Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Virtueller Gastbeitrag: Woran die Banken jenseits von Bashing wirklich kranken

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Der Medienhype um Wikileaks hält an, Mächtige spüren die Macht der Hacker-Ethik schreibt Spiegel online. Die spüren aber auch Julian Assange und Co, denn die Luft für sie ist sehr dünn geworden.

Denn auch der amerikanische Internetbezahldienst Paypal, dem man trotz offizieller Dementis aufgrund der eigenen Monopolstellung durchaus eine gewisse Nähe zur „zentralisierten Macht“ unterstellen darf, mischt mit, indem er jedwede finanzielle Transaktionen über sein System unterbunden hat.

Wikeleaks geht es jetzt ans Geld, berichtet die Nachrichtenagentur AFP.  Nach Amazon und Every DNS ist Paypal immerhin bereits der dritte Mainstream-Service, der Wikileaks die Dienstleistung verwehrt. Deshalb fragt netzpolitik.org

Es wird spannend zu sehen, wie die Mehrheit der (US-/Welt-)Bevölkerung diese Schritte bewertet. Werden die drei Konzerne in Ihrem gewissenhaften und rechtschaffenen Image gestärkt, oder richten sie irreversible Schäden an Ihrer Reputation an?

Social Banking 2.0 versucht sich dem Thema mit etwas eigenen Blickwinkeln anzunähern, wenn es darum geht, ob jetzt die Bank of America ins Visier der Internetaktivisten rücken wird (siehe meinen vorherigen Eintrag). Dass mit den Banken trotz abgekühlter Finanzkrise etwas grundsätzlich nicht stimmen mag, dämmert zumindest einigen kritischen Menschen, und zwar sowohl von innen als auch von außen.

Eine Repositionierung der Geschäftsmodelle in der Finanzindustrie ist für vernünftige Menschen jenseits der politischen Farbenlehre überfällig. Dazu braucht es neben Social Coding und Social Recoding weitere Innovationen, um den Kunden mal – wie seit Jahrhunderten versprochen und nicht eingehalten – in den Mittelpunkt der Produktgestaltung zu stellen.

Wie es um die „Moral und Arbeitsweise“ der Banken bestellt ist, verdeutlicht nun dieser Leserkommentar auf einen meiner letzten Artikel die strukturellen Defizite in der Finanzbranche, und deshalb sollen die nun folgenden Ausführungen auch auf diesem Weblog sichtbar gemacht werden: 

Als ich das erste Mal für eine Bank gearbeitet habe, dachte ich noch,
ich werde dort eine beispielhafte IT, funktionierende und gut
dokumentierte Prozesse sowie aktuellste Sicherheitstechnik und
gründlich-umfassende Projekte vorfinden.

Dachte ich.

Was ich fand war eine IT, die ausser extrem teuren Anschaffungen von
Hard- und Software (die jedoch keiner verstand, geschweige denn
beherrschte, von Integration wollen wir gar nicht reden) noch nicht
mal das Niveau einer Basis-IT-Lösung für eine Pommesbude auf einem
Laptop von 1990 hat. 

Dazu ein Haufen 100-1000seitige Dokumente, die hauptsächlich aus
Templatetexten bestand, statt irgendetwas zu beschreiben oder
dokumentieren (sehr wirksam für Reviews, da will sich keiner
Durchbeissen zudem ist nicht zu beurteilen, ob das Dokument etwas
dokumentiert ausser der Tatsache, dass dieses Dokument existiert).

Dazu inkonsistente Prozessbeschreibungen von anno dunnemals in 10fach
redundanter Ausfertigung. Keine aktuell, aber alle widersprüchlich
ohne das ersichtlich wäre, welche Fassung der Realität am nächsten
kommt.

Dann ein Projektmanagement das gnadenlos drauf gedrillt war jedes
Projekt zu 100% erfolgreich abzuschliessen. Das gelang dadurch, dass
man den Projektauftrag solange zusammenkürzte bis nur noch die
Dokumentation der Projektmeetings den Projektauftrag ausmachten. Dies
konnte dann meistens mit Ach und Krach geschafft werden und somit war
das Projekt ein Erfolg, obwohl fast nichts der ursprünglichen Ziele
umgesetzt wurde. Da jedes Projekt ein Supererfolg war und alles
bestens lief, waren die Lessons-learned-Dokumente weiss wie Schnee.
Heisst man lernt nix und will nix lernen, weil sonst müsste man
zugeben, das man irgendwo Fehler gemacht hat und das in einer
Zero-Fehler- und Zero-Toleranz-für-Fehler-Kultur. Stagnation und
Degeneration vom Feinsten.

Und Sicherheit … hahaha … selten so gelacht. Künstliche
Testdaten? Weit gefehlt. Wir testen auf der Produktion mit
produktiven und sensitiven Daten, die dann jeder interne und externe
Hanswurst sehen kann. Wann hatte der nochmal Geburtstag? Welchen
Kontostand hat der den jetzt? Wo wohnt der nochmal? Alles Fragen die
man sich in 5 Minuten mittels einer Abfrage beantworten konnte.

Interessant wie sich der ursprünglich löbliche Ansatz, keine Fehler
zu machen so gegen das System wendet, dass man gemäss dem Spruch wer
nix macht, macht auch keine Fehler, einfach nur nix macht. Oder
Verantwortung an irgendwelche externe oder andere Abteilungen
delegiert. Die wiederum die Verantwortung an irgendwelche Externe
oder andere Abteilungen delegieren. Alle paar Jahre kommt so das
delegierte Problem mal wieder vorbei, worauf man erneut jemanden
sucht, der sich damit rumschlagen oder es weiter delegieren soll.

Es ist ein System der Angst entstanden. Angst Fehler zu machen. Angst
Verantwortung zu übernehmen. Also macht niemand was und keiner
übernimmt Verantwortung. Es wird Reise nach Jerusalem gespielt und
gehofft, dass es immer einen Stuhl gibt, wenn man weiterrücken muss.

Und nein, das war keine kleine Bank sondern ein Global Player dessen
einzige funktionierende Abteilung der Bereich Marketing und Legal &
Compliance war. Die waren wirklich professionell. Legal & Compliance
allerdings nur im Verhältnis der Bank nach aussen (der „Saustall“
innen war nicht so schlimm, solange alle dicht halten und niemand was
nach draussen durchdringen lässt).

Ich kann Marketingstudenten nur empfehlen zu einer grossen Bank zu
gehen, da lernen sie Eskimos erfolgreich Kühlschränke zu verkaufen.

Und bei den kleineren Banken wird alles „pragmatisch“ gehandhabt (da
habe ich auch gearbeitet). Wobei pragmatisch nicht für geringste
Kosten/Aufwände bei höchstem Ertrag und trotzdem professionelles
Vorgehen steht sondern für „Wir pfuschen da mal rum, ohne Sinn und
Verstand, Hauptsache wir haben was gemacht und sind wieder weg bevor
es jemand merkt! Notfalls reden wir solange mit den Leuten bis sie
einsehen, dass es halt jetzt so oder so gehen muss.“ 

Im Endeffekt läuft es auf’s Gleiche hinaus. Die Kennzahlen und
Statusanzeigen für die „entscheidenden“ Manager (keiner von denen
traut sich wirklich Entscheidungen zu fällen) müssen auf „grün“
stehen. Dann ist alles bestens. Notfalls muss halt die Realität an
die Kennzahlen und die Statusanzeigen angepasst werden. Tja Jungs &
Mädels – das ist mal richtige Science-Fiction!

Liebe Grüsse an die 0-Fehler-Fraktion

das kleine Dummerchen

P.S.: Das Bankensystem ist von Grund auf marode und die Exzesse der
Manager sind nur das Sahnehäubchen auf einem System, dass schon 
lange nicht mehr die Ansprüche erfüllt, die an es gesetzt werden.
 

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Written by lochmaier

Dezember 5, 2010 um 9:37 am

Veröffentlicht in Uncategorized

3 Antworten

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  1. Es wäre hilfreich, bei Aussagen über „die“ Banken künftig zu differenzieren in Aktiengesellschaften, Sparkassen oder Genossenschaftsbanken.
    Pauschale Vermutungen über alle Banken müssen fehl gehen. Was ich aus meiner Kenntnis des genossenschaftlichen Bereiches sagen kann ist, daß obige Parodie bezüglich der IT und der Organisation meilenweit danebentrifft.
    Was das Projektmanagement angeht, sehe ich nicht, wo das bankspezifische sein soll, was im Übrigen auch für IT und Orga gelten kann.
    Ich würde mir substantielle, das wesentliche treffende Kritik wünschen. Mit übertriebener Kritik wird man irgendwann nicht mehr ernst genommen, auch wenn man sich Dummerchen nennt.

    Hans-Florian Hoyer

    Dezember 5, 2010 at 4:15 pm

  2. Zum obigen Gastbeitrag noch einmal eine Erläuterung: Manches ist zugegeben eine etwas einseitige, provokative Darstellung, aber genau darin liegt der Sinn. Wenn es zu kuschelig wird, kommt die zentrale Botschaft nicht rüber.

    Und die besteht im Kern darin, wie ich es in meinem historischen Exkurs zur Wirtschaftsgeschichte der Banken in meinem Buch „die Bank sind wir“ schon aufgezeigt habe, dass die meisten Banken eine Existenz oberhalb den Bedürfnissen und Realitäten der Gesellschaft geführt haben, und en gros immer noch führen.

    Man könnte es mit Blick auf die Pharmaindustrie und die Finanzbranche auch so formulieren: Der Kunde wird nicht wirklich gebraucht, das Spiel läuft auch ohne ihn, weil er letztlich die vorgegebenen Spielregeln akzeptiert und akzeptieren muss.

    Dass es natürlich auch Banken gibt, die solide arbeiten, mag zutreffen, jedoch sollte es zulässig sein, dass der Autor (nicht identisch mit mir) natürlich bewusst subjektiv gefärbt, da aber das Gesagte symbolhaft und nicht gegen eine einzelne Bank gerichtet da steht, sehe ich hier kein Wikileaks-ähnliches Tunnelproblem, sondern eine Aufforderung zum Nachdenken über strukturelle Missstände.

    Es ist einerseits zwar nicht die Aufgabe dieses Weblogs, Botschaften weiter zu verbreiten, die jeder Grundlage entbehren, aber auch nicht, sich auf das diplomatisch nur korrekt Zulässige zu beschränken.

    Insofern also sollte dieser Gastbeitrag für alle Leser der Anlass sein, sich produktiv und konstruktiv-kritisch mit der „Bankeneffizienz“ jenseits von plumpem Bashing auseinander zu setzen.

    Und ich glaube, dass wir hier größere Veränderungen entlang der Geschäftsmodelle durch internetbasierte Korrektivvarianten erleben, als sich dies derzeit abzeichnet. Natürlich sind hier seriös agierende Aktive gefragt. Und das ist doch eine gute Nachricht.

    Lothar Lochmaier

    lochmaier

    Dezember 5, 2010 at 5:17 pm

  3. […] Virtueller Gastbeitrag: Woran die Banken jenseits von Bashing wirklich kranken: Der Medienhype um Wikileaks hält an, Mächtige spüren die Macht der Hacker-Ethik schreibt […]


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