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Ägypten: 80 Millionen Menschen erfolglos vom Internet gekappt

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Seit Jahren schreibe ich immer wieder über Themen rund um IT-Security und Datenschutz. Das Kappen des Internets in Ägypten ist natürlich ein bislang einzigartiger Vorgang. Aber er überrascht auch nicht, denn die Mächtigen dieser Welt fürchten die freie Meinungsäußerung – manche würden jetzt sagen das Chaos – mehr als der Teufel das Weihwasser.

Ich selbst möchte hier jetzt keinen allgemein gültigen Erklärungansatz abliefern, sondern nur ein paar Querverweise an die Leser weiter reichen, um sich ein Bild im Dickicht der derzeitigen Geschehnisse zu machen. IT-Security-Spezialist Rik Ferguson von Trend Micro berichtet aktuell über die Hintergründe.

Seit vergangener Nacht ist Ägypten vom Internet weitgehend abgetrennt. Etliche Internet Service Provider (ISPs) sind komplett unsichtbar, darunter LINKdotNET, RAYA Telecom, Internet-Egypt, Vodafone-EG und IDSC. Und auch die Verbindung der anderen ISPs ist deutlich eingeschränkt. Der einzige Diensteanbieter mit weiterhin hundertprozentiger Verfügbarkeit scheint Noor Data Networks zu sein (Ob es am Namen liegt? Denn „Noor“ ist der ägyptische Begriff für „Licht“).

Selbst die National Telecoms Regulatory Agency ist im Augenblick nicht erreichbar, wie auch die meisten der wichtigen Nachrichtenstellen sowie offiziellen und inoffiziellen Informationsquellen. Das auf IT-Sicherheit spezialisierte SANS-Institut berichtet, dass externe Zugriff zur Namensauflösung der Internetadressen in der .eg-Domäne nicht möglich ist.

Da all dies fast zur selben Zeit geschah, besteht Grund zur Annahme, dass die Trennung vom Netz Teil einer offiziellen Taktik ist, um die wachsenden politischen Unruhen im Land einzudämmen. Die Gegenmaßnahmen begannen mit der Zensur der sozialen Netzwerke im Land, aber wie die Erfahrungen im Iran lehren, finden entschlossene Menschen schnell Mittel und Wege, diese Einschränkung mit der Hilfe von außen zu umgehen.

Falls also die aktuelle Aktion von offizieller Seite gesteuert wird, hat es den Anschein, dass das Regime in Ägypten aus den Erfahrungen im Iran, die Kommunikationswege zu unterbrechen, gelernt und noch drastischere Maßnahmen ergriffen hat. Die Aktion ist beispiellos in der Geschichte des Internets.

Zurzeit ist Ägypten tatsächlich vom Internet abgetrennt und es gibt bereits hie und da Berichte, dass ähnliche Aktionen bei den mobilen Telefonnetzen unternommen werden, um die Sprach- und Textkommunikation zu unterbrechen.

Es ergingen bereits Aufrufe an Amateurfunker, der ägyptischen Bevölkerung Unterstützung dabei zu leisten, mit der Welt wieder in Verbindung zu treten und zu kommunizieren.

Soweit ein erstes Lagebild aus Sicht von IT-Security-Experten . Welche Alternativen gibt es? Es kursieren Gerüchte, dass Wikileaks und Co. sich anschicken, hier alternative Strukturen und Kommunikationsmöglichkeiten auf die Beine zu stellen. Auch das wäre ein einmaliger Vorgang in der bisherigen Geschichte des Internets.

Konkret ausgedrückt dürfte es sich dabei aber eher um eine Art alternativer Nachrichtendienst handeln, denn auf den Wikileaks-Seiten kursieren derzeit eine ganze Reihe von Depeschen, die allesamt Ägypten zum Gegenstand haben.  

Die WELT berichtet parallel dazu am Freitag nachmittag, dass Millionen Ägypter derzeit bereitstehen, um die Proteste auszuweiten. Auch im Netz kursieren zudem zahlreiche Videos, die jetzt zum Umsturz des Mubarak-Regimes auffordern. Die nächsten Tage werden entscheidend sein, auch wenn es mittelfristig darum geht, ähnlich wie in Tunesien und anderen Ländern, produktive Alternativmodelle zu etablieren.

Ägypten – ein Land wird vom Netz getrennt, berichtet die Süddeutsche Zeitung.  Mehr Infos dazu finden sich auch auf dem Renesys-Blog. Updates dazu gibt es auch auf der deutschen Seite von Netzpolitik.org. Und noch näher dran an den Livegeschehnissen ist das Weblog Readers Edition, etwa mit dem Beitrag Twitter von den Dächern 

Fazit: Wer glaubt, indem er das Internet verbietet oder gar kappt, er erreicht dadurch irgendetwas, wird rasch eines Besseren belehrt werden. Denn manche Dinge schaukeln sich erst richtig nach oben, weil und wenn sie verboten sind.  Das verleiht jeder Protestbewegung richtig Flügel, unabhängig davon, was sich hernach als Alternative etablieren mag.

[Update am 30.01.]: Heise online vermeldet, Amnesty International übe scharfe Kritik am Mobilfunkanbieter Vodafone, der quasi in voraus eilendem Gehorsam sich zum Mitblockierer der Kommunikation zwischen den Bürgern aufgeschwungen habe.

Mittlerweile haben sich die Unruhen ausgeweitet, auch andere Länder sind von der teilweisen Internetsperrung betroffen wie etwa Syrien.  Doch ist und bleibt die Lage vielerorts unklar, ob es sich dabei um eine „Zeitungsente“ handelte, wie hier auf Netzpolitik.org nachzulesen. Trotzdem kann man wie die Berliner Umschau titeln: Twitter und Facebook als die Staatsfeinde Nr. 1 in der arabischen Welt?

Seit Wikileaks dürfte jedem klar sein, Machtkämpfe verlagern sich auch ins Netz. Nachdem Google und die Mächtigen in China sich schon vor einiger Zeit ins Gehege kamen, nachdem im Iran die Regierung die Opposition auch noch – trotz des Internets – kontrollieren kann, gibt es nun also eine neue und einzigartige Facette, dass das Internet sich tatsächlich auch zum realen Schauplatz von Auseinandersetzungen entwickeln kann.

 

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Written by lochmaier

Januar 28, 2011 um 3:33 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

3 Antworten

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  1. Jetzt geht es los. Die Unruhen greifen auch auf Ägypten und den Jemen über. In der Hauptstadt Sanaa haben Tausende Menschen gegen die Regierung und soziale Ungerechtigkeit demonstriert. Bislang verlaufen die Kundgebungen friedlich. In Ägypten gbit es allerdings Gewaltausbrüche. Erst Tunesien, dann Ägypten und jetzt der Jemen. Die Ursachen sind hier wohl auch haptsächlich in der Armut der Menschen zu suchen. Die Hälfte der Menschen im Jemen muss mit 2 Dollar am Tag auskommen. Ein Drittel der Menschen hat Hunger. Wenn die Menschheit erkennt, dass die Armut ein großer Motivatior für die Terroristen ist und dann etwas dagegen macht, dann wird auch der Terror zurückgehen.

    rhein-main

    Januar 28, 2011 at 6:42 pm

  2. […] This post was mentioned on Twitter by webseitenmanager, Lothar Lochmaier. Lothar Lochmaier said: Ägypten: 80 Millionen Menschen erfolglos vom Internet gekappt – Unübersichtliches Lagebild auf Social Banking 2.0 http://bit.ly/hBEwwx […]

  3. […] den Originalbeitrag weiterlesen: 15 – Ägypten: 80 Millionen Menschen erfolglos vom Internet gekappt …   Ende Zitat/ Auszug Dieser Beitrag wurde unter Leaks abgelegt und mit aber-eher, […]


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