Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Crowdfunding: Wie erfolgreich agiert die kleinteilige Spendencommunity?

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Die Fidor Bank kooperiert mit der Berliner Crowdfunding-Plattform www.startnext.de. Mehr dazu auf neunetz.com, warum sich startnext.de nicht für einen arrivierten Platzhirschen bei der Wahl des Internetbezahlsystems wie Paypal verlässt, sondern für die Münchner Web 2.0-Bank entschieden hat.

Und der kreative Schub für die e-Wallet von Fidor soll jetzt wohl auch umgekehrt funktionieren, beleuchtet Dirk Elsner auf sharewise.com . Derartige Plattformen, in denen die Nutzer meist kreative Projekte fördern, liegen in den USA übrigens längst im Trend, mit Plattformen wie Diaspora, sellaband oder kickstarter. Nun gut, in den USA sind die Rahmenbedingungen auch etwas anders gelagert, wie der Tagesspiegel beleuchtet.

Ich muss ehrlich gesteehen, so sehr ich einerseits eine gewisse Sympathie für das dezentral organisierte Crowdfunding-Modell mit Open Source Touch habe, so wenig darf man die doch recht große Kluft zwischen Realität und Anspruch nicht außer Acht lassen. Und: Wir sollten nicht Äpfel mit Birnen verwechseln. Aber klar ist auch, das Potenzial ist da, so peilt Kickstarter laut Neunetz in diesem Jahr wohl um die 1,8 Mio. Dollar Umsatz an.

Dennoch bleiben erhebliche konzeptionelle Unwägbarkeiten. Wer darauf hofft, auf derartigen Plattformen schnell ans kleine oder gar große Geld zu kommen, könnte bald frustriert wieder von dannen ziehen. Ich zitiere dazu mal den Social Media Experten Leander Wattig aus einem Interview mit Deutschlandradio-Moderator Frank Meyer:

Meyer: Nun haben wir von amerikanischen Beispielen gehört, eben dieser Diaspora-Seite, oder von den 3000 Projekten, die bei Kickstarter.com da finanziert wurden. Kann man das auf Deutschland so übertragen? Wir wissen ja auch aus anderen Bereichen, dass es in Amerika eine ganz andere Spendenkultur gibt als bei uns.

Wattig: Es gibt ganz interessante Phänomene in Deutschland. Es gibt andere Plattformen, die so ähnlich aufgestellt sind, die auch letztendlich zum Crowdfundingbereich gehören, wie flattr oder kachingle, dort trägt man kleine Geldbeiträge bei zu Inhalteproduzenten im Internet, die beispielsweise einen kostenlos abrufbaren Blog betreiben. Und diese Plattformen interessanterweise haben eine enorm hohe Nachfrage in Deutschland, also die werden hier extrem stark genutzt. Also es scheint durchaus ein Prinzip zu sein, was hinter dem Crowdfunding steht, was auch uns in Deutschland anspricht.

Quelle: dradio.de

Gleich nach der obigen Passage beschreibt Wattig in dem Interview, dass es durchaus Leute gäbe, die via Crowdfunding a la Kachingle, Flattr auch bei uns analog zu den amerikanischen Pendants bereits monatlich nennenswerte Geldsummen einspielen. Gleich vorweg: Es geht mir nicht darum, anderen und durchaus kreativen Bloggern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Aber hier geht jetzt schon einiges durcheinander, die Crowdfunding-Plattformen funktionieren gerade in den USA teils schon gut. Was aber die Blogosphäre hierzulande angeht, so sieht das Bild schon differenzierter und deutlich eingetrübter aus. Kurzum: A star is not born overnight!

Ich habe das selbst einmal nachgeprüft, und bin leider zu dem Ergebnis gekommen, dass es nur eine ganz kleine Elite ist, die profitiert. Also: Einige der von ihren Fans so geliebten Blogs schustern sich die Einnahmen via Flattr und Kachingle gegenseitig zu, wenn man mal von der TAZ absieht, die offenbar schon mehrere zehntausend Euro verdient haben soll.

Was aber ist mit dem Grundprinzip von Crowdfunding? Letztlich spiegelt sich die alte Medienhierarchie nur in neuen Hierachieschläuchen wider. Wer groß und stark ist, der profitiert, wer schwach ist, bekommt ein paar Peanuts, die man fast schon vernachlässigen kann.

Kurzum: Ein zweites Standbein sieht anders aus. Drehen wir die Münze rum: Das ist aber noch kein K.O-Kriterium, man muss es halt wissen, um nicht irgendwann vom Tagtraum des nachts im Albtraum wieder aufzuwachen. Werden wir mal konkreter …

Man kann sich aus Bloggersicht die Flattr-Charts etwa auf Carta oder auf dem loadblog genauer anschauen. Nun lese ich ganz im Gegensatz dazu, dass sich die TAZ selbst enttäuscht zeigt  über die bisherigen Flattr-Einnahmen. Knapp 7.000 Euro in sechs Monaten für einen Top-Protagonisten – wie denn jetzt, ist das schon bahnbrechend? Und wieviel davon erhält dann jeder einzelne Redakteur?

Sie ahnen es -, wir sind leider wieder mal in der „Peanuts-Ökonomie“ gelandet. Ist nicht tragisch – aber auch sonst gibt es kritische Stimmen unter den Bloggern, etwa hier unter dem Stichwort Geld verdirbt den Charakter.  So manche schießen allerdings wiederum mit ihrer fundamentalen Kritik übers Ziel hinaus.

Denn die Crowdfunding-Systeme sind durchaus lernfähig. Es geht außerdem nicht nur um Blogger, sondern um junge Unternehmen und Einzeldarsteller in der Mikroökonomie, die mit einer konkreten Idee einen Raum zum Wachsen benötigen, den sie mit Hilfe von kleinteiligen und dezentral aufgestellten Plattformen evtl. leichter realisieren können, als aufwändig nach einer Venture-Capital Finanzierung zu fahnden – und die Türklinken zu putzen, und dabei ganz tolle Business-Pläne zu schreiben, die man zu dem Zeitpunkt gar nicht schreiben geschweige denn vorher sehen kann.

Bestes Beispiel in Deutschland dafür ist die Plattform www.seedmatch.de  So könnte eine Gründer-Idee ihren Charme übers Crowdfunding entfalten, wem das Konzept gefällt, der gibt was dafür, wie das Crowdourcing-Special auf netzwertig.com beleuchtet. Der virtuelle Haken: Als Piranha im Haifischbecken ist es nicht einfach, vom übrig gelassenen Futter der großen Raubfische noch etwas abzubekommen. 

Dennoch lässt sich mit den Worten eines Weblogeintrags von Seedmatch sagen: Crowdfunding funktioniert wirklich. Ich würde auch nicht sagen, dass Geld den Charakter verdirbt, aber es spiegelt untrüglich reale ökonomische Machtverhältnisse wieder. Das hat sich bloß noch nicht überall in hippen Kunst- und Internetkreisen herum gesprochen. Die Sprache des Geldes ist universal gültig, und sie ist eindeutig.

Jetzt haben wir den ungeschminkten Punkt der Nicht-Wiederumkehrbarkeit erreicht: Man muss es nur begreifen, dann kann man den Crowdfunding-Ansätzen etwas überaus Positives abgewinnen. Aber es wird noch einige Zeit brauchen, bis allzu idealistische Ansätze durch eine realistische Erwartungshaltung abgelöst sind.

Dann aber könnte der Trend greifen, sofern die Marktspezialisierungen und Kundensegmentierungen der Macher auf einer klaren Strategie und Roadmap beruhen … und die Nachfrager möglichst genau wissen, welche Idee sie präsentieren, und was sie damit gedenken zu erreichen.

Transparenz ist hier ein absolutes Muss. Nicht weiterbringen wird uns indes die typische deutsche Diskussionskultur, die alles und jeden absichern will. Unternehmertum ist Risiko, und das birgt viele Chancen, aber auch Stolpersteine. Matthias Kröner hat via Twitter vergangene Woche einige typisch deutsche Befindlichkeiten auf den Punkt gebracht, manche Veranstaltungen sind wirklich kein Vergnügen:

Erstens: „Wie wird sichergestellt, dass der Kreative meine 10,- EURO nicht nur versäuft?“

Zweitens: „Wie sind denn die Sponsor-Gelder steuerlich zu behandeln für den Starter?“

Drittens: „Mysherpas bekommt Provision bei erfolgreichen Projekten, dann habt ihr ja Kosten bei Nicht-Erfolg?“

Das alles sind derart spannende Fragen, die leider am Ziel vorbei gehen. Bevor man locker aus der Hüfte schießt, hätte man sich lieber das Geschäftsmodell von mySherpas und Co. mal genauer angesehen.

Also, liebes Deutschland, zuerst ein Knoppers morgens um halb zehn morgens essen, und dann sachlich analysieren, Chancen und Risiken ausloten, aber auch die Segel setzen, denn bekanntlich lernt man den richtigen Umgang mit dem Wind nur bei Seegang.  

Den während hierzulande eifrig debattiert wird, ob Geld eine gesellschaftlich sinnvolle Einrichtung darstellt, treten neue Spieler auf den Plan wie Sprowd. Und das sagen die Macher über sich selbst, wie sie den gordischen Knoten zwischen Hobbyplattform und professionellem Finanzakteur aufbrechen wollen:

What is Sprowd? Sprowd is a revolutionary platform that takes the concept of crowdfunding to a new level. Sprowd is different because:

  • We operate world wide
  • We help crowdfund substantial business projects (beyond grass roots and hobbyism)
  • The rewarding concept is open & fair: money making (no incentives other than financial)

Wir sind gespannt auf die weitere Entwicklung, viele Ansätze kommen, manche gehen wieder – aber es entsteht ein neues Mikrobiotop, das seine Kreise ziehen wird – und zwar jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei, die gerade in Gelddingen am wenigsten zum Ziel führt.

Aber klar ist auch, das Thema hat Börsenrelevanz, auch für Investoren ist es ein neues lukratives Feld, jedoch kein Selbstläufer. Kurzum, lesen Sie doch auf dailycrowdsource.com einfach diesen Beitrag hier über die Plattform EquitySplash , dann lässt sich der weite weite Horizont des Themas vielleicht erahnen.  

Es gibt jede Menge derartiger Ansätze, diejenigen mit den besten Konzepten und den stärksten Waffen werden sich durchsetzen: Connect – Invest – Grow. Mal schauen, ob und wie die sonst nur große Happen verdauende Wall Street dieses kleinteilige Schmieröl der neuen Wirtschaftskooperationen 2.0 aufnimmt … 

Es werden übrigens recht seltsam anmutende Bündnisse im neuen Hype ums Crowdfunding geschmiedet, die viele für bislang undenkbar hielten. Die Bodenhaftung zu behalten ist nicht ganz einfach.

Gleich folgt hier ein visuelles Beispiel, ja fast schon eine Karikatur, wie sich der schillernde Berliner Millionär und Disco/Nachtclubbesitzer  Rolf Eden fürs Crowdfunding interessiert – und zumindest vor der Kamera begeistert zeigt, wenn zehn Millionen Leute einen Euro für eine gute Songindee geben würden.

Das nun folgende Video eines Musikers ging erst vor ein paar Tagen ins Netz, alles eine reine Geschmacksfrage, aber die Seriösität des neuen „Geldmarktes“ wird man erst nach längerer Teststrecke eruieren können. Jedenfalls werden sich Wirtschaft und Gesellschaft von zwei Seiten dem Thema annähern, aus „Big Brother Perspektive“, und aus der Nische hoch spezialisierter Portale, die ihre Wegstrecke beharrlich noch zu gehen haben werden:

Was Crowdfunding im Gegensatz zur Wall Street Offensive a la Gordon Gecko sein könnte, lässt sich heute auch auf dem Blog von Seedmatch nachlesen: Crowdfunding (steht) für echte Werte!  

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Written by lochmaier

November 15, 2010 um 8:33 am

Veröffentlicht in Uncategorized

5 Antworten

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  1. […] This post was mentioned on Twitter by Matthias Kröner, Seedmatch, xethix, Michael Weber, Lothar Lochmaier and others. Lothar Lochmaier said: Crowdfunding: Wie erfolgreich agiert die kleinteilige Spendencommunity? Blogeintrag http://bit.ly/9Pkge8 […]

  2. Piranha und grosse Raubfische

    Danke für den gleichsam unterhaltsamen wie informativen Beitrag.

    Interessanterweise zeigen die Erfahrungen welche wir hier in der Schweiz seit Februar 2010 mit der Venture Capital Plattform investiere.ch machen, dass von Crowdfunding Plattformen keineswegs nur das von grossen VCs übriggelassene Futter verwertet werden kann: investiere.ch konnte bereits drei exzellente Start-ups mittels Privantanlegern kofinanzieren – und dies im Vergleich zur traditionellen VC Welt signifikant schneller. Warum? Verträge sind nach best practices standardisiert und aufwändige 1:1 Präsentationen bzw. Verhandlungen mit individuellen Business Angels und Institutionals entfallen. Dies spricht sich sehr schnell unter Entrepreneuren herum.

    Clevere Crowdfunding Ansätze drehen also das Verhältnis von Fressen und gefressen werden um. Ich prophezeie: Start-ups werden zukünftig vermehrt ihre Finanzierer aussuchen, nicht umgekehrt.

    Grüsse aus der Schweiz!

    Steffen Wagner

    November 15, 2010 at 3:03 pm

  3. […] CROWDFUNDING Crowdfunding am Beispiel Startnext […]

  4. […] Wie geht es weiter mit Crowdfunding und Crowdsourcing? Es gibt einerseits eine überzogenen Erwartungshaltung, andererseits wird der Trend unterschätzt. Die diffuse Gemengelage kann hier in meinem kürzlich veröffentlichten Eintrag  nachgelesen werden: Crowdfunding: Wie erfolgreich agiert die kleinteilige Spendencommunity? […]

  5. Interessant, was sich hier tut und in der Schweiz scheint mit c-crowd bereits der nächste Crowdfunding-Anbieter in den Startlöchern zu sein…

    Andreas B.

    Dezember 21, 2010 at 4:15 pm


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