesten weltweit zählt, soll gemäß dem „Keidanren Voluntary Action Plan on the Environment“ zu erheblichen weiteren Einsparungen beim Energieverbrauch eingetreten sein.

Nach offizieller Lesart ließen sich mit Blick auf die Stahl- und Chemiebranche, die immerhin zu den größten Energiekonsumenten zählen, durch fortschrittliche Technologien klare Verbesserungen erzielen. Viel Lärm um nicht – denn noch aber gilt es, diese Potenziale überhaupt zu identifizieren und zu heben. Zwar sei die Energieeffizienz, gemessen am Einsatz in der Produktion, zumindest in der Industrie im internationalen Vergleich als sehr gut zu bewerten, so die Experten von der Bundesagentur für Außenwirtschaft (BFA).

Demnach befand sich Japan bereits nach einer Studie der International Energy Agency 2003 auf dem ersten Rang. Jedoch weisen andere Randzonen und Branchen sowie die Privathaushalte eine deutlich schlechtere Bilanz, die wiederum zu gravierenden Rückkoppelungen auf den industriellen Sektor führt. So konnte zwar die verarbeitende Industrie im Zeitraum zwischen 1990 und 2005 ihren Ausstoß an Kohlendioxid für Energiezwecke zwar um 3,2 Prozent senken. Jedoch expandierten parallel dazu die Emissionen des Servicesektors mit 42,2 Prozent.

Ebenso stark nahm der Ausstoß der Haushalte mit 37,4 Prozent und beim Transportsektor mit 18 Prozent zu. Bei den Energieerzeugern war laut Angaben des japanischen Umweltministeriums zudem ein Anstieg um 9,7 Prozent zu verzeichnen, was das gute Bild nahezu vollständig konterkariert.

Die „Energieverschwender“ im Überblick:

  1990 2005
Industrie 482 466
Transport 217 257
Service 164 234
Haushalte 127 175
Energieerzeuger 67,9 74,4
Gesamt 1.059 1.206

 

Quelle: Greenhouse Gas Emissions in Japan 2005/Ministry of Environment (17.10.2006)

Was nun die Aktivitäten in den einzelnen Industriebereichen angeht, so ergibt sich ebenfalls ein recht gemischtes Lagebild. Im Januar 2007 gaben etwa die Stahlhersteller und Energieerzeuger bekannt, dass sie von nun an jährlich Emissionsrechte für 12 Mio. Tonnen Kohlendioxid erwerben wollten, um ihre selbst anvisierten Verpflichtungen zu erreichen.

Immerhin produzieren die beiden Branchen rund 50 Prozent der Treibhausgase vom gesamten industriellen Sektor in Japan. Allein die Elektrizitätsunternehmen verursachen bis dato rund 12 Mio. Tonnen der insgesamt 75,2 Mio. Tonnen an Kohlendioxidemissionen in Japan. Deutlich besser schnitt offenbar die chemische Industrie ab, folgt man zumindest den Angaben der nationalen Behörden.

Einem Bericht der Japan Chemical Industry Association zufolge hatte die Branche bereits im Jahr 2005 eine 15-prozentige Verringerung gegenüber 1990 umgesetzt – und das bei einer Ausweitung der Produktionsmenge um 29 Prozent. Zwar liege der Kohlendioxidausstoß um zehn Prozent höher als im Vergleichsjahr 1990. Jedoch habe die chemische Industrie die Erzeugung von Hydrofluorkohlenstoffen stark zurückgefahren, die 2005 gegenüber 1990 um 15 Prozent niedriger ausgefallen sei.

Selbst im offiziellen Bild relativ negativ beleuchtet wird hingegen der Transportsektor, der zweitgrößte Verursacher von Kohlendioxidemissionen. Insbesondere die Emissionen im  Personentransportverkehr nahmen wegen des privaten Pkw-Verkehrs wie auch der Flugzeugnutzung sehr stark zu. Hingegen konnte der Lastentransport offenbar seine Emissionsanteile verringern. Ein nicht ganz freiwilliger Schritt, denn für Logistikunternehmen kam das nationale Energiespargesetz voll zum Tragen.

Gerade dieses Energiespargesetz verlangt nun von jenen Firmen, deren Transportleistung mehr als 30 Mio. Tonnenkilometer pro Jahr beträgt, dass sie individuelle Energiesparpläne vorlegen – und darin regelmäßig über ihren Energieverbrauch berichten. Daher stehen gerade Logistikunternehmen unter besonderer Beobachtung, weshalb sie danach streben, die internen Distributionssysteme weiter zu optimieren und an ihre Geschäftsstrategien anzupassen, um letztlich den Erfordernissen der Energiesparauflagen überhaupt entsprechen zu können.

Das Cool Earth-Innovative Energy Technology Programm

Im Kern zielt die vom früheren japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe angekündigte Klimaschutzinitiative „Cool Earth 50“ unter Einbeziehung anderer Länder auf eine Halbierung der CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050. Um kooperationswillige Entwicklungsländer einzubinden – insbesondere China – sollen die neuen Partner bei der Emissionsbeschränkung unterstützt werden.

Dazu möchte Japan auch neue Finanzierungsmechanismen und Instrumente entwickeln. Das Fernziel besteht in einer „Low Carbon Gesellschaft“, bei der jeder Mensch nur ein Kilogramm CO2 pro Tag produziert. Vieles was Cool Earth als Vision einer klimafreundlichen Gesellschaft aufzeigt, sind zwar innovative Technologien, die sich jedoch allesamt noch im Anfangsstadium der Entwicklung oder gar im Forschungsstatus befinden.

Daraus eine klare Roadmap für die industrielle Entwicklung abzuleiten, erscheint auch nach der Atomkatastrophe mehr als gewagt. Vor allem wenn man bedenkt, dass das konkrete Planszenario auf dem forcierten Ausbau der Atomenergie fußt – und möglicherweise auch weiter basieren wird. Auch die Intention der Regierung, das Einbinden von Drittländern als zentrale Voraussetzung zu beschreiben, um die ambitionierten Klimaziele zu erreichen, erscheint gewagt.

Zwar unterhält Japan sicherlich stabile Wirtschaftsbeziehungen zu China. Jedoch dürften gerade aus dem Reich der Mitte erhebliche politische Widerstände bei der konkreten Einbindung in europäische und sonstige Klimaschutzziele nach dem Kyoto-Protokoll zu erwarten sein.

Das im März 2008 veröffentlichte Programm bietet deshalb in seiner Zusammenfassung von 58 Seiten vor allem eine nationale Plattform bzw. Leistungsschau, einerseits mit Blick auf die einheimische Umwelttechnik, so etwa die Photovoltaik, energieeffiziente Autoantriebe oder die Brennstoffzellenentwicklung.

Neben kleinen Positionsleuchten gibt es allzu viele lange Schatten in der Historie. Denn das Papier beschränkt sich weitgehend darauf, den Status Quo bzw. die Fortschritte in der allgemeinen wirtschaftlichen Prozessinnovation zu beschreiben, so etwa in den industriellen Kernbereichen wie Chemie- und Stahlindustrie.

Einige Experten feiern die Geothermie als die Lösung für Japan. Aufgrund der Erdbebengefahr und der technischen Komplexität aber alles andere als ein Selbstläufer. Vor allem gilt: Nach der schleichenden Atomkatastrophe und dem möglicherweise eintretenden massiven Vertrauensverlust in der Bevölkerung steht diese freundliche Umarmungspolitik hier wie dort angesichts einer ausschließlich renditemaximierenden Lobby mehr denn je auf dem Prüfstand.

— Im vierten und fünften Teil schließe ich die Japan-Serie mit zwei Beiträgen zum facettenreichen Begriff des Risikomanagements ab —

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Written by lochmaier

März 28, 2011 um 7:14 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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