Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Vote4U: Hier bewerten Kunden ihre Versicherungsvertreter

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Versicherer, Internetspezialisten und Verbraucherschützer warnen vor Versicherungsvergleichen im Netz, berichtet das Handelsblatt in seiner heutigen Ausgabe. Die Ergebnisse seien oft unvollständig oder von reinen Umsatzinteressen getrieben. Besonders der Marktführer www.check24.de steht in der Kritik.

Doch es gibt auch eine virale Gegenbewegung: www.vote4u.de ist nach eigenen Angaben das bislang „erste, einzige und unabhängige Bewertungsportal für den Versicherungsaußendienst“. Hier bewerten Verbraucher ihren Versicherungsvermittler auf Grund eigener Erfahrungen, so die Eigenauskunft auf der Homepage.

Nach dem etwas stärker auf die Finanzberater fokussierten Internet-Portal  whofinance.de gibt es also eine weitere Variante. Schauen wir mal genauer nach, was dahinter steckt. Die Idee klingt schon mal gut:

Wir wollen damit auch dazu beitragen mehr Transparenz in den Vermittlermarkt zu bringen, denn was nutzt das beste Versicherungsprodukt, wenn der Vermittler Ihnen die falsche Lösung für Ihren Bedarf verkauft, oder der hochqualifizierte Vermittler nicht den passenden Kunden mit entsprechendem Bedarf findet.  

Lässt sich dies so einfach realisieren? Wenn ich bei whofinance rein schaue, bin ich mir nie ganz sicher, ob ich wirklich ein realistisches Bild bekomme, um einem Finanzberater wirklich in die Karten zu blicken. Das liegt nicht nur daran, dass das Modell ja darauf basiert, dass jeder aus der Zunft vor der Registrierung eine gewisse Gebühr einzahlt.

Es liegt auch daran, dass die Kundenbewertungen selten ein wirklich fundiertes Gesamtbild zur inhaltlichen Performance abgeben. Weiche Kriterien wie Freundlichkeit und Zeit etc. sind zwar wichtig, aber nicht das alles entscheidende. Provokant ausgedrückt wäre mir ein Berater lieber, der unfreundlich ist, aber mir reinen Wein einschenkt, über seine Provisionen und die Risiken und Chancen, die in dem liegen, was er mir gerade präsentiert.

Ein Beispiel: Krankenversicherungen. Spiegel online berichtete über Beitragserhöhungen:

Am schlechtesten dran sind die Kunden der DKV. Der Branchenzweite gehört mit der einverleibten Victoria-Krankenversicherung zum Ergo-Konzern. Dieser überzieht das Land derzeit mit einer Wir-sind-ganz-anders-Werbung („Ich will versichert werden und nicht verunsichert“). Allerdings dürften die mehr als 900.000 DKV-Kunden bald den Unterschied zwischen Marketing-Anspruch und Versicherungswirklichkeit spüren: Die Prämien steigen im Schnitt um sechs bis sieben Prozent. Bereits im vergangenen Jahr lag das Plus bei acht Prozent.

Quelle: spiegel.de

Das Problem der Versicherungsbranche ist ein gravierend strukturelles. Die Branche ist und wird bei vielen aus der Mode kommen. Obwohl in den offiziellen Verlautbarungen via Wirtschaftspresse natürlich immer noch die alten Erfolgsstories gefeiert werden.

Bei solchen Nachrichten wird somit fast jedes Vergleichsportal zum Feigenblatt. Auch bei unzähligen anderen Versicherungsprodukten bedarf es eines großen Wandels in der Branche. Denn die Black Box Insurance ist groß. Ich will den Ansatz von vote4u keinesfalls komplett zerreden, er weist prinzipiell in die richtige Ecke.

Aber mal im Klartext: Nur wer in der Produktphilosophie den Kunden ernst nimmt, sollte sich überhaupt auf einem Vergleichsportal (für Berater und keine Abverkäufer welcher Produkte auch immer) listen lassen.

Alles andere wäre letztlich bezahlte oder unbezahlte Eigenwerbung und eine abgemilderte Form von window dressing. Gut, so funktioniert bislang unsere ganze Wirtschaft, aber vielleicht nicht mehr in der Zukunft.

Aber  bis wir in dieser Branche wirklich durchblicken – ähnlich wie beim Hotelzimmer am Urlaubsort, wirklich tief hineinblicken, ob sich hinter dem einen Schnappschuss nicht doch eine dann vor Ort lärmende Baustelle verbirgt – vergeht noch ein Weilchen. Letztlich machen solche Portale nur dann Sinn, wenn sich auch die Produktphilosophie der Branche dahinter ändert. 

Denn: Gute Bewertungen sind nur soviel wert, wie die Produkte dahinter. Wenn bei dem Kunden bei einer Versicherung am Ende doch bei Regen die Schutzschirme wieder eingesammelt werden, oder ein Garantieprodukt a la longue eine deutlich negative Rendite aufweist, dann hätte ich mein Geld besser gleich unters Kopfkissen gelegt  -oder es zumindest auf dem Tagesgeld- oder Festgeldkonto in den eigenen Händen gehalten.

vote4u - Versicherungsvertreter suchen, finden und bewerten

vote4u: Verändern neutrale Bewertungsportale die Kundenbeziehung in der Finanzdienstleistung?

Die Dienste von http://www.vote4u.de sind laut Portalbetreiber für Suchende, Anfragesteller und Bewerter übrigens kostenlos. Das ist schon mal ein wichtiger Schritt zu mehr Transparenz, denn eine allgegenwärtige Verquickung des Geschäftsmodells von Seiten des Portalbetreibers mit jenen der Finanzberater schafft nur eine neue Intransparenz – oder?

Soll sich das Geschäftsmodell per nicht ganz billiger VIP-Card refinanzieren? Der Betreiber stellt dies auf der Homepage so dar: Die eigens für das Portal entwickelte „ViP-Card“ diene als Ausweis für gute und erfolgreiche Beratungstätigkeit. Durch Vorlage der Card beim Kundengespräch bringe der Vermittler das Verbraucherportal bei seinen Kunden ins Gespräch. O-Ton: „Verbraucher erkennen in ihm den kompetenten Berater.“

Ob das mit dieser Beratercard so funktioniert, lassen wir erstmal dahingestellt. Der Betreiber selbst möchte auf Anfrage von Social Banking 2.0 keine weiteren Auskünfte direkt zum Geschäftsmodell erteilen. Das ist nachvollziehbar, nicht jeder lässt sich gerne allzu tief in die Karten blicken.

Einerseits ist dies also verständlich, auf der anderen Seite bleibt so die Chance ungenutzt, Märkte zu Gesprächen zu machen, sprich über ein Geschäftsmodell zu diskutieren, das vom Grundansatz her ja in die richtige Richtung zu weisen scheint.

Der Betreiber webcon-development.com verweist im Übrigen auf die spezifischen technischen Stärken seines Portals, das im Gegensatz zu whofinance völlig ohne manuelle Prüfung der Bewertungen auskomme. Dabei sei auch technisch ausgeschlossen, dass es zu Gefälligkeitsbewertungen oder unberechtigten negativen Bewertungen in nennenswertem Umfang käme.

Aber auch der Initiator Thomas Berndhäusel sieht noch eine längere Wegstrecke in der Versicherungswirtschaft vor sich, bis der Druck durch mündige Verbraucher groß genug sei, einen Umdenkprozess einzuleiten, um der Meinung des Kunden „ein offenes Ohr zu gönnen“.

„Die Entscheidungsträger der Unternehmen befürchten durch Bewertungsportale, besonders durch die mit Freitexteingaben, die es bei uns bewusst nicht gibt, Imageverluste durch negative Bewertungen. Sie haben noch keine Lösungsansätze um diesem Imageverlust zu begegnen“ gibt Thomas Berndhäusel zu bedenken. „Deshalb werden solche Portale bis dato offensichtlich nicht als unterstützender Partner seitens der Unternehmen und deren Vermittler wahrgenommen“.

Hier noch die bislang offiziell verfügbaren Angaben. Fakt ist, über 10.000 Versicherungsvertreter haben sich auf vote4u schon registriert. Ein erster Anfang: Schaun’wir mal, was aus dem Ansatz wird, den wir keineswegs herum krittelnd zerreden möchten. 

Einen durchaus wohl wollenden Kommentar zu vote4u gibt es übrigens auch aus der Branche selbst, nachzulesen auf dem Blog von Asstel. Dem dortigen Fazit von Carlo Bewersdorf kann man nur zustimmen: Das Web 2.0 biete jedem die Chance, mit seinen Kunden ins Gespräch zu kommen: „Es geht dabei um den Dialog und Austausch, von dem beide Seiten profitieren, nicht nur ums Verkaufen!“

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Written by lochmaier

November 23, 2010 um 7:46 am

Veröffentlicht in Uncategorized

4 Antworten

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  1. Hallo Herr Lochmaier,

    ich wollte nur kurz zwei Dinge über WhoFinance richtig stellen:
    1. WhoFinance ist ein unabhängiges Portal. Berater zahlen nicht bei Registrierung. Berater zahlen auch keine Grundgebühr. Der von Ihnen beschriebene Vorbehalt gilt hier nicht. Das Geschäftsmodell erläutere ich gern nochmals an passender Stelle, wenn Sie möchten.
    2. Die Bewertung geschieht eben nicht auf Basis von „Freundlichkeit“ und „Zeit“, sondern anhand einer systematischen Abfrage von Kriterien. WhoFinance hat viel Mühe in die Entwicklung des Bewertungsprozesses gesteckt, ich denke es lohnt sich, dort einmal genauer hinzuschauen (Erläutere ich auch gern an passender Stelle).

    Die Lücke zwischen Marketingversprechen und Beratungsrealität bei Finanzdienstleistern sehe ich genauso wie Sie.

    Sportliche Grüße von Mustafa Behan

    Mustafa Behan

    November 23, 2010 at 6:23 pm

    • Hallo Herr Behan,

      vielen Dank für die Erläuterungen. Ich komme gerne auf Ihr Angebot zurück, um den Ansatz von whofinance.de im Detail noch etwas genauer zu beleuchten.

      Indes: Ein kleiner Pferdefuß lässt sich aufgrund des generell vorherrschenden Interessenkonflikts nicht vermeiden, wie Sie es ja auch beschreiben. Kurzum: Die Lücke zwischen Marketingversprechen und Beratungsrealität bei Finanzdienstleistern werden wohl auf absehbare Zeit die Bewertungsportale nicht aufbrechen können, aber sie tragen dazu bei, dass sich die Branche auf Druck von unten stärker an den Kunden annähern muss.

      lochmaier

      November 24, 2010 at 8:05 am

  2. Hallo Herr Lochmaier,

    scheint als hätte sich das Geschäftsmodell nicht durchgesetzt – auf der Seite ist nur noch „Baustelle“. Wissen Sie da mehr?

    Beste Grüße
    Thomas Euler

    Thomas Euler

    Dezember 15, 2011 at 3:54 pm

  3. @Thomas Euler – Die Plattform vote4U hat ihren Betrieb tatsächlich aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Im neuen Jahr 2012 folgt zu den Bewertungsplattformen für Finanz- und Versicherungsberater ein Update.

    lochmaier

    Dezember 18, 2011 at 9:46 am


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