Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

AWD: Wie seriös ist der Finanz(eigen)dienstleister?

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Die Reportage der ARD lief gestern fast zur besten Sendezeit um 21.45 Uhr. Dass sie überhaupt stattfand, nachdem AWD-Gründer Carsten Maschmeyer über seine Rechtsanwälte massiv Druck versuchte auszuüben, ist nicht selbstverständlich. Denn die Medien und die Politik, bilden gerade in diesem Fall ein ausgesprochen enges Interessengeflecht, das für Außenstehende freilich nicht leicht durchschaubar ist.

Über die Vorgeschichte zur Fernsehreportage lässt sich die diffuse politische Gemengelage via Spiegel online , Handelsblatt und Süddeutsche Zeitung nachstudieren. Und wer einige grundsätzliche Einblicke gewinnen möchte, wie der Finanz(eigen)dienstleister gelegentlich arbeitet, wird in einer Reportage aus die ZEIT vom vorvergangenen Jahr fündig. 

Auch auf diesem Weblog habe ich gelegentlich über den AWD berichtet, so etwa im Oktober 2009 unter der Überschrift: Finanzstrukturvertriebe – Wem es beim AWD-Berater in den Ohren klingelt. Eine Änderung kann hier freilich nur der gehörnte Kunde herbei führen, indem er aus einen bisherigen Verhaltensmustern ausbricht.

Spannend ist daneben vor allem das strukturelle Beziehungsgeflecht zwischen der Finanzbranche und Politik, das den Bürger längst in die Arme von aufnahmewilligen Produktanbietern getrieben hat, die in der Tat vor allem eines im Sinn haben: Ihren eigenen Geldsäckel möglichst rasch zu vermehren.

So bleiben viele Fragen offen, warum Berater zuerst ihren Freundeskreis auf die AWD-Produkte lotsen müssen, nachhaltig ist dieses Geschäftsprinzip sicherlich nicht. Warum soll und muss der Bürger Vorsorgeprodukte insbesondere der Versicherungen kaufen, die weniger Rendite abwerfen als das Tagesgeldkonto?

Warum soll man jemand glauben, dessen Ziel gerade darin besteht, am Wohnzimmertisch von der Informationsasymmetrie zwischen Anbieter und Kunde zu profitieren? All diesen Fragen versuchte die ARD-Fernsehreportage bei ARD-exclusiv nachzugehen.

Titel: Der Drückerkönig und die Politik. Die schillernde Karriere des Carsten Maschmeyer

Trotz des rechtlichen Grabenkriegs zwischen den Rechtsanwälten von AWD [Nachtrag: bzw. genauer dem Gründer von AWD] und dem NDR wurde die Sendung gestern abend ausgestrahlt.

[Update am 13.01. um 13.47 h: Die Presseabteilung von AWD legt via email über eine Unternehmenssprecherin im Zusammenhang mit der Aussage im letzten Satz Wert auf eine inhaltliche Präzisierung, die ich den Lesern gerne zur Kenntnis gebe: 

Ich möchte jedoch feststellen, dass nicht der AWD, sondern Carsten Maschmeyer (der seit 2009 nicht mehr im Vorstand von AWD ist) mit Hilfe seines Anwalts einen Schriftsatz an den NDR und weitere ARD-Anstalten geschickt hat. Die Bemühungen im Vorfeld der Ausstrahlung gingen nicht von AWD aus. Ich möchte Sie bitten, dies zu berücksichtigen und den Text entsprechend zu ändern. Vielen Dank.

Quelle: AWD]

 Soweit diese Ergänzung. Die 30-minütige Reportage kann man sich hier nochmals anschauen:

http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=6239032

Mehr Infos dazu gibt es auch auf den Seiten von daserste.de:

Der AWD hatte vielen Kleinanlegern, die ihren Lebensabend finanziell absichern wollten, sogenannte Schrottimmobilien und Geschlossene Fonds verkauft, die längst nicht das brachten, was versprochen worden war. So klagen ungezählte Anleger über den Verlust ihrer gesamten Ersparnisse.

Quelle: http://www.daserste.de/doku/beitrag_dyn~uid,jav8jct6mlwo58k5~cm.asp

Spannend für mich waren vor allem die politischen Bezüge, die Reporter Christoph Lütgert anschaulich herausarbeitete. So basieren die großen politischen Entwürfe zur privaten Alterssicherung auf einem engen Beziehungsgeflecht, unter anderem eben zwischen Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem AWD-Gründer. Schließlich hatte er seinen Wahlkampf  in Niedersachsen mitfinanziert.

Und: Der Beitrag passt in ein aktuelles Stimmungsklima, in dem es Tendenzen gibt, einzelne Bank- und Finanzmanager für ihr Tun in die persönliche Haftung zu ziehen. Das dürfte im Falle von Maschmeyer nicht ganz einfach sein.

Besonders interessant waren die beiden kurzen Interviews mit Ex-Arbeitsminister Riester sowie  Familienministerin Schröder, die aufzeigten, welche „Reichweite“ die Finanzbranche in der Politik mittlerweile einnimmt.

Tipp: Die Reportage ist empfehlenswert, zwar wird es auch Anleger geben, die von AWD profitiert haben, jedoch ist das strukturelle Ausmaß der raffinierten Methodik, wie den Kunden gleichzeitig immer wieder Rendite plus Sicherheit in einem Produkt in Aussicht gestellt worden war, längst nicht aufgearbeitet.

Aber AWD würde jetzt sicherlich behaupten, die Kunden seien ja vorher aufgeklärt worden über etwaige Risiken, z.B. von geschlossenen Immobilienfonds (wer die Reportage mit der „bombensicheren“ Geldanlage gesehen hat, kommt allerdings zu anderen Ergebnissen).

Neues Ungemach droht spätestens dann, wenn es der Finanzwirtschaft über die Politikbande gelingen sollte, eine zusätzliche private Pflegeversicherung auf verbindlicher Basis einzuführen. Das wäre wie vor einem Jahrzehnt die Riesterrente ein weiteres milliardenschweres Produkt, von dem vor allem die Anbieter profitieren würden.

Ob der Kunde für seine Beiträge irgendwann eine ausreichende Leistung erhalten wird, das steht in den Sternen. Einen Nachhall zur obigen Reportage gibt es etwa auf satundkabel.de . Mehr dazu auch auf der Infoseite lobbycontrol.de. Interessant ist auch das hintergründige rechtliche Update der Kanzleikompa BILD ist die Freundin in der Not.  

Eine Zusammenfassung der Diskussionsstränge bietet zudem egghats wunderbareweltderwirtschaft. Und die FAZ fasst wie folgt zusammen: „Wer den Film gesehen hat, weiß, dass Carsten Maschmeyer nicht der Einzige ist, der Fragen beantworten sollte.“

Update am 17.01.: Einige Szenen der ARD-Reportage mussten wieder entfernt werden, darüber berichtet etwa Spiegel online hier – siehe dazu auch daserste.de in einer Chronologie der Ereignisse.

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Written by lochmaier

Januar 13, 2011 um 9:35 am

Veröffentlicht in Uncategorized

5 Antworten

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  1. Ich habe übrigens gestern mal versucht herauszufinden, wer alles mit dem AWD in der bösen Vergangenheit zusammengearbeitet hat. Konnte leider nichts mehr finden, aber es war sicherlich die Creme de la creme der Finanzbranche. Wie bei so vielen anderen (z.T. sehr umstrittenen Finanzvertrieben auch). Da sind sich Ergo, Deutsche Bank, etc. pp. alle nicht zu Schade, mit den Strukkis zusammenzuarbeiten. Hauptsache der Umsatz stimmt …

    egghat

    Januar 13, 2011 at 10:28 am

  2. Vielleicht sollte man diesbezüglich hier weiter forschen:
    http://www.verein-der-ehemaligen-awd-mitarbeiter-ev.de
    – wenn der Server mitspielt, im Moment bohren wohl viele in der trüben Tiefsee…

    lochmaier

    Januar 13, 2011 at 10:40 am

  3. […] Social Banking 2.0: AWD: Wie seriös ist der Finanz(eigen)dienstleister? […]

  4. […] This post was mentioned on Twitter by Boris Janek, Tine Illert, Lothar Lochmaier, NPapendorf and others. NPapendorf said: AWD: Wie seriös ist der Finanz(eigen)dienstleister? http://j.mp/hBYMg4 "No comment on that one!" […]

  5. HI – einige Szenen sind trotzdem rausgeschnitten. Komisch…

    Tagesgeld-News

    Januar 17, 2011 at 9:07 am


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