Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Stopbanque: Kontroverser Aufruf zum Bankencrash 2.0

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Französische Aktivisten rufen zu einer europaweiten und gemeinsamen Kontokündigung am 7. Dezember auf, berichtet die Süddeutsche Zeitung.  Jeder soll sein Geld vom Konto holen. Die Frage ist nur: Wo soll es hin? Was bringt dieser Protest, eine Frage, die sich durchaus mit einiger Berechtigung stellen lässt, sie ist aber gleichzeitig eine rein akademische.

Denn die Menschen wollen vor allem eines: In die Geschicke des übermächtigen Räderwerks namens Finanzindustrie stärker eingreifen, eine durchaus noble Absicht. Doch welches ist der richtige Weg? Die Umsetzung wirkt natürlich polarisierend bis sensibilisierend, aber wer das als (hoffentlich) produktiven Ausdruck von kreativem Protest sieht, der kann daraus auch konkrete Schlüsse ziehen.  

Einen ersten Eindruck mit Stimmungsbild und Kommentaren zur Kampagne mit Blick auf den deutschen Bankkunden in der Blogosphäre findet sich etwa auf alles-schallundrauch. In der österreichischen Zeitung diepresse finden sich unter dem Artikel auch einige Menschen, die sich mal pro, mal kontra zu Zielrichtung und Sinn einer derartigen Aktion äußern. 

Mein spontaner Kommentar: Geld ist weder gut noch böse, ebenso wie die Banken, es kommt ganz darauf an, was man damit macht und wie man damit umgeht. Nun aber zu den Fakten: Am 7. Dezember sollen alle Bürger des Landes Frankreich ihr Konto auflösen und sich ihr Geld bar auszahlen lassen.

Anschließend, so schlagen die Aktivisten vor, kann man das Geld erstmal in einen Koffer legen oder es bei einer sozialen Bank anlegen. Rund 8.160 Menschen hatten sich auf der mit dem Aufruf verknüpften Facebook-Seite bis zum 31.10. zum Mitmachen angemeldet.

Ich frage mich nur, wo das Ziel von virtuell angebahnten Protesten und die daraus resultierenden Forderungen bleiben, die sich mit der Aktion stopbanque verbinden. Dies ist noch etwas vage. Aber wer gedacht hatte, das sei nur eine Zeitgeistwelle, die wir wieder bald los werden, um zum business as usual überzugehen, wird enttäuscht werden.

Denn: Die Aktion ist auch nach Deutschland herüber geschwappt. Da gibt es Menschen mit „Stuttgart21-Prostestplakaten“, die den „Bankencrash 2.0“ fordern. Seit kurzem existiert auch eine deutsche Homepage, die unter dem Motto „Jetzt kommen die Bürger!“ zum Bankenstopp am 7. Dezember aufruft (Stopbanque).

Da formiert sich durchaus, wie ich es in vielfältiger Form bereits in meinem Buch Die Bank sind wir skizziert habe, eine neue Generation Bürgerbeteiligung, die sich mit der ohnmächtig-passiven Rolle nicht mehr zufrieden gibt. Jedoch stellt sich die Frage der Strategie. O-Ton Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann auf der Hauptversammlung im Frühjahr: „Wir können in einer parallelen Welt nicht existieren.“

Was folgt aus solchen Sätzen? Was sich fürs Investmentbanking mit einem besser justierten Risikomanagement noch ansatzweise realisieren lässt, käme im Private Banking einer Quadratur des Kreises gleich. Eine Deutsche Bank müsste den organisierten Kontrollverlust zulassen, bis hin zu geringeren Margen, und den Kunden produktiv in die eigene Produktentwicklung einbinden. Warten auf Godot?

Business beyond usual: Investmentpunks der ersten und zweiten Generation

Mit Blick auf „Stopbanque“ sehe ich einen unterschiedlich kolorierten Hintergrund: Für mich war Börsenexperte Andre Kostolany so etwas wie eine Art von Investmentpunk der ersten Generation. Wer sein Buch Die Kunst über Geld nachzudenken gelesen hat, weiß, wie der von Massentrends gehörnte Bankkunde die Geschicke in die eigene Hand nehmen könnte. Das freilich wird nur wenigen erfolgreich gelingen. Wo bleibt der ganze Rest?

Nun gibt es mit Gerald Hörhan einen Investment-Punk der zweiten Generation. Mitte Dreißig, exzellent ausgebildet, der Österreicher blickt an den Finanzmärkten durch, und sieht den (bekannten) Tatsachen direkt ins Auge: „Das System hat kein soziales Gewissen. Es holt sich nicht so viel, wie ihr verschmerzen könnt. Es holt sich so viel wie möglich“, sagt Hörhan in seinem Buch Investmentpunk eingangs von Kapitel Zwei, über die Abzocke der Kleinanleger.

Der Autor Gerad Hörhan soll hier nicht glorifiziert werden, er hat auch menschliche Schwächen, geht aber im Gegensatz zu vielen selbst ernannten Trendforschern und Investmentbankern offen und offensiv damit um, wie etwa mit seinem Chauvinismus und seiner leichten sozialen Egomanie gegenüber Frauen. 

Und Hörhan breitet interessante Erkenntnisse und Blickwinkel aus, die die Publikation Investmentpunk etwas aus der Masse der üblichen Finanzratgeber hervorstechen lassen. Es ist aber eher etwas für unkonforme Menschen, die jenseits von „Mein Haus, meine Frau, deren Küche, mein toller Arbeitgeber“ nach kreativen neuen Wegen Ausschau halten, gedacht.

Es lohnt sich also für die Leser dieses Weblogs Social Banking 2.0, das letztere Buch – hier gehts zum Weblog des Autors – genau und intensiv zu lesen, und sich nicht nur mit dem Abklatsch der vordergründigen Presserezensionen, -berichte und kritischen Lesermeinungen abspeisen zu lassen. Denn dann wird der teils widersprüchliche Hintergrund derartiger Initiativen wie Stopbanque auf historisch gewachsenem Grund deutlicher sichtbar. Nicht mehr, nicht weniger.

Es stellt sich aber die Preisfrage, ob die gängige Punk-Haltung die richtige ist, Geld abzulehnen, und es dann von anderen einzufordern – oder ob es nicht viel besser wäre, wenn der Kunde in Gelddingen sein eigenes Selbstbewußtsein entwickelte und die Regie in Finanzfragen übernähme, was die Kernbotschaft von Gerald Hörhan darstellt. Auch das ist nichts wirklich Neues, der Autor hat es nur werbewirksam geschickt neu verpackt.

Das wäre dann eine erweiterte Definition von Social Banking 2.0, aber ohne übertriebenes und unrealistisches Gutmenschentum, ohne Geld in seiner notwendigen Schmierfunktion in der Wirtschaft abzulehnen, ohne Schwarz-Weiß-Malerei – aber auch ohne es in die falschen gefräßigen Kanäle der Finanzindustrie einzufüttern, wo es zum Wohle einiger weniger meist unproduktiv versandet.    

„Bankenhacking“ über finanzielle Netzwerke etabliert sich

Den sozialen Netzwerken fällt auch im Wandlungsprozess in eben jener Finanzindustrie eine Schlüsselrolle zu. Dass der Aufruf zum gewaltfreien „Bankenhacking“ über das Kulturwerkzeug Internet nämlich ein bereits angewandtes Stilmittel bei Privatanlegern darstellt, zeigt ein Beispiel aus Mittelamerika. Jean Anleu aus Guatemala beschwerte sich im vergangenen Jahr über das seiner Meinung nach korrupte Geldinstitut Banrural.

Mehr noch: Der gehörnte Bankkunde rief über den Kurznachrichtendienst Twitter andere offen dazu auf, Geld von der Bank abzuheben, um das Geldinstitut für die landwirtschaftliche Entwicklung „bankrott zu machen“. Die Folgen: Er wurde kurzerhand wegen subversiver Tätigkeit verhaftet.

Per Gesetz drohte dem nur mit Worten aufrührerischen Bankkunden Anleu eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren. Die Staatsanwaltschaft begründete das in Aussicht gestellte hohe Strafmaß damit, der Angeklagte habe das öffentliche Vertrauen in das Bankensystem Guatemalas untergraben. Ende Dezember 2009 kam der Twitter-Nutzer mangels einer schlüssigen Beweisführung allerdings wieder auf freien Fuß, so jedenfalls meine Recherchen.

Das Beispiel verdeutlicht stellvertretend für so manch anderes, dass für Staat und Wirtschaft bzw. die Eliten nicht nur in politisch sensiblen Regionen vieles auf dem Spiel steht, wenn die Bürger verstärkt nach Alternativen zur etablierten Finanzwirtschaft Ausschau halten…

Zurück zur Kampagne vom 07. Dezember. So sieht das bisherige virale Szenarioresonanzbecken von Stopbanque in Europa aus:

 

Französischer Aufruf stopbanque.blogspot.com
Französische StopBanque Facebook Seite
Deutsche StopBanque Facebook Seite
Italienische StopBanque Facebook Seite
Griechische StopBanque Facebook Seite
Englische StopBanque Facebook Seite
Holländische StopBanque Facebook Seite
Dänische StopBanque Facebook Seite

Die Aktion Stopbanque hat in Frankreich bisher 13.100 Teilnehmer. Erste Schätzungen gehen von  erheblich mehr aus, bis zum Stichtag des 07. Dezembers. Über den Blog des deutschen Ablegers Stopbanque kann man sich auf dem Laufenden halten.

Wie gesagt, ich persönlich glaube durchaus, dass die Kampagne nicht nur von einem realsozialistisch angehauchten Protestfieber angehaucht ist. Vordergründig mögen es gängige Parolen wie „Weg mit dem Großkapital“ sein.

Gerade in derart zugespitzten Parolen liegt aber sicher eine verpasste kleine Chance, denn die Mitte der Gesellschaft weiß bereits, dass weder der blütenreine Kapitalismus noch der ideologisch lupenreine Sozialismus das Maß aller Dinge sind, für jene, die ihr Geld noch mit Arbeit und Leistung verdienen (müssen).  Kreative neue Wege wären gefragt, statt reinen „No Go Banking Areas“.

Aber: Stuttgart21 ist überall, in der großen Finanzwelt ebenso wie in der kleinen Mikroökonomie. Es kommt nur darauf an, die darin liegenden Chancen jenseits einer reinen Protesthaltung kreativ zu nutzen. Was meinen die Leser zu der geschmacklich die Gemüter polarisierenden Kampagne?

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Written by lochmaier

November 1, 2010 um 7:42 am

Veröffentlicht in Uncategorized

4 Antworten

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  1. […] Social Banking 2.0: Stopbanque: Kontroverser Aufruf zum Bankencrash 2.0 […]

  2. Die Frage ist doch, ob es soviel Bargeld gibt, wie auf den Konten.

    Antwort: Nein.

    Insofern ist der Aufruf unverantwortlich.

    Die Herrschaften können nicht sagen, wie das wirken wird. Wir sollten uns auf Protestaktionen beschränken, deren Folgen klar überschaubar sind.

    Hans-Florian Hoyer

    November 1, 2010 at 1:28 pm

  3. ein kurzer Klartext: ich persönlich als Verfasser des obigen Beitrags identifiziere mich übrigens nicht mit der Aktion. Meine Schlussfolgerungen aus der Bankenkrise waren und sind ganz andere. Es geht aber in meinem Beitrag darum, zu verdeutlichen, welche sozialen und gesellschaftlichen Verschiebungen sich dahinter verbergen. Mit einer simplen Formel „ich bin dafür oder dagegen“ kann man Verschiebungen auf der Machtachse nicht begreifen.

    Wenn die Leser meinen Beitrag genau lesen, dann sehen sie, dass ich z.B. auch anhand der zitierten Bücher inklusive meines eigenen „die Bank sind wir“ einen ganz anderen Ansatz verfolge, nämlich den bewussten und produktiven Umgang mit Geld jenseits zu enger Konventionen zu empfehlen, statt sich in „blindwütigen“ Protestaktionen gegen virtuelle Feindbilder zu erschöpfen, bei denen der Bankkunde am Ende sicherlich keinen produktiven Mehrgewinn erzielen wird.

    Aber die sozialen (Netz)Phänomene wie stopbanque sollte man schon zur Kenntnis nehmen, sie sind Ausschläge an den Rändern der Gesellschaft, die wir künftig noch häufiger sehen werden. Für diesen Blick über den Tellerrand hinaus wollte ich sensibilisieren. In abgewandelter Form, und deutlich kreativer, wird die Mittelschicht der entscheidende Brückenkopf in die Gestaltung der Zukunft sein, denn sie muss sich überlegen, wem sie ihr Geld zu welchen Bedingungen anvertraut, und wie sie den Geldfluss selbst mitsteuern kann.

    lochmaier

    November 2, 2010 at 7:55 am

  4. Jallo,

    ich finde den Artikel zur Sensibilisierung sehr gut. Nicht erst das Phänomen Stuttgart 21 auch der Rücktritt des Bundespräsidenten Köhler ist m.E. auf die sich stark veränderte Kommunikationswelt zurückzuführen. Ob nun alle Macht dem Volke für das Volk wirklich immer der beste Weg, wage ich zu bezweifeln. Es gibt m.E. zu viele Menschen, die sich zu schnell einseitig beeinflussen lassen. Aber dennoch muss man diese neue besser sich weiter verstärkte Art der Community Bildung sehr ernst nehmen. Noch sind es wenige, die sich wirklich miteinander vernetzen, auch wenn die Population von Facebook andere Zahlen wiederspiegelt. Doch es bietet der Wirtschaft eine einmalige Chance, wirklich in den dialog zu treten und mitgestalten zu lassen. Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. Doch die Anfänge sind gemacht und je eindrucksvoller bestimmte Beispiele wie Stuttgart 21 sind, um so größer ist die Chance, dass sich etwas bewegt.
    Doch es ist nicht nur eine Einbahnstraße, wer etwas bewegen will, muss auch Verantwortung übernehmen. Leider stelle ich im beruflichen wie im privaten Umfeld immer wieder fest, dass Rechte eingefordert aber Pflichten eher vernachlässigt werden. Geiz ist geil ist zwar out aber unterm Strich zähl nur ich, ist immer noch in den Köpfen. Alle müssen sich bewegen, dann bewegt sich etwas.
    Danke für den Beitrag.

    Markus Bischoff-Wittrock

    November 2, 2010 at 3:20 pm


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