Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Praxistex(s)t zum Social Bank Coding: Wie Crowdfunding die Finanzwelt revolutioniert

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Sie finden, die obige Headline „wie Crowdfunding die Finanzwelt revolutioniert“ ist zu hoch gegriffen? Kein Problem, dann erkläre ich Ihnen an einem kleinen Beispiel, dass eine schleichende (R)Evolution in der Finanzwelt keine bloße Phantasie darstellt.

Die „Peanuts-Ökonomie“ scheint trotz leichtem Sex Appeal von Big Brother weiterhin zu prosperieren, siehe etwa die Crowdfunding-Plattform www.startnext.de  Und genau hier in Berlin traf ich vor kurzem Paul Davis, einen aufstrebenden jungen Modedesigner aus Kanada, der sich in der „Nicht-nur-arm-sondern-auch-sexy-Metropole“ nieder gelassen hat.  

Mehr über Paul finden Sie auf seiner Webseite www.pauldavis.de  Sie kennen Paul (noch) nicht, das macht nichts? Ich habe ihn bereits kennen und schätzen gelernt. Es geht auf diesem Blog auch nicht um Klamottenwerbung für seine Ideen, die sich vielleicht nicht jeder leisten kann und will, sondern um ein noch viel gewichtigeres Thema. 

Denn der junge Modedesigner hat sich in Berlin angesiedelt und als „Stylist“ unter anderem das Szenario eines spannenden Videos „Steuer gegen Armut“ ausgestattet. Darum geht es um die Einführung einer globalen Finanztransaktionssteuer, mit den beiden deutschen Schauspielern Jan Josef Liefers und Heike Makatsch.

Die deutsche Präsenz www.steuerngegenarmut.de ist Teil der Robin Hood Tax Campaign. Mehr dazu etwa hier: 

http://bewegung.taz.de/aktionen/steuergegenarmut/blogeintrag/makatsch-und-liefers-werben-im-filmspot-fuer-kampagne

[Anmerkung: Leider ist der Content von UMG derzeit via Youtube nicht verfügbar]. Mehr dazu auch hier via Social Banking 2.0 in einem Beitrag vom Februar Kampagnen: Finanztransaktionssteuer und Spekulationsblase 2.0  

Es geht hier übrigens jetzt nicht unbedingt darum, darüber zu streiten, ob die Transaktionssteuer uns substanziell weiter nach vorne bringen würde. Kommen wir lieber gleich zum neuralgischen Punkt: Was folgt aus der Tatsache, dass sich nach vermeintlicher Bewältigung der Finanzkrise strukturell in der Bankenlandschaft gerade mit Blick aufs gegenüber dem Investmentbanking viel kleinere Hamsterrad „Private Banking“ so wenig geändert und auf den Kunden zubewegt hat? 

Ganz einfach: Die „Generation Y“ oder zumindest der kreative Teil darunter setzt längst auf „Crowdsourcing“ und „Crowdfunding“, weil sie den etablierten Institutionen misstraut, weil sie von den etablierten Spielern nichts mehr zu erwarten hat, und weil sie neue Wege beschreiten will und muss, ihre geschäftlichen Verbindungen über andere Wege aufzubauen, und zwar simplerweise mit Hilfe des Internets.

Das geschieht neben dem Knüpfen eigener weit verzweigter sozialer und beruflicher Netzwerke auch mit Hilfe von Crowdfunding. Peer to Peer Lending ist ein weit reichendes Zukunftsmodell mit vielen Facetten. Hier beispielsweise bittet Paul Davis um Unterstützung für sein neues Projekt, sprich, er möchte seine neue Modekollektion finanzieren:

Mehr Infos, wie solche Kampagnen gestrickt sind, auch auf der Webpage rockethub. Ich wage nun die Prognose: Wir sehen trotz Startschwierigkeiten keine vernachlässigenswerte „Peanuts-Ökonomie 2.0“ heraufziehen, sondern erste Vorboten eines grundlegenden Paradigmenwandels.

Der Treiber: Sind die etablierten Institutionen und die Entscheidungsträger in einer Altersklasse ab ca. 50 Jahren weiterhin in ihren selbst-referenziellen Wolkenkratzern gefangen, und sind sie nicht mehr in der Lage, die Kreativität von Gesellschaft und Wirtschaft zu fördern, dann werden die Jüngeren, die nach oben streben, andere Wege beschreiten, ja sogar erzwingen.

Das muss freilich keine schlechte Nachricht sein. Die Bäume wachsen sicherlich nicht in den Himmel, vor allem, weil ja etablierte Hierarchien in Frage gestellt sind, die freiwillig kaum Macht abgeben werden, im Sinne einer Art von „Finanzdemokratie 2.0“. Sie werden an ihren Stühlen kleben bleiben wollen, um die Welt aus dem Heckwasser ihrer Segelyachten betrachten zu können. 

Wie geht es weiter mit Crowdfunding und Crowdsourcing? Es gibt einerseits eine überzogenen Erwartungshaltung, andererseits wird der Trend unterschätzt. Die diffuse Gemengelage kann hier in meinem kürzlich veröffentlichten Eintrag  nachgelesen werden: Crowdfunding: Wie erfolgreich agiert die kleinteilige Spendencommunity?

Fazit: Der Gang in eine (hoffentlich) von der kollektiven Vernunft und Kreativität gesteuerte Finanzökonomie 2.0 ist kein Spaziergang. Ich werde noch deutlicher: Wer etwa wie der am Bodensee angesiedelte „Mikrospender“ http://twitter.com/mikrospender versucht, den Sparkassen oder anderen Banken konkrete Vorschläge zu unterbreiten, wie sie doch mit Hilfe von integrierten Softwarelösungen zum Crowdfunding neue Projekte vor Ort oder auch global unterstützen könnten, der beißt letztlich auf Granit.

Wer also mit Hilfe von Crowdfunding versucht eine produktive und kreative Zerstörung von bestehenden aber vielleicht ziemlich ineffizienten Verteilungssysteme einzuleiten versucht, z.B. indem er wie der Mikrospender „ein Subsystem im Zentralrechner seiner Bank“ einrichten möchte, der wird sicherlich nicht gerade mit offenen Armen empfangen werden.

Sicherlich wird man nicht rausgeschmissen aus der Schalterhalle einer Sparkasse. Aber es herrscht Funkstille. Die Einbahnstraßenkommunikation soll ja weiter funktionieren. Denn es profitiert nur einer vom Machtgefälle zwischen Kunde und Bank. Dreimal dürfen Sie raten?

Das wird trotzdem nicht mehr allzu lange Zeit so funktionieren, dank des Internets, trotz aller Unkenrufe und Kritteleien eine bahn brechende Innovation so wichtig wie die Autoindustrie oder die Luft- und Raumfahrt, bricht mit dem alt bekannten Regelwerk auf fundamentale Art und Weise.

Quelle: http://minidonations.org/ 

Wie denn das? Ganz einfach, jede Bank erhält ein eingebettetes „Social Coding“. Schauen Sie sich doch mal Banksimple an, wo Webbetreiber und Entwickler über frei verfügbaren Quellcode künftig „die Bank“ in ihre jeweiligen Applikationen einbetten können.  Mehr über banksimple auf dem deutschen IT-Nachrichtendienst golem.de.

Kleiner Einschub: Ich bin mir durchaus bewusst, dass sich nicht alle Ideen gleich über Nacht realisieren lassen. Die ewig Gestigen rufen jetzt, geht nicht, Compliance, Datenschutz, Auflagen usw. Die Palette der Ausreden, keinen Schritt auf den Kunden zuzugehen, ist groß.

Sicherlich, auch so manche Überhitzung bei den neuen Himmelsstürmern in der Netzökonomie 2.0 kühlt sich wieder ab, aber die Richtung stimmt. Längst berichten aber auch etablierte Newsticker wie bankinnovation.net darüber, wie sich Innovation von Top-down künftig Richtung „bottom-up“ verschieben wird.  

Dies geschieht nicht über Nacht, aber in einem schleichenden Prozess, bis es keiner mehr merkt, und sich alle daran gewöhnt haben, dass der Kunde mit am Regiepult sitzt. Der spinnt doch? Okay, hier also ein Auszug aus bankinnovation.net:   

What this means is that not only will BankSimple offer an API, which allows other developers to build applications on top of whatever web service BankSimple offers, but BankSimple is actually allowing everyone and anyone to build the tool that can be used to build the applications.

… BankSimple understands that it will only be as good – and as successful – as the people who use it. What better way to insure that the bank is used to maximum benefit than to effectively allow consumers to build its IT infrastructure?

Das Social Bank(ing) Coding ist also die Zukunft!

Ausblick: In einem aktuellen Fachaufsatz in der Dezember-Ausgabe der Zeitschrift „die bank“ – leider noch nicht online verfügbar – beschreibe ich die Herausforderung der Bankenlandschaft, die sich dem neuen Social Media (Banking Code) Universum freilich erst noch öffnen müssen. Einige Auszüge exklusiv für die Leser von Social Banking 2.0:

Dies zieht den Auftrag nach sich, neben einer technischen und einer organisatorischen Ebene eine weitere „soziale“, bzw. präziser ausgedrückt eine „kommunikative“ Umgebung (Social Layer) zu etablieren, die sich durch die gesamte Internetumgebung der Bank hindurch zieht. Dieser Social Layer bindet die am Expertenstatus der Bank orientierten Informationskanäle mit ein, um dadurch „user generated content“ durch individuelle Bewertungen, Empfehlungen und weitere rückkoppelbare Elemente in die neu gestaltete Implementierung zu integrieren.

Quelle: Lothar Lochmaier/ www.die-bank.de

Any questions left? Gibts noch Fragen? Dann mal los mit dem Social Bank Coding. Und wer sich nun ganz am Ende noch über die Tücken, Fallstricke aber auch Tricks und Kniffe des bankenbezogenen Crowdfundings informieren möchte, der wird ebenfalls in der aktuellen Ausgabe von „die bank“ fündig. Denn dort skizzieren die beiden Autoren Chris Chard und Ken Knoll wie die künftige von einigem Blendwerk befreite und entrümpelte Fassade im Retail Banking aussieht. 

Elegant umschiffen die beiden Autoren dabei die überall postierten Fettnäpfchen in der Branche und skizzieren die Kernbotschaft wie folgt:

Die begrenzte Zahl an Anwendungen von Crowdsourcing im Finanzsektor deutet bereits an, dass ein Großteil der Banken noch Vorbehalte hat, während einige wenige in Vorreiterrollen erfolgreich Crowdsourcing implementiert haben. Bei der Entwicklung von Finanzprodukten scheint für viele Banken der unternehmensexternen Perspektive nur wenig Bedeutung zuzukommen. Somit bleibt aber möglicherweise ein hohes Kundenbindungspotenzial ungenutzt.

Quelle: Chris Card/Ken Knoll/www.die-bank.de

Okay, es gibt also noch vieles zu tun. Aber jüngere Menschen wie der Modedesigner Paul Davis, sie werden mit ihrem inhärenten „Kreativkapital“ dem sozialen Wandel nicht nur passiv zusehen. Die Protagonisten werden ganz im Gegenteil mit ihren Ideen jenseits von überkommenen Doktrinen wie dem reinrassigen Kapitalismus oder Sozialismus unsere Finanzwelt evolutionär und friedlich auf den Kopf stellen. Und das ist doch nun wirklich keine schlechte Nachricht für die ganze Gesellschaft und Wirtschaft, oder?

Morgen folgt ein weiterer Beitrag zu den atmosphärischen Veränderungen in der Bankenlandschaft, aus Sicht der künftigen gut ausgebildeten aber aus gut nachvollziehbaren Gründen nicht mehr „biegsam-flexiblen  Entscheidergeneration 2.0“:       

The Future of Money: Provokatives Kunstvideo gegen saturierte Bankmanager. Kurzum: Das neue Kreativkapital wird es nicht bei geschmackvollen oder provokanten, aber letztlich einflusslosen Kunstvideos bewenden lassen, sondern direkt in das übergreifende Räderwerk in der Finanzindustrie eingreifen.

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Written by lochmaier

November 28, 2010 um 10:05 am

Veröffentlicht in Uncategorized

2 Antworten

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  1. […] Nutzerbedürfnissen gesteuerte Finanzwelt gegeben. Es ist, wenn die Leser so wollen, eine kleine Bedienungsanleitung für das Social Bank Coding. Das Werk besteht aus ziemlich vielen ineinander verwobenen Programmierzellen, an denen viele […]

  2. […] es mein Blogbeitrag: Praxistex(s)t zum „Social Bank Coding“ näher beleuchten soll: Wie Crowdfunding die Finanzwelt revolutioniert    . Nach diesem kleinen Ausholer wieder zurück zum Open Bank Project. Auf der Infoplattform Oszine.de […]


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