Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Das Wikileaks-Prinzip: Chaos oder erste Schritte in die liquide Finanzdemokratie?

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Wikileaks-Gründer Julian Assange hat angekündigt, als nächstes ein Paket von Dateien aus einer Großbank zu veröffentlichen, berichtet Handelsblatt Finance. Dabei gehe es um Zehntausende interner Dokumente der Finanzinstitution. Er verspricht Einblick in die heikelsten Geheimnisse des Geldinstitus.

Die Offenlegung des Materials eröffne „wahre und repräsentative Einsichten, wie sich Banken auf der Managementebene verhalten“, sagte Assange weiter. Die Folge dürften „vermutlich Untersuchungen und Reformen sein“. Mehr dazu gibt es via Handelsblatt. Dass soziale Netzwerke jegliche „Firewall“-Funktionen aushebeln, dazu mehr im Forbes-Blog.

Klar ist, die Banken sind das nächste Ziel von Wikileaks, wie sich etwa hier auf CIO.de nachlesen lässt. Wer dieses Weblog regelmäßig liest, der wird darüber wenig überrascht sein. Ich berichte regelmäßig über neue Trends von unten, die das Machtgefüge in der Finanzwirtschaft neu justieren können.

Dazu gehören natürlich auch Aktionen an der geschmacklichen Grenzlinie, die die Menschen tendenziell eher polarisieren, so neben Wikileaks auch bei Stopbanque der Fall, eine Aktion, die am 07.12. über die Bühne gehen soll. Seitdem der umstrittene Fußballspieler Eric Cantona sich dort prominent platziert hat, und dazu aufruft, Geld an diesem Stichtag bei der Bank abzuheben, um Veränderungen im Finanzsystem zu erzwingen, sind die Meinungen darüber noch unterschiedlicher. Räumt das Konto leer, titelte etwa die TAZ gestern.   

Bleiben wir deshalb zunächst jenseits des medialen Hypes um Wikileaks etwas bodenständiger. Die Schlichtungsverhandlungen bei Stuttgart21 sind  – trotz Zusatztitel „Plus“ – mehr oder minder erfolglos zu Ende gegangen. Ist die Luft jetzt raus? fragt die Volkszeitung BILD, während etwa die Stuttgarter Nachrichten noch einmal nüchtern die neun Verhandlungstage bilanzieren. Irgendwie werden die Prüfer am Ende das umstrittene Projekt wohl irgendwie mit Haken und Ösen durch den Hauptbahnhof durchwinken.

Nein, das finde ich übrigens nicht, dass die Luft aus dem Reifen komplett raus ist, denn es war ein wichtiger Meilenstein, wie künftig gerade Großprojekte nicht gegen sondern mit den Bürgern gemeinsam weiter entwickelt werden können. Und hier gibt es trotz des Scheiterns eine gute Nachricht zu vermelden.    

Denn das von Schlichter Heiner Geisler geleitete Verfahren setzt eine Art von Blaupause, wie die politische Willensbildung künftig transparenter (mit dem Wort besser warte ich lieber noch) funktionieren könnte, die ich bereits in meinem Beitrag wie man Bürger an Großprojekten beteiligen kann, in ersten Ansätzen skizziert habe. 

Nicht alles wird sich quasi über Nacht ändern, es wird aber auch nicht zum blinden Chaos durch die Basisdemokratie kommen. Stuttgart21 zeigt die Richtung auf, wie es künftig funktionieren wird, Der von oben herunter Ansatz wird durch von unten herauf gesteuerte „Checks and Balances“ ergänzt. Das ist machbar.

Das Netz, von einigen allzu euphorischen Zeitgeistern kurzfristig überhöht, von anderen wiederum in seiner langfristigen Bedeutung unterschätzt, ist somit kein Nebenschauplatz, sondern das virtuelle Amphitheater für diese Aufführungen. Das Internet sei ein Experiment ohne Alternative, sagt Netzwerkforscher Peter Kruse, und zwar in einem Interview in der Tageszeitung Welt. Die wichtigste Botschaft als Auszug:

WELT ONLINE: Re-politisiert das Internet die Welt oder sind viele der Proteste nicht doch eher Happenings?

Kruse: Das Interesse an öffentlichen Belangen ist in der Vergangenheit rückläufig gewesen. Gegenwärtig erleben hier wir eine Trendwende. Die Menschen hatten lange den Eindruck, dass in der Politik Dinge passieren, auf die sie keinen Einfluss mehr haben. Menschen suchen nach mehr Unmittelbarkeit von Wirkung als Wahlperioden ermöglichen. Gegenwärtig erleben wir, dass sich das Interesse besonders im Regionalen und Lokalen neu entfacht. Verwaltungen tun gut daran, sich im Sinne von E-Demokratie zu öffnen. Die Bürger wollen und werden sich mehr einmischen – mit oder gegen den Willen der Institutionen.

WELT ONLINE: Wird die politische Agenda also künftig vom Internet gesetzt?

Kruse: Agenda-Setting war bislang in erster Linie Aufgabe der Massenmedien und des qualitativen Journalismus. Nun scheint sich das tatsächlich zunehmend in die Netze zu verlagern. Dafür ist besonders die explodierende Menge der sich beteiligenden Menschen und die Geschwindigkeit der Bildung von Schwerpunktsetzungen über Resonanzeffekte verantwortlich.

Quelle: welt.de

Dass das Internet als „soziale Waffe“ eine zentrale Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft spielt, ist kaum zu übersehen. Allenfalls Menschen, die sowieso immer an allem mäkeln, nehmen das nicht wahr. Auch in Intellektuellen-Kreisen ist das Thema trotz komplizierter Formulierungen angekommen. Philosoph Peter Sloterdijk in einem Spiegel-Essay:

Die meisten heutigen Staaten spekulieren, durch keine Krise belehrt, auf die Passivität der Bürger. Westliche Regierungen wetten darauf, dass ihre Bürger weiter in die Unterhaltung ausweichen werden…

Auch ohne divinatorische Begabung kann man wissen: Dergleichen Spekulationen werden früher oder später zerplatzen, weil keine Regierung der Welt im Zeitalter der digitalen Zivilität vor der Empörung ihrer Bürger in Sicherheit ist. Hat der Zorn seine Arbeit erfolgreich getan, entstehen neue Architekturen der politischen Teilhabe. Die Postdemokratie, die vor der Tür steht, wird warten müssen.

Quelle: spiegel.de

Also: Die Postdemokratie wird warten müssen, dieser letzte Satz lässt natürlich wieder viele Spekulationen zu. Es ist unmöglich abzuschätzen, wie das Netz in zehn Jahren unser Leben verändert haben wird. Aber, dass es passiert, das ist jeden Tag zu bemerken. Wie sich dieser Trend auf die „digitale Finanzdemokratie“ auswirken könnte, das beleuchtet ein Beitrag auf Deutschlandradio Kultur:

Politikverdrossenheit war gestern. Das Netz hat neue und sehr einfache Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung geschaffen. Bricht ein Zeitalter der digitalen Basisdemokratie an? Und wie kann politische Teilhabe tatsächlich organisiert werden? Wir sprechen im Schwerpunktinterview mit dem Wissenschaftler Thomas Gebel.

Quelle: dradio.de

Unter diesem Link hier Pimp my democracy anzuhören.

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Written by lochmaier

November 30, 2010 um 8:37 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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