Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Tagesgeld: Ab wann sind Kleinsparer „geldgierig“?

with 3 comments

„Die Gier der Kunden ist zurück“ titelt  das Handelsblatt. Und meint damit ausgerechnet die Kleinsparer, die sich erdreisten, eine Rendite jenseits der Inflationsrate erwirtschaften und beanspruchen zu wollen. Wer ist nun dreist, und wer hat recht?

Zinsvorteile lassen etwaige Sicherheitsbedenken vergessen. Daran hat weder die Pleite der isländischen Kaupthing Bank im Oktober etwas geändert noch die jüngste Insolvenz der Noa Bank…. Dann versprach Bundeskanzlerin Angela Merkel, alle Einlagen seien sicher…. Seitdem werden viele Anleger wieder sorglos, beobachtet Martin Faust, Bankprofessor an der Frankfurt School of Finance. „Selbst sicherheitsorientierte Anleger suchen wieder Alternativen zu den allgemein sehr niedrigen Zinsen. Außerdem vertrauen viele darauf, dass der Staat ihre Einlagen schon schützen wird“, sagt er. Diese Vollkaskomentalität sei auch bei den großen Finanzmarktakteuren wie Banken, Fonds oder Versicherungen verbreitet. „Es ist schwer, den Anlegern zu erklären, dass wer Risiken eingeht, tatsächlich auch etwas verlieren kann“, so Faust. „Das Gedächtnis der Anleger ist kurz. Viele haben aus der Finanzkrise nicht nachhaltig gelernt“, lautet sein Resümee.  

Quelle: handelsblatt.com

Interessant sind die kontroversen Leserkommentare, z.B.:

„Wenn ein Aktienanleger eine Rendite von 2. 5 % per annum erwartet, schreit ja auch keiner, dass das gierig sei. Wenn der Festgeldsparer sich daher auf ein solches Angebot einlässt, natürlich trägt er dann ein Risiko. Es geht aber zu weit, dieses Verhalten als gierig zu bezeichnen. Risikobereitschaft und Gier sind nicht dasselbe, und diese Unterstellung läuft darauf hinaus, dem Anleger die moralische Veranwortung, die eigentlich bei der Bank, welches ein solches Angebot unterbreitet, liegt, zuzuschieben.“

Die Gegenthese listet in einem weiteren Kommentar die Zinsen, die Banken untereinander aushandeln, auf. Als da wären:

Interbankenzinssatz für Passivanlagen:
Tagesgeld 0,35 %
1 Monat fest: 0,49 %
2 Monate fest: 0,58 %
3 Monate fest: 0,75 %
6 Monate fest: 1,00 %
1 Jahr fest: 1,00 %
2 Jahre fest: 1,16 %
3 Jahre fest: 1,39 % 
9 Jahre fest: 2,51 %
10 Jahre fest: 2,62 %

Fazit dieses Kommentars: „Sie sehen also auch ein Zinssatz von 2,50 % auf ein Jahr kann gierig sein, denn wir zahlt, ohne seine Kosten zu berücksichtigen 150 % mehr für eine Leistung, die er woanders billiger einkaufen kann?“ 
 

Wer hat nun recht? Hier ein Einblick in die Zinsentwicklung anhand des 3-Monats-Euribor in den letzten 3 Jahren. Nun ja, wir leben im Moment in einer komplett anderen Zinswelt als noch während des durch die beginnende Krise ausgelösten Zinshochs 2007. Übrigens: Banken verdienen sehr gutes Geld mit zu hohen Dispozinsen und Bankautomatengebühren. Auch Kredite sind kein schlechtes Geschäft, wenn man sie richtig managed.

Von den eleganten Weiterverbriefungsmechanismen mal ganz abgesehen. Jetzt aber auf den renditegierigen Anleger herunter zu blicken, das tun meistens nur Menschen, die ihr Schäflein schon im Trockenen haben. Mehr noch: Ein gewisser Teil neigt dazu, seine eigenen sozialen Privilegien zu kaschieren, wie etwa Professoren, nicht selten sogar welche aus der Finanzwirtschaft. 

Denn bei dieser privilegierten Gruppe mit weit höheren Pensions- statt Rentensansprüchen als die Allgemeinheit ist die Rendite unmittelbar ins System verlagert und dort „eingepreist“. Der pauschale Vorwurf an die Kleinsparer, die ihr Erspartes wohl kaum „spekulativ“ aufs Spiel setzen, fällt auf den Urheber zurück. Denn während die einen von der täglichen Arbeit leben, sind andere längst in der Kapitalrendite angekommen. 

Was aber, wenn angeblich „geldgierige Kleinanleger“ keine Lust mehr haben, diese systemimmanten Renditen durch Steuern und Abgaben zu bedienen?

Dass es natürlich eine höhere ökonomische Sichtweise auf die Problematik gibt, dass irgendwo auf der Welt Ärmere als Schuldner die Renditeansprüche von uns hoch entwickelten Gesellschaften bedienen müssen, das betrifft uns alle. Aber nicht und vor allem schon gar nicht an vorderster Front die „Kleinsparer“.  

Ein weiteres systemimmanentes Problem liegt außerdem darin, dass „traditionelle “ Banken Zinsvorteile nicht weiterreichen. Darüber wurde bereits viel geschrieben, aber leider bislang wenig aufgeklärt. Nach der Finanzkrise, aufgefangen von staatlichen Rettungspaketen und einem niedrigen EZB-Leitzins,  kamen die Renditen wie der Strom aus der Steckdose. Systemimmanent eben.

Natürlich sind einige Kleinsparer nervös, und denken nicht immer genau nach, was sie tun. Aber letztlich lenkt die vom Handelsblatt recht niveaulos wiedergekäute Argumentation (die Kleinanleger sind selbst schuld) nur vom Kern der finanzbezogenen Wertschöpfungskette ab.   

Tagesgeld-news.de nimmt auch nochmal dazu Stellung: „Bei wenigen Prozentpunkten mehr von Gier zu sprechen, ist doch schon sehr weit hergeholt.“ Trotzdem gilt es natürlich kühlen Kopf zu bewahren.

Immerhin – Bankexperte Wolfgang Gerke gibt in der Märkischen Allgemeinen Zeitung wenigstens zu, dass wir alle gierig sind, fragt sich nur auf was, und mit welchen Mitteln wir die jeweiligen Ziele erreichen. Da liegt wohl der graduelle Unterschied:  

Werden Bankkunden mal so weit sein, dass bei besonders hohen Renditen ihre Alarmglocken schrillen und sie auf das Geschäft verzichten?

Gerke: Nein. Das ist einfach menschlich. Wir sind alle gierig. Und man wird die Gier nur sehr schwer bekämpfen können. Insofern ist es wichtig, dass der Verbraucherschutz gut organisiert ist und dass Risiken transparenter gemacht werden.

Quelle: maerkischeallgemeine.de

Übrigens: In einem aktuellen Artikel auf Spiegel online lässt sich aus Sicht von Verbraucherschützern mit Blick auf „Dispozinsen“ auch ein ganz anderes Fazit ziehen. Ein Auszug::

Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn kritisierte: „Mit den Dispozinsen wird seit Jahren das große Geld gemacht.“ Während die Institute die Sparzinsen sehr schnell an das niedrige Leitzinsniveau angepasst hätten, würden Sätze für Dispo- und Überziehungszinsen hoch gehalten. Die Grünen forderten eine kartellrechtliche Prüfung der Praktiken.

Quelle: spiegel.de

Transparenz gehört übrigens nicht zu den Tugenden der Branche, wie sich am Fall von GE Capital Direkt wieder sehen lassen kann, die, wie so manch andere Bank auch, ein regelrechtes Verwirrspiel um Zinssenkungen veranstaltet, berichtet finanznews-123.de. Mit der Frage, wie sich der Begriff „Gier“ aufarbeiten lässt, beschäftigt sich heute, das heißt zwei Jahre nach der Lehman-Pleite, auch das Blicklog.

Noch Fragen? Hier kann man sich allerdings einen nicht ganz genauen Überblick über die Einlagensicherung einzelner Banken verschaffen. Auch die Stiftung Warentest informiert dazu. Am besten, Sie bilden sich selbst eine Meinung, wer hier nun sensations- oder geldgierig ist? Dazu noch ein passendes Video zur oberflächlichen Mediengesellschaft:

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Written by lochmaier

September 16, 2010 um 7:22 am

Veröffentlicht in Uncategorized

3 Antworten

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  1. Danke dass das Thema noch einmal aufgegriffen wird – als ob der Kunde der Böse wäre wenn er den besten Tagesgeld Zins haben will.

    Den großen Gewinn machen dich wie immer die Banken weil Zinsen nicht weitergegeben werden – bspw. bei den Dispozinsen.

    Und solche Aussagen bei Handelsblatt von einem Professor – die sollten sich was schämen – da machen die Banken wieder gute Lobbyarbeit.

    Tagesgeld News

    September 16, 2010 at 7:47 am

  2. […] SB2.0: Tagesgeld: Ab wann sind Kleinsparer „geldgierig“? […]

  3. Das ist ja echt lächerlich…Was sind 2,5% Zinsen? Das deckt gerade mal die Inflation ab….

    festgeldvergleich

    September 20, 2011 at 4:08 pm


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