Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Facebook: Wieviel ist das kommunikative Betriebssystem des Netzwerkzeitalters wert?

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Nun prüft die US-Börsenaufsicht den Einstieg der Investmentbank Goldman Sachs bei Facebook, berichtet heute die Nachrichtenagentur AFP. Bei einem Börsengang wird viel Geld verdient, oder gleich wieder verbrannt. Schließlich sind in der „virtuellen Werteermittlung“ rund 50 Milliarden US-Dollar eine ordentliche Summe.

Soviel ist nämlich der soziale Netzwerkprimus Facebook mittlerweile wert, glaubt man zumindest den Rechenakrobaten von Goldman Sachs, nachzulesen etwa in der Internet World. Nun ja, die Banker haben zwar nicht immer recht, aber vielleicht haben Sie doch ein „goldenes Händchen“, wenn es darum geht, Marc Zuckerbergs zwar noch nicht ganz einträgliche, aber letztlich doch ziemlich clevere Geschäftsidee an die Börse zu bringen?

Mittlerweile hat das Thema längst auch die Blogosphäre erreicht. Indiskretion Ehrensache hat mal durchgerechnet, wie man auf einen solchen Betrag kommen könnte. Dirk Elsner vom Blicklog findet aber, dass sich eine neuerliche „Dotcom-Investitionsblase“ abzeichnen könnte, wie vor gut einem Jahrzehnt, wo fast jede Pommesbude, wenn sie sich nur ein Etikett 2.0 umhing, in den Genuss von Venture Capital kam. 

Einige interessante Artikel finden sich bei Egghats wunderbarer Welt der Wirtschaft, er sieht beim „Zuckerberg“ sogar noch Luft bis in den dreistelligen Milliardenbereich nach oben . Wer will, kann mit oder gegen Egghat auch eine Wette abschließen.

Auch Netzwertig stellt sich dem unübersichtlichen Thema, und findet sogar, dass Anwender von Facebook zu dem Unternehmen eine ganz andere Haltung und Bindung haben, als dies sonst beim klassischen Anbieter-Kunden-Verhältnis der Fall ist. Viel Phantasie und viel Luft, die aber keineswegs aus dem Reich der Phantasie zu stammen scheint. 

Beleuchten wir aber zunächst jenseits von einseitigen Polarisierungen „Facebook die nächste Blase 2.0“ versus „Facebook – der neue Stern am Investitionskometen im sozialen Webuniversum“ die Hintergründe:

Der überraschende Einstieg der US-Investmentbank Goldman Sachs bei Facebook (FinanceToday vom 3. Januar) stellt sich immer mehr als geschickter Schachzug heraus. Wie das Handelsblatt aus Investorenkreisen erfuhr, kann Goldman die Papiere zu einem festgelegten Preis zurückgeben, sollte Facebook nicht in den kommenden Jahren an die Börse gehen.

Goldman-Chef Lloyd Blankfein wendet sich mit der Transaktion wieder einer alten Domäne der Bank zu, der Direktinvestition in Firmen mit eigenem Geld. Laut Wall Street Journal überprüft die US-Börsenaufsicht SEC mit Blick auf das Engagement der Facebook-Freunde die Regeln zur Berichtspflicht: Zielt die von Goldman gegründete Zweckgesellschaft primär darauf ab, das Gesetz, nach dem Firmen mit mehr als 500 Aktionären den gleichen Berichtspflichten wie eine börsenotierte Gesellschaft nachkommen müssen, zu umschiffen?

Möglicherweise wolle die SEC Facebook-Chef Mark Zuckerberg zwingen, früher als geplant an die Börse zu gehen, vermutet das Wall Street Journal. Die Zweckgesellschaft habe ein „Geschmäckle“, schreibt auch Godmode Trader (BörseGo AG). Die Süddeutsche porträtiert den Ex-Banker und „russischen König des Internet“ Yuri Milner,  dessen Mail.ru-Group den Anteil beim „Plauder-Netzwerk“ von 500 auf 550 Mio. Dollar erhöht habe.

Ein paar Links dazu, um einzuschätzen, wer denn da vor und hinter den Kulissen so alles mitmischt:

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken-versicherungen/topdeal-facebook-ist-goldmans-goldgrube;2724022

http://www.handelsblatt.com/meinung/kommentar-unternehmen/facebook-das-ist-erst-der-anfang;2723107

http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704723104576062280540485652.html?mod=WSJEUROPE_hps_LEFTTopWhatNews

http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704111504576060220052933738.html?mod=WSJ_Opinion_AboveLEFTTop

http://www.godmode-trader.de/nachricht/Facebook-Goldman-Deal-hat-ein-Geschmaeckle,a2432146.html

http://www.sueddeutsche.de/u5138M/3822505/Kopf-der-Woche-Jurij-Milner.html

http://www.dld-conference.com/videos/video/spotlight-dld10-jim-breyer-yuri-milner_aid_1295.html

Soweit einige Zusammenhänge in aller Kürze. Ich selbst versuche nun, mich dem Thema noch aus einem eigenen Blickwinkel anzunächern. Wer mein Buch Die Bank sind wir (insbs. Kapitel II sowie Kapitel VI.) aufmerksam und auch zwischen den Zeilen gelesen hat, der erkennt, dass wir an der Schwelle eines neuen Innovationssprunges stehen.

Das Zauberwort lautet: Standardisierung

Was Microsoft mit dem Betriebssystem und den Office-Programmen Mitte der neunziger Jahre gelang, wie Google mit seinem „einfachen“ Suchmaschinenalgorithmus ein Jahrzehnt später reussierte, das war nichts weniger als ein logischer Schritt in einer jeweils passenden historischen Entwicklung.

Kurzum: Die Menschheit schreit geradezu nach einem (in der Qualität leicht reduzierten) System, das sich quer über den ganzen Planeten in einfacher Form nutzen lässt. So siegte weiland zwar nicht das beste Betriebssystem, oder der beste Suchalgorithmus, aber die Verbreitung und Standardisierung war der logische Schritt in einer schlüssigen Innovationskette.

Will heißen:  Wer sich Börsenwert und Marktkapitalisierung von Microsoft und Google ansieht, der kommt kaum umhin festzustellen, dass wir es trotz einer von Goldman Sachs strategisch lancierten PR-Kampagne um den Börsengang nicht unbedingt mit einem überzogenen Hype um die Facebook-Bewertung zu tun haben. Denn Facebook ist das kommunikative Betriebssystem des Netzwerkzeitalters, so wie Microsoft und Google zuvor auf ihre Art dominierten.

Blicken wir ein paar Jährchen zurück: Als Google den Börsengang antrat, da waren viele Beobachter noch skeptisch, ob die Blase nicht platzen würde. Gerade in Deutschland gefällt man sich darin, das Glas gerne halb leer statt halb voll zu sehen. Das ist wirklich cool. Nun geht es hier nicht darum, dem sozialen Netzwerkprimus das Wort zu reden, und diesen „in die geistige Wolke“, also ins soziale Cloud-Nirwana hoch zu stilisieren.

Kein Imperium muss ewig halten, so die Zweifler und Nörgler. Aber einige harte Fakten sollten zum Vergleich des neuen Dreigestirns Google, Microsoft und Facebook anregen. Wir sind in einer neuerlichen Innovationsdynamik angelangt, bei dem der soziale Netzwerkmechanismus in die ganze Gesellschaft und Wirtschaft hinein diffundieren. Das wird unterschätzt.

Hype-Zyklus: Weckt das Internet  zu hohe Erwartungen

Ich versuche nun das geistige Rahmenwerk etwas größer zu ziehen. Die britische IT-Marktanalystin Jackie Fenn prägte Mitte der Neunzigerjahre den Begriff „Hype-Zyklus“. Dieser konzentriert sich darauf, technisch geprägte Internet-Phänomene beschreibbar zu machen, die sich in fünf Zeitabschnitte untergliedern lassen:

Technologischer Auslöser: Die erste Phase ist der technologische Auslöser oder Durchbruch, Projektbeginn oder ein sonstiges Ereignis, welches auf beachtliches Interesse des Fachpublikums stößt.

Trittbrettfahrer steigen auf das neue Thema auf. Gipfel der überzogenen Erwartungen: In der nächsten Phase überstürzen sich die Berichte und erzeugen oft übertriebenen Enthusiasmus und unrealistische Erwartungen. Es mag durchaus erfolgreiche Anwendungen der neuen Technologie geben, aber die meisten kämpfen mit Kinderkrankheiten.

Tal der Enttäuschungen: Technologien kommen im Tal der Enttäuschungen an, weil sie nicht alle Erwartungen erfüllen können und schnell nicht mehr aktuell sind. Als Konsequenz ebbt die Berichterstattung ab.

Pfad der Erleuchtung: Obwohl die Berichterstattung über die Technologie stark abgenommen hat, führen realistische Einschätzungen wieder auf den Pfad der Erleuchtung. Es entsteht ein Verständnis für die Vorteile, die praktische Umsetzung, aber auch für die Grenzen der neuen Technologie.

Plateau der Produktivität: Eine Technologie erreicht ein Plateau der Produktivität, wenn die Vorteile allgemein anerkannt und akzeptiert werden. Die Technologie wird immer solider und entwickelt sich in zweiter oder dritter Generation weiter.

Die Endhöhe dieses Plateaus hängt stark davon ab, ob die Technologie in Massen- oder Nischenmärkten angenommen wird.“(Siehe dazu Jackie Fenn: Mastering the Hype Cycle: How to Choose the Right Innovation at the Right Time, Mcgraw-Hill Professional 2008.).

Zunächst: Mit Blick auf Facebook gibt es einige strukturelle Bremskräfte, denn die Monetarisierung des Geschäftsmodells ist angesichts einer sozialen Netzwerkumgebung deutlich komplexer als bei den anderen IT-Giganten herzustellen. Dies könnte die Dynamik der Umsatzzahlen etwas moderater ausfallen lassen als Goldman Sachs dies in seiner aus nachvollziehbar eigennützigen Motiven optimistisch gestalteten Prognose erscheinen lässt.  

Interessant auch, dass über die offiziellen Pressekanäle wenig bis nichts von Goldman Sachs zu lesen ist. Selektives Nachrichtenmanagement nennt man das, und die auserwählten Wirtschaftsjournalisten springen natürlich gerne auf den bereit gestellten Innovationszug auf, wenn die Fahrkarte schon vorher bezahlt ist. Einige rudimentäre und wenig aussagekräftige Spuren zur Vorgeschichte des Deals finden sich nur hier.

Was folgt abschließend aus dem „Facebook-Hype“ zwischen überzogener Euphorie und unterschätzten Potentialen?   Machen wir es doch an ein paar vergleichenden Zahlen fest: Der Suchmaschinen-Konzern Google ist heute bereits die weltweit größte „Internetbank“, ohne jemals eine eigene Bank gegründet oder aufgekauft zu haben.

Zum Vergleich: Im Jahr 2003 taxierten Marktanalysten den Börsenwert von Google zwischen 15 bis 25 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2008 übertraf allein das Umsatzvolumen des Suchmaschinenkonzerns mit 21,8 Milliarden diese Marke bereits deutlich. Der heutige Börsenwert von Google beträgt ein Vielfaches.

Im August 2008 besaß Microsoft einen Börsenwert von 255 Milliarden US-Dollar, gefolgt von IBM (170 Milliarden) und Apple (158 Milliarden), noch vor Google (157 Milliarden). Zum Vergleich: Die Deutsche Bank verfügte im Jahr 2007 vor der Finanzkrise gerade einmal über einen Börsenwert von rund 50 Milliarden Euro. Längst hat die „Internetbank Google“ zu den führenden Geldhäusern aufgeschlossen.

Auch Apple wollen wir natürlich an dieser Stelle nicht ganz vergessen, denn mit dem „i-Tüpfelchen“ gelang dem Unternehmen ein weiterer Standardisierungcoup, nämlich in der Welt des mobil vernetzten Internets, das nun noch um die kommunikative Netzwerkkomponente ergänzt wird. 

Dass wir bald iPad und Co. auch im geschäftlichen Segment und mobilen Alltag erleben werden, das beleuchte ich am durchaus analog gültigen Beispiel des amerikanischen Netzwerkspezialisten Cisco, und zwar in meinem gestern auf silicon.de erschienenen Beitrag:  Virtueller Kooperationsgeist wird erwachsen.

Und ein ähnlich dynamischer Wachstumssprung wird neben Apple, Microsoft und Google auch Facebook trotz aller Unkenrufe gelingen. Weil wir es jenseits aller großen Wirtschaftstheorien längst mit einer „Völkerwanderung“ ins Netz zu tun haben, die alle Bereiche und Anwendungen von Wirtschaft und Gesellschaft erfasst.

Und bei entsprechender Dynamisierung der Nutzerzahlen und Einnahmen, bis hin zur wachsenden Marktkapitalisierung und einem steigenden „Börsenwert“, fällt Facebook zumindest auf mittlere Sicht hin – trotz aller Unkenrufe sowie kritischen Bauelemente – die Rolle eines „standardisierten Betriebs- und Suchmaschinensystems im mobilen sozial-kommunikativen Zeitalter“ zu.

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Written by lochmaier

Januar 5, 2011 um 8:30 am

Veröffentlicht in Uncategorized

3 Antworten

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  1. […] This post was mentioned on Twitter by LAYER8. LAYER8 said: Facebook: Wieviel ist das kommunikative Betriebssystem des Netzwerkzeitalters wert? http://bit.ly/f1Bb2W […]

  2. Ich denke ebenfalls, dass Facebook mit starken Wachstumsraten sich entwickeln wird und seine Eigentümern hübsche Gewinne erwarten können. Gleichwohl beantwortet dies nicht die Frage nach einem Wert von 50 Mrd. US$. Goldman Sachs weiß hier wohl wieder einmal mehr, als wir Informationsspekulanten.
    Viele Grüße
    Dirk Elsner

    dels

    Januar 5, 2011 at 7:11 pm

  3. Vielleicht hat die Transaktion noch einen ganz anderen Aspekt, den wir bisher gar nicht bedacht haben. Erstmalig engagiert sich eine große Bank sehr ernsthaft für Social Media. Vielleicht führt dieser Ritterschlag durch eine Investmentbank für das Web 2.0 sogar dazu, dass sich mehr Institute mit den Geschäftsmöglichkeiten von Banking 2.0 befassen.
    Guten Start in das neue Jahr
    Dirk Elsner

    dels

    Januar 5, 2011 at 9:08 pm


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