Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Vatikan AG: Wie transparent ist die neue „Zentralbank“?

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Wenn’s ums Geld geht, gibt es kein Pardon, das sage nicht ich, sondern Carsten Frerk, Chefredakteur des Humanistischen Pressedienstes – in einem Interview über die Kirchenfinanzen und der Staat. Der Teufel steckt dort sinnbildlich gesprochen tatsächlich im Detail. Immerhin, die beiden Kirchen haben im vergangenen Jahr die Summe von 9,3 Milliarden Euro eingenommen.

In seinem Violettbuch Kirchenfinanzen: Wie der Staat die Kirchen finanziert  fühlt Carsten Frerk der diskret agierenden Geldgemeinde genauer auf den Zahn, was ihm so manche Kritik einbringt. Dass es in Kirchenkreisen mit der Transparenz generell nicht zum Besten bestellt ist, das ist spätestens seit den Missbrauchsvorwürfen ein offenes Beichtgeheimnis.

Gerade in Finanzfragen gehört der Klerus nicht unbedingt zu den Vorreitern in punkto Transparenz der Geldanlagen. Man erinnere sich nur an die alten Skandale der Vatikanbank. Hier dazu einige Buchrezensionen:

http://www.sueddeutsche.de/geld/vatikanbank-der-papst-und-das-geld-1.1041543

http://www.handelszeitung.ch/artikel/Specials-Geheimprotokoll-des-Gardisten_836121.html

http://www.wissenrockt.de/2010/04/18/vatikan-ag-ein-manifest-der-heuchelei-4414/

Nun vernehmen wir diese Nachricht:  Jetzt gibt es die neue „Zentralbank“. Das Handelsblatt titelte dazu: Kampf gegen Geldwäscherei: Vatikan-Banker wollen ihr Image aufpolieren . Klappt das wirklich? Ein Auszug:

Außer dem Ior soll die Aufsicht AIF weitere Institutionen kontrollieren. Dazu gehören das APSA (Amministrazione del Patrimonio della Sede Apostolica), eine Art Zentralbank des Vatikanstaats, und die Propaganda Fide, ursprünglich eine Kongregation zur Verbreitung des Glaubens, die heute über ein milliardenschweres Vermögen verfügt und mit Bestechungsversuchen ins Gerede geraten ist. Anfang April sollen die neuen Regeln in Kraft treten.

…. Mit diesen Problemen und weil das Ior weder Bankstatus hat noch Bilanzen veröffentlicht, entspricht der Finanzarm nicht den OECD-Transparenzregeln. Der Ex-Santander -Banker Ettore Gotti Tedeschi, der seit Herbst 2009 an der Spitze des Ior steht und immer wieder zum OECD nach Paris reist, soll das Institut in der Finanzwelt hoffähig machen. Die Regeln sind der erste Schritt dorthin

Quelle: handelsblatt.com

Wie so oft in der Geschichte kommt der Schritt, mehr Transparenz in „interne Prozesse“ zu bringen, nicht ganz freiwillig. Der Vatikanbank wird von italienischen Behörden immerhin vorgeworfen, gegen die in Italien gültigen Anti-Geldwäsche-Standards verstoßen zu haben. Wegen des Verdachts der Geldwäsche sind gegenwärtig 23 Millionen Euro auf einem Konto der IOR eingefroren. 

Nun tritt Papst Benedikt XVI die Flucht nach vorne an. Das passiert – analog zu den Missbrauchsfällen – gerade dann, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt. Wir sind gespannt auf die künftigen Entwicklungen, denn mehr Transparenz wäre in den „ethisch-moralischen Leitinstitutionen“ zweifellos notwendig, um der Vertrauenskrise mit wirksamen Maßnahmen zu begegnen. 

Der Weg dorthin scheint indes recht steinig und langwierig zu sein, bis quasi über der Gesellschaft in eigenen Rechtsräumen thronende Parallelwelten sich dem offenen Dialog auf Augenhöhe mit dem „Steuerbürger“ öffnen.

Angesichts dessen, was derzeit die allgemeine Stimmungslage ausmacht, verwundert es somit kaum, dass das Buch „Vatikan AG“ von Gianluigi Nuzzi sich mittlerweile in die Bestsellerlisten vorgearbeitet hat, einige Stimmen dazu finden sich auf Amazon.de   

Die Publikation wirbt – ähnlich dem Wikileaks-Prinzip – mit der Aura von bislang geheim gehaltenen also unveröffentlichten Dokumenten:

Viertausend geheime Dokumente des Heiligen Stuhls Briefe, vertrauliche Mitteilungen, Aktennotizen, Protokolle, Kontoauszüge und Buchungsbelege gewähren einen Blick hinter die Kulissen des vatikanischen Finanzsystems.

Die Dokumente stammen aus dem Nachlass Monsignor Renato Dardozzis (1922 2003), bis Ende der neunziger Jahre einer der wichtigsten Mitarbeiter des IOR ( Institut für die Werke der Religion ), wie die Vatikanbank offiziell heißt.

Ende der achtziger Jahre schien mit dem Crash der Ambrosiano-Bank, der rätselhaften Ermordung Roberto Calvis und Michele Sindonas und dem Rückzug von Erzbischof Marcinkus aus der Leitung des IOR der Schlussstrich unter ein unrühmliches Kapitel der Vatikanbank gezogen. Aber dann so beweisen die Dokumente aus Dardozzis Archiv begann alles wieder von vorn.

Seit 1992 entstand ein neues, noch raffinierteres System mit Nummernkonten, über die Hunderte Milliarden Lire verschoben wurden. Architekt dieses Netzwerks war Prälat Donato de Bonis, der neue Chef der Vatikanbank. Er legte Konten auf den Namen von Bankiers, Unternehmern und Spitzenpolitikern an, unter ihnen Omissis , der Codename Giulio Andreottis.

Auf diese Konten wurden Erlöse aus Staatspapieren eingezahlt, um schmutziges Geld zu waschen. Auch in den Mega-Korruptionsskandal Enimont war die Vatikanbank verwickelt. Sogar Gelder gläubiger Katholiken, die für heilige Messen bestimmt waren, wurden mit geschickten Manövern auf persönliche Konten transferiert.

Das IOR funktionierte wie eine Bank innerhalb der Bank, eine gigantische Geldwaschanlage mitten in Rom, die von der Mafia genutzt und skrupellos für politische Machenschaften eingesetzt wurde. Ein Steuerparadies, das allein der Gesetzgebung des Vatikans unterworfen war. Und das alles im Namen Gottes.

Quelle: amazon.de

Es sei nun jedem Leser selbst überlassen, sich hier ein eigenes Urteil zu bilden.  Man sollte sich jedoch die Kommentare ganz unten auf der Amazon-Seite genauer durchlesen, denn die „Vatikan AG“ einschließlich der neuen „Zentralbank“ ist kein kleiner finanzieller Nischenmarkt in der Finanzwelt, sondern bewegt ansehnliche Summen, die sich hinter einer „Deutschen Bank und Co.“ nicht zu verstecken brauchen.

Und genau deshalb gelten für diese Spieler mit der Aura einer vermeintlich besseren „Finanzmoral“ genau die gleichen Regeln wie für alle anderen auch. Unabhängig davon, ob es sich um die Anbieter von Social Banking 1.0 oder 2.0 handelt – keiner hat die Weisheit und Ethik für sich allein gepachtet.

Umso notwendiger ist es, hier permanente Kontrollprozesse zu institutionalisieren, damit der soziale und/oder ökologisch orientierte Mitteleinsatz transparent gemacht wird. Es ist noch ein langer Weg, bis aus Hirten und Schafen aktive Mitgestalter eines alternativen Finanzwesens werden. 

Genau deshalb sollte sich niemand anmaßen, hier den Schlüssel zu einer moralisch überlegenen Investitionsklasse in den Händen zu halten. Es sei denn, die hohen ethischen Ansprüche lassen sich durch eine entsprechend nachvollziehbare Geldverwendungshistorie jederzeit und einigermaßen „wasserdicht“ untermauern.

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Written by lochmaier

Februar 9, 2011 um 7:44 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

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  1. […] den Originalbeitrag weiterlesen: 15 – Vatikan AG: Wie transparent ist die neue „Zentralbank“? « Social … Content Ende Zitat/ Auszug Diesen Beitrag in sozialen Netzwerken posten, Danke! […]


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