Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Bangladesh lauert überall: Wenn der Kleinanleger in die dunkle Börsenröhre schaut …

leave a comment »

Die Börse in Bangladesch hatte 2010 fulminante Kursgewinne verzeichnet. Die Kurse waren um über 80 Prozent gestiegen. Seit Anfang Dezember sind sie aber wieder um 27 Prozent gefallen, berichtete vergangene Woche die Nachrichtenagentur Reuters.

Was war passiert? Auslöser waren laut Reuters oberflächlich betrachtet unter anderem staatliche Maßnahmen zur Abkühlung des Marktes, darunter eine Erhöhung der Eigenkapitalrücklagen der Banken. Daraufhin hatten mehrere Tausend wütende Investoren in Bangladesch randaliert, um gegen massive Kursverluste an der Börse zu protestieren.

Der Auslöser: Der Markt gewann (nicht ganz unerwartet?) in 2010 über 80 Prozent dazu, und verlor zum Jahreswechsel wieder deutlich im zweistelligen Bereich. Versuchen wir die Hintergründe jenseits des gängigen rein nachrichten getriebenen Wirtschafts- und Finanzjournalismus zu beleuchten. Im Netz sind jedenfalls hintergründige Analysen dazu Fehlanzeige. Klar, es fehlt die Zeit, und vielleicht auch ein bisschen der Ehrgeiz im Hamsterrad der Newsproduktionitis. 

Dabei hätten schon ein paar Klicks auf Google ausgereicht, um nicht nur zu erwähnen, dass wir es mit einem der ärmsten Länder der Welt zu haben. „Das“ Problem ist der hohe Grad an Korruption. Bangladesch liegt auf den letzten Plätzen im Corruption Perceptions Index, der von Transparency International veröffentlicht wird. Verbesserungen sind übrigens nicht erkennbar, beleuchten zahlreiche Report wie es auch die OECD immer wieder bestätigt.

Könnte deshalb sogar der Vorwurf zutreffen, dass in einem von reichlich Korruption durchzogenen Gemeinwesen betrügerische Händler und der Staat „gemeinsam Kasse gemacht haben“? Zum einen kann man natürlich aus charttechnischer Sicht entwaffnend entgegnen, die Anleger seien in einen Erfolgsrausch  geraten, und hätten, wie es für den Kleinaktionär typisch ist, den rechtzeitigen Ausstieg aus dem Traum verpasst.

Das aber wäre nur die halbe Wahrheit. Denn an der Börse drehen ja die Stellschrauben von oben nach unten. Sprich, die Informationsasymmetrie in der Finanzwelt ist der Vorteil schlechthin, wie es Dirk Elsner vom Blickblog beleuchtet, indem er 10 Thesen aufstellt, warum „Banking 2.0“ auf Augenhöhe mit dem Kunden (noch) nicht funktioniert. Teil 1 der 10 Thesen gibt es hier und Teil 2 hier.

Den 10 Thesen kann man fast uneingeschränkt zustimmen, vor allem der ersten These: Die Finanzbranche lebt von der Informationsasymmetrie. Jedoch zeichnet sich ab, dass vieles, was bislang  weiter so funktioniert, nicht, wie die Rocky Mountains, auf ewig in Stein gemeiselt bleiben muss.

Deshalb bleibt die Frage, ob es eine Veränderung von der Straße her geben wird. Bankenexperte Dirk Elsner jedenfalls rechnet, obwohl er selbst für den Reifegrad der Finanzinnovation immer wieder auf den Kunstbegriff „Banking 0,5“ zurück greift (also eine Bank, die noch nicht mal das kleine ABC der Kundenkommunikation = Transparenz und Aufklärung beherrscht), eher mit einem langsamen Sturm auf die Bastille:

Fest steht aber, dass die Veränderungen bereits begonnen haben und früher oder später das klassische Banking in einem viel größeren Ausmaß ersetzen werden, als sich viele Banker dies derzeit vorstellen können. 

Quelle: Blicklog

Zurück zu Bangladesh und den Kleinanlegern. Bangladesh lauert überall im Kleingedruckten, so nun meine provokante These. Etwa in der Welt des Hochfrequenzhandels haben einige Spieler einen Sekundenbruchvorteil, sie wissen einen Tick mehr und rüher als andere Bescheid, und können deshalb auch gegenüber dem Kleinanleger einen geldwerten Vorteil im Börsengeschehen verbuchen, siehe dazu die „Insider-Analyse“ auf risknet: Robotic Stock Trading kritisch beleuchtet.

Was folgt nun nicht nur für die „Bank 2.0“, deren Potentiale ich in meinem Beitrag auf Heise Telepolis anhand des Facebook-Deals von Goldman Sachs Wie viel Geld und Reputationskapital ist der Branchenprimus des Netzwerkzeitalters tatsächlich wert? ausführlich beleuchte, sondern auch für die Anbieter von Social Banking?

Ganz einfach, der von mir eingeführte Begriff „Reputationskapital“ stellt die Summe des neuen Beziehungsgeflechts über netzbasierte Kundenprozesse dar, ob die Akteure aus Banken und Finanzwesen dies wahr haben möchten, oder nicht. Es handelt sich also um eine Art neue Währungseinheit. Man könnte sie sogar mit einer kleinen Hilfsformel ausdrücken.

Was ist damit gemeint? Der soziale, oder weniger ideologieverdächtig ausgedrückt, der kommunikative Kapitalstock einer Bank wird sich auf Druck von der Straße (siehe Bangladesh) in ein weniger asymetrisches Informationskonstrukt wandeln. Dass damit zahlreiche Herausforderungen einher gehen, auch das lässt sich ansatzweise anhand der Praxis studieren.

Siehe dazu insbesondere die 8. These des Blicklogs zur Massenträgheit der Kunden: 

Vielleicht kann man das Verhältnis zwischen Banken und Kunden mit einer angeschlagenen Ehe vergleichen. Es wird ja längst nicht jede zerrüttete Ehe sofort geschieden. Man hat sich auf bestimmte Art und Weise bequem eingerichtet in seinem Leben und mit seiner “ungeliebten” Bank. Da wechselt man nicht sofort wegen eines Ausraster und ein paar Marotten den Partner. Dieses Trägheit gepaart mit einer Mentalität, die alles billig und möglichst hohe Rendite bei geringem Risiko will, macht es den Banken einfacher, nicht zu reagieren.

Was folgt als kleines Fazit: Früher oder später wird jede zerrüttete Ehe geschieden. Aber erst dann, wenn das „Opfer“ sich entschließt nicht mehr weiter zu leiden, und sich auf die Suche nach einer Alternative macht. Das dürfte mittlerweile bei einer für die Banken hoch sensiblen Kundenklientel durchaus der Fall sein.

Jedoch benötigen auch die alternativen Finanzarchitekten mit ihren neuen Geschäftsmodellen zum Social Banking 1.0 und 2.0 noch etwas Zeit, bis den Worten auch Taten folgen. Denn wer als Anleger gegenüber seiner „Hausbank“ A wie Ade sagt, der muss auch ein zweites A wie Alternative parat haben.

Jedoch hat sich ein nicht geringer Teil der Menschen auch in Deutschland dazu entschlossen, sich selbst aktiv als Bestandteil einer Veränderungsbewegung zu sehen, die sich durch die gesamte Gesellschaft hindurch zieht. Was daraus wird, bleibt abzuwarten.

In autoritären Staaten wie Bangladesh lassen sich Proteste mit Hilfe von Polizei und anderen repressiven Maßnahmen im Keim ersticken. Das freilich droht auch den Internetchefaufklärern wie Julian Assange von Wikileaks, der im Moment zwischen allen Stühlen sitzt.

Denn die Glaubwürdigkeit so mancher Aktivisten in Netzkreisen ist  angekratzt, und es erscheint generell noch wenig abzuschätzen, wohin sich die Informationsasymmetrieachse künftig in Wirtschaft, Politik und in der Finanzwelt hin entwickeln wird.

Advertisements

Written by lochmaier

Januar 18, 2011 um 8:15 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: