Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Marktprognose: Sechs Millionen „Social Banker“ lügen nicht

with one comment

Der Trend in Richtung Social Banking scheint ungebrochen. Das Potenzial taxieren die Experten auf rund sechs Millionen Verbraucher. Was diese Zahl „wert“ ist, darüber am Ende des Beitrags mehr.

Die Fakten: Sowohl der Erfolg der sozial-ökologischen Banken als auch die Positionierungschancen neuer Marktteilnehmer bleiben nach Einschätzung der Marktforschung- und Unternehmensberatung zeb/ unberührt von der im Sommer 2010 erfolgten Insolvenz der Noa Bank.

Die andere Seite ist die, dass Social Banking nur dann kontinuierlich und dynamisch wächst, wenn grundlegende Spielregeln beachtet sind. Nachzulesen ist dies in einer aktuellen Presseinformation auf der Homepage der Unternehmensberatung.

Es gibt eine zentrale Zusatzbotschaft an alle erfahrenen und neuen Spieler im unübersichtlichen Markt von Social Banking – diesen „neuen Kosmos“ hatte ich bereits in meinem Buch „Die Bank sind wir“ in die grundlegenden Varianten 1.0 bzw. 2.0 einsortiert, einschließlich der recht unterschiedlich und teils heterogen gestalteten Marktsegemente.

Aus beiden Blickrichtungen der Social Banking Initiativen 1.0 und 2.0 deshalb noch einmal eine verdichtende Aussage von zeb/, zunächst mit Blick auf klassische Nachhaltigkeitsinstitute: 

Kreditinstitute, die einen solchen Ansatz gehen wollen, müssen dabei jedoch wichtige Grundregeln beachten. Gehört beispielsweise eine nachhaltige Kreditvergabe zu den geplanten neuen Aktivitäten einer Bank, muss diese hinsichtlich der erforderlichen Branchenexpertise, dem Zugang zu sozial-ökologischer Finanzierungsnachfrage und mit Blick auf eine auch starkem Einlagenzuwachs genügende Eigenkapitalbasis gründlich vorbereitet werden.

„Im späteren Bankbetrieb steht die strikte Einhaltung gemachter Leistungsversprechen im Mittelpunkt. Dies betrifft zu allererst eine transparente, nachvollziehbare Einhaltung der selbstgesetzten Mittelverwendungsstandards, um Kunden tatsächlich die versprochene ‚soziale Rendite‘ zu erfüllen“ sagt Katrin Lumma, Partnerin im zeb/.

Quelle: zeb/

Fazit: Für die neuen Spieler gelten in der Tat höhere Ansprüche als für die üblichen Branchenspieler, denen auch nach der Finanzkrise keiner so richtig in die Karten zu blicken vermag. 

Was aber kommt auf die neuen „Social Banks“ zu? Sie müssen sich nicht nur selbst harte Auflagen setzen, wie sie ideelle Ansprüche und das jeweilige Geschäftsmodell kongruent halten. Hinzu kommt auch, dass die Kunden ihren aktiven Part an der Gestaltung der Wertschöpfungskette einfordern, auch dies bedeutet eine große konzeptionelle und personelle Herausforderung.

Und damit gelten andere Monitoring- und Netzwerkkomponenenten, insbesondere bei den neuen Spielern im Social Banking 2.0, bei denen Partizipation im Vordergrund steht. Sprich, es gilt die kollektive Anlegerschaft produktiv zu organisieren und zu lenken, einschließlich der offenen Forenfunktionen und diversen Kommunikationskanäle.

Der Boden scheint dafür trotz gewisser Unwägbarkeiten aber bereitet zu sein. Ob allerdings eine Art „Social Banking Finanzaufsichtsbehörde“ Sinn macht, darauf sollte sich jeder seinen Reim machen. Mir scheinen parallele dezentral aufgestellte Monitoring-Netzwerke zu einzelnen Plattformen und Banken insgesamt die weit effektivere Variante zu sein.

Außerdem wäre es empfehlenswert, wenn generell in der Branche mehr produktive Selbststeuerung Einzug hielte, und natürlich parallel dazu auch die in- und externen Kontrollgremien ihren Job gründlich(er) erledigen.    

Was die allgemeine Marktentwicklung  von Social Banking insgesamt hemmen oder beschleunigen dürfte, ist noch ein weiteres Element:  Ein diffuser Mix zwischen Sozial- und Gewinnorientierung ist für die Anleger nur schwerlich nachvollziehbar, weshalb sich jeder Spieler klare Regeln einschließlich der Auditierungsprozesse selbst auferlegen sollte, um hier keine nebulöse Gemengelage und latente Interessenkonflikte zu generieren.

Oder anders ausgedrückt: Da, wo primär Sozial- und Umweltorientierung beim Social Banking drin steht, sollte diese Vorgabe auch konsistent eingehalten und nachprüfbar sein. Und dort, wo Partizipation via Social Media (Banking) das Zielgebiet darstellt, unter Einschluß der Gewinnorientierung, sollte die Transparenz der Rendite und die Kosten-Nutzen-Bilanz ganz oben stehen, also mit welchen Mitteln diese Marken jeweils erzielt worden sind.          

Dazu greife ich gerne einen Kommentar von Thomas Petruschke vom Institut for Social Banking (ISB) auf: „Die einzige Möglichkeit diesen iterativen Prozess in Vergabepraktiken von Banken zu internalisieren ist der verstärkte Diskurs mit den Anlegern, auch in neuen Formaten.“ Mehr dazu einschließlich der Kommentare im lesenswerten Interview mit Katharina Beck vom ISB bei Finance 2.0

Betriebswirtschaftlich rechnen müssen sich letztlich allein schon aus dem Selbsterhaltungs- bzw. Gestaltungstrieb heraus alle Modelle, ob diesseits oder jenseits der Grenzlinie zwischen Sozial-, Umwelt und Gewinnorientierung angesiedelt.

Aber: Den grundsätzlichen Aufwärtstrend von Social Banks jenseits der meist zu grobschlächtig vorgetragenen weltanschaulichen Sichtweisen sehen die Marktforscher von zeb/. als ausgesprochen intakt an.

Wie kommt man auf sechs Millionen „Social Banker“?

Also – wirklich empirisch fundiert ist die Aussage von zeb/ natürlich nicht. Es ist eher ein genialer rhetorischer Kunstgriff. Denn die international renommierten Marktforscher von Gartner haben das Marktpotenzial von Social Banking (genauer Social Lending, oder Peer-to-Peer Lending) schon vor Jahren auf „zehn Prozent“ taxiert.

Das wären übertragen auf rund 60 bis 65 Millionen erwachsene Bundesbürger im erwerbsfähigen Alter eben jene rund sechs Millionen Verbraucher, deren innere Stimme nicht lügt, und die offen für neue Dienstleistungen sind, die sich mit dem Etikett Social Banking verbinden.

Aus meiner Sicht wäre natürlich eine differenzierte Sichtweise erforderlich, neben sozio-ökonomischen Faktoren treten klassische Kennzahlen hinzu. Es stellt sich zudem die Frage, wieweit Social Banking zu einer Hauptachse im Anlageverhalten der sechs Millionen potentiellen Kunden wird, oder ob es bei einer ergänzenden Geldstrategie bleibt, bei dem das Geld weiter gestreut und diversifiziert wird.

Amerikanische Vordenker wie Umair Haque stimmen uns auf das neue Zeitalter schon mal im Betterness Manifesto ein. Seine Kernaussage: „It’s a mystery why so many keep their money parked in big banks that bleed them dry through bailouts. Move your money to a better bank, a local bank, a community bank, a bank that hasn’t needed a bailout, or a totally new kind of bank, like BankSimple. Switching costs are low and the benefits are clear. “

Das Beispiel Banksimple könnte auch bei uns Schule machen. Immerhin verfügen die Bundesbürger über ein liquides Vermögen von rund 4,7 Billionen Euro. Noch einmal die selbe Größenordnung kommt an Sachwerten dazu. Was für eine Marktmacht? Aber Vorsicht, Social Banking wird dieses Potential nicht leicht heben können.

Meine Berechnungen sind also etwas weiter aufgefächert, aber die von zeb/in der Marktprognose recht grob ziseliert in den Raum gestellte „Kopfzahl“ von sechs  Millionen „Social Bankern“ weist zumindest in die richtige Richtung. Was treibt den Markt voran?

Die Auguren nicht nur von zeb/ gehen angesichts des Trends zur Social-Media-Nutzung des Weitreen von deutlich besser aufgeklärten Verbrauchern aus, denen die Banken durch eine proaktiv und authentisch geführte Web-2.0.-Kommunikation als wichtiges Werkzeug zu begegnen hätten, um vertrauensbildend auf die kritische Kundschaft zuzugehen.

Dieser „Herzdiagnose“ an unserer gelegentlich widersprüchlichen Gesellschaft gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Außer vielleicht einem durchaus sehenswerten kleinen Video über die „virtuelle Herzdiagnostik“ in der Diagnoseklinik München, die zeigt, dass alle Spieler sehr professionell vorgehen sollten:

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Written by lochmaier

Oktober 15, 2010 um 6:44 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

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  1. Wie man sich mit einer Antwort selbst unglaubwürdig machen kann, konnte man gut bei der „Nachhaltig Geld anlegen“-Veranstaltung am 13. Oktober in München sehen im Presseclub sehen … der Herr der Sarrasin-Bank erzählte die ganze Zeit im Interview und in der Podimsdiskussion, wie wichtig der Sarrasin-Bank doch die Nachhaltigkeit (besser: „Sustainability“) ist, und wie scharf das bei den aufgelegten Fonds geprüft wird. Bei der Frage aus dem Publikum, wie er derzeit Gold als Geldanlage sähe, kam aber ausschließlich Kursentwicklung, „Blase“, „Inflationsschutz“ usw … kein Wort davon, dass Gold unter dem Aspekt nachhaltige Geldanlage absolut tabu ist (menschenunwürdige Abbaubedingungen sowie Einsatz Gift-Chemikalien). Die Dame von der GLS punktete genau mit dieser Antwort … und fand bei den Besuchern breite Zustimmung; der Herr hatte seine über 50 Minuten aufgebaute „Social“ Glaubwürdigkeit mit einer nicht vorher durchdachten Antwort komplett zerstört … Wie Sie sagen – social muss auch durchgehalten werden!

    Anette Rehm

    Oktober 17, 2010 at 2:21 pm


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