Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Umweltkatastrophe in Japan (2): Lernen von der Natur

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Den Rückversicherern fällt die Aufgabe zu, mit theoretischen Modellen die Wahrscheinlichkeit einer Naturkatastrophe möglichst präzise vorauszuberechnen. Denn die entsprechenden Versicherungspolicen setzen genau auf jenen mathematischen Berechnungsgrundlagen auf, die auch die Basis für die Ermittlung der individuellen Risikoprämien bilden.

Via ARD-Börse gibt es eine Übersicht über die Schadensermittelungen der Rückversicherer zur Katastrophe in Japan. Offiziell bewegen wir uns noch in einem einstelligen Milliardenbereich. Jedoch lassen sich auch hier – ähnlich zum Finanz-Tsunami – die Effekte nur eingeschränkt abbilden, beziehungsweise in einem konsistenten Simulationsszenario voraus berechnen. So hat der Hurrican Katrina im Jahr 2005 in den USA zwar mit 50 Mrd. Euro durchaus ein vorhersehbares Schadensvolumen ergeben.

Jedoch sahen sich die Rückversicherer damit konfrontiert, zusätzliche Schäden an den Ölplattformen in Höhe von weiteren mehr als zehn Mrd. US-Dollar als Mehrbelastung verkraften zu müssen. Das ist trotzdem nur ein kleines „Restrisiko“, ähnlich wie bei einem Baum, der das Dach eines privaten Einfamilienhauses beschädigt hat. Denn der Folgeschaden infolge der Turbulenzen an den Finanzmärkten bewegt(e) sich im Vergleich dazu in einer ganz anderen, nämlich Schwindel erregenden Dimension.

Mit den Worten eines Buchhalters kann man es so ausdrücken: Ein historischer Wirbelsturm oder Erdbeben verursacht höchstens ein Achtel bis ein Viertel der Schadenssumme, die uns voraussichtlich der nächste Tsunami am Finanzmarkt bescheren würde. Von einer wesentlichen Lektion nach dem Wirbelsturm Katrina an der US-Küste, dem „Störfall“ von BP im Golf von Mexiko, oder eben den aktuellen Geschehnissen, kann die Finanzwirtschaft deshalb zweifellos schon heute lernen. Und vom „Störfall“ in Japan noch deutlich mehr.  

Die gängigen mathematischen Modelle zur Risikomodellierung unterschätzen nämlich sowohl die Reparatur- als auch die Wiederbeschaffungskosten. Die reine Zufallswahrscheinlichkeit von Naturereignissen stellt – selbst beim Klimawandel – keine entscheidende Hürde dar. Man könnte sie ja theoretisch voraus berechnen bzw. als Risikoprämie in die Versicherungspolice „ein- preisen“.

Hingegen bringt die im Fachjargon der Rückversicherer relativ harmlos als „Demand Service“ bezeichnete volks- und betriebswirtschaftliche Beseitigungsarbeit nach gewaltigen Katastrophen die Forscher vor neue und bislang ungeahnte Herausforderungen – gerade mit Blick auf den Transfer von Modellen aus der Natur in die Finanz- oder Realwirtschaft. Sprich: Wie erstellt man ein Risikomodell für etwas, was es, wie die Erde, leider nur einmal auf der Welt gibt?

Natürlich könnte man selbst die Folgekosten eines Umzugs der Erdbevölkerung auf andere Planeten in einem Rechenmodell erfassen. Jedoch führten derartige „Black-Box-Modelle“ definitiv in die Irre, denn nicht jeder Erdbürger wird sich diesen Umzug finanziell leisten können, wie das Beispiel Japan eindrücklich belegt, so wie Milliardäre sich heute durchaus mal rasch einen kleinen Flug in den Orbit gönnen.

Kurzum: Lassen sich 40 Mio. Menschen aus Tokio so einfach evakuieren? Und wenn ja, wohin, von der Ersten in die Dritte Welt?

Als entscheidendes Kriterium bei der Modellierung von realen Risiken mit Blick auf die Folgen des Klimawandels und anderer „Naturphänomene“ ist ein eher simples Hilfskonstrukt anzusehen, nämlich vor allem die vorhandene Datenqualität beim Anwender. Denn allein eine Mischung aus klassischer Differentiallehre, Stochastik und Statistik steht auf tönernen Füßen.

Man kann es auch mit einer besonderen Variante der mathematischen Spieltheorie prägnant so ausdrücken: Ebenso wie bei der Errechnung einer mathematischen Zufallsauswahl in der Online-Heiratsvermittlung oder bei der Versteigerung einer UMTS-Lizenz kommt es am Ende nicht unbedingt auf die wissenschaftliche Methode an, sondern eher auf den gesunden Menschenverstand – jenseits aller gängigen Methodenlehre.

Im Klartext: Die Realität verläuft analog zu einer Ehe oder auch bei den in Deutschland oder Großbritannien versteigerten UMTS-Lizenzen etwas anders, als es ein prognostiziertes Chancen-Risiko-Modell voraussehen kann. Letzten Endes ist jede Methode „per se“ falsch oder unzureichend“ – und somit lediglich als theoretisches Hilfskonstrukt zu verstehen.

Im übertragenen Sinne sind somit auch Ansätze wie Value-at-Risk oder Basel II nur als Annäherung an eine jeweils mehr oder minder transparent definierte Realität gedacht. Oder, um auf die historischen Wurzeln des Begriffs „Risiko“ zurück zu kommen, man muss die Methoden – wie beim Untergang der Titanic – konsequent auf die Gefahren unterhalb der Wasseroberfläche anwenden. Auch dort überlebten überwiegend die gehobenen Schichten, während die Armen in den unteren Decks untergingen. So würde es auch bei einer ausufernden Katastrophe in Japan sein.

— Fortsetzung folgt — 

Written by lochmaier

März 23, 2011 um 1:59 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

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