Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Gastbeitrag: Quo Vadis, Social Banking? am 24.11.2010

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Vorspann: Der Blick vom Podium zur Bühne ist oftmals viel spannender als da oben zu sitzen, und auf die Zuhörerschaft herunter zu blicken. Das haben wir drei, die nun folgenden Gastautoren auf diesem Weblog, und ich uns heute gesagt. Statt dass ich zuerst selbst über die vorgestrige Veranstaltung in Frankfurt berichte, überlasse ich dies ganz im Stile der kleinen dezentralen Kollaborationseinheiten anderen viel besser postierten Zaungästen.

Es droht mir also der völlige Kontrollverlust, welch eine Freude. Gäste haben mein Weblog übernommen, und toben sich dort kreativ aus. Nein, ganz so schlimm ist es nicht, ich halte noch die Fäden der letzten Qualitätskontrolle in den Händen. Und da sollte man erwähnen, dass die nun folgenden jungen Autoren doch schon einiges Spezialwissen auf dem Gebiet des „Crowdsourcings“ gesammelt haben. Also, Bühne frei für die Gastredner:  

Von Chris Chard und Ken Knoll* 

Auf der von ergo Kommunikation, EVERS & JUNG und YouGovPsychonomics veranstalteten Konferenz Quo Vadis Social Banking? diskutierten im Rahmen einer Podiumsdiskussion Vertreter unterschiedlicher Geschäftsmodelle im Bereich des Social Banking sowie Experten über aktuelle Fragen des Social Bankings. Im Einzelnen referierten Vorstände von Fidor, Smava, Triodos und der GLS Bank, sowie Lothar Lochmaier, Journalist und Blogger, und Katharina Beck vom Social Banking Institute.

Einleitend präsentierte YouGovPsychonomics eine aktuelle Studie zum Thema Social Banking, die ein eher pessimistisches Bild der aktuellen Marktentwicklung zeichnet. So äußerten die befragten Bankkunden zwar einerseits den Wunsch nach sozial verantwortlichem Umgang mit ihren Einlagen und einer damit verbundenen hohen Transparenz, andererseits habe die Renditeforderung nach wie vor das größere Gewicht.

In dieser Kategorie schnitten Kunden der Sparkassen als die Gruppe mit den höchsten Anforderungen an ihr Kreditinstitut ab. Insgesamt seien Bankkunden jedoch aktuell mit ihren Banken in punkto sozialer Verantwortung größtenteils unzufrieden; eine Spitzenposition nehme hierbei noch die Sparda Bank ein, wohingegen die Sparkassen den hohen Anforderungen ihrer Kunden nicht gerecht werde.

Eine Alternative zu bisherigen Großbanken, die sich durch Peer-to-Peer-Lending ergibt, werde jedoch durch die befragten Bankkunden äußerst zögerlich angenommen. So herrsche eine große Unsicherheit sowohl bei der Aufnahme bei Krediten als auch bei der Vergabe derselben, diese Anlageform würde die Hälfte der Befragten sogar auf keinen Fall bei P2P-Plattformen durchführen.

In der Diskussion stand zunächst der Begriff des „Social Banking“, der von den Teilnehmern der Podiumsdiskussion im Wesentlichen kaum geteilt wurde. Im Raum stand zunächst die versuchte Unterteilung des Begriffes in „Social Banking 1.0“, das sich auf das Investieren in „moralisch gute“ Anlageformen beziehe und „Social Banking 2.0“, das den partizipativen, und damit „sozialen“ Charakter des Web 2.0 hervorhebt.

Managerriege: Window dressing oder neues unternehmerisches Leitbild?  www.verantwortlich-handeln.com  (?) 

Während jedoch die Vertreter von GLS und Triodos vor allem den Begriff des „Nachhaltigkeits“-Bankings in den Vordergrund rückten, versuchte sich Fidor mit dem Begriff des „Community-Bankings“ abzugrenzen. Smava hingegen spricht zwar von sozialer Rendite, die sich einerseits durch eine real erzielbare Rendite durch die Vergabe von Krediten, andererseits durch den sozialen Nutzen, der beim Empfänger des Kredits gestiftet werde, ergebe.

Dennoch sieht sich smava als Marktplatz, auf dem Kreditnehmer und -geber zueinander fänden, und damit eben nicht als Bank – wodurch der Begriff des Social Bankings ebenfalls das Geschäftsmodell nicht treffend beschreibe. Eine Klärung des Begriffes schaffte schließlich Katharina Beck, die die Hilfsfunktion des Geldes zur Verbesserung der sozialen und ökologischen Gesamtsituation der Gesellschaft im Sinne der Triple Bottom Line hervorhob.

So beantworte „Social Banking 1.0“ die Fragen was finanziert wird (von Biobauernhöfen bis hin zu Windkraftanlagen), warum etwas finanziert wird (Nachhaltigkeitsaspekte) und weniger wie etwas finanziert wird. „Social Banking 2.0“ ist ihrer Einschätzung nach vor allem eine Beantwortung der letzten Frage und stellt nicht notwendigerweise die Frage nach anderen sozialen Aspekten des Geldverleihs. Vielmehr entscheiden die Teilnehmer des P2P-Lending über Nachhaltigkeit und Moral der Finanzierung.

Lothar Lochmaier betonte in seinem Beitrag den übergeordneten Paradigmenwechsel: Die wachsenden sozialen, ökologischen und partizipativen Interessen der Gesellschaft stellen, so Lochmaier, nachhaltige Veränderungen dar und müssen durch Geschäftsmodelle, welcher Art auch immer diese sein mögen, berücksichtigt werden.

So sei der scheinbare Konflikt zwischen Social Banking 1.0 und 2.0, der im wesentlichen auf der Unterscheidung der Modelle anhand ihrer verwendeten Medien, genauer, des Webs, basiert, eigentlich ganz einfach zu lösen: Langfristig werden alle Aspekte, d.h. soziale, ökologische und partizipative, gemeinsam bearbeitet werden müssen.

Dabei sei zu beachten, dass die Paradigmenwechsel nicht lediglich einen Nischenmarkt beschrieben: Im Gegenteil seien die Trends derart massiv, dass sie von den Großbanken keineswegs ignoriert werden könnten. Denkbar sei, dass andernfalls große Player auf dem IT-Markt wie Google oder Facebook, die ebenfalls mit reichlich Kapital ausgestattet seien, ihre eigenen Ansätze in den Markt drückten und damit massiv Einfluss auf den Bankenmarkt nähmen.

Im Wesentlichen einig zeigten sich die Teilnehmer im Bezug auf eine abschließende Prognose zur Entwicklung von Social Banking. Themen wie Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Partizipation werden, so der Tenor, weiterhin in ihrer Bedeutung wachsen und damit eine entsprechende Reaktion seitens der Geschäftsmodelle notwendig machen.

Die angesprochenen Veränderungen haben in Verbindung mit der aktuellen Umweltsituation, Klimaveränderung, demographischen Entwicklung und wachsenden Generationen von „Digital Natives“ das Potential, sich zum Massenmarkt zu entwickeln und dadurch bisherige Großbanken zum Anpassen ihrer bisherigen Geschäftsmodelle zu zwingen.­­­­

Danach befragt, was in einer Zukunftsbetrachtung der Worst-Case für die Podiumsteilnehmer sei, bestand zum Ende der Veranstaltung ebenfalls weitestgehend Konsens. Angesichts der aktuellen Entwicklung, dass rund 90 % der Finanztransaktionen nichts mit der Realwirtschaft zu tun haben, wäre es am Schlimmsten, wenn alles so bleibt, wie es derzeit ist.

* Über die Autoren: Chris Chard und Ken Knoll von der TU Darmstadt beschäftigen sich im Rahmen ihrer Forschung mit Crowdsourcing in der Finanzindustrie. In ihrem Artikel „Kundenbindung durch Innovationen“ in der Fachzeitschrift „die bank“ (Ausgabe 12/2010) analysieren sie bisherige Crowdsourcing-Bemühungen von Banken im Retail-Banking. Derzeit entwickeln sie eine auf den aktuellen Erkenntnissen beruhende Innovationskampagne für eine große deutsche Bank.

Kontakt: info@univatoren.de 
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Written by lochmaier

November 26, 2010 um 7:31 am

Veröffentlicht in Uncategorized

2 Antworten

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  1. Vielen Dank für diese gute Zusammenfassung. Ich möchte ergänzen, dass auch Social Banks oder „Nachhaltigkeitsbanken“ sich durchaus mit dem Wie der Finanzierung auseinandersetzen. Wie auf dem Podium erläutert ist ja die GLS Bank beispielsweise aus einer Art des P2P Lendings entstanden. Es geht in diesen Banken durchaus auch um einen prinzipiell und methodisch anderen Umgang mit Geld.
    Plattformen wie smava halten sich in Bezug auf das Was und das Warum zurück und konzentrieren sich auf das Wie, wie sie richtig zusammengefasst haben.
    Herzliche Grüße!
    Katharina Beck

    kathabeck

    November 26, 2010 at 4:05 pm

  2. Hallo Frau Beck,

    bin ganz bei Ihnen, man könnte die Entstehung der GLS Bank auch als eine Art innstitutioneller „Notoperation“ ansehen, weil eine direkte Form des P2P-Lendings rechtlich nicht wirklich möglich ist, aber auch eine „sozial-kommunikative“ Herausforderung darstellt, den Prozess zu bewältigen, und das Beste und nicht Schlechteste aus der jeweiligen Community „herauszukitzeln“.

    Basisdemokratie ist eine Herausforderung und funktioniert nur mit starken „checks und balances“, wie ich es auch bereits in meinem Vortrag auf der letzten Summer School in Florenz versucht habe, eindringlich zu visualisieren.

    Andererseits stellt jedes P2P-basierte Modell etablierte Hierarchien in Frage, und genau da liegt der Punkt zur „Generationenungerechtigkeit“.

    Denn das Gen Y – es folgen von mir dazu noch Beiträge – definiert das völlig anders als die jetzigen Entscheidungsträger in Wirtschaft und Gesellschaft, gleich aus welcher Ecke sie jetzt kommen. Auch eine (Öko)Bank ist immer noch eine Bank, die die Fäden von oben herab zieht.

    Im Klartext: Was ich problematisch finde, ist dass die „Topmanager“ aus den weltweit führenden Ökobanken die „internetbasierte finanzielle Basisdemokratie“ mehr als kritisch beäugen, obwohl sie „eigentlich“ der Grundidee der genossenschaftlichen Prinzipien entsprechen.

    Was folgt daraus? Die Ökobanken sind nicht an der Spitze des Fortschrittszuges in Richtung einer (auch ökologisch mitgeprägten „Finanzdemokratie 2.0“ angesiedelt, sondern bilden die Nachhut, ebenso wie die Sparkassen und Volksbanken.

    Ich weiß, einige werden jetzt sagen, wir machen doch auch Social Media,sagen, worin wir das Geld der Anleger investieren und so…. aber das reicht nicht aus, es geht hier um eine komplexe Neujustierung der Geschäftsprozesse, wie ich es in meinem Statement in Frankfurt bereits angedeutet habe.

    Deshalb werden andere Innovatoren aus der Mitte der Gesellschaft die Trends prägen, sofern sich gerade die Sozial- und Ökobanken nicht darauf einlassen, internetbasierte Konzepte aktiv in ihre Produktphilosophie zu integrieren (und dies nicht als Kannibalisierung der eigenen Marke zu betrachten, s. z.B. kiva).

    Die gute Nachricht: Am Ende des für manche Beteiligten etwas schmerzhaften Prozesses wird es zu Synergien zwischen der Mitte der Gesellschaft und den vermeintlichen Außenseitern kommen. Nicht alles wird sich ändern, es wird nicht zum Chaos durch die Basisdemokratie kommen. Stuttgart21 zeigt die Richtung auf, wie es künftig funktionieren wird, top-down wird durch bottom-up „Checks and Balances“ ergänzt.

    Aber die gut gebildete Generation der unter 35-Jährigen wird nicht umhin kommen, die Spielregeln der Platzhirsche – egal aus welcher Ecke – nicht nur in Frage zu stellen, sondern energisch neue Wege zu beschreiten, will sie die legitimen Interessen ihrer Generation gewahrt wissen. Denn die gut ausgebildeten Akademiker sind bereits heute in vielen Ländern die Verlierer der Finanzkrise, durch Entzug von Bildungschancen, den „teuren“ sozialen Aufstieg, und den Wegfall von beruflichen Karrierechancen.

    lochmaier

    November 27, 2010 at 9:21 am


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