Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Archive for Februar 2011

Open Bank Project: Die kreative Banken(r)evolution von unten

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Open Source und Social Banking: Wie nah ist die „quellfreie“ Community am Thema Geld dran? – Über genau dieses Thema hatte ich noch vor fast einem Jahr eine Bestandsaufnahme geschrieben. Finanzen und die freie Internetgemeinde, die beiden mögen sich nicht besonders. 

Dies liegt aber nicht nur am ambivalenten Charakter des Geldes, sondern auch darin, dass sich viele Aktivisten in einer kritischen Distanz verharren, oder aber sie sind allzusehr in ihrer technischen Spielwiese gefangen – und übersehen dadurch die prägende Bedeutung der Finanzwelt auch auf ihr alltägliches Leben.

Mittlerweile gibt es aber auch andere Tendenzen, sich dem Thema aktiv und kreativ zu stellen. Sprich, die kreative Bankenrevolution von unten mit Hilfe von Open Source hat begonnen. Bestes Beispiel ist das im vergangenen Frühjahr gestartete Open Bank Project, kurz OBP.

Zusammen mit einem Konsortium von Banken, Open Source und Web 2.0 Experten, Software-Firmen, Institutionen und Universitäten hat man sich das Ziel einer Open Source Plattform gesetzt, die die Öffnung von Finanztransaktionen per gesicherter und zuverlässiger API (Schnittstelle für Anwendungsprogrammierung) ermöglicht.

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Das OBP ist eine europaweite Initiative mit dem Ziel Finanztransaktionen für die breite Masse zu öffnen und so mit Hilfe von Open Source und Web 2.0 Transparenz im Bankwesen zu fördern. Die Idee ist ergebnisoffen konzipiert. Kurzum, ein offeneres und transparenteres Finanzsystem soll dem Verbraucher mehr Auswahlmöglichkeiten und Qualität liefern.

Immerhin, es ist zwar nicht das große Hacking des Finanzsystems von innen, von dem so mancher träumt, aber ein produktiver Schritt, selbst mit Hilfe von Open Source Technologien und Prozessen an einer konsumentenfreundlicheren Finanzwelt mitzuarbeiten.

Die neuen Ansätze dazu sind breit gefächert und reichen von Social Banking, über Social Lending, siehe mein Buch Die Bank sind wir, bis hin zum Crowdfunding, wie ich es etwa  in meinem Artikel im neuen Berliner Feed Magazin  – einem neuen Print-Medienformat 2.0 für Blogger und soziale Netzwerker – unter dem Titel „Privatbank 2.0“ aufzeige.

Oder wie es mein Blogbeitrag: Praxistex(s)t zum „Social Bank Coding“ näher beleuchten soll: Wie Crowdfunding die Finanzwelt revolutioniert    . Nach diesem kleinen Ausholer wieder zurück zum Open Bank Project. Auf der Infoplattform Oszine.de lassen sich einige denkbare praktische Anwendungsszenarien jenseits eines revolutionären Pathos illustrieren:

1. Software zur Identifizierung von betrügerischen Handlungen könnte Transaktionen von multiplen Konten und Banken in Nahe-Echtzeit scannen.

2. Die EU oder andere Geldgeber könnten darauf bestehen, dass Empfänger öffentlicher Mittel ein Konto nutzen, das transparent, d.h. Open Bank Project aktiviert ist. Die Wachsamkeit der Öffentlichkeit (“many eyes”) würde Vertrauen und Kreativität im Finanzbereich schaffen. Kurz: die Öffentlichkeit finanziert, die Öffentlichkeit sieht was mit ihrem Geld passiert.

3. Ein Wohltätigkeitsverein möchte seinen Sponsoren Transparenz gewähren und aufzeigen, dass er Gelder sinnvoll einsetzt. Spender und die Öffentlichkeit könnten Ausgaben einsehen, Kommentieren und Verbesserungsvorschläge machen.

4. Ein Unternehmen gibt auserwählten Teilnehmern Zugang zu Finanzdaten z.B. könnten CEO, Buchhalter und bestimmte Angestellten über ihr Handy oder das Rechnungswesen Daten einsehen.

5. Individuen lassen Freunde an ihren Kaufentscheidungen teilhaben. Twitter: „Du hast 200 Euro für Marke X ausgegeben!?“ Facebook: „Bei dieser Firma solltest du nicht einkaufen.“

6. Dienstleistungen wie z.B. Mobile Payment Gateways könnten sicher und zuverlässig in ein Bankensystem integriert werden.

7. Banken bieten ihren Kunden mehr Auswahl an Software Tools und Dienstleistungen – ebenfalls auf der Basis eines gesicherten, zuverlässigen Systems.

Viele Fragen sind noch offen: Ob die Banken dies aufgreifen werden? Wird die Community drauf anspringen? Das Thema Korruption sei der wichtigste Treiber dieses Projekts gewesen, bilanziert die P2P-Foundation.  

Und manche Brancheninsider finden sogar, wenn wir durch  mehr Open Source in der Bankenbranche weniger Wikileaks bräuchten. Wie dem auch sei, das Projekt macht trotz verhaltener Kritik aus der einen oder anderen Ecke gewisse Fortschritte, als einzige deutsche Bank hierzulande ist bisher die Fidor Bank AG vertreten.

Hinter dem Projekt steckt übrigens die in Berlin angesiedelte Softwarefirma Tesobe, die sich mit einschlägigen Open Source  Projekten beschäftigt. Das Unternehmen mit Simon Redfern an der Spitze, der auch die OBP-Initiative leitet, besitzt langjährige Erfahrung in den Bereichen Webapplikationen und -design, Datenbanken und Netzwerkadministration.

Der Gründer selbst ist spezialisiert auf die Bereiche Applikationen- und Datenbank-Design, Postgres, Oracle, Python und Django. Die Firmenphilosophie des in Berlin-Wedding angesiedelten Kernteams lässt sich wie folgt beschreiben: Wir verstehen den Klimawandel als eine ernsthafte Bedrohung unseres Planeten und seiner Bewohner. Für unseren Teil bevorzugen wir daher die Fortbewegung zu Fuß, Fahrrad und Bahn gegenüber dem Auto, Zug gegenüber dem Flugzeug und pdf gegenüber Papier!

Ein Grund mehr sich mit dem Gründer des Projekts Simon Redfern über Zielrichtung und weitere Schritte der OBP-Initiative zu unterhalten. Hier geht es zum zweiten Teil dieses Beitrags, dem Interview mit Gründer Simon Redfern.

 

Written by lochmaier

Februar 14, 2011 at 8:21 am

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Commonwealth Bank: Social Media Policy, PR-Desaster und Erklärungsversuche

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Wie eine Bank den Umgang mit den Social Media Richtlinien nicht betreiben sollte, das zeigte sich jüngst am Beispiel der Commonwealth Bank, dem zweitgrößten australischen Institut, das jedoch in ganz Asien und Ozeanien aktiv ist.  Thefinancialbrand berichtet quasi aus dem Auge des Orkans:

A controversial two-page social media policy Commonwealth Bank introduced to its employees back in December has turned into a public relations disaster. The document threatens “serious disciplinary action which may include termination” for a range of online activities extending far beyond office walls.

The policy forbids its employees from doing anything online that may damage the bank’s brand. Most troublesome is a section of the policy informing employees they would be held accountable for the actions of their online friends.

Fassen wir es mal kurz zusammen: Die Mitarbeiter werden von der Commonwealth Bank verantwortlich gemacht für die Taten ihrer „Online-Freunde“. Ein beispielloser Vorgang, der mir aber bestätigt:

Banken sind ähnlich straff und hierarchisch wie das Militär organisiert

Wir wissen es, jenseits von Bankenbashing erfüllen Kreditinstitute wichtige Aufgaben in der Wirtschaft. Aber: Mit Blick auf den privaten Endkonsumenten werden die Produkte oben entworfen, unten müssen sie von den Mitarbeitern unkommentiert unters Volk gebracht werden. Dafür gibts dann ein Schmerzensgeld, so dass die Angestellten ihr kleines Häuschen bauen dürfen. Wehe dem, der aus Reih und Glied ausschert. Das ist Fahnenflucht.

Was auf den ersten Blick bei diesem Fall noch recht harmlos klang, das endete schließlich in einem grandiosen PR-Desaster, das wieder einmal zeigt, dass Banken die neue Philosophie der vorsichtigen Öffnung nach außen noch längst nicht verstanden haben. Auch hierzulande hört man hinter den Kulissen die generalstabsmäßig vorgetragene operative Parole: Können wir das Web 2.0 nicht verbieten?

Ich persönlich finde diese Idee gar nicht mal schlecht, denn dann hätten wir nur noch eine bequeme Einheitsmeinung, so wie in einer Diktatur. Dann müsste ich nicht mehr nachdenken, bevor ich diese Zeilen schreibe, sondern hätte nur noch ein vorgegebenes Denkraster zu präsentieren.  

Dass autokratische Regierungsformen im Finanz- und Bankwesen durchaus eine ideale Staatsform darstellte, darf man – natürlich nur ironisch – durchaus so pointieren. Denn der Kunde soll ja in der Bank der Zukunft nicht allzusehr die Regie übernehmen, gerade in der Welt von Social Media, wie es ein Gastbeitrag in der Börsenzeitung mit (leider nicht gekennzeichnetem) Verweis auf dieses Weblog Social Banking 2.0 impliziert.

Trotzdem dämmert es allmählich den Insidern, mit den Worten der Börsenzeitung gesprochen:

Social Media verändern den Finanzplatz – Neue Formen der Kommunikation mit den Kunden erforderlich – Banken müssen rasch reagieren

 

Stellt sich bloß die Frage, wie die Umsetzung von Social Media bei den Banken gelingt, wo doch selbst die Quadratur des Kreises einfacher scheint? Werfen wir nochmal einen Blick zur Commonwealth Bank, um festzuhalten, wie es nicht gelingt, wie man auf der operativen Eisfläche namens Social Media ausrutschen kann.

Das Medienecho war enorm, nur nicht wie gewünscht. Nun ja, der Gründer der Quirin Bank Karl Matthäus Schmidt behauptet immerhin, dass Banken gar keine Transparenz wollen, und zwar im ZEIT – Interview. Ganz so unrecht hat er dabei nicht, denn Social Media sind so was wie ein eingewobener Systemfehler im Kommunikationssystem von Banken.

Noch eleganter ausgedrückt, so dass es kaum einer versteht: Facebook und Co. widersprechen diametral der fundamentalen Produktphilosophie von Banken. In einem meiner letzten Beiträge habe ich die Basislektionen aufgezeigt, wie eine Bank Social Media auf Augenhöhe mit dem Kunden betreiben kann.

Das nun folgende Leitmotiv funktioniert freilich erst dann, wenn auch die Produkte dahinter tatsächlich auf das Wohl des Kunden (Mitarbeiter) – und der Bank im Gleichklang ausgerichtet sind. Un- and Overbanked: Milliardenmarkt für Social Media? Davon freilich sind wir weit entfernt.  Wie gesagt, der provokative Vergleich mit militärischen Kommandostrukturen ist so weit von der Realität auch nicht entfernt, wie manche es gerne glauben.  

Vor kurzem traf ich zufällig Bundesbank-Chef Axel Weber am Flughafen Tegel. Nein, auch ich weiß nicht ganz genau, ob er jetzt zur Deutschen Bank wechselt. Aber da fiel es mir wieder ein – er wurde kürzlich im Handelsblatt mit folgender Überschrift zitiert: Bundesbank warnt Anleger vor Banken  .

Eine revolutionäre Überschrift, die heute im allgemeinen Mediengewitter untergeht, aber es ist schon bezeichnend, wenn sich eine derartige Institution genötigt sieht, auf den „Gebührenfresser Bank“ hinzuweisen, und sogar kostengünstige Anlagen in börsengehandelten Anlageprodukte zu empfehlen, die laut Handelsblatt-Artikel passiv einen Vergleichsindex abbilden, so genannte Exchange Traded Funds (ETFs).

Es gibt aber auch Banken, die genau diesen Trend der Zeit gerade im Segment der Besserverdiener erkannt haben, so wie die Schweizer Nettobank. Sie hat sich ans Werk gemacht, die Umsetzung der neuen Anlagestrategie im Private Banking mit indexnahen, transparenten und liquiden Instrumenten mit Fokus auf eben jene ETFs einzuleiten.  Jedem Leser, dem auch das noch zu komplex ist, empfehle ich ein ganz simples Finanzmanagement. Was man nicht versteht, davon lässt man oder frau die Finger.

Das soll jetzt übrigens keine Werbung für die Nettobank und deren ETF’s sein, es soll aber einen Trend aufzeigen. Für all die übrigen geprellten Anleger weise ich auf folgendes hin, eine Anlage, die mir ein Leser freundlicherweise zur Einsichtnahme überrreicht hat, was die perfide Machart der meisten Bankprodukte demaskiert. Da hilft dann auch kein Social Media, noch dazu wenn es wie bei der Commonwealth Bank mit Verboten gepflastert ist, sprechen Sie bloß nicht mit Ihrem Nachbarn über unsere Bank.

So versprach im Juni 2008 ein Vollrisikozertifikat der BW Bank dem Anleger nicht nur eine sichere Anlage, sondern auch eine hohe Rendite. Dumm nur, dass das Produkt direkt an die Daimler-Aktie gekoppelt war, die dann im Laufe der Finanzkrise abstürzte.

Aber da gab es ja einen Sicherheitspuffer, der freilich besagte, dass der Kunde die Aktie dann nicht zum niederen Kurs nach der Finanzkrise übernehmen könnte, sondern zu einem vorab fixierten hohen Kurs (der dann doppelt so hoch war).

Vollrisikozertifikate sind übrigens Schuldverschreibungen mit einigen leider nur kleingedruckten Nicklichkeiten, bei denen die Wertentwicklung von der Entwicklung eines Basiswerts, z. B. eines Indexes oder eines Aktienkorbs, abhängig von etwas ist, worauf der Anleger gar keinen Einfluss hat. Er verliert in der Regel sowieso, und die Bank gewinnt doppelt.

Es führt jetzt zu weit, den Vorgang im Detail nochmal aufzuarbeiten, aber die Bank profitiert immer, im einen wie im anderen Fall. Der Anleger bräuchte dann zwei Fachleute auf seiner Seite, einen Rechtsanwalt, um das Vertragskonstrukt überhaupt zu verstehen, und einen Finanzspezialisten, der es auf Kosten sowie Chancen-Risikoprofil durchleutet.

Sie merken, worauf ich hinaus will: Social Media ist nur dann nützlich, wenn die Produkte dahinter stimmen. Ansonsten belässt es die Branche lieber bei dem Motto: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Das aber funktioniert, wie wir am Beispiel der Commonwealth Bank gesehen haben, nur mit einem Maulkorb- und Bespitzelungsauftrag an die eigenen Mitarbeiter bis in den privaten Freundeskreis hinein.

Vielleicht wendet sich ja die jüngere Generation irgendwann anderen Arbeitgebern zu, die nicht auf einer derart fragwürdigen Social Media Policy aufsatteln? Hier noch ein Video, wie die Bank ihren Kundenservice bis 2013 verbessern will. Ich hätte dazu schon eine Idee …

Written by lochmaier

Februar 10, 2011 at 7:36 am

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Vatikan AG: Wie transparent ist die neue „Zentralbank“?

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Wenn’s ums Geld geht, gibt es kein Pardon, das sage nicht ich, sondern Carsten Frerk, Chefredakteur des Humanistischen Pressedienstes – in einem Interview über die Kirchenfinanzen und der Staat. Der Teufel steckt dort sinnbildlich gesprochen tatsächlich im Detail. Immerhin, die beiden Kirchen haben im vergangenen Jahr die Summe von 9,3 Milliarden Euro eingenommen.

In seinem Violettbuch Kirchenfinanzen: Wie der Staat die Kirchen finanziert  fühlt Carsten Frerk der diskret agierenden Geldgemeinde genauer auf den Zahn, was ihm so manche Kritik einbringt. Dass es in Kirchenkreisen mit der Transparenz generell nicht zum Besten bestellt ist, das ist spätestens seit den Missbrauchsvorwürfen ein offenes Beichtgeheimnis.

Gerade in Finanzfragen gehört der Klerus nicht unbedingt zu den Vorreitern in punkto Transparenz der Geldanlagen. Man erinnere sich nur an die alten Skandale der Vatikanbank. Hier dazu einige Buchrezensionen:

http://www.sueddeutsche.de/geld/vatikanbank-der-papst-und-das-geld-1.1041543

http://www.handelszeitung.ch/artikel/Specials-Geheimprotokoll-des-Gardisten_836121.html

http://www.wissenrockt.de/2010/04/18/vatikan-ag-ein-manifest-der-heuchelei-4414/

Nun vernehmen wir diese Nachricht:  Jetzt gibt es die neue „Zentralbank“. Das Handelsblatt titelte dazu: Kampf gegen Geldwäscherei: Vatikan-Banker wollen ihr Image aufpolieren . Klappt das wirklich? Ein Auszug:

Außer dem Ior soll die Aufsicht AIF weitere Institutionen kontrollieren. Dazu gehören das APSA (Amministrazione del Patrimonio della Sede Apostolica), eine Art Zentralbank des Vatikanstaats, und die Propaganda Fide, ursprünglich eine Kongregation zur Verbreitung des Glaubens, die heute über ein milliardenschweres Vermögen verfügt und mit Bestechungsversuchen ins Gerede geraten ist. Anfang April sollen die neuen Regeln in Kraft treten.

…. Mit diesen Problemen und weil das Ior weder Bankstatus hat noch Bilanzen veröffentlicht, entspricht der Finanzarm nicht den OECD-Transparenzregeln. Der Ex-Santander -Banker Ettore Gotti Tedeschi, der seit Herbst 2009 an der Spitze des Ior steht und immer wieder zum OECD nach Paris reist, soll das Institut in der Finanzwelt hoffähig machen. Die Regeln sind der erste Schritt dorthin

Quelle: handelsblatt.com

Wie so oft in der Geschichte kommt der Schritt, mehr Transparenz in „interne Prozesse“ zu bringen, nicht ganz freiwillig. Der Vatikanbank wird von italienischen Behörden immerhin vorgeworfen, gegen die in Italien gültigen Anti-Geldwäsche-Standards verstoßen zu haben. Wegen des Verdachts der Geldwäsche sind gegenwärtig 23 Millionen Euro auf einem Konto der IOR eingefroren. 

Nun tritt Papst Benedikt XVI die Flucht nach vorne an. Das passiert – analog zu den Missbrauchsfällen – gerade dann, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt. Wir sind gespannt auf die künftigen Entwicklungen, denn mehr Transparenz wäre in den „ethisch-moralischen Leitinstitutionen“ zweifellos notwendig, um der Vertrauenskrise mit wirksamen Maßnahmen zu begegnen. 

Der Weg dorthin scheint indes recht steinig und langwierig zu sein, bis quasi über der Gesellschaft in eigenen Rechtsräumen thronende Parallelwelten sich dem offenen Dialog auf Augenhöhe mit dem „Steuerbürger“ öffnen.

Angesichts dessen, was derzeit die allgemeine Stimmungslage ausmacht, verwundert es somit kaum, dass das Buch „Vatikan AG“ von Gianluigi Nuzzi sich mittlerweile in die Bestsellerlisten vorgearbeitet hat, einige Stimmen dazu finden sich auf Amazon.de   

Die Publikation wirbt – ähnlich dem Wikileaks-Prinzip – mit der Aura von bislang geheim gehaltenen also unveröffentlichten Dokumenten:

Viertausend geheime Dokumente des Heiligen Stuhls Briefe, vertrauliche Mitteilungen, Aktennotizen, Protokolle, Kontoauszüge und Buchungsbelege gewähren einen Blick hinter die Kulissen des vatikanischen Finanzsystems.

Die Dokumente stammen aus dem Nachlass Monsignor Renato Dardozzis (1922 2003), bis Ende der neunziger Jahre einer der wichtigsten Mitarbeiter des IOR ( Institut für die Werke der Religion ), wie die Vatikanbank offiziell heißt.

Ende der achtziger Jahre schien mit dem Crash der Ambrosiano-Bank, der rätselhaften Ermordung Roberto Calvis und Michele Sindonas und dem Rückzug von Erzbischof Marcinkus aus der Leitung des IOR der Schlussstrich unter ein unrühmliches Kapitel der Vatikanbank gezogen. Aber dann so beweisen die Dokumente aus Dardozzis Archiv begann alles wieder von vorn.

Seit 1992 entstand ein neues, noch raffinierteres System mit Nummernkonten, über die Hunderte Milliarden Lire verschoben wurden. Architekt dieses Netzwerks war Prälat Donato de Bonis, der neue Chef der Vatikanbank. Er legte Konten auf den Namen von Bankiers, Unternehmern und Spitzenpolitikern an, unter ihnen Omissis , der Codename Giulio Andreottis.

Auf diese Konten wurden Erlöse aus Staatspapieren eingezahlt, um schmutziges Geld zu waschen. Auch in den Mega-Korruptionsskandal Enimont war die Vatikanbank verwickelt. Sogar Gelder gläubiger Katholiken, die für heilige Messen bestimmt waren, wurden mit geschickten Manövern auf persönliche Konten transferiert.

Das IOR funktionierte wie eine Bank innerhalb der Bank, eine gigantische Geldwaschanlage mitten in Rom, die von der Mafia genutzt und skrupellos für politische Machenschaften eingesetzt wurde. Ein Steuerparadies, das allein der Gesetzgebung des Vatikans unterworfen war. Und das alles im Namen Gottes.

Quelle: amazon.de

Es sei nun jedem Leser selbst überlassen, sich hier ein eigenes Urteil zu bilden.  Man sollte sich jedoch die Kommentare ganz unten auf der Amazon-Seite genauer durchlesen, denn die „Vatikan AG“ einschließlich der neuen „Zentralbank“ ist kein kleiner finanzieller Nischenmarkt in der Finanzwelt, sondern bewegt ansehnliche Summen, die sich hinter einer „Deutschen Bank und Co.“ nicht zu verstecken brauchen.

Und genau deshalb gelten für diese Spieler mit der Aura einer vermeintlich besseren „Finanzmoral“ genau die gleichen Regeln wie für alle anderen auch. Unabhängig davon, ob es sich um die Anbieter von Social Banking 1.0 oder 2.0 handelt – keiner hat die Weisheit und Ethik für sich allein gepachtet.

Umso notwendiger ist es, hier permanente Kontrollprozesse zu institutionalisieren, damit der soziale und/oder ökologisch orientierte Mitteleinsatz transparent gemacht wird. Es ist noch ein langer Weg, bis aus Hirten und Schafen aktive Mitgestalter eines alternativen Finanzwesens werden. 

Genau deshalb sollte sich niemand anmaßen, hier den Schlüssel zu einer moralisch überlegenen Investitionsklasse in den Händen zu halten. Es sei denn, die hohen ethischen Ansprüche lassen sich durch eine entsprechend nachvollziehbare Geldverwendungshistorie jederzeit und einigermaßen „wasserdicht“ untermauern.

Written by lochmaier

Februar 9, 2011 at 7:44 am

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Social Business: Wie der Konzern IBM eine Idee zweckentfremdet

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Also, Insider wissen es bereits, der Begriff Social Banking hat zwei grobe Verständnislinien. Eine historisch gewachsene, und eine moderne, so wie ich es ausführlich in meinem Buch Die Bank sind wir beschrieben habe. Deshalb spare ich mir an dieser Stelle langatmige Ausführungen, um mich nicht endlos zu wiederholen.

Jetzt aber kommt erneut eine historische Zäsur auf uns zu. Der an sich historisch ebenfalls bereits besetzte Ausdruck „Social Businesserhielt durch den Computerkonzern IBM eine Umwidmung. Es geschah auf der Lotusphere 2011 in Orlando.

Falls Sie noch nicht wissen, wer IBM ist, das ist das Unternehmen, dessen früherer Chef  Thomas J. Watson noch 1943 behauptete, es gäbe auf dem Weltmarkt nur Platz für maximal fünf Personal Computer. Mittlerweile ist IBM deutlich stärker auf Höhe der Zeit angekommen, und hat die Epoche des Mainframe-Computings  – der Großrechnerlandschaften – verlassen. 

Der Schwenk auf die neuen Technologien und Geschäftsprozesse gelang dem Unternehmen in groben Zügen, wenngleich ich persönlich sagen muss, dass ich die Konzeption der Social Media Tools (Collaboration heißt das Zauberwort) aus dem amerikanisch angehauchten Think Tank immer noch zu werbe- und produktlastig empfinde. Ein deutliches Indiz war die letzte Bloggerkonferenz re:publica.

Die Big Player wie IBM dort sind zwar als Sponsoren gerne gesehene Zaungäste, wenn sie aber einen Vortrag halten, wie im vergangenen Jahr über ihre tollen Social Media Tools und ihren Online-Jam zum Arbeitsplatz der Zukunft, dann ist die Halle, obwohl sie zuvor noch brechend voll war, plötzlich wie leer gefegt.

Will heißen, solch eine Werbeeinblendung ist so sexy wie ein mit wenig echten Kaffeebohnen aufgewärmtes Wachhaltegetränk. Und jetzt also auch das noch: Auf der IBM Lotusphere definierte der Global Player das „Social Business“ neu. Also reloaden wir – Bei mir ratterte es schon im Newsticker, und ich kam allmählich ins Grübeln, was ich da las. Brauchte ich doch eine neue Lesebrille?

Das zentrale Thema sei jetzt die Transformation von Unternehmen in ein Social Business. IBM fasst unter diesem Dachbegriff die immer stärker vernetzten Geschäftsbeziehungen und die Integration der internen und externen Nutzung von Social Software zusammen. Klingt hübsch…

Ich las also weiter: Alistair Rennie, Lotus General Manager, betonte, dass Unternehmen, die vor allem den Menschen und die bessere Zusammenarbeit in den Mittelpunkt stellen, ihre Geschäftsziele besser und schneller erreichen. Okay, das klingt ja noch besser …
 
Alle wissen es, nur ich offenbar nicht: Denn auch eine kürzlich veröffentlichte McKinsey-Studie bestätigt offenbar, dass vernetzte Unternehmen erfolgreicher sind als andere, die die Möglichkeiten von Social Software und Social Media intern und extern nur begrenzt nutzen. Das mag stimmen, aber jetzt kommt wirklich der ultimative Lustkiller…

Denn die Marktforscher von IDC, auch so eine Art Unternehmensberatung, bei der die Ergebnisse meist durch die Kunden mitbeeinflußt werden, sehen im Markt für „Social Business Software“ (haben Sie jetzt die elegante begriffliche Kehrtwendung bemerkt) ein großes Potenzial:

Die Analysten prognostizieren bei Social Business Software in diesem Jahr ein Wachstum von 33 Prozent auf 630 Millionen USD und im nächsten Jahr auf 1,863 Milliarden US Dollar. Völlig geplättet war ich dann aber bei diesem ergänzenden Hinweis aus der Pressemitteilung von IBM:

„BASF etwa baut mit Hilfe von IBM Software ein Experten-Netzwerk auf. Damit können Kollegen aus verschiedenen Unternehmensbereichen überall auf der Welt besser zusammenarbeiten, um neue Produkte schneller zu entwickeln und damit die Herausforderungen ihrer Kunden besser zu lösen.“

Wow – was soll ich jetzt noch sagen, nicht nur ist BASF ein Unternehmen, das seit Jahren gemeinsam mit dem Erfinder des Begriffs Social Business – M. Yunus – an konkreten Ansätzen arbeitet, allerdings unter völlig anderen Vorzeichen.

Noch dazu werden hier Äpfel und Birnen derart eilfertig gemischt, dass eine vertiefte fachliche Diskussion dringend geboten scheint. Zunächst: Ich selbst habe eine kurze und ziemlich prägnante Darstellung zum Social Business auf Heise Telepolis verfasst, die ich jedem Leser neben meinem Buch ans Herz legen möchte, um einen Überblick über die unterschiedlichen historischen Ursprünge von „Social Business“ zu gewinnen. Darin ist auch von BASF die Rede, man sollte den Text genau lesen.

Ich stellte damals anhand des Visionsummits in Berlin eine an sich ebenso harmlose wie wichtige Frage, die jetzt auch IBM anhand des freundlichen (oder doch eher unfreundlichen) Begriffsklonings beantworten sollte: Wie unternehmerisch kann und darf das Geschäft mit sozialen Werten sein?  

Vereinfacht ausgedrückt lautet die Lösungsformel von Social Business wie folgt: Unternehmen sollen soziale Probleme lösen und nicht nur Gewinne machen. Die Renaissance genossenschaftlicher Konzepte könnte dem nachhaltigen Unternehmertum zu einem Aufschwung verhelfen. Ist der „Sozialunternehmer“ eine kurzlebige Modeerscheinung oder Vorzeichen eines beginnenden Wandels im kapitalistischen Koordinatensystem?

So leitete ich meinen damaligen Artikel an, der nichts an Aktualität eingebüßt hat. Ich sehe derzeit jedoch viele begriffliche wie reale Spekulationsblasen heraufziehen.

Neben dem hohen Missbrauchspotenzial der ursprünglichen Definition, etwa durch unseriöse Mikrofinanz-Institutionen, die nichts anderes als die Ausbeutung von Schuldnern und Kleinunternehmern zum Ziel haben, gibt es nun auch den Missbrauch durch rein geschäftliche Definitionen, zum Zwecke der Werbung und Imagepflege.

Kurzum: Wenn ein Computerkonzern wie IBM einen derart wichtigen Begriff ohne groß nachzudenken neu besetzt, dann ist das in erster Linie ein Coup der Werbestrategen. Denn es ist ein Hype, Social Media plus X zu verbinden, und daraus was Neues zu stricken. Plus X wie bitte, was ist das denn?

Das „plus X“ meint, man kann alles dahinter setzen, wenn es nur den Hauch von Social Media, der Facebook-Generation ausstrahlt.  Also, kupfern wir weiter fleißig: Social plus Banking, = Social Media Banking, Social plus Business = Social Business Media Software – oder so ähnlich.

Jeder darf fröhlich im kollaborativen Mitmachzeitalter mitkreieren, wenn mächtige Computerkonzerne wie IBM dahinter stecken. Für die hippen IBMler bedeutet der Begriff ja etwas ganz anderes: Nämlich einfach besser zusammenzuarbeiten, um neue Produkte schneller zu entwickeln und den Kunden noch effizienter zu bedienen.

Wirklich sensationell? Was hat das noch mit „Social“ zu tun, im Sinne von verbindend? Okay, ein klein bisschen vielleicht… Aber  reicht das schon aus, um all dies als „Social Business“ der zweiten Generation (analog zum Social Banking 1.0 versus 2.0) zu bezeichnen?

Aus meiner Sicht, definitiv nein, denn IBM versteht unter Social Business lediglich „Social Software“, also vernetzte Internetanwendungen für eine bessere Kommunikation und effektivere Zusammenarbeit. Das ist ein Produkt, sonst weiter nichts, eine größere Idee steht m.E. nicht dahinter, außer dem ewigen Slogan mit dem Planeten, den IBM und Co. etwas „smarter machen möchten. Hier ein „Recruiting-Video“ dazu:

Bei Social Banking 1.0 bzw. 2.0 sehen die Konturen deutlich akzentuierter aus, so dass  man hier im Gegensatz zu „Social (Software) Business 2.0“ schon eher von einem prägnanten Trend sprechen kann. Ob es auch hier mehr als eine Modeerscheinung ist, wird man im einen wie im anderen Fall noch sehen müssen.    

Als kleines Ideenhäppchen dazu empfehle ich den Artikel: Business 2.0 – so kann ich nicht arbeiten auf dem Weblog eVideo 2.0 an der HTW Berlin. Ich finde, die Leser sind jetzt mit ihren Meinungen gefragt. Bühne frei ….

       

Written by lochmaier

Februar 7, 2011 at 11:27 am

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Volksbanken: Partizipatives Fitnessprogramm via Social Media?

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Ich beobachte die Volks- und Raiffeisenbanken nun wirklich schon eine ganze Weile im Netz bei ihren Social Media Aktivitäten. Es gibt ein paar erste zaghafte Versuche, manche bewegen sich aktiv auf den Kunden zu. Aber: Vom Geist der eigenen Satzungen, die ja das Prinzip der Selbstorganisation im Finanzverbund historisch zum Vorbild haben, ist die Realität immer noch (meilen)weit entfernt.

Man möge mir die nun einsetzende kritische Würdigung in den Reihen der Genossenschaftsbanken und natürlich auch den Sparkassen verzeihen. Aber Social Media heißt für mich etwas ganz anderes als ein bisschen via Facebook und Twitter zu kommunizieren. Das sieht hübsch aus, suggeriert Kundennähe, jedoch ohne in die Produktgestaltung eingreifen zu müssen.

Im Klartext: Die meisten in den Volks- und Raiffeisenbanken sowie Sparkassen an die Anleger verkauften Produkte sind keinen Deut besser als die der übrigen Banken, denen man doch so gerne Renditegier unterstellt. Man muss sich nur die Ergebnisse der Stiftung Warentest und der Verbraucherschutzverbände ansehen, um zu überprüfen, was gemeint ist.

Auch meine eigenen Beratungs- und Testerfahrungen mit den Genossenschaftsbanken haben das Bild erhärtet. Hier ist keine höhere Moral am Werke, sondern eine Bank wie jede andere. Und hier müsste meines Erachtens der partizipative Einsatz zur Redefinition der „Volksbank-Marke“ einsetzen, von einem revolutionären Geist nach der Finanzkrise ist freilich kaum etwas zu spüren.

So stelle ich mir die Genossenschaftsbank und Sparkasse der Zukunft vor: Sie beteiligt die Kunden aktiv an der Wertschöpfungskette, von Produktdesign über die Bankprozesse bis hin zur Qualitätssicherung. Sie finden das ginge zu weit? Nein, definitiv nicht, aber die Angst- und Hasenfuß-Mentalität dominiert in den komplexen Organisationsstrukturen, die jungen Mitarbeiter hätten gute Ideen, aber das Establishment lässt sie nicht ran.

Ägypten und Stuttgart 21 sind überall. Verkrustete Strukturen, von denen eine Generation profitiert, die strukturell durch Social Media und das Web 2.0 zum Auslaufmodell gehört. Wer so von der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders profitiert hat, will in der zweiten Lebenshälfte nichts mehr ändern.

Wovon träume ich bei einer Genossenschaftsbank? Von integralen Crowdfunding-Funktionalitäten etwa. Und bitte jetzt keine eleganten Ausreden, das sei nicht „compliant“, technisch umsetzbar, oder widerspräche dem Datenschutz. Dabei gilt das Regionalprinzip wie folgt:

Die Bank sind wir (TELEPOLIS)

Wie wäre es, wenn die Kunden eigene Vorschläge für sinnvolle regionale Projekte einbringen und managen können? Wie sie die lokale Wirtschaft fördern können, nicht nur kulturelle und soziale Projekte, wie sie ohnehin längst im Fokus einer dezentral gesteuerten Social Media Strategie liegen müssten.       

Und vieles andere mehr – was ich stattdessen sehe ist, dass andere Banken aus der Mitte der Gesellschaft das Rennen um die innovativste Bank der Zukunft machen werden. Das ist gut so, weil es der nachhaltigste Ansatz bei Social Media darstellt, wenn eine pragmatische Mittelschicht einen anderen Weg einschlägt.

Bevor jetzt manche einwenden, dieser Beitrag sei zu sehr in Schwarz-und-Weiß gemalt, dem möchte ich entgegnen, dass es manchmal den Anstoß von außen braucht, „mehr zu wagen“ als einen gut klingenden Werbeslogan zu kreieren, der nur von der schalen historischen Tradition lebt.

Ansonsten bleibt die Genossenschaftsbank das letzte Rad am Innovationswagen, und darf zusehen, wie andere, wesentlich modernere Spieler, auf Augenhöhe mit dem Kunden mutig neue Wege beschreiten. Das ist gut so, das zwingt die Leute auf der hohen Warte zum Umdenken.

Interessant in diesem Zusammenhang ist in der Tat eine neue Generation von Social Media Managern, die aber erst einmal große Eisblöcke aus dem Weg räumen muss, wie sich unschwer an den Ausführungen von Franz Welter von der Volksbank Brühl im Interview auf Finance 2.0 erkennen lässt:

Ich betrachte Social Media mittlerweile als ein Instrument zur Steigerung der Lernfähigkeit von Unternehmen. Man bekommt viel direktes Feedback von Kunden und unglaublich viele Ideen durch die Kontakte in den sozialen Netzwerken sowie dem regelmäßigen Lesen von Blogs & Co. Ich glaube, wenn wir es schaffen diese Ideen in unser Unternehmen einfließen zu lassen und Kunden und Mitglieder in verschiedene Prozesse zu integrieren, können wir sehr zuversichtlich in die Zukunft schauen.

Dieser Aussage gibt es nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass sich derartige Aktivitäten nicht nebenher via Überstunden oder in der Freizeit erledigen lassen. Aber genau das Herausstellen und eigenständige Positionieren einer kundenzentrierten Social Media Philosophie haben die Manager an der Spitze der Einrichtungen auch gar nicht im Sinn.

Die jungen Leute dürfen in der Kreativwerkstatt namens Social Media stattdessen wie die Kleinkinder im Sandkasten spielen und experimentieren, offiziell wird belobigt – und hinter den Glasfassaden wird getuschelt. Wer sich zu weit aus dem zugigen soziale Medienfenster lehnt wird belächelt und im Zweifelsfall kann es auch mal einen „kleinen“ Karriereknick geben.

Besser man(n) oder noch stärker die frau sucht sich ein anderes Betätigungsfeld, am besten in der Geldvermehrung ohne nach den Spielregeln zu fragen. Es dämmert uns so langsam, die eingefahrene Cheftage möchte die partizipativen Basiselemente via Social Media weder personell noch strukturell „aufwerten“. Auch Transparenz ist eine leere Worthülse, wenn die Produkte sich nicht ändern.

Trotzdem kann und darf sich der Chef natürlich vor der Hochglanzkamera postieren und sagen, wir von der Volksbank oder Sparkasse, wir sind überall in den sozialen Netzwerken präsent, wir facebooken und twittern, xingeln und youtuben was das Zeug hält. Wirklich, wie sieht denn der Arbeitsplatz der Chefs aus? Ist es nicht die Sekretärin, die immer noch alles erledigt, den Kaffee holt und den Computer putzt?

Sonst aber soll alles so bleiben wie es war und ist. Es ging ja auch gut, gerade nach der Finanzkrise haben die Anleger einen sicheren Hafen gesucht, und sind nur allzu gerne zu den Volksbanken und Sparkassen geflüchtet. Das aber ist schon längst Vergangenheit.

Das Eis der Genossenschaftsbanken ist mehr als brüchig, die Vertrauensmarke hat nur einen geringfügig größeren Airbag als bei den anderen, angeblich so renditegierigen Privatbanken. Die gute Nachricht: Der aufgeklärte und letztlich für die Banken attraktive Teil der Anleger wird künftig nicht nur auf Augenhöhe mit seiner Bank kommunizieren, sondern er wird auch partizipative Elemente jenseits von window dressing einfordern.

Findet er diese Basisfunktionalitäten dann bei seiner Hausbank nach dem Motto global denken und lokal handeln nicht vor, dann geht er eben woanders hin. Die Alternativen müssen zwar an ihrer Professionalität auch noch feilen, aber neue Wege entstehen beim Gehen, und nicht beim Stehenbleiben.  

Noch ein Hinweis: Zum neuen Blog der oben zitierten Volksbank Bühl kann man hier abbiegen.   

Written by lochmaier

Februar 4, 2011 at 10:25 am

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Greenleaks: Interview mit Gründer Scott Millwood – „Wir sind anders als Wikileaks“

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Erhält Wikileaks sogar den Friedensnobelpreis in diesem Jahr? Noch sind sich die höheren akademischen Meriten keineswegs einig, ob dies nicht ein unerhörter Schritt wäre, einem solch umstrittenen Projekt auch noch zu einem offiziellem Ritterschlag zu verhelfen.  Dabei zieht die Karawane längst weiter, das Grundprinzip lässt sich diversifizieren.

Es gibt viele Wikileaks und Openleaks. Das Prinzip, intransparente Abläufe und Strukturen durch Netzplattformen ans Tageslicht zu fördern, lässt sich nahezu beliebig auf jeden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Sektor übertragen.

Die „Leaks“ hängen sich quasi wie ein gespiegeltes Rechenzentrum an die originale Datenverarbeitung eines Urhebers an.

Aber mehr noch: Sie bleiben nicht passiv, sondern sie senden Signale in die Welt hinaus, und sie verlassen damit die informative Black Box. Die Leaks brechen die Informationsasymmetrie auf, wenngleich manche intellektuellen Kleingeister darin eine Art anarchischen Urzustand herauf ziehen sehen, der die Menschheit in ihren demokratischen Grundfesten erschüttern könnte.

Irgendwie klingen derartige Debatten reichlich albern, manche klammern sich an ihr kleines Machtrevier und ihre Pfründe mit intellektuellen Reflexzonen. Aber die Welt und mit ihr die Menschen entwickeln sich weiter. Sogar auf jedes Unternehmen und jede einzelne Person lässt sich das Leaks-Prinzip anwenden. 

Sicherlich, es gibt auch Grenzen – der Schutz gewisser Daten- und Persönlichkeitsrechte muss abgewogen und im Zweifelsfall gewahrt bleiben.  Was aber wäre passiert, hätte es keine Informationen im Netz zum Bohrloch von BP im Golf von Mexiko gegeben? Wenn wir nur CNN und andere Mainstream-Kanäle gehabt hätten?

Hier kommt gerade den grünen Leaks eine große Verantwortung zu. Die Akteure müssen lernen, mit ihrer Macht, genauer: Verantwortung, sinnvoll umzugehen. Die dunkle Seite soll nicht mit ihnen sein.  Man sollte vor dieser Entwicklung des Entblätterns einer Gesellschaft keine allzu große Angst haben, wenn wir bisher unausgeleuchtete Stellen mit dem Laserstrahl erfassen, so überwiegen die Chancen die dezentralen Systemen innewohnenden Risiken.

Es steckt also mehr Kreativität als Chaos im Netz. Wir Deutschen sind doch die Weltmeister in der Freikörperkultur. FKK ist für alle da, so der provokative Einleitungssatz zur nun folgenden Ouverture. So auch im Bereich Umwelt.

Oder wie es der Reuters Blog titelt: Wikileaks, Openleaks, Greenleaks and more Leaks. Zu beachten gilt es, dass es mit Blick auf die Umwelt bereits zwei „Klone“ gibt. Nämlich www.greenleaks.org (in Kopenhagen) und www.greenleaks.com (in Berlin).

Man könnte sagen: Konkurrenz belebt das Geschäft, es zeigt aber auch, dass wir uns möglicherweise einer ersten Überhitzungsphase annähern, in dem sich einzelne Protagonisten in ihren jeweiligen verminten Zielgebieten ins Gehege kommen könnten.

Nachdem ich im letzten Beitrag bereits die geistige Verbindungslinie zwischen Wikileaks und dem „Umweltklon(s)“ greenleaks aufgezeigt habe, möchte ich diese Beschreibung mit einem exklusiven Interview abrunden. 

Und zwar mit Scott Millwood, dem Gründer von greenleaks.com, der nun im Gespräch mit Social Banking 2.0 Auskunft über die Zielrichtung seines Projekts erteilt.

Social Banking 2.0: Scott, how did the idea surge to found greenleaks?

Scott Millwood: There is no doubt that the world is a different place because of WikiLeaks. WikiLeaks has not only educated the world about how pure information can have a widespread political impact, but altered the relationship between the media, government, corporations and the public.

In founding GreenLeaks (http://www.greenleaks.com ) we recognised the potential for a disclosure platform that specialises in environmental information to be able to work both with traditional media to ensure that a story could reach the public, as well as with “grass-roots” environmental organisations and NGOs to ensure that environmental issues can be solved.
I lead a group who are part of an extensive international network of journalists and environmental activists. Through GreenLeaks this group is becoming “active” in order to ensure that GreenLeaks can act on a global scale.

Social Banking 2.0: What is the intention behind?

We see ourselves first and foremost as a media organisation. Our intention is to publish information that reveals the environmental impact of corporations, governments and international bodies.

We do not just intend to release information, in the manner that WikiLeaks and OpenLeaks intend to. Instead we see ourselves as being closely involved with the news-life-cycle of information. We want to transform it into stories, into graphics that assist the public in understanding complex data, to use multi-media and television to ensure that a story reaches a wide audience.

Social Banking 2.0: Which part of the green sectors will you cover, do you have specific targets and goals?

We are interested in all information that has an impact on our environment. We understand “environment” in its broadest sense. For example, we are particularly interested in receiving information about the Dioxin-Skandal, Berlin Internationaler Flughafen, Stuttgart 21, allgemeine Tierschutz and Verlängerung des Atomkraftgesetzes. We see all of these issues as being of “environmental” significance.

[Anmerkung: Scott weist im Gespräch darauf hin, dass die Worte “environment” und “environmentalism” in englischer Sprache eine breitere Bedeutung haben als die deutschen Begriffe “Umwelt” und “Umweltbewegung”. Das englische Wort sei sehr offen und betreffe viele unterschiedliche Themen].

Social Banking 2.0: What is the common ground compared to wikileaks, what are the differences?

We are different to WikiLeaks in the manner that we use information. It’s important to recognise that we have the utmost respect for what WikiLeaks has achieved – they have lead an information revolution of great social significance.

However our view is that information should not just be released into the public domain [ also nicht nur einfach veröffentlicht werden] but that we should take responsibility for managing it in many ways after it is released. We want to take a role in publishing stories interpreting and analysing information. We want to transform information into visual medium, whether graphics, films, documentaries etc.

And we want to take a role in facilitating environmental groups and NGOs in then using both the original information and these multi-medium to lead their own campaigns.
So we are not just interested in what Julian Assange calls an obligation to release information for the historical record. We are very interested in outcomes. And this is what we mean, when we say on the GreenLeaks.com homepage, that we “follow our stories through to fruition”.

Social Banking 2.0: What are the next actions to be planned?

We are currently establishing a range of international post-boxes for people in all parts of the world to use. We are building a secure electronic “drop-box” in Iceland, where the Icelandic laws are very good at protecting data and identities.

And we want to tell our story to the public simply so that they know that when they come across a piece of information in their workplace that horrifies them – when they have the feeling that “the public should know about this” or “this is not right” – that there is a legitimate and safe way of ensuring this information is released publicly. That is visit greenleaks.com and consider sending it to us. Knowing that we will then manage this information carefully and ensure that it has a political impact.

Social Banking 2.0: You are also from Australia like Julian Assange, is that a casual coincidence?

I don’t personally know Julian Assange, although I admire him greatly. Although I am from Australia originally I have lived a long time in Germany and consider it my “Wahlheimat”.
It may be possible to draw analagies with Julian, in that we share certain Australian qualities, but I would say that Berlin has influenced me much more. Berlin is a place where one can follow grand ideas into fruition; where one can develop more radically intellectual and philosophical positions; and where one has the possibility of combining media and politics.
I see GreenLeaks very much as a child of Berlin.

Social Banking 2.0: Does your professional background of you as a documentary filmer helps or is it unspecific to raise such an platform in a professional manner?

I have spent 15 years making documentaries about environmental themes for public broadcasters. During this time I have established an extensive network of contacts in both media and environmental politics and this network is now playing a very significant role in the birth of GreenLeaks.

As a documentary filmmaker I have always been concerned with how “information” can be transformed into “story”. In order to engage the public we have to express environmental information, which is often technical and dull, into “narrative”. We have to tell a story.
This experience is now definitely influencing how GreenLeaks intends to operate – how we intend to manage a story right down its’ life-cycle.

Social Banking 2.0: What is the „man“ (and woman) brain power you invest in that projects, and how will it grow?

Our work rests primarily on relationships. We have relationships with the media, with the public, and when we release information about corporations or government, we will nonetheless be in a kind of relationship with them – a relationship of holding them to account; of holding them responsible.

And we have, although we may never know them, a relationship with our sources. We have a duty of responsibility to our “sources”, to ensure that the risks they have taken in disclosing information are rewarded, with the knowledge that contributed to public debate. So we have a duty to ensure a story reaches as wide an audience as possible. So in this manner our investment is highly relationship-based.

Social Banking 2.0: Do you see the wikileaks principle a little bit „overhyped“ or will it change the society and economy, what do you expect in a realistic way?

I believe that WikiLeaks has already profoundly altered the manner in which information is used and the relationship between government-media-public is now in a state of flux – witness the revolutions happening in North Africa precisely because the people became privvy to certain information.

There is no going back to the time before WikiLeaks. Now every person sitting at a desk, who reads a document about what their company or organistion is doing and its environmental impact, might legitimately ask themselves the question: should I leak this?
The public are now acutely aware that they have the power to change the world through the release of information.

Social Banking 2.0: Thanks a lot, and good luck for all acitivities.

Thanks for your interest and support and stay in touch! Alles jut, Scott

Interview: Lothar Lochmaier

Written by lochmaier

Februar 3, 2011 at 9:02 am

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Greenleaks: Umweltklon von Wikileaks nimmt Arbeit auf

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Dass die Enthüllungsplattform Wikileaks keine Eintagsfliege im Netz darstellen würde, trotz gewisser konzeptioneller Fehler und öffentlicher Kritik, war klar. Jetzt gibt es weitere „Klons,“ so einen aus dem Bereich Umwelt. Das Greenpeace Magazin berichtete Ende Januar: 

Die am Montag in Berlin ans Netz gegangene Plattform „GreenLeaks“ hat nicht nur eine andere thematische Ausrichtung, sondern möchte auch teilweise anders arbeiten als ihr großer Bruder. Eine Gruppe von Journalisten, Juristen und Umweltschützern um den australischen Dokumentarfilmer Scott Millwood möchte sich mit GreenLeaks auf die Veröffentlichung von Missständen aus den Bereichen Umwelt und Klima sowie Verbraucherschutz konzentrieren. Als wichtig erachtet werden ausdrücklich nicht nur Themen von internationaler Brisanz wie illegale Handlungen beim Emissionshandel oder Umweltsünden von Großkonzernen, auch Übles auf lokaler Ebene soll ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden.

Das Ziel der GreenLeaks-Betreiber besteht auch darin, Unternehmen und Regierungen davon zu überzeugen, dass sie in ihrem eigenen Interesse die Forderungen der Öffentlichkeit nach Umwelt- und Klimaschutz ernst nehmen sollten.

In der Tat wird die Gratwanderung zwischen Aufklärung und notwendiger Kooperation mit offiziellen Stellen oder Unternehmen spannend zu beobachten. Denn die Umweltsünden sind ein mindestens ebenso brisantes Thema – man erinnere sich an das Beispiel BP  im Golf von Mexiko – als die Banken und Finanzindustrie oder die große Politik.  

Was also ist von der Plattform Greenleaks zu erwarten? Zunächst einmal haben wir es an der Spitze mit einem Kreativschaffenden aus Australien zu tun, der sich in Deutschland nieder gelassen hat. Den Macher hinter den Kulissen, den Dokumentarfilmer Scott Millwood, portraitiert die Tasmanian Times

The Australian-born, Berlin-based filmmaker and lawyer, is well known for his environmental advocacy. His AFI-award winning film “Wildness” (2003) told the story of two Tasmanian wilderness photographers whose work marked the emergence of conservation in Australia.
Millwood’s book and feature documentary “Whatever Happened to Brenda Hean?” (2008), exploring the disappearance and possible murder of the founder of the world’s first green political party, is also based upon secret government files that were leaked to the filmmaker.

Man darf gespannt sein, wie die Plattform ihre Tätigkeit zwischen den Spannungspolen Sensationsmache, Aufklärung und notwendiger Kooperation mit Opfern (und Tätern) konstruktiv gestalten wird. Auf alle Fälle ist es wünschenswert, dass Transparenz und Aufklärung in alle Teilbereiche von Gesellschaft und Wirtschaft Einzug hält. Insofern ist das Internet bzw. sind die Netzwerke wirklich eine bahn brechende Innovation.

Fragen wir doch mal einen nüchternen, nicht moralisch vorein genommenen Bankmenschen nach seiner Meinung, wie Konrad Hummler von der Schweizer Privatbank Wegelin. Er hält in seinem Anlagenkommentar das Prinzip Wikileaks immerhin für bedeutender als der Fall der Berliner Mauer:

Mit „Wikileaks“, der Internetcommunity für mehr Transparenz in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, hat sich nun gewiss ein Quantensprung ereignet, vergleichbar mit dem Fall der Berliner Mauer oder der Zerstörung der Twin Towers am 11. September 2001. Weshalb? Weil sich die Welt mit Wikileaks völlig anders organisieren muss als zuvor. Staaten und andere, vor allem grosse Organisationen haben die Herrschaft über „ihre“ Daten verloren.

Aber Konrad Hummler spart auch nicht mit deutlicher Kritik am Wikileaks-Enthüllungsprinzip:

Wikileaks ist weit davon entfernt, eine valable Alternative zu den demokratischen Rechtsstaaten eigenen Kontrollmechanismen und -instanzen zu sein, denn die Veröffentlichungen sind willkürlicher Natur, nehmen keine Rücksicht auf andere schützenswerte Rechtsgüter und orientieren sich nicht an der Maxime der Angemessenheit.

Ganz am Ende fällt die Bilanz aber trotz einiger Wermutstropfen durchaus positiv aus:

Wenn wir dennoch der Meinung sind, mit Wikileaks habe sich eine Art Quantensprung in unserer schönen neuen Welt vollzogen, dann wegen der offenkundigen Etablierung einer zur territorial orientierten Staatenwelt parallelen Hoheit des Datenbesitzes. Es scheint sich abzuzeichnen, dass das Ersatzsubstrat für Territorialität die Herrschaft über Daten und die Zuordnungsfähigkeit zu Individuen und Organisationen wird. Das gilt es festzuhalten.

Was bleibt also unter dem Strich – Green- und Wikileaks sind dort am notwendigsten, wo es am meisten Diktatur, Kontrolle und Hierarchie von oben gibt. Dieses Prinzip gilt grenzüberschreitend.

Denn man fragt sich beispielsweise angesichts des Öldesasters von BP vor der mexikanischen Küste, wo der Unterschied zwischen totalitären Regimen und einer wirtschaftlichen Hegemonie besteht, die letztlich beide auf das gleiche Ziel hinaus laufen. Auf die Ausbeutung von Mensch und Umwelt.

Es gibt also viel zu tun für Wikileaks – und seinen Klon, den Umweltableger Greenleaks. Hoffen wir, dass die Akteure mit viel Bedacht und Sorgfalt agieren. Denn nur so kann der hoch gesteckte ethische Anspruch eingelöst werden. Das aber wird zu harschen Gegenreaktionen autokratischer Systeme führen, wie etwa am Beispiel des nach Unruhen von der Regierung „gekappten“ Internets in Ägypten der Fall.     

Im zweiten Teil folgt ein exklusives Interview Wir sind anders als Wikileaks mit Scott Millwoold, dem Gründer von wikileaks.com.

Written by lochmaier

Februar 3, 2011 at 8:53 am

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Finovate: Deutsches Bankenhandwerk hat goldenen Boden

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… Hoffentlich ist der goldene Handwerksboden nicht gleich ein doppelter, denn der Zeit Blog Herdentrieb hat gerade festgestellt, dass wir uns bei dem Thema „Gold als sicherer Hafen gegenüber dem inflationsgefährdeten Papiergeld“ allmählich dem Siedepunkt annähern.

Sprich, es droht möglicherweise eine Goldblase (Unwort des Jahres?), die bald platzt, so orakelt jedenfalls Autor Dieter Wermuth.  Ich wusste es schon immer, alle anderen wissen es irgendwie besser – wie dem auch sei, jenseits von Medien- und Finanzorakeln, für jeden Anleger kann es durchaus sinnvoll sein, einen kleineren Teil seines Geldes mittel- bis langfristig in das hübsche Edelmetall einzutauschen.

Nicht mehr und nicht mehr weniger. Blasen gibt es überall. Manche gehen unter, manche steigen auf, vor allem dann, wenn man am wenigsten damit rechnet. Und dann haben es plötzlich alle besser gewusst.

Und damit sind wir wieder bei der Fidor Bank und der Finance Innovate, kurz Finovate, denn der einzige deutsche Vertreter hat auf der Konferenz sein eigenes neues Produkt vorgestellt. Und so betraten die Münchner Macher die Höhle des Löwen mit einem silbernen Koffer. Schauen Sie doch mal selbst genauer hin und weg:

[Eine Anmerkung, bevor mich die Fidor Bank AG abmahnt oder belobigt, ganz nach Gusto – ich habe mich nicht wie ein Paparazzi schon in der Nacht auf die Lauer gelegt, um auf die Herren mit den Koffern schon beim Kommen virtuell mitzuschneiden. Nein, ich kam auch grad des Morgens zum Konferenzbeginn vorbei und habe einfach spontan auf den Auslöser gedrückt.]

Und damit sind wir wieder beim Gold, das manchmal auf der Straße liegt. Dies hier ist natürlich kein bezahlter Werbeeintrag von und für die Macher von Fidor.  Aber die Präsentation auf der Finovate war durchaus beeindruckend, weil es die einzige war, die von einer Bank kam, die sich „offiziell“ und damit auch angreifbar zu einem anderen Wertekanon bekannt hat. Sicherlich, es ist noch ein steiniger Weg für den Newcomer.

Und manche auf der Konferenz haben wohl nur im Keller den Fidorianern zu applaudiert, wenn eine Bank tatsächlich mal die Innovationskette auf den Kopf stellt. Aber immerhin – auch für den Bankexperten Brett King war Fidor eines der Highlights. Er twitterte heute nachmittag:

My top 3 at #finovate: eToro, StockTwit, Fidor. Special mention to Cardlytics for most practical platform

Blicken wir also weiter hinein in die bei der angelsächsischen Welt oftmals etwas müde belächtelte „German Gründlichkeit“. Aber immerhin – derartige Tugenden würden den Amis und Briten mehr als gut zu Gesicht stehen, und da hilft denen auch nicht ein bisschen Social Media als neu verpacktes window dressing in der Big Finance Industry. 

Bodenständig – nun gut – seit kurzem kann man sich bei den Fidors auch physisches Edelmetall wie Gold über die Community-Webanwendung ins Depot legen. 

Der Vortrag von Matthias Kröner kam insgesamt ziemlich gut an, aber irgendwie erfreuten sich die geladenen Gäste dann doch lieber an eher leicht verdaulichen Häppchen aus der bloßen Bankenperipherie, sprich da, wo es keinem so richtig weh tut, und von diesem Geist der Diplomatie konnte man einiges nach der Konferenz mitnehmen…..

Schon mal was von der Finanzkrise und dem Vertrauensverlust gehört? Neee wirklich, verschont mich doch mit diesen ollen Kamellen. Vertrauen hin oder her, das Geschäft läuft doch wieder wie plangemäß die Ölforderung im Golf von Mexiko. Die Kurse steigen wieder, es wird schon nicht so schlimm kommen, trotz Wikileaks und Co, die den Mächtigen dieser Welt schon ein bisschen Bauchgrummeln verursachen.

Wieder zurück zum offiziellen Tonfall: Der Veranstalter nahm in diesem Jahr zum ersten Mal die Szene in der europäischen Finanzmetropole in London mit der Business-Konferenz ins Visier. Dies zeigt, die Nachfrage nach Dienstleistungen im Bereich von Finance 2.0 und Online-Bezahlverfahren wächst weiter dynamisch, getrieben vor allem durch mobile Anwendungen.

Klar ist aber auch, Personal Finance Management und all die anderen netten Spielereien, sie greifen zu kurz. Und damit sind wir bei der Manöverkritik der Konferenz. Stellen wir Plus und Minus mal gegenüber, nachdem man sich im Nachgang via Netbanker,  Bank-Blog, Finance 2.0 und Blicklog relativ auf den Punkt über das kleine deutsche Außenteam vor Ort informieren kann.

Ich selbst war den ganzen Tag über präsent, und habe ich vielen Hintergrundgesprächen die neuesten Entwicklungen quasi eingeatmet.

Positiv:

– Die professionelle Organisation, von der Technik über die Moderation bis hin zu den Präsentationen. Alles auf den Punkt, daneben blieb aber enorm viel Zeit für persönliche Gespräche. Der Mix im strategischen Feintuning der Finovate stimmte also.

– Die Teilnehmer: Man erlebt es selten, dass rund 35 Start Ups allesamt in sieben Minuten ihr eigenes Geschäftsmodell ohne jegliche Hektik und Getriebenheit darstellen. Nicht immer braucht man also eine Dreiviertelstunde, um das Wesentliche zu sagen, manchmal reicht auch deutlich weniger. Für den Rest waren persönliche Gespräche an den Ständen und den anderen Verweilplätzen da.

Negativ:

– Der starke Fokus auf Personal Finance Management (PFM) und all die netten mobilen Gimmicks und Apps, man möge mir diese fundamentale Kritik verzeihen, er verdeckt, dass es in der Bankenbranche immer noch erheblich am Willen zur Innovation mangelt.

– Demzufolge war das Gros der vertreteten Firmen eher als eine Art „brave Dienstleisterschaft“ im Gefolge der Finanzindustrie anzusehen. Man arbeitet am Detail, vor allem an der optischen Präsentation einer vermeintlich kundenfreundlicheren Bankenszene mit, ohne jedoch wirklich produktiv in die Spielregeln und Geschäftsprozesse eingreifen zu müssen.

– Will heißen: Wenn die Produkte und Mitarbeiter nicht den Kundendialog auf Augenhöhe möchten, dann nützt auch ein mobiles App, oder eine iPhone-Anwendung nichts, oder ein tolles Tool, das mir zeigt, wieviel Geld ich im Monat wofür ausgebe. Im Gegenteil: Das ist erneut eine Art glatt polierte Oberfläche, die keinerlei substanzielle Fortschritte nach der Finanzkrise ergibt.

These – was resultiert aus meiner positiven wie negativen Kritik?

Es mangelt an einer inhaltlichen Kongressführung, die die relevanten Herausforderungen in der Bankenbranche ohne „nice-to-meet-you-here-again“ thematisiert. Ich weiß, diese Veranstaltung wird so vielleicht nie stattfinden.

Aber träumen darf man ja… allein mit dem Leitmotiv „the technical light show must go on“ wird es jedenfalls künftig nicht getan sein. Ein wachsender Teil der Kunden wird andere Umgangsformen von der Produktgestaltung über die Kommunikationswege bis hin zur „Endkontrolle“ einfordern.  Das ist doch wirklich eine gute Nachricht.

Written by lochmaier

Februar 2, 2011 at 4:42 pm

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Morgan Stanley: Wenn Börsenbewertungen infrage gestellt sind

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Was passiert, wenn nach einem Börsengang plötzlich der Wert eines neuen Unternehmens in Frage gestellt wird – und sich die Zweifel übers Netz rasch verbreiten. Derzeit erlebt das die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley hautnah, so kursieren entsprechende Gerüchte in Insiderkreisen.  

Ein frustrierter chinesischer Kunde, der frühere Besitzer der Firma Dangdang, welche nach dem IPO in den USA durch die Börse knapp hundert Prozent höher bewertet wurde, trat nach Einschätzung der Schweizer Privatbank Wegelin eine Protestlawine „von atemberaubendem Momentum los“.

Über 2.600 zum Teil überaus gehässige Kommentare seien innerhalb von 24 Stunden ins Netz gestellt worden. Selbst wenn alles mit rechten Dingen zugegangen sei, der Schaden für die betreffende Bank wäre kaum wiedergutzumachen. An Schadenersatzforderungen seitens der betroffenen Bank sei mangels greifbarer Adressaten kaum zu denken.

Mehr Infos zu diesem konkreten Fall, in dem offenbar der chinesische Online-Book-Retailer dangdang.com involviert  gewesen sei, berichtet die Nachrichtenagentur AFP:

Li Guoqing, chief executive of Dangdang.com, wrote on a microblogging service similar to Twitter on Chinese Internet portal Sina.com.

He criticised the bank by name after posting an angry rant in a Chinese rap style with lyrics railing against the investment bankers, saying they were celebrating while he was furious when the company was valuated.

Dangdang, co-founded by Li’s wife and the firm’s chairwoman Peggy Yu, raised 272 million dollars last month by selling a total of 17 million American Depositary Shares at 16 dollars a piece, a price above its revised 13-15 dollar range, according to Dow Jones Newswires. Morgan Stanley and Credit Suisse were the leading underwriters for the listing.

Quelle: AFP

Morgan Stanley versuchte natürlich aus seiner Sicht den Fall richtig zu stellen. Wer sich ein eigenes Bild von der interessanten Case Study (unabhängig von der persönlichen Positionsnahme) machen möchte, findet mehr Infos auf digitaleastasia.com oder auf dem Reuters Blog.  

Stellen wir aber die Wahrnehmung dieses Falls – den wir bis dato vor allem aus dem Blickwinkel der Finanzbranche skizziert haben –  auf den Kopf, und betrachten den Fall aus der Perspektive der „ohnmächtigen“ weil einflusslosen Kleinanleger. 

Dann bleibt festzuhalten: Die faktische Machtaneignung des Börsenparketts durch die virtuelle Internetgemeinde hat begonnen.

Die spannende Frage lautet, ob wir durch die Offenlegung von Stimmungsbildern, Geschäftszahlen bis hin zu Gerüchten, wer mit wem was hinter den Kulissen verhandelt, einen qualitativen Wert in der „anlegerorientierten Börsenberichterstattung“ erleben. Diese Preisfrage ist tatsächlich schwer zu beantworten.

Denn seit jeher sind Informationen, die den Börsenwert eines Unternehmens betreffen, mit einer Absicht dahinter versehen. Kurzum, wer profitiert von der News? Es geht um bares Geld, und noch so jede kleine Regung und jedes Achselzucken beeinflußen den Kurs nach oben oder nach unten.

Daraus folgt, dass auch im Netz jede Art von Information sorgfältig auf ihren neutralen Wahrheitsgehalt, oder zumindest die Absicht über wichtige Zusammenhänge aufzuklären, geprüft werden müsste. Doch hier kommt der Nachteil einer sich rasch aufschaukelnden Meinungslawine im Netz zum Tragen.

Noch bevor überlegt und bewertet werden kann, hat sich die Nachricht über Twitter, Facebook und Co. bereits verbreitet – und wird somit selbst zum Faktum. Das hat seinen Charme, aber auch seine inne wohnenden Risiken. Der Absender sollte seine Motivationen kund tun, und nicht nur seinen unkontrollierten Ärger, dem durchaus auch eine für andere gelegentlich nicht durchschaubare Motivation zugrunde liegen kann.  

Fassen wir zusammen: Handelt es sich um notwendige Aufklärung, dann steht dem Gang in ein Netzforum nichts im Weg, denn die interessierte Weltöffentlichkeit hat ein jedes Recht zu erfahren, wenn etwas hinter den Kulissen der großen wie kleinen Finanzwelt nicht mit rechten Dingen zugegangen sein sollte. Erst recht, wenn es sich um sensible Börsennotierungen handelt, die die eigene Rendite beeinflussen.

Mittelfristig stellt sich die Frage, ob die Grenzziehung zwischen „Insider“ und „Outsider“ aufrecht erhalten werden kann. Denn wenn immer mehr exklusives Wissen über Schwachstellen und offene Kanäle binnen Minuten an die ganze Welt gelangt, dann schwindet auch der Wert von vermeintlich exklusiven Informationen. Derartige Schwachstellen zu schließen, daran wird die Finanzbranche künftig erheblich akribischer als früher arbeiten. Ob dies gelingt, steht auf einem anderen Blatt …

Written by lochmaier

Februar 2, 2011 at 8:29 am

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