Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Nuklearkatastrophe in Japan (1) – und die ungelernten Lektionen

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Wer den heute erschienenen Beitrag im Blicklog gelesen hat, warum das Unglück in Japan definitiv kein Schwarzer Schwan war, der erahnt, was ein Unglück ist, mit dem niemand gerechnet hat, und mit dem vielleicht doch irgendwann zu rechnen war. Anders gefragt: Was ist wirklich „wahrscheinlich“ in dieser Weltrisikogesellschaft? 

Die Umwelt- und Atomkatastrophe in Japan hat viele Fragen aufgeworfen, wie Finance 2.0 es beleuchtet. Was wäre ein konstruktiver Kapitalismus? Für die einen ist es der Beginn des regenerativen Zeitalters, für die anderen ist Japan nur ein technischer Einschnitt in die Reaktorsicherheit. Wiederum andere sehen Einstiegsmöglichkeiten in gefallene oder gestiegene Aktien.

Ob man Jodtabletten in Deutschland bunkern oder gar einnehmen muss, lasse ich mal dahin gestellt. Es sollen hier ohnehin keine ergänzenden aktuellen Informationen zu dem medial ohnehin dauerpräsenten Ereignis präsentiert werden, sondern eine Betrachtung anhand des Leitbegriffs „Risikomanagement“ erfolgen – und zwar mit Blick auf die Umwelt und die Finanzmärkte. Dies geschieht in vier Teilen, der letzte Beitrag rundet das Thema dann kurz und prägnant aus einer kulturellen Wahrnehmungsperspektive ab.

Der Begriff Social Engineering beschreibt vereinfacht ausgedrückt, dass Menschen die „falschen“ Risiken als reale Bedrohung wahr nehmen. So stellt sich immer wieder aufs Neue die Frage, ob Menschen überhaupt in der Lage sind, die Wahrnehmung von Chancen und Risiken überhaupt nach ihrer objektiven Relevanz zu bewerten, etwa den sozialen und umweltpolitischen Sprengstoff, der sich in der extrem ungleichen Verteilung des Machtmittels Gelds wider spiegelt.

Man kann diese Zusammenhänge aber auch, statt einen ausufernden akademischen Diskurs über Geldtheorien zu führen, was die Welt im Innersten trennt oder zusammen hält, weit banaler beschreiben: Aus dem Krisenmanagement gibt es ein aktuelles Beispiel: Wer etwa zum Urlaub in die USA reist, denkt wohl zunächst eher an das potentielle Risiko eines Terroranschlags als an eine zusätzliche Auslandskrankenversicherung.

Eine Art allgemeine menschliche Betriebsblindheit zeichnet uns aus. Das Problem: Während innerhalb der Europäischen Union auch im Ausland die Kosten etwa bei einem Krankenhausaufenthalt übernommen werden, sieht es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten etwas anders aus. Ein mehrtägiger Aufenthalt kann bereits Kosten in Höhe von mehreren zehntausend Dollar verursachen.

In den USA, in einem Land also ohne ein ausgeprägtes, staatlich gesteuertes soziales Auffangnetz, ist Gesundheit nur teuer zu erkaufen. Wer denkt schon an diese verborgenen „systemischen“ Risiken, die letztlich nur von Menschenhand gestaltete Konstrukte darstellen, wenn der Reisende sich irgendwo zwanglos im Urlaub bewegen möchte?

Deutlich mehr Menschen sterben auch im Haushalt als auf der Straße oder in einem brennenden Flugzeug. Ein schräges Bild der Risikowahrnehmung entsteht, das die Medien durch eine selektive Berichterstattung und „proprietäre“, sprich zielgeleitete Kommunikationskanälen noch weiter verzerren oder zumindest in die eine oder andere Richtung verstärken. So wie derzeit bei der Diskussion um die Atomenergie der Fall. Wird es jenseits von rhetorischen Floskeln hier ein Umdenken geben?

Rückversicherer kalkulieren Jahrhundertrisiken

Wir nehmen also die subjektiv „falschen“ Risiken wahr, das hat der GAU in Japan, potenziert durch ein Erdbeben und einen Tsunami verdeutlicht. Banale Risiken, wie ein defektes Kabel im Computernetzwerk, das immense Schäden verursachen kann, werden unterschätzt, und Risiken, die permanent im Fokus der Öffentlichkeit stehen, sind vielleicht deutlich überbewertet.

Wie komplex die Risikomodellierung in der Praxis für die Spezialisten tatsächlich ausfallen kann, lässt sich am Beispiel einer Rückversicherung sichtbar machen. Die Rückversicherer sind dazu da, Jahrhundertrisiken zu bewerten. Meist tun sie dies von der Öffentlichkeit ziemlich unbemerkt. Sie haben auch das World Trade Center in New York gegen Erdbeben versichert, wohl kaum aber die Gefahr eines Terroranschlags voraussehen können, wie er sich am 11. September 2001 ereignet hat.

Aber auch der „Finanz-Tsunami“ hatte weniger etwas mit der Gewalt einer sich in einem halbwegs regelmäßigen Zyklus ereignenden Naturkatastrophe gemein. Der wahrscheinliche Eintritt eines Erdbebens oder Wirbelsturms lässt sich noch halbwegs prognostizieren, nicht aber eine singuläre Finanzkrise, die sich kaum mit jener von 1931 oder 1987 oder 2001 vergleichen lässt (siehe: Grafiken der Hannover Rückversicherung).

— Fortsetzung folgt —

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Written by lochmaier

März 21, 2011 um 9:02 am

Veröffentlicht in Uncategorized

2 Antworten

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  1. Sehr schöner Beitrag, der neugierig macht auf die Fortsetzung. Jetzt, wo die breite Öffentlichkeit sich wieder abwendet von Japan, beginnen eigentlich erst die spannenden Diskussionen über Risiko und Komplexität in unserer Gesellschaft.

    dels

    März 21, 2011 at 10:05 am

  2. Ich halte die Finanzkrise nicht für singulär, sondern als ganz normalen Ausschlag des Boom und Bust Finanzkapitalismus, der durch einen surreal angewachsenen Derivate-Markt für einige wenige beim Boom immer mehr exorbitante Gewinne und für die breite Masse beim Bust immer größere soziale Kosten verursacht.
    Die ganzen strukturellen Probleme des Finanzmarktes sind nicht in Ansätzen gelöst und werden uns mit Sicherheit wie die Atomenergie immer wieder auf die Füße fallen.
    Interessant sind in der aktuellen Situation betreff des Finanzmarktes folgende Metaphern:
    „Derivate sind finanzielle Massenvernichtungsmittel“
    „Wir haben das Finanzsystem vor der Kernschmelze bewart“
    „Am Ende bleibt toxischer Sondermüll in den Bilanzen“

    Nach dem das Thema Nachhaltigkeit im Energiesektor durch ist, kommt nun die Frage der Nachhaltigkeit für den Finanzsektor auf uns zu.

    Einer der zu diskutierenden Punkte wird mit Sicherheit die Frage sein, wie die Gesellschaft die Geldschöpfung organisieren will.
    Binswanger als Doktorvater von Ackermann und Joseph Huber in „Monetäre Modernisierung“ haben da deutlich andere Ansichten als der Mainstream.
    Banken sollen Transaktionsdienstleistungen und Risiko-Verteilung anbieten, aber nicht selber Geld schöpfen…
    Das mag für viele heute so abtrus klingen, wie vor 20 Jahren die Ansicht, dass es möglich und sinnvoll ist die Energieversorgung komplett regenerativ zu organisieren…

    J_Homann

    März 21, 2011 at 9:20 pm


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