Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Open Bank Project: Die kreative Banken(r)evolution von unten

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Open Source und Social Banking: Wie nah ist die „quellfreie“ Community am Thema Geld dran? – Über genau dieses Thema hatte ich noch vor fast einem Jahr eine Bestandsaufnahme geschrieben. Finanzen und die freie Internetgemeinde, die beiden mögen sich nicht besonders. 

Dies liegt aber nicht nur am ambivalenten Charakter des Geldes, sondern auch darin, dass sich viele Aktivisten in einer kritischen Distanz verharren, oder aber sie sind allzusehr in ihrer technischen Spielwiese gefangen – und übersehen dadurch die prägende Bedeutung der Finanzwelt auch auf ihr alltägliches Leben.

Mittlerweile gibt es aber auch andere Tendenzen, sich dem Thema aktiv und kreativ zu stellen. Sprich, die kreative Bankenrevolution von unten mit Hilfe von Open Source hat begonnen. Bestes Beispiel ist das im vergangenen Frühjahr gestartete Open Bank Project, kurz OBP.

Zusammen mit einem Konsortium von Banken, Open Source und Web 2.0 Experten, Software-Firmen, Institutionen und Universitäten hat man sich das Ziel einer Open Source Plattform gesetzt, die die Öffnung von Finanztransaktionen per gesicherter und zuverlässiger API (Schnittstelle für Anwendungsprogrammierung) ermöglicht.

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Das OBP ist eine europaweite Initiative mit dem Ziel Finanztransaktionen für die breite Masse zu öffnen und so mit Hilfe von Open Source und Web 2.0 Transparenz im Bankwesen zu fördern. Die Idee ist ergebnisoffen konzipiert. Kurzum, ein offeneres und transparenteres Finanzsystem soll dem Verbraucher mehr Auswahlmöglichkeiten und Qualität liefern.

Immerhin, es ist zwar nicht das große Hacking des Finanzsystems von innen, von dem so mancher träumt, aber ein produktiver Schritt, selbst mit Hilfe von Open Source Technologien und Prozessen an einer konsumentenfreundlicheren Finanzwelt mitzuarbeiten.

Die neuen Ansätze dazu sind breit gefächert und reichen von Social Banking, über Social Lending, siehe mein Buch Die Bank sind wir, bis hin zum Crowdfunding, wie ich es etwa  in meinem Artikel im neuen Berliner Feed Magazin  – einem neuen Print-Medienformat 2.0 für Blogger und soziale Netzwerker – unter dem Titel „Privatbank 2.0“ aufzeige.

Oder wie es mein Blogbeitrag: Praxistex(s)t zum „Social Bank Coding“ näher beleuchten soll: Wie Crowdfunding die Finanzwelt revolutioniert    . Nach diesem kleinen Ausholer wieder zurück zum Open Bank Project. Auf der Infoplattform Oszine.de lassen sich einige denkbare praktische Anwendungsszenarien jenseits eines revolutionären Pathos illustrieren:

1. Software zur Identifizierung von betrügerischen Handlungen könnte Transaktionen von multiplen Konten und Banken in Nahe-Echtzeit scannen.

2. Die EU oder andere Geldgeber könnten darauf bestehen, dass Empfänger öffentlicher Mittel ein Konto nutzen, das transparent, d.h. Open Bank Project aktiviert ist. Die Wachsamkeit der Öffentlichkeit (“many eyes”) würde Vertrauen und Kreativität im Finanzbereich schaffen. Kurz: die Öffentlichkeit finanziert, die Öffentlichkeit sieht was mit ihrem Geld passiert.

3. Ein Wohltätigkeitsverein möchte seinen Sponsoren Transparenz gewähren und aufzeigen, dass er Gelder sinnvoll einsetzt. Spender und die Öffentlichkeit könnten Ausgaben einsehen, Kommentieren und Verbesserungsvorschläge machen.

4. Ein Unternehmen gibt auserwählten Teilnehmern Zugang zu Finanzdaten z.B. könnten CEO, Buchhalter und bestimmte Angestellten über ihr Handy oder das Rechnungswesen Daten einsehen.

5. Individuen lassen Freunde an ihren Kaufentscheidungen teilhaben. Twitter: „Du hast 200 Euro für Marke X ausgegeben!?“ Facebook: „Bei dieser Firma solltest du nicht einkaufen.“

6. Dienstleistungen wie z.B. Mobile Payment Gateways könnten sicher und zuverlässig in ein Bankensystem integriert werden.

7. Banken bieten ihren Kunden mehr Auswahl an Software Tools und Dienstleistungen – ebenfalls auf der Basis eines gesicherten, zuverlässigen Systems.

Viele Fragen sind noch offen: Ob die Banken dies aufgreifen werden? Wird die Community drauf anspringen? Das Thema Korruption sei der wichtigste Treiber dieses Projekts gewesen, bilanziert die P2P-Foundation.  

Und manche Brancheninsider finden sogar, wenn wir durch  mehr Open Source in der Bankenbranche weniger Wikileaks bräuchten. Wie dem auch sei, das Projekt macht trotz verhaltener Kritik aus der einen oder anderen Ecke gewisse Fortschritte, als einzige deutsche Bank hierzulande ist bisher die Fidor Bank AG vertreten.

Hinter dem Projekt steckt übrigens die in Berlin angesiedelte Softwarefirma Tesobe, die sich mit einschlägigen Open Source  Projekten beschäftigt. Das Unternehmen mit Simon Redfern an der Spitze, der auch die OBP-Initiative leitet, besitzt langjährige Erfahrung in den Bereichen Webapplikationen und -design, Datenbanken und Netzwerkadministration.

Der Gründer selbst ist spezialisiert auf die Bereiche Applikationen- und Datenbank-Design, Postgres, Oracle, Python und Django. Die Firmenphilosophie des in Berlin-Wedding angesiedelten Kernteams lässt sich wie folgt beschreiben: Wir verstehen den Klimawandel als eine ernsthafte Bedrohung unseres Planeten und seiner Bewohner. Für unseren Teil bevorzugen wir daher die Fortbewegung zu Fuß, Fahrrad und Bahn gegenüber dem Auto, Zug gegenüber dem Flugzeug und pdf gegenüber Papier!

Ein Grund mehr sich mit dem Gründer des Projekts Simon Redfern über Zielrichtung und weitere Schritte der OBP-Initiative zu unterhalten. Hier geht es zum zweiten Teil dieses Beitrags, dem Interview mit Gründer Simon Redfern.

 

Written by lochmaier

Februar 14, 2011 um 8:21 am

Veröffentlicht in Uncategorized

3 Antworten

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  1. […] im ersten Teil das Open Bank Project bereits vorgestellt wurde, gibt nun im Anschluß daran der Gründer Simon Redfern Auskunft über die […]

  2. „Banking is necessary, banks are not“

    Dieses Zitat von Bill Gates hat keine Meter an Bedeutung verloren und unterstreicht meiner Meinung nach nur das Projekt.

    Alexander Majonek

    Februar 16, 2011 at 5:51 pm

  3. […] das Open Bank Project, das vor allem von den Open Source Spezialisten Tesobe vorwärts getrieben wird, habe ich bereits […]


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